Nr. 14 — 13. Jahrgang
Fuldaer Anzeiger
Freitag, 17. Januar 1936
Stadt und Land
Wetferausfichfen für morgen;
Veränderliche Bewölkung mit einzelnen Niederschlägen, noch etwas milder, südwestliche Winde.
TeürscshMe so und so.
Es gibt Menschen, die eine so große „Teilnahme" für alles bekunden, was ihre Mitmenschen angeht, daß sie dadurch lästig fallen. Diese Menschen müssen alles haar- klein vom Leben und Treiben des Nachbarn wissen. In erster Linie wollen sie dabei erfahren, was wohl der andere für Einnahmen haben könne. Nicht daß sie ihn an- pumpen wollten, nein, es ist bloß Neugierde bei ihnen. Die Frage, was mag wohl X oder I verdienen, ist für sie ein Stachel, der sie veranlaßt, allerhand Listen zu gebrauchen, um das Geheimnis zu entschleiern. Warum verrät eigentlich niemand gern, wieviel er verdient? Auch der redlichste Steuerzahler, der in dieser Beziehung nichts.zu verheimlichen hat, kann es auf den Tod nicht leiden, daß man ihm mit der Frage nach seinem Einkommen zu Leibe rückt. Derartige Fragen werden gewöhnlich als taktlos empfunden, und mit vollem Recht. Hinter diesen Fragen steckt, wie gesagt, gewöhnlich nichts als Neugier, wenn nicht gar Neid, und niemand hat es gern, daß man sich mit seiner Person nur aus Neugierde beschäftigt. Abgesehen hiervon können durch Schwatzhaftigkeit und Klatsch so nianche Nachteile und Unannehmlichkeiten für denjenigen erwachsen, der dem Neugierigen auf seine Fragen Rede und Antwort steht. Und wenn wir auch noch so wenig verdienen mögen, — der im Gewände der Teilnahme auftrete?!den Nengièr erscheinen wir als Großverdiener und Glückskinder. Wir brauchen wirklich nicht den Inhalt unserer Geldtasche von anderen zählen zu lassen, aber dieses Zählen scheint dine unausrottbare Vorliebe vieler Unverbesserlicher zu sein.
Musik erhöht die Lebensfreude.
Jnstrumentalkurse der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
In allernächster Zeit wird mit diesen Kursen, die in verschiedenen anderen Städten sich großer Beliebtheit erfreuen und gute Erfolge zeitigten, auch in Fulda begonnen werden. Mit diesen Lehrgängen für Volksmusikinstrumente soll allen denen geholfen werden, die sonst nicht in der Lage sind, irgendwelche Unterrichtsstunden zu nehmen. Folgende Instrumente kommen in Betracht:
Gitarre und Laute.
Diese beiden Instrumente werden fast nur als Begleit- Instrumente gespielt, meist aber wird mit „wumtata und schrumm, schrumm" alles schöne in unseren Liedern übertönt. Wir wollen arbeiten, daß der Gitarre und Laute wieder der Platz eingeräumt wird, der ihnen gebührt. Der Kursus vermittelt eine gute technische Grundlage und darauf aufbauend, gute Liedbegleitungen. Wenn wir das können, ist es nicht schwer, schöne alte Sätze zu spielen.
Handharmonika.
Jeder Spieler muß ein diatonisches Klubinstrument mit Gleichton und mindestens zwei oder vier Hilfstasten, oder ein chromatisches Instrument mit mindestens 24 Bässen haben. Die Anfänger werden geschult, während aus den fortgeschrittenen Spielern ein Orchester zusammengestellt wird, welches dann jeden: Spieler Gelegenheit gibt, sich weiterzubilden.
Mundharmonika.
Die Wenigsten wissen, daß man auf der Mundharmonika neben dem üblichen Akkordspiel auch einstimmig und damit erst musikalisch richtig spielen kann. Wir brauchen für unser Spielen für den Anfang das Instrument Orchester- Nr. 1 in C-Dur. Gespielt werden unsere Volkslieder und Volkstänze.
Blockflöte und Mandoline.
Für diese beiden Instrumente werden ebenfalls Kurse eingerichtet.
Die Gebühren für diese Kurse sind folgendermaßen festgesetzt: Für Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront je Abend 20 Pfennig, für alle übrigen Teilnehmer 30 Pf. Bemerkt wird noch, daß es sich um geschlossene Auf - baukurse von je 10 Stunden handelt. — Anmeldungen wolle man recht bald vornehmen, s p ä t e st e r A n m e l bete r m i n ist der 2 5. Januar 1936. Interessenten erfahren alles Nähere in der Kreisdienststelle der NSG. „Kraft durch Freude", Lindenstraße 6a.
Theatervorstellung für die NS.-Kulturgemeinde.
