Nassauische
Allgemeine Zeitung.
Jtë L Montag den L. April L8L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationstreis ist in Wiesbaden 2 fl., Wö?u bei auswärtigen Postämtern noch der Postaufschlag kommt. — Inserate werden die gespaltene Pelitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenbergischen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die neuen Landtagswahlen.
Ein Freischaarenzug nach Belgien.
Deutschland. Wiesbaden (Das Schloß Johannisberg). — Vom Ma in (Die,Trennung der Schule von der Kirche). — Vom Taunus (Von den Debatten der Frankfurter Versammlung). — Mainz (Die Ehre Deutschlands und die alte Diplomatie). — Berlin (Graf Arnim entlassen. Das neue Ministerium. Das Preßgesetz). — Schleswig- Holstein (Rüstungen). — Wien (Münch-Bellinghausen in Ruhestand versetzt).
Frankreich. Paris (Vermischtes).
Italien. Lombardei (Radetzky zieht sich nach Mantua. Ein Preis auf seinen Kopf gesetzt). — Genua (Die Feindseligkeiten gegen Oesterreich eröffnet). — Turin (Karl Albert stellt sich an die Spitze).
Dänemark. Kopenhagen (Rüstungen. Das Ministerium).
Polen. Warschau (Gränzsperre. Vorkehrungen gegen die Revolution). Rußland. Wilna (Aufstand).
Nachschrift. Frankfurt. Die Resultate der heutigen Vrr- sammlung.
□ Die neuen Landtagswahlen
Wiesbaden, 2. April 1848.
Nächsten Montag werden unsere bisherigen Landstände ihre letzte Sitzung halten. Der von ihnen berathene Entwurf eines neuen Wahlgesetzes wird sofort in's Leben treten, und bald eine andere Kammer hier versammelt seyn, und zwar nur Eine, aus der freien Wahl des Volkes hervorgegangen. Möge man vor allen Dingen die Wichtigkeit gerade dieser ersten Wahl gehörig ins Auge fassen. Die neue Ständeversammlung muß gleich von vorne herein sich einer Berathung und Beschlußnahme über die schwierigsten Gegenstände der gesammten Staatsverwaltung unterziehen, da es wohl in allen Theilen derselben rascher und grühbh'djer Reformen bedarf. Nassau befindet sich, obgleich ein monarchischer Staat, jetzt mit der französischen Republik rücksicht, lich seiner Stände fast in derselben Lage, und man kann Vieles, was darüber französische Blätter geben, wörtlich auf unsere Zustände anwenden. Wir theilen hier nur einige Stellen aus einem Artikel des „Sièclel‘ vom 29. März mit „Wenn wir dem Volke rathen, den Schmeichlern (nämlich der gefallenen Regierung gegenüber) zu mißtrauen, so rathen wir ihm ebensowohl, sich vor der Unfähigkeit in Acht zu nehmen. . . . Die zu wählende Versammlung wird eine ungeheure Aufgabe zu erfüllen haben: sie soll dem Volke Erziehung, den Arbeitern Arbeit, Allen Sicherheit geben; sie soll den Kredit wieder befestigen, die Last der Abgaben erleichtern, unserer Stellung nach Außen Ansehen geben, ohne Feindseligkeiten hervorzurufen u. s. w. Das ist in der That eine Aufgabe, mit der man nicht Männer ohne die gehörige Einsicht und Kenntnisse betrauen kann.
Erfahrung und Kenntnisse finden sich in allen Ständen, und wenn sie sich mit Gesinnungstüchtigkeit vereinigen, sey es bei dem Handwerker oder Landmanne, so kann nur der Unsinn sie verschmähen wollen. Heutzutage ist eine solche Ungerechtigkeit tucht zu fürchten, aber man könnte doch zu weit gehen. Eine Masse blinder Volksvertreter würde sich wie eine Heerde von we- Ntgen^etwas geschickteren Hirten nach Willkür leiten lassen.... Das Talent bürgt übrigens für Mäßigung in Ausübung der Gewalt;
»Alle Bosheit," sagt J. I. Rousseau, „kommt von der Schwäche." Nun bedürfen wir aber mehr als je Sicherstellung gegen Gewaltthätigkeit ..... Der gegenwärtige Zustand wird
nur nach den Wahlen ein Ende nehmen; bis dahin wird Frankreich in einer schwankenden Stellung sein. Aber, damit mit der neuen Versammlung auch die Unruhe aufhört, so muß diese Versammlung selbst dem Lande Vertrauen einflößen, und bas Land wird sich nicht einer unbekannten Macht anvertrauen wollen."
