(6. Fortsetzung.)
. Die Wahrheit zu sagen — er war wohl eitel auf ihre Schönheit, war stolz auf die Eroberung gewesen, die er an der Erbin gemacht, solange sie als solche gegolten, aber das Gefühl einer wirklichen Liebe war ihm lebenslang fremd geblieben. Jetzt aber — jetzt, da er sie so unvermutet und plötzlich verloren, jetzt sagte ihn die Eifersucht mit wütender Gewalt, jetzt krallte sich ein seltsames Gefühl in Kopf und Herz fest, ein unbekanntes, ein nie gekanntes Gefühl, das sich derart auswirkte, daß er sich schlechterdings ein Leben ohne Kitty nicht mehr vorzustellen vermochte. Alles blieb dahinter zurück, was er zeitlebens gewünscht und erwartet hatte.
Knirschend, mit geballten Fäusten, schwur er ihr, daß sie diese Tat bereuen würde. Kitty aber war nicht so leicht ein/ zuschüchtern und Amerika nicht der Platz, einer Frau mit Gewalt zu drohen.
Und so war die junge Frau mit dem alten Gatten abgereist, ohne daß letzterem eine Ahnung kam, welche Tragödie hinter Kitty lag, welche Qualen sie hinter die ewig gleiche Maske der Kühle und nachsichtigen Freundlichkeit zwangen.
Wunderbar fügte sich Kitty in das ihr völlig neue Leben, in den engen Rahmen einer erbgeseffenen Gesellschaft, repräsentierte sein Haus in tadelloser Weise und war so zufrieden, als es unter obwaltenden Umständen nur immer möglich war. In ihrer etwas passiven Natur hatten Stürme der Leidenschaft keinen Platz. Das stille, friedliche Dahingleiten der Tage, die Pflege ihrer großen Schönheit, ihre kleinen Liebhabereien füllten sie völlig aus. Und Quodel hatte es keine Stunde zu bereuen gehabt, daß er das große Wagnis unternommen, dem winterlichen Herbst sei. nes Lebens den prangenden Frühling aufgepfropft zu haben. So ging das zwei Jahre lang.
Es gab Stunden, da eine geheime Furcht von Kitty Besitz nahm, da sie sich an Francis erinnerte und an den lästerlichen Eid, den er getan. Aber als nun schon mehr als zwei Jahre vergangen waren und sie von ihm nichts mehr gehört, begann sie zu hoffen, daß er nie mehr ihren Lebensweg kreuzen würde.
Sie konnte ja nicht wiffen, daß Francis Belvoir diese ganze Zeit hinter Schloß und Riegel gesessen hatte.
Diese zwei Jahre einer unfreiwilligen Zurückgezogenheit waren ein Elücksfall für Belvoir. Er wurde unter dem Ramen irgendeines Falschspielers bei irgendeiner unsauberen Spieleraffäre gefaßt, sein Leugnen nützte nichts, und so wurde er zum ersten Male in seinem üblen Leben abgeurteilt, ohne daß den Behörden eine Ahnung davon kam, wen sie eigentlich in seiner Person wirklich zu suchen hatten.
Schon wenige Wochen nach wiedererlangter Freiheit war er nach (Europa unterwegs.
Was nun kam, entwickelte sich folgerichtig und wich anfangs in nichts ab von dem gewöhnlichen Tempo eines Verbrechers, der sein Opfer durch Drohungen einschüchterte und es durch immer größere Geldforderungen in Schach hielt. Der Schurke wollte ganze Arbeit tun. Und Kitty gab und gab alles, was sie nur zu geben vermochte. Der gute Quodel wunderte sich über die großen Ausgaben feiner Frau, über die bedeutenden Summen, die sie ihm abverlangte, die bisher ziemlich bescheiden gewesen. Aber er beruhigte sich mit der Tatsache daß Kitty Freude an kostbarem Schmua hatte, und glaubte, daß letzten Endes das viele Geld eine gute Kapitalanlage gefunden, wenn sie mit irgendeinem neuen Stück paradierte, das er noch nicht kannte. Er konnte freilich nicht wiffen, daß all ihr ererbter Schmuck, den sie sorgfältig aus allen Fährnisten gerettet hatte, nunmehr längst durch Imitationen ersetzt war, um den unersättlichen Erpresser immer wieder zu befriedigen.
So kam der Tag, an dem sie Francis Belvoir den letzten Scheck ausfolgte, mit der festen Absicht, lieber ein Ende mit Schrecken herbeizuführen, als diesen Schrecken ohne Ende weiter zu durchleben.
In einer bewegten Aussprache erklärte sie ihm, sie selbst würde es sein, die die Anzeige an die Polizei richten wolle, wenn er sie noch ein einziges Mal belästige. Etwas lag in ihrer verhaltenen Verzweiflung, das dem Verbrecher die Ueberzeugung gab, sie würde Wort halten. Da
holte er aus zu dem großen Schlag, den jemals ein Verbrecherhirn ausgeheckt.
*
Francis Belvoir besaß ein geheimnisvolles Rauschgift, das sein Opfer in eine Art Ekstase zu versetzen vermochte, ehe es seine tödliche Wirkung zeitigte. Der arme Gallus war nicht der erste, der daran glauben mußte Da war zum Beispiel jene alte Miß Betsy Fairfull, die er nicht mehr zu brauchen vermeinte, Kittys Tante.
Aber auch jetzt waren die Vorbereitungen sorgfältig durchdacht Absichtlich schuf er in seiner Maske bei dem Ueberfall an dem Hauptkastierer die Aehnlichkeit mit der Gattin des Generaldirektors, als er heften Scheck vorwies Der gewaltige Coup gelang glatt, und kaum eine Stunde später erzwang sich Belvoir den Eintritt zu Kitty. Verlangte, daß sie mit ihm unverweilt fliehe, indem er ihr feine ganze Niedertracht geoffenbart. Und trotzdem Kitty erkannte, in welcher Gefahr sie sich selbst nun befand, weigerte sie sich standhaft, dem Ansinnen des Verbrechers Folge zu leisten.
Zeichnung C. W. Kießlich M
Mit schneebleichen Lippen und erloschenem Blick
hatte die junge Frau geendet..
Da beschloß der ohne langes Besinnen, den Gatten aus dem Wege zu räumen, überzeugt, dann unumschränkte Gewalt über die Frau zu erlangen.
So geschah der Ueberfall auf das Auto, bei dem der arme, unschuldige Schwarzfahrer das Opfer wurde.
Das war die Geschichte der Kitty Traveller. Eine der vielen Geschichten, da verwaiste, weltfremde Geschöpfe in die Hände skrupelloser Ausbeuter gelangen und dann verderben und sterben. Irgendwo verkommen, weil ihnen die Kraft gefehlt, Widerstand zu leisten. Oder der Mut. Oder auch weil sie nicht das Glück gehabt, daß ein vraver Mann sie an sein Herz und tn sein Haus genommen, damit sie von allem Ungemach von allen Gefahren beschützt blieben.
Kitty aber hatte Mut bewiesen und Glück gehabt. Und trotzdem hatte es nicht viel genützt. Denn auch der Feind war stark und dazu noch skrupellos in der Wahl und Ausführung feiner Anschläge.
Mit schneebleichen Lippen und erloschenem Blick hatte die junge Frau geendet, nachdem sie in fliegenden Worten ihr tragisches Geschick enthüllt. Trotz der verzweifelten Situation, in der sie sich befand, kam etwas wie Erleichterung über sie. Endlich, endlich hatte sie die Last von der Seele wälzen könnem die sie zu zerbrechen drohte. All die Zeit, nachdem sich Francis Belvoir wieder gemeldet, hatte sie nur mit Aufbietung aller Kräfte ihre Rolle vor dem ahnungslosen Gatten spielen können Und in der letzten Zeit, da hatte sie fast eine Katastrophe herbeigesehnt, nur damit diese furchtbare, diese lähmende Angst von ihr genommen war. Und oft auch hatte sie den Gedanken ins Auge gefaßt, mit eigener Hand diesem Leben ein Ende zu machen, das kein Leben mehr war, in jeder Stunde, in je
der Minute auf Furchtbares gefaßt. Die statuenhafte Ruhe, die man an ihr gewohnt war, wurde zur steinernen Maske, hinter der sich ein armes zerquältes Weib verbarg. Mit tiefem Mitleid blickte der Detektiv auf das arme Eefchöpsi das, schwer atmend, vor ihm in einer Diwan- decke kauerte — völlig am Ende seiner Kraft und Selbstbeherrschung.
„Fasten Sie fitfi. gnädige Frau!" sprach er mild „Es wird alles wieder gut, glauben Sie es mir!"
