len. sich die Gymnasiasten getrosten über einen solchen Vorwurf, äd- Der lichte Weg, welcher durch die geadelte Sinnlichkeit und ein- vornehmlich durch die freie, reine Kunst zur Sittlichkeit führt, sie, ist doch wohl sicherer, als die dunklen Pfade des Pietismus, vier /Die rein intellektuelle Ausbildung wurde lange Zeit als die wei einzige Aufgabe der Gymnasien erfaßt. Das war freilich ein armes aus Erziehungösystem. Wann wird man überall und im vollen das Ernste anfangen, unsere — es ist ein ominöser Name! — hen «Gelehrtenschulen" als Nationalschulen zu betrachten, wo zu auf dem Grunde der Wissenschaft die selbständige Cha- Zhr raktergediegenheit und die künftige staatsbürgerliche
Tüchtigkeit des Einzelnen erbaut wird? Der Lehrer ist ein eser Plastiker, ein Künstler, der die Individualitäten aus sich Herran auszubilden hat. Es ist ein Merkmal der bürokratischen Pe- abe riode, daß sic von diesem Beruf der Schule nichts wissen un- wollte. Jetzt hat man der Religionsstunde, dem Geschichtsunterricht, den allgemeinen wissenschaftlichen Vorbereitungsfächern )ein ein Recht neben den Sprachstunden eingeräumt, weil man )em wieder Persönlichkeiten erziehen will.' Daraus werden sich ob- weitgreifende Folgen entwickeln. Im rechten Sinne gefaßt,, aw wird z. B. die tiefere und umfassendere Ausbeutung der Ge-i in schichte auf den Gymnasien, selbst eine große politische mir Bedeutung gewinnen. Freilich mag der Unterrichtsplan rch- dieser Anstalten meist mit Geschichtsstunden reich bedacht seyn, iber aber selten wird sie in der rechten Weise gelehrt. Dem aler Jüngling sollte ein historischer Sinn erweckt werden. Die de« Geschichte soll uns zu festen Männern machen, zu pa- dü triotiscben, lebensklugen Leuten: Darum muß der Geschichtsunterricht Anschauung des Völkerlebens bezwecken, wie es wird und geworden ist, nicht Gelehrsamkeit. Hätten wir Staatsmänner, die Geschichte schrieben, dann würde dieselbe bald über die blose Doktrin hinauskommen.
ufr Sehr ungestüm hat man neuerdings öfters die Forderung
«konfessioneller Gymnasien" gestellt. Als ob Deutschland nicht ohnedies schon hinlänglich ko n- ^ei fe ssionell entzweit wäre, als ob man solchen Zwiespalt als nicht früh genug einer Jugend zum Bewußtseyn bringen öch könnte, die außerdem schwerlich an denselben dächte! Die das Gymnasiasten wollen doch allesammt einmal Männer der Wis- :er senschast werden. Hat es da also einen Sinn, wenn man ge> ihnen bis zum achtzehnten Jahre die Geschichte katholisch oder rbt protestantisch vorträgt, die Griechen und Römer etwa so, wie dei die Jesuiten mit den Klassikern verfahren sind, katholisch oder icm protestantisch zurecht stutzt? Es wäre eine nationale Schmach, al, wenn man also verführe in ganz Deutschlands Wir haben im auch nicht gehört, daß die konfessionelle Trennung, wo sie ehi neuerdings in den Gelehrtenschulen eingeführt wurde, gute ^öü Früchte getragen habe, wohl aber wüßten wir Beispiele des te^ Gegentheiles anzuführen. Gerade weil das Gymnasium eine neu Bildungsstätte für Persönlichkeiten, für Charaktere sevn soll, >gei wird es die Jugend in die Tiefen des religiösen Lebens füh
ren, gerade deßhalb aber auch die Betonung des konfessionellen Außenwerkes meiden müssen. Nichts untergräbt den religiösen Sinn ganzer Geschlechter gründlicher, als wenn man dem idealistischen, weitausgreifenden Geist der Jugend bereits von jeder Seite mit theologischen Paragraphen naht.
Es darf uns vielleicht ein bischen bangen, daß auch aus den Gymnasien zu viel gelernt und gelehrt werde. Schon körperlich ist es ein Fluch der gelehrten Stände, daß sie zu viel essen und zu wenig schwitzen; es wäre doppelt schlimm, wenn das auch im Geistigen durchgriffe. Man weiß, daß Leute, die auf den Gymnasien unendlich viel gelernt, die auf der Hochschule maßlos viele Vorlesungen besucht und schier über Menschenkraft Hefte nachgeschrieben haben, gemeiniglich nachgehends im praktischen Leben ganz unbedeutend werden, obgleich man die größten Dinge von ihnen gehofft hakte."' Die Persönlichkeit ist aber todt geschlagen worden von der Gelehrsamkeit, die Leute haben so viel in sich ausgenommen , daß sie zuletzt zu unbehülflich waren, um noch etwas Eigenes erzeugen zu können. Das sollten sich unsere Gymnasialvorsteher merken. Sie meinen es gut. Die Fülle der geistigen Herrlichkeit ist so groß geworden, und bas Alles ist so lehrreich, ein riesiger Bildungsstoff ruht in der geistigen Errungenschaft der Gegenwart! Also setzt man alte und neue Sprachen, Mathematik und Physik, Zoologie, Botanik, Mineralogie und Astronomie, philosophische Propädeutik, Logik und Psychologie, Archäologie, Aesthetik, Literaturgeschichte und viele andere Dinge, die ich noch nennen würde, wenn mir der Athem nicht ausginge, auf den Unterrichtsplan, und bedenkt nicht, daß schon ein ganzes Menschenleben dazu gehört, um so vielen Stoff Halbwegs zu bewältigen. So droht das Hauptübel unserer Gelehrten bereits über die Gymnasiasten zu kommen: sie essen zu viel und schwitzen zu wenig. — Man klagt darüber, daß eine falsch - ivealische Auffassung unserer gesellschaftlichen Zustände immer tiefere Wurzel schlage unter den Gebildeten. Was wir sind, ist leicht gesagt und geklagt; besser wäre cs, zu untersuchen, wie wir das geworden. Man schreibt lange Zeitungsartikel über die bunte Musterkarte unserer sozialen Verirrungen: warum nicht lieber über die Schulkinder und Gymnasiasten? rlnsere sozialen Verirrungen fangen auf den Schulbänken an: die Gymnasiasten essen zu viel und schwitzen zu wenig.
Da man in dem Unterrichtsplane unserer Gymnasien in den jüngsten Jahren so manche wahre Reform eingeführt hat, so sollte man auch einmal an eine freiere äußere Orga- nisation derselben die Hand legen. DaS alte System, wo die einzelnen Schüler nach ihren Kenntnissen nummerirt und geordnet werden, indem man für die einzelnen Fächer, ja oft für jede einzelne Antwort eine Rangnummer gibt, welche man am Ende des Halbjahres zusammenzählt, um aus der Summe die Hauptnummer zu ziehen, das alte System, wo es mit