Die spezielle Beziehung auf unsere Verhältnisse ergibt sich von selbst. Auch wir werden bei unserer Deputnten-Wahl neben der Gesinnung vorzüglich die Einsicht zu berücksichtigen haben und dazu ferner, wenn nicht eine Meisterschaft, doch wenigstens Sicherheit in dem Gebrauche des mündlichen und schriftlichen Ausdrucks In einem kleinen Lande ist die Lösung von Ver- fassungs- und Verwaltungsfragen eben so schwierig wie in einem großen und bei uns um so schwieriger, als Manches nicht bloß umgestaltet, sondern ganz neu geschaffen werden muß. Es fehlt in Nassau nicht an tüchtigen Leuten; sie müssen nur herausgefunden werden, und dazu geben Gelegenheit die an verschiedenen Orten stattfindenden öffentlichen Besprechungen, denen wir darum eine noch größere Theilnahme wünschen. Unsere bisherigen De- Putirten haben geleistet, was unter den bestehenden Verhältnissen möglich war, das wollen wir zugebe»; die neu zu wählenden aber können und müssen mehr leisten. Ist ihre Aufgabe auch schwerer, so finden sie doch wieder in den ganz veränderten Zeitverhällnissen eine bedeutende Erleichterung. Sie werden von zwei Seiten, von der Regierung und dem Volke unterstützt werden , während bis jetzt die Regierungsgewalt oft hemmend, und die Unterstützung durch das Volk höchst schwach oder gar nicht vorbanden war. Darum treffen wir nur die rechten Männer, so mögen wir wohl mit Vertrauen der Zukunft ins Auge sehen!
Ein Freischaarenzug gegen Belgien.
Gent, 29. März. (Köln. Ztg.) Meine Geschäfte führten mich heute nach Lille, von wo ich so eben zurückkehre und Ihnen daher aus eigener Anschauung über den Versuch Mittheilung machen kann, welchen ein Korps von 1800 b i s 2000 Freischärlern heute Morgens machte, über die belgische Gränze bis Mouscron einzudringen, um das Land zu repubukanisiren. - Gleichzeitig, 'als eine andere Schaar über Valenciennes in Belgien einzudringen versuchte und in Quievrain so vollständig kingefangen ward, hatte sich eine üârkere Schaar aus Paris per Eisenbahn in die Richtung nach Lille begeben und zu Seclin, einer Station vor Lille, Halt gemacht, wo diese ungebetenen Gäste seit drei Tagen die Einwohner belästigten. Gestern Abends endlich brach sie gegen die belgische Grenze auf unter Anführung einiger Polytechniker, und langte diesen Morgen drei Virnel- kunden nordwärts von Quievrain, auf der Straße von Turccia nach Tournay, in das belgische Greiizdorf „Risquonstout" an, welcher Ortsname die Schaar besonders auf diesen Punkt ange- zogen haben mag. Die zu Mouscron siebente Vorhut eines belgischen Observations-Korps — unter dem Befehle des Generals Fleury - hatte schon gestern Abends Emissäre beobachtet, die ii großer Anzahl über die Gränze kamen und das Terrain re- ognoscirten, angeblich, um Tabak zu kaufen. Viele dieser Leute wurden verhaftet und noch in derselben Nacht durch de» von Tournay herbeigeeilten Gerichtsbeamten verhört. Auf noch andere Wahrnehmungen hin wurden noch in der Nacht Befehle zu einer ^deutenden Truppen-Heranziehung gegeben, und ganze Bataillone eilten auf langen Eisenbahn-Zügen von Antwerpen und Gent