Der Goldgräber
Der Goldgräber Stefan Burke war von irgendwo aus Australien nach Levuka herübergekommen, und beunruhigte seitdem die Einwohner mit seinen wilden Erzählungen von Goldfunden und märchenhaften Reichtümern. Hin und wieder verschwand er für ein paar Wochen, aber Gold — hat er nie gebracht. Als er enO= lich seinen großen Fund machte, befand er sich in dem hohen, kahlen Gebirge, wo der Rewafluß feine Quellen hat. Es war am achtzehnten Tage seiner erwartungsvollen Reise, im sechsten Jahre angestrengter Suche.
Kein Mensch würde sie wiedererkannt haben, diese hagere, von Dornen zerrissene, halbverhungerte und halbnackte Kreatur, die da am" Ufer des Flusses herumkroch. In eine tiefe Schlucht zwischen himmelhohen Felsspitzen war er hinabgeklettert, und hier, in einem fadengleichen Wasserlauf, hatte er es gefunden.
Schon hatte er ein Maß des glitzernden Reichtums ausgewaschen, schon ein paar Hände voll Körner und Staub gesammelt, als ein buntes Glühen ihn überschüttete und vor seine Augen sich eine Nebelbank schob. Das Flüßchen rann gelbgeschmolzen, die Eoldkörner in seinem Bette schossen Strahlen auf den Goldsucher, mit einem Schrei der Eier warf er sich in das Wasser. Die eiserne Entschlossenheit, die ihn bis zur Grenze des Erträglichen begleitet hatte, wich von ihm. Weinend bohrte er seine Hände in den kostbaren Boden. Da ein Knacken der Kiesel, ein gedämpfter Fußtritt ...
Entsetzt starrte Burke auf die Erscheinung des Eingeborenen. Irgendwie — jetzt und auch später — sah er ihn nie ganz klar. Das Zwielicht hatte sie umfangen wie ein Gewebe, das — aus dem Staub entstanden — vor des Goldgräbers wahngeblendeter Vision stand und blieb.
Der Eingeborene war wunderbar groß und muskulös, die Farbe von bronzenem Mahagoni. Er trug nur einen Streifen altes Schilftuch und den sorgfältig gepflegten Haarbusch als einzigen Schmuck. Er stand und sagte seinen Gruß: „Sa jadra, na turaga."
Wie ein wildes Tier sich auf die, Hinterfüße erhebt, stand Burke und starrte ihn an. Eine hilflose Wut durchschauerte ihn; hier war Gefahr — der einzige Mitwisser, den er gefürchtet hatte.
Jeder Insulaner kennt die Bedeutung des Goldes, jeder hatte die Geschichten von dem gelben Sande gehört. Und wenn Burke noch zweifelte; „Savinaka, Saka!" rief der Fremde in seiner klingenden Eilandssprache. „Ich sehe, du hast den rechten Ort gefunden!"
Hier drohte Gefahr! Wäre er ein weißer Mann gewesen, er hätte wohl frohlockt und geschmeichelt; der natürliche Eingeborene aber geht in sein Dorf und plaudert, und setzt damit die Maschinerie der Polizei in Bewegung...
„Wer bist du?"
„Talaia ist mein Name, Saka."
„Woher kommst du?"
„Ich wohne in diesen Bergen."
Die Nacht wehte das Tal hinauf und bedeckte das teuflische Starren, wie Burke wartend stand. Etwas Lauerndes lag in seinen Adern... Vor Jahren, im Anfang seiner Reisen, war er fast einem Anfall von Dschungelfieber erlegen. Sein hämmernder Puls und das Schwindelgefühl meldeten einen neuen Anfall. Er verstellte seine Stimme zu großer Freundlichkeit: „Komm näher! Wo habe ich dich schon gesehen?" Der Fremde kam näher und stand in dem seichten Wasser.
„Du hast mich nie gesehen, Saka. Nur wenige Menschen haben mich gesehen."
Seine Worte wehten wie die Töne einer Harfe, die Berge hallten sie wieder. Burke sann darauf, die Entfernung zwischen ihnen zu verringern.
„Bist du ein Buli?"
„Ja, ich bin ein Buli."