Wer hatte dem ungefügen, stiernackigen Riesen solche weichen, väterlich klingenden Worte zugetraut? Das Menschliche und das Berufliche floffen hier ineinander, und sein Hirn arbeitete fieberhaft und dennoch logisch und kraftbewußt.
„Belvoir muß Sie schon lange vorher beobachtet haben, und ehe Sie wußten, daß er sich in Ihrer Nähe aufhält!" meinte er langsam.
Kitty hob den Kopf:
„Weshalb glauben Sie das? Er ist nicht der Mensch, etwas von heute auf morgen zu verschieben?" sprach sie müde.
„Er scheint mir aber auch nicht der Mensch, der unüberlegt handelt. Der ganze Anschlag ist ebenso raffiniert wie wohlüberlegt. Setzt genaue Kenntnisse Ihrer und Ihres Gatten Lebensführung voraus. Genaues Studium Ihrer Kleidung. Das Auto des Herrn Generaldirektors ist ihm ebenso vertraut, wie die Tatsache, daß er oft abends allein in die Stadt fährt und spät heimkommt. Vor allem aber wußte er, daß Sie den ominösen Ring, den smaragdenen Käfer, immer noch zu tragen pflegen, heften genaue Kopie er ja besaß, wie Sie mir soeben erzählten."
Kitty horchte gespannt, dann nickt sie:
„Auf diesen Ring hatte er ja seinen ganzen verbrecherischen Plan aufgebaut. Er sollte ihm zum Werkzeug dienen und gleichzeitig mich belasten!" flüsterte sie verzagt.
„Ein genialer Kerl, dieser Belvoir!" meinte Gelb- mann mit einer Art sachlicher
Anerkennung. „Und als er auch dann nicht erreichte, daß Sie ihm folgten, wollte er Ihren Gatten einfach aus der Welt schaffen, damit Sie jeden Halts beraubt würden!" sprach er grimmig. „Na, es ist nur gut, daß auch andere Leute nicht auf den Kopf gefallen sind! Es ist ganz klar, sein Ring enthielt ein Narkotium, das sich versprühen läßt und auch in kleinsten Dosen tötend wirkt, vorher aber das Opfer in einen exaltierten Rauschzustand versetzt! In einen Rauschzustand, der vorerst den Willen lähmt, ehe er auf die Muskeln übergreift! Das stimmt mit dem überein, was ich an Gallus selbst mit angesehen. Zuerst diese geheimnisvolle Trance, dann die Vergiftungserscheinungen, und schließlich mit der allgemeinen Lähmung — das Ende... Armer alter Kerl!" schloß Gelb- mann, wie zu sich selbst sprechend. Mit geschlossenen Augen lehnte Kitty Quodel vor ihm; ihr Gesicht war aschfahl, und ihre Atemzüge gingen keuchend.
„Wenn Sie weinen könnten gnädige Frau, das würde Ihnen Erleichterung bringen!" meinte der Mann, sie mitleidig betrachtend. Dann erhob er sich.
„Kann ich von hier irgendwo telephonieren? Ich möchte nicht, daß man mich hört!"
Kitty raffte sich auf erhob sich und schritt, noch ein wenig schwankend, in das anstoßende Zimmer. Ein kleiner Raum, der offenbar als eine Art Arbeitszimmer der Dame des Hauses gedacht war. Auf einem zierlichen Schreibtisch aus Rosenholz stand der kleine Fernsprecher aus getriebenem Silber, ebenso kostbar wie künstlerisch erdacht. Er hob die Sprechmuschel ab und verband sich mit dem Polizei- Präsidium.
„Ja — fünf bis sechs Mann werden genügen, um die Villa zu bewachen!" sprach er nach einer knappen Meldung des Tatbestandes hinein. „Eine gleiche Anzahl, den Generaldirektor zu schützen! Personen-
beschreibung? Der Mann ist unter Mittelgröße, schmal, bartlos, mit auffallend kleinen Händen und Füßen. Möglicherweise in Frauenkleidern. Darum genau auf die Füße achten!"
Selbmann legte den Kolben auf und wandte sich der Frau wieder zu:
„Komplicen also absolut keine?" erkundigte er sich noch; und als Kitty den Kopf entschieden schüttelte, trat er, ihr den Vortritt gebend, wieder in den Salon zurück, wo er mehr als "ine halbe Stunde lang die Lebensbetchte her armen Kitty mit angehört. „Wie gesagt, Sie gehen keinen Schritt aus Ihren Zimmern; ich werde mich beeilen und komme sobald als möglich wieder zu Ihnen!" Und indem er sich über die dargebotene Hand der Dame tief verneigte, verließ er den Raum, durchschritt einige weitere und befand sich jetzt im Vorsaal, dessen hohe Glastüren nach der Rampe gingen, von her man in einen ziemlich flachen Vorgarten gelangte. Ein breiter, geteerter Fahrweg führte von da durch ein schmiedeeisernes Gittertor auf die Cottastraße.
