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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N 2. Sonntag den 2. April L8L8.

Die Naff. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 fL, tvo,u b-i auswärtigen Postämtern noch der Postaufschlag kommt. Inserate werden die gespaltene Pelitzcile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Sch eile nberg'scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Die Frankfurter Versammlung.

Die Armen und Arbeitslosen.

Deutschland. Wiesbaden (Französische Seudlinge in Frankfurt. Die früheren Landtage. Die deutsche Zeitung über den Kaiser von Rußland )

A uS dem Rhein gau (Das deutsche Banner auf Schloß Johannis­berg). Frankfurt (Präsidentenwahl. Die berathenden Mitglieder der

Versammlung). Vom Rhein (Triest für das konstitutionelle Oester­reich. Das Recht der Nationalitäten). Vom Neckar (Die Prokla­mation des Königs von Preußen). Heidelberg (Protest der Darm­städter Bürger gegen die Leitung der Heidelberger Versammlung). Berlin (Neues Ministerium für Handel und Gewerbe. Camphausen und Hätlsemann. Der König über Ministerverantwortlichkeit). Wien (Lehr- und Lernfreiheit. Der österreichische Beobachter). Altona (Preußische Truppen erwartet. Scheel wahnsinnig. Maßregeln der pro­visorischen Regierung. Der Landtag cinbernfeu. Kriegsrüstuiigeu.)

Schweiz. Bern (Republikanische Sympathien für Deutschland). Frankreich. Paris (Veueday über den Auszug der Arbeiter). Ztal.cn. Mailand (Der Aufstand).

Die Frankfurter Versammlung.

* Wiesbaden, 3L März. Von den Briefen, welche wir von unseren Korrespondenten in Frankfurt heute Abend erwar­teten, sind keine eingetroffen. Es wurde jedoch so eben in einer Volksversammlung in denVier Jahreszeiten" folgendes als das Hauptergebniß der heutigen Versammlung öffentlich mitge- theilt:

Stetsje 50,000 Seelen soll ein Abgeordneter zu einerko n- Pitnivenben Versammln» g" erwählt werden.

Diese konstituirende Versammlung wählt aus dem ganzen deutschen Volke (einschließlich auch aus ihrer eigenen Mttte) das deutsche Parlament.

Die gegenwärtige Versammluug in Frankfurt ernennt sofort aus ihrer Mitte fünfzehn Mitglieder, welche so lange permanent bleiben, bis das Parlament völlig zu Stande gekom­men ist.

Abgeordnete aus Schleswig-Holstein stellten die Anfrage, ob man Schleswig in den deutschen Bund aufnehmen wolle, da sich das Land von Dänemark völlig losgesagt habe? Diese Frage wurde mit Jubel von der ganzen Versammlung bejaht.

Die republikanische Partei ist in der Versammlung in starker Minderheit geblieben, namentlich soll eine Rede Jordans, der sich gegen dieselbe anssprach, gewaltigen Eindluck gemacht haben. Auf den Straßen kam es zu Reibungen, wobei Mehrere verlegt und verhaftet wurden.

Ausführliches werben wir morgen mittheilen.

* Die Armen «nd Arbeitslosen.

Wiesbaden, 31. März. Frankreich erperimentirt gegenwärtig für uns und die ganze zivilisiere Welt in der sozia len Frage. Wir wollen lernen von diesen Experimenten, jum Erstenmale da eine praktische Ausführung suchen, wo bisher

blos die Theorieen auf dem Papier standen. Das große Be­ginnet, das soziale Element in den Vordergrund der Staats- einrichtu gen zu ziehen ist nicht wieder da gewesen in der Ge- schichie seit dem Sturz der alt-römischen und hellenischen Welt.

Die Schreckensfrage der Armuth und Arbeitslosigkeit tritt mit täglich ungestümerer Mahnung vor uns. Selbst die gewal­tigen Dinge, welche jetzt unsern ganzen Geist gefangen genom­men haben, der drohende Krieg an den Gränzen und die er­sehnte Wiederverjüngung der Nation im Innern, können's nicht hindern, daß jene Frage sich mit ihnen vorn hin in erste Linie stellt und unsere Aufmerksamkeit gebieterisch fordert.

Der Erwerb stockt, die Massenverarmung wächst mit jeder Stunde, und, was das. Wichtigste ist, die Zahl der schuldlos Verarmten wird die weit überwiegende. Die Noth fordert ihr eisernes Recht und wo man's ihr nicht gibt, da nimmt sie sich's mit Gewalt; Wer kann sich vermessen, daß er den ersten Stein auf die Gewaltthat der Verzweiflung werfen dürste ?

Wir wollen^praktisch sey». Die Republik Frankreich, das liegt hell am Tage hat in dieser Sache die Rolle mit uns gerauscht. Sie erperimentirt im Großen über soziale Systeme, wie es sonst nur die idealischen Deutschen zu thun pflegten.

Die entscheidende Anforderung an die Gesellschaft heißt gegenwärtig biesseit und jenseit der Vogesen:Schafft Ar­beit!" Wäre der Augenblick nicht so ungestüm, dann würde ich antworten: Hier ha Welt es sich um eine große Steuer« 'Dache. Denn es ist leicht, an den Staat die Anforderung zn stellen, daß er durch öffentliche Arbeiten Verdienst gebe, die Hauptfrage bleibt dann doch immer wieder: Wo nimmt der Staat in dieser kreditlosen Zeit die Geldmittel her?

Der Dentsch-Zlmerikauer Hilgardt hat im vergangenen Jahre in einem lebt bemerkenswertsten Büchlein eine progressive Erbschaftssteuer in der Weise vorgeschlagen, daß je nach dem Grade der Blutsverwandtschaft und de? Größe des Kapitals ein Theil alles Erbgutes in eine große Zentralkasse der Armen und Arbeitslosen fließen, das bisher verlorene Erbtheil der Ar­men seyn solle. Wer vor anderthalb Monaten das Praktische und Gerechte dieses Vorschlags anerkannt hätte, in dem würde man sogleich den Koinmnniften gerochen haben; jetzt darf man ihn schon gutheißen, ohne für einen solchen gehalten zu werden.

Hieran reiht sich die Forderung einer wahrhaften Einkom­mensteuer, welche in gleitender Skala dem minder bemittelten einen verhältnißmaßig sehr geringen, dem Reichen einen ver- hältnißmäßig sehr hohen Staatsbeilrag auflegt.

Der aus Beidem erwachsende bedeutende Ueberschuß der öffentlichen Einnahme müßte den Grundstock eines großen Staats­schatzes bilden, ausschließlich bestimmt zum Arbeitgeben an die Armuth.

Allein die Einführung einer solchen Besteuerung würde mindestens eine Reihe von Monaten erfordern und die Gefah­ren des Pauperismus drohen stündlich. Darum liegt es vorerst zumeist noch den Einzelnen, den Genossenschaften, den Gemein­den ob, denselben entgegenzuwirken.

Ein Jeglicher ist in diesem Augenblick ein kluger Haus Halter geworden, der auf die notdürftigsten Ausgaben sich beschränkt, das baare Geld hat allein noch Werth und fast scheint jene Zeit unserer Vorfahren wiedergekehrt zu seyn, wo man sein Hab und Gut als baare Münze in festen Truhen im Keller aufbe- wahlte. Diese Aengstlichkeit um den Baarbesitz kann aber so weit getrieben werden und ich glaube wir stehen nahe an diesem Punkt daß sic für die Gesellschaft gefährlich wird. Der Einzelne sollte bei unsern unsicher» Verhältnißen