Burke kannte alle Häuptlinge im weiten Umkreis. Aber Talaia? Er wußte den Namen nicht zu lassen. „Tritt näher," sagte er. „Was weißt du von diesem Ort? Sprich, was habe ich hier gefunden? Kennst du es?"
„O ja, ich kenne es, Saka. Dieses Waßer heißt Wai-nindula, das Wasser des Trostes. Und hier hast du gefunden was alle Menschen suchen — das höchste Ziel ihres Strebens."
Da sprang Burke auf ihn — er mußte auf ihn springen. Und er sprang in zwei starke braune Arme, die ihn sanft umfingen.
Es war eigenartig, daß er nicht die Spur der Zeit verlor. Undeutlich vergingen Tag und Nacht. Es gab Augenblicke wo das Fieber nachließ — dann sah er ganz klar. Er lag in einer Felsenhöhle,
/ Von Paul Hengesbach
warm und sicher in seine Decke gehüllt. Vor dem Eingang knisterte ein Feuer. Dort saß, als wäre er hier zu Hause, der Eingeborene. Wenn Burke die Augen öffnete, begegnete er dem leuchtenden und unergründlichen Blick des Fremden. „Erzähl mir, Saka, den Weg dieses Lebens."
Und Burke erzählt- jein wildes Leben.
„Erzähl mir auch von den Lieben, die du gekannt; von all den Dingen, die das Herz des Menschen ergreifen."
Unter dem Einfluß des Deliriums das ihn ergriffen, erzählte Burke aus seiner Vergangenheit: die Geschichte seiner Liebe zu dem hübschen hellhaarigen Mädel fern in Australien, das er gewonnen und — verloren hatte in so kurzer Zeit.
„Ich habe ein Kind..."
„Ein Kind?"
„Ja, ein kleines Mädchen."
„O Saka," sagte Talaia mit sanfter Stimme, „du bist reich, du bist glücklich!"
„Ein Mädchen," murmelte der Fiebernde. . „Ich verließ sie in Sidney. Was sollte ich mit ihr? Sie muß sechs oder sieben Jahre alt sein — seit ihrem ersten Lebensjahre habe ich sie nicht gesehen."
Die Höhle füllte sich mit klagenden Echos. „O weh! Du ließest dein Kind in der Hütte eines Fremden! Du hast es vergessen! Und du kommst hierher um Gold zu suchen. Wehe, Saka, was hast du getan!"
Die Dämmerung kam und brachte Burke einen klaren Augenblick. „Wo ist mein Gold?" erinnerte er sich dann. Das gab ihm die Kraft sich zu erheben. Talaia stând mit verschränkten Armen im Eingang. „Geh aus dem Wege!"
Talaia aber ließ ibn nicht durch. In rasender Wut stürzte er sich auf ihn, und die zwei kämpften wie die wilden Tiere des Waldes. Mit der Erbitterung und Grausamkeit seines unversöhnlichen Willens griff Burke ihn an und würgte ihn, bis er zusammensank. Als Burke seinen Griff lockerte, fiel der Eingeborene langsam zurück. Einmal noch begegneten seine sterbenden Augen dem Blick des Goldgräbers in schrecklicher Anklage. Dann...
Mit einem Schrei des Entsetzens sprang Burke auf, schleuderte mit dem Fuße das noch rauchend« Feuer auseinander, und raste das Tal hinaus in wahnsinniger Flucht.
Nächtlicher Besuch / Von Andreas Poltzer
Der Dampfer hieß „Sparta", und er machte seinem Namen alle Ehre. Selbst die bescheidene Kabine eines alten Ostindienschiffes, das mit der beachtlichen Geschwindigkeit von neun Knoten der Makassar-Straße zustrebt, dünkte mir ein Luxus. Und ganz besonders, als ich diese dünnwandige Koje mit den zwei Betten übereinander für mich allein ergattert hatte. Dies unglaubliche Glück war mir widerfahren.
Wir hatten Vandjermasin passiert und umsteuerten die südöstliche Spitze von Borneo. Es war eine jener Nächte, die wir aus süßlichen Filmen kennen. Stille, unendliche Stille; nur das Stampfen der Schiffsmaschinen und das Zischen der dunklen Wellen, die vom vorwärtspressenden Steven seitab schäumen. Das Wasser glänzt ölig, und in der Luft sprühen winzige, glimmende Pünktchen. Alles ist so unwirklich. Eine kolorierte, kitschige Postkarte: Schiff in der Tropennacht.
Wirklichkeit ist nur der rasende Puls des Passagiers. Mit jeder Seemeile, die bet Dampfer hinterlegt, wird die Nördliche Breite um ein fünfzigstel Grad geringer — das Tropenfieber um ein fünfzigstel Grad höher.
Ich schreite über das verlaßene Promenadendeck. Ich öffne meine Kabine. Die Luft in dem Raum ist erschreckend heiß, sie raubt mir den Atem. An meine Ohren dringt ein merkwürdiges Geräusch. Sollte ich mich in der Tür geirrt chaben? Meine Hand sucht den Lichtschalter. Die elektrische Lampe flammt auf und ergießt ihr Licht über die spartanische Einrichtung der Kabine. Ich erblicke meine Koffer.
Soweit wäre alles in Ordnung. Aber was sucht der fremde Mann in meiner Kabine? Er liegt, völlig angekleidet. auf meinem Bett und schläft; sein Atem geht laut. In diesem Augenblick öffnet er die Augen. Mit einem Sprung richtet er sich auf. Seine Rechte machte eine kurze, zögernde Bewegung nach der Hüfte, dann sinkt sie erlahmt herab. Der Mann sieht nicht gerade vertrauenerweckend aus. Sein Gesicht bedecken Bartstoppeln; er trägt einen verblichenen Tropenanzug. Er schweigt und sieht mich mit seinem flackern- den Blick an.
„Bedenken Sie, was Sie sagen, Mann!" sagte der Polizeiinspektor von Levuka. „Sie fanden eine Goldader, und töteten dort den Mann?"
„2a, ich habe ihn getötet — und ich fand das Gold! Ich weiß — es wird kein Geheimnis bleiben. Ich gebe auf! Was ist es für ein Leben, das ich führe? Und wohin hat mich der Goldwahn gebracht?" Verzweifelt hob er ein paar icheußliche, schwarze Klauen.
„Erzählen Sie noch einmal — mit allen Einzelheiten."
Burke wiederholte nochmals ausführlich seinen Bericht. Der Inspektor hörte aufmerksam,-aber lächelnd zu.
„Hm — sogar Namen und Datum kennen Sie — hm, ja. Doch jetzt hören Sie: Ich komme soeben mit einigen Leuten aus den Bergen, just aus der Gegend von der Sie sprechen. Von Ihrem Verbrechen ist dort nichts bekannt, obwohl ich einige Tage später abreiste wie Sie. Ich lann also Ihrer Erzählung keinen Glauben schenken. Doch — kennen Sie die alte Volkssage der Eingeborenen von den Fidschi-Inseln? Es ist eine der schönsten Legenden aus der Zeit, wo sie noch ihre eigene Religion hatten. Sie erzählt, wie jede Seele auf ihrer letzten Reise in das Reich des Schattens an einen Fluß kommt, Wai-nindula, das Waßer des Trostes. Dort begegnet ihr Talaia, der Engel des Todes, dem sie Rechenschaft ablegen muß von ihrem Leben. Dann muß die Seele mit dem Engel des Todes ringen: wird sie bezwungen, so darf sie baden in dem Wasser des Trostes, gewinnt aber die Seele den Kampf mit dem Engel — weil sie stark im Bösen ist — so muß sie zurück zur Erde und dort ihre Bürde weitertragen." Der Inspektor erhob sich. „Sie hatten Dschungelfieber," sagte er. „Wenn Sie Waßer getrunken hätten, würden Sie wohl kaum noch zu den Lebenden zählen. Doch nehmen Sie meinen Rat: fahren Sie heim — nach Australien. Hier ist nicht der rechte Ort für Sie — wo die alten Götter und Teufel der Eingeborenen leben."
„Sie meinen — ich bin frei?"
„Nun — natürlich, so frei wie die Lust!"