Der Diener, der wartend dagestanden, war hinter ihn getreten.
„Etwas von Belang?" erkundigte sich Selbmann, ohne sich umzuwenden und die Augen auf einen bestimmten Punkt draußen geheftet „Ich meine seit den Ereig- nisten heute nacht — war irgend jemand noch dagewesen oder hatte versucht, die gnädige Frau zu sprechen?"
Der Angesprochene war ein altes Hausmöbel, jahrelang im Dienst Quodels und seiner Herrschaft sehr ergeben. Die Ereig, Nisse der verflossenen Nacht hatten ihn völlig aus den Fugen gebracht. Er lebte hier draußen wie auf einer abgeschlossenen Insel, kam niemals in die Stadt, und seine Funktionen waren die einer Art Haushof. meister, der das übrige Personal anzulei- ten hatte. Er kannte die Welt nur mehr aus den Zeitungen, die er in seinen Frei» stunden eifrig las. Aber so inmitten einer Sensation zu stehen und dabei mit nie» mandem darüber sprechen zu können, das griff den alten Mann sichtlich an. „In den letzten Tagen trieb sich ein kleiner Kerl hier draußen herum!" meldete er, sich be. sinnend . „Man konnte nicht sagen, daß er irgendwem auflauert. Sieht elegant und gepflegt aus, fast wie ein Herr!"
„Warum , saft’?" erkundigte sich Gelbmann.
„Es sind die Augen, Herr Selbmann, wissen Sie!" flüsterte der Alte tin^W fast scheu. „Seine Augen, die sind wie vo^ einem Raubtier!" Der schlichte Mann hatte das Richtige empfunden und ausge- sprochen. Gelbmann nickte. Dann sprach er langsam:
„Ich gehe jetzt! Paffen Sie auf, Fritz — die Türen bleiben verschlossen, niemand darf herein oder heraus. Sie bekommen in wenigen Minuten Bewachung des Hauses, also seien Sie unbesorgt. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, daß nie« mand, wer es auch sei, hereinkommt, kein Mann — und keine Frau. Verstehen Sie mich?"
Ehe der Alte antworten konnte, erschien draußen am Eingangstor ein Mann. Er sah wie ein Fleischhauer aus, der mit seiner Korbtasche liefern kommt.
Fritz fuchtelte aufgeregt mit den Hän- den:
„Das ist aber doch — unglaublich ist das! Vom Hauptweg hereinkommen wollen!" Er meinte damit, daß der Weg der Lieferanten für den Hausbedarf rückwärts herum ging.
Gelbmann aber hatte den Ankömmling sekundenlang scharf ins Auge gefaßt:
„Lasten Sie ihn herein!" gebot er. „Machen Sie keinerlei Aufsehen!"
Fritz war nicht dumm — er hatte verstanden. Und schon kam der Mann mit dem „Zöger" die leicht ansteigende Rampe herauf und zwängte sich durch die Glastür in die Halle. Nur mit einem Rücken seiner Mütze grüßend, schritt er nach dem Hintergrund, wie jemand, der, mit der Oertlichkeit vertraut, den Weg schon oft gemacht hat.
„Hundert Schritte links, kleine Parkanlage, auf der Bank ein Mann, aus den die Personalbeschreibung paßt. Grauer Ulster, besonders kleine Füße!" sprach er halblaut, ohne sich aufzuhalten, und schon war er die Treppe im Hintergrund der Halle hinabgeschritten, die in die Wirtschaftsräume führte.
In Eelbmanns Augen leuchtete es auf. Aha? Jetzt galt es ihm. Fast wie Anerkennung lag es in feinen Mienen. Tüchtiger Kunde, dieser Belvoir. Gute Ver- brecherschule da drüben, jenseits des großen Wassers Hatte ihn also beschattet, ohne daß er selbst merkte Alle Achtung. Die kleine Parkanlage war tagsüber völlig vereinsamt. Schob sich im Dreieck zwischen die Gastenkreuzung, die, wie in der Billenvorstadt überhaupt, gleichfalls ziemlich still dalag.
fCchluß folgt.)