Das „Frankfurter Künstlertheater für Rhein und Main" brachte gestern abend im Stadtsaal unter der Spielleitung von Fritz Richard Werkhäuser mit dem Crillparzer- schen Trauerspiel „Medea" eine Aufführung heraus, die sich getrost auch auf größeren Bühnen hätte sehen lassen können. Die ungeheure Tragödie, die sich im Schicksal der kolchischen Königstochter Medea vor den Augen der Zuschauer abrollt, ist von Grillparzer in unerhörter Dramatik zum Ausdruck gebracht worden. Die Rolle der Medea zu spielen und alle Schattierungen dieser dämonischen Natur bis ins kleinste zu gestalten, lockte von jeher unsere größten Schauspielerinnen. Aber es gehört schon sehr viel schauspielerische Begabung dazu, sich in diesen komplizierten Frauen-Charakter hineinzuleben und diese ureigentliche Medea mit ihrer wilden Leidenschaftlichkeit und dem in der Verzweiflung unbändig aufflackernden Rachedurst zu verkörpern. Ob dieses Ziel von Lotte Kleinschmidt schon ganz erreicht wurde? Die junge Künstlerin gab ihrer „Medea" jedenfalls eine ganz beachtliche eigne Prägung. Der ver- zweislungsvolle Schmerz und Zorn über das treulose Ver-
MwH /(U*M *SüWw?
Freitag, 17. Januar:
Union-Theater: Ein Walzer um den Stefansturm. Europa-Lichtspiele: Viktoria.
Neues Theater: Der Gefangene des Königs.
Sonnabend, 18. Januar:
Union-Theater: Ein Walzer um den Stefansturm.
Europa-Lichtspiele: Viktoria.
Neues Theater: Der Gefangene des Königs.
Wohlfahrts-Briefmarken.
Seit einigen Tagen hängen in vielen Geschäften der Stadt farbige Plakate, die auf die deutschen Wohlfahrts- Briefmarken aufmerksam machen. Es handelt sich um die Freimarken mit den hervorragend gut gelungenen Abbildungen der schönsten deutschen Bauerntrachten. Ostpreußen, Schlesien, Rheinland, Niedersachsen, Kurmark, Schwarzwald, Hessen, Oberbayern, Friesland und Franken sind vertreten. Die Marken werden zur Zeit durch die Hitlerjugend und den Bund deutscher Mädchen in allen Lauterbacher Häusern verkauft. Der Preis für die einzelnen Marken ist für die Treier 5 Pf., für die Vierer 7 Pf., für die Sechser 10 Pf. und für die Zwölfer 18 Pf. Bedenkt, wenn die Jugend an Euere Tür kommt und Euch Marken anbietet, daß Ihr diesmal für das Winterhilfswerk eine Leistung gebt, für die Ihr einen praktischen Gegenstand als Quittung erhaltet. Denn Briefmarken braucht Jeder einmal.
Fettkarten-Ausgabe an Nachzügler.
Da trotz Bekanntgabe eine Ausgabe der Fettkarten nach dem festgesetzten Termin nicht mehr erfolgen kann, hat doch wieder eine größere Anzahl von Bezugsberechtigten die Karten nicht abgeholt. Letztmalig findet daher am Montag, den 2 0. Januar, von 9 — 1 2 Uhr, im Zimmer 13 des Wohlfahrtsamtes (Schallerraum) die obige Ausgabe statt. Nach dieser Ausgabe können nach den gesetzlichen Bestimmungen keine Karten mehr abgegeben werden.
Früh übt sich . . .
Am gestrigen Donnerstagnachmittag wurde einer am Weyherserweg wohnhaften Familie aus einem auf einer Fensterbank bei der Garderobe liegenden Portemonnaie ein Geldbetrag von 16 RM. entwendet. Als Täter ermittelte die Kriminalpolizei zwei zehnjährige Jungen, die noch im Besitz der Hälfte des entwendeten Geldbetrages waren. Der Rest war bereits durch Einkauf von Eebrauchsgegenständen und Lebensmitteln verausgabt worden.
In einem Geschäftsbüro wurden in letzter Zeit fortgesetzt kleinere Geldbeträge entwendet. So wurde auch am gestrigen Donnerstagnachmittag wieder ein Geldbetrag gestohlen. Bei den sofort aufgenommenen kriminalpolizeilichen Ermittlungen konnte als Täter ein 11jähriger Junge festgestellt werden, der häufig mit Botengängen von dem Büro beschäftigt wurde. Der Junge hatte sich bereits von dem gestohlenen Gelde eine Geldbörse gekauft. Das übrige Geld hatte er auf andere Weise verausgabt.
Kampf gegen das Bettler-Unwesen.
Ein hier durchreisender Wanderbursche wurde gestern von einem Polizeibeamten beobachtet, wie er in der Mittelstraße von Haus zu Haus ging und bettelte. Er wurde festgenommen und in das Gerichtsgefängnis eingeliefert.
Ab heute in Fulda.
Photo.: Bavaria (M).
Der Gefangene des Königs.