Zwei Stunden später bestieg der Goldgräber Stefan Burke die „Navua", die kurz darauf die Anker lichtete und Sidney entgegendampfte. Seine Gedanken aber eilten dem Schiff voraus — zu einem hellhaarigen Mädel, und zu einem Kinde — seinem Kinde.
„Nun?" breche ich die Stille.
„Warten Sie einen Augenblick, ehe Sie die Leute rufen!" klingt es beinahe befehlend.
„Das bestimme ich, mein Herr!" antworte ich.
„Sie gestatten, daß ich Platz nehme; ich bin nicht ganz fest auf den Beinen", sagt der Mann und läßt sich auf einen Stuhl sinken. Ich höre deutlich, wie seine Zähne klappern. „Können Sie mir eine Zigarette geben?" fragt er.
Unverschämt. Doch ich erfülle seinen Wunsch. Die Malaria muß ihn arg quälen.
Ich frage: „Warum nehmen Sie nicht Chinin?"
Er antwortet: „Weil ich keines habe!"
Stille. Dann fährt mein Besucher fort: „Dies ist ja der Grund meiner unerbetenen Visite. Ich hätte mich lieber an einen Steward gewandt, aber ein blinder Paßa- gier kann nicht gut von den Schiffsangestell, ten etwas fordern. So schlich ich von einer Kabine zur anderen, bis ich auf eine traf, die nicht verschloßen war. Kaum befand ich mich in Ihrer Kabine, da wurde ich von einem Schwächeanfall überwältigt. Ich legte mich auf das Bett und schlief ein..."
„Und das soll ich Ihnen glauben?"
Er zuckte die Achseln und meinte: „Ich spreche die Wahrheit."
Laut schlagen seine Zähne auf. Er greift nach dem Puls seiner zitternden Linken. „Schätze 39,5!" stellt er sachlich fest.
Ich erbarme mich seiner, hole ein Fläschchen und reiche es ihm. „Sie können es behalten!" Gierig greift er danach. Und während er an den Pillen kaut, spricht er:
„Chinin ist so bitter, wie Zucker süß ist, erklärte mir einmal das Töchterchen eines Kontrolleurs. Ich glaube die Kleine hat nicht einmal eine schlechte Erklärung getroffen..."
Ich betrachte meinen nächtlichen Besucher. Trotz seines abschreckenden Aeuße- ren empfinde ich etwas wie Sympathie für ihn. Er ist zweifellos ein gebildeter Mensch. Eine gescheiterte Existenz: Opfer des Alkohols und der Tropen. Auf dem Tisch steht eine Flasche Genever; die Holländer in Ostindien ziehen ihn dem Whisky vor.
„Ein Gläschen?" erkundige ich mich, auf die Flasche weisend.
Er schüttelt den Kopf. „Danke, ich trinke nicht."
Ich bin überrascht. Ehe ich dieser Ueber- raschung Ausdruck verleihen kann, fragt mich mein Gegenüber: „Wie finden Sie die Welt?" Da ich verblüfft schweige, fährt er fort: „Ich glaube, Sie find Deutscher; Ihr Landsmann Schopenhauer hat mit seinem „Schlechteste der möglichen Welten" den Nagel auf den Kops getroffen...
Aber ich will Sie mit meinem philosophischen Geschwätz nicht länger aufhalten. Darf ich mich entfernen, oder wollen Sie mich dem Kapitän übergeben...?"
Ich tue, als überlege ich. „Warum melden Sie sich nicht freiwillig beim Kommandanten? Vielleicht hat er Arbeit für Sie; Sie können Ihre Ueberfahrt verdienen. Ich will gerne für Sie ein Wort einlegen ..."
„Wenn ich zum Kapitän gehe, sind mir Deportation und Zwangsarbeit sicher. Ich habe getötet, Herr!"
Ich weiche zurück; er sieht es und lacht bitter. „Wenn es Sie beruhigt: Ich bin kein Mörder? Es war eine Affekthandlung, vielleicht begünstigt durch die Malaria tropica. Ich kam vor Jahren nach den Tropen. Die erste Zeit verbrachte ich in Surabaja, dann schickte man mich nach dem Inneren Borneos, eine Brücke zu bauen. Es war die gottverlassenste Gegend der Welt. In meiner Langeweile und Verzweiflung trank ich öfters über den Durst. Es unterlief mir ein grober Konstruktionsfehler, das kostete meiner Firma eine Menge Geld. Ich verlor meine Stellung. Obwohl ich seit diesem Tage nie wieder einen Tropfen Alkohol trank, war es vorbei mit mir. Ich konnte anfangen, was ich wollte, alles ging schief. Ich war Plantagenaufseher, und meine Arbeiter meuterten. Die Bank in Surabaja, die mich anstellte, ging nach kurzer Zeit pleite. Im Dschungel suchte ich Gold — und fand den tückischsten aller Malariafälle. Was wollen Sie, ich hatte eben kein Glück...
Sie können mit Recht fragen, warum ich nicht nach Europa zurückkehrte? Ich weiß selber nicht, was mich trotz aller Schicksalsschläge in Ostindien festhielt. Vielleicht wollte ich nicht so ganz ohne Mittel heimkehren; zu Hause wartet nämlich jemand auf mich — seit Jahren. Eines Tages lernte ich auf Dali einen reichen Amerikaner kennen; er schlug mir ein Geschäft vor.
Wißen Sie, was Riesen-Waranen sind? Große, fast fünf Meter lange, drachenartige Eidechsen. Sie fressen Fleisch und sind gefährlicher als Krokodile. Diese Ungeheuer sterben allmählich aus, doch auf einigen unbewohnten Inseln in der Suiwa-See findet man sie noch. Es ist streng verboten, einen dieser Riesen-Waranen zu erlegen. Der Amerikaner aber bot mir fünftausend Dollar für ein Exemplar. Ich zögerte nicht lange, wenn schon jemand zugrunde gehen mußte, dann lieber eine dieser Bestien, als ich.
Es gelang mir, eine zu erlegen. Noch ehe ich das Tier abliefern konnte, wurde ich gefaßt. Einer der begleitenden Malaien hatte mich verraten. Ich erhielt eine erhebliche Strafe. 2m Gefängnis gab es einen Aufseher, der mich aus unbekannten Gründen nicht leiden konnte. Er machte mir das Leben zur Hölle. Ich biß die Zähne zusammen, so lange es eben ging. Dann... Nun, ich habe den Mann in einem Wutanfall oder im Malaria-Delirium niedergestochen. Ich flüchtete. Seit fünf Tagen halte ich mich auf diesem Schiff verborgen... So, und jetzt können Sie die Leute rufen!"
Ich schwieg und rührte mich nicht. Mein Besucher wartete eine Weile, dann verließ er wortlos die Kabine. Es waren noch keine drei Minuten verstrichen, als laute, erregte Rufe in meine Kabine drangen. Ich eilte hinaus Zwischen einigen Matrosen erblickte ich, bleich und vom Fieber geschüttelt, meinen nächtlichen Besucher. Er war, wie ich gleich danach erfuhr, als er von mir kam, dem zweiten Offizier direkt in die Arme gelaufen. Er schaute mich an, doch ich glaube, er sah mich nicht.
Ich ging in meine Kabine, legte mich schlafen. Als ich erwachte, war es noch ziemlich früh Ich ging an Deck Wir steuerten in dem seichten Meer auf Dalik- Papan, den Oelhafen Borneos, zu. Ich erblickte den Kapitän und sprach ihn an. Kaum hatte er meine ersten Worte vernommen, rief er verdroßen:
„Laßen Sie mich mit diesem Kerl in Ruhe! Er ist heute in aller Frühe entwischt, über Bord gegangen!"
Ich blickte hinüber zur sumpfigen Küste und fragte: „Ein guter Schwimmer kann doch ohne Schwierigkeit das Ufer erreichen?"
„Selbst ein mittelmäßiger Schwimmer — wenn die ihn da durchlaßen..." Der Kapitän wies auf das Waßer, wo Helle, dreieckige Zacken um das Schiff kreisten. Ich sah schärfer hin und erkannte: es waren die Rückenfloßen der Nimmersatten Menschenhaie.