König August der Starke (Michael Bohnen) sichert sich den vermeintlichen Goldmacher Böttger (Paul Kemp) und überhäuft ihn mit Ehren.
halten Jasons, — dem Medea alles geopfert hatte und von dem sie trotzdem erbarmungslos ins Nichts verstoßen wird, — die wahnsinnige Eifersucht der beiseite Geschobenen auf Kreusa, die Jugendgespielin Jasons, der erschütternde Jammer der Mutter, der man ihre Kinder nimmt, und der zügellose Haß, der vor dem Mord an Kreus a und selbst vor der Tötung der eignen Kinder nicht zurllckschreckt, waren bei Lotte Kleinschmidt so echt und packend, daß man ein Grauen verspürte---
Der „Jason" Hugo F i r m b a ch s zeichnete ganz treffend den egoistischen, nur auf Besserung seines eignen Schicksals bedachten Jason der Antike. Er brachte die mitleidlose Härte gegen Medea sehr gut zum Ausdruck, ebenso das Bestreben, alle Sühne heischende Schuld auf Medea, die „Barbarin" abzuwälzen. Seine Klage als Zerbrochener und seiner Kinder Beraubter versöhnte trotz ihrer abgrundlosen Verzweiflung nicht, wie sie ja auch in der Antike die Götter nicht rührte. — „Hora", Medeens Amme und gewissermaßen ihr „böser Geist", wurde gut durch Tilly P o t h dargestellt, die uns stets durch ihr Spiel interessiert. Anke Meyer gab mit ihrer sympathischen Erscheinung uüd ihrer schönen Sprechweise eine sehr liebliche „Kreusa" und verkörperte die feine Anmut und Liebenswürdigkeit dieses griechischen Königskindes sehr hübsch.
„Kreon", König von Korinth, hatte in EduardNeu- Haus einen guten Darsteller. Frisch-fröhliche Rollen scheinen Eduard Neuhaus aber besser zu liegen, er wirkte gestern etwas zu steif. —
Alle übrigen Spieler fügten sich harmonisch in den Rahmen des Ganzen ein und waren an dem reichlich gespendeten dankbaren Beifall der Theaterbesucher mitbeteiligt. Besonderes Lr- verdienten die Inszenierung durch Fritz Richard Werkhäuser und die dem Spiel angèpaßten stilvollen Bühnenbilder. Bedauerlich ist nur, daß die wirklich gute Aufführung nicht besser besucht war. —
H. D.
Erzeugungsschlacht ist lebensnotwendig!
Die Lehre des Weltkrieges gilt auch im Frieden. Ein Volk, dem das Ausland den Brotkorb nach Belieben höher . hängen kann, ist ständigem Druck ausgesetzt.
Direktorenkonferenz der Höheren Schulen Hessen-Nassaus.
Bad Homburg, 16. Jan. Am Dienstag und Mittwoch fand im Kurhaus eine Tagung der Direktoren und Direktorinnen der Höheren Schulen Hessen-Nassaus statt, zu der sich über 100 Teilnehmer eingefunden hatten. Nach der Begrüßung der Gäste durch Stadtkümmerer Nöldner berichtete Studienrat Röver an Hand eines aufschlußreichen Lichtbildervortrags über Erfahrungen, die bei Landaufenthalten gemacht wurden. Mittwoch morgen begannen die Fachtagungen über die Ausrichtung der höheren Schulen im nationalsozialistischen Staat im allgemeinen, sowie über die Aufgaben des deutschen Unterrichts.
Das Ergebnis des letzten Eintopfsonntags im Gau.
Ueber 2 2 0 0 0 0 Mark wurden gesammelt.
Frankfurt a. M., 16. Jan. Das Ergebnis des ersten Eintopfsonntags im Gau Hessen-Nassau beläuft sich auf insgesamt 222 460 Rm.
Bon 1500 auf 65!
Aufbauarbeit iin Westerwald.
Auch im Oberwesterwaldkreis, wo einstmals die Arbeitslosigkeit große Notstände heraufbeschworen hatte, geht es in den Jahren seit der Machtübernahme wieder aufwärts. Neben vielen Notstands arbeiten der Gemeinde- und Kommunalbehörden nahmen die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Genossenschaften zur Bodenverbesserung der Eemeindeviehweiden einen breiten Raum ein. In über fünfzig Gemeinden wurden in der Zeit von September 1933 bis Ende 1935 rund 600 Hektar Viehweidefläche melioriert. Dabei wurden 93 000 Tagewerke abgeleistet. Es ist gelungen, den Stand der Wöhlfahrts-Erwerbslosen im Gebiet des jetzigen Großkreises Oberwesterwald von 1500 im Sommer 1933 auf jetzt etwa 65 herabzumindern.
Büdingen, 16. Jan. (T ö d l i ch e r A r b e i t s u n fa l l.) Beim Abtragen eines Erdwalles im Thiergarten wurde der 43 Jahre alte Arbeiter Adam Hemel von nachrutschenden Erdmassen gegen einen Wagen der Feldbahn geschleudert. Der Mann erlitt einen Oberschenkelbruch und so schwere Kopfverletzungen, daß er wenige Stunden nach seiner Einlieferung in das Büdinger Mathilden-Hospital starb.
Nidda, 16. Jan. (A uf dem Wege zur Schule schwer verunglückt.) Gestern kam auf dem Wege zur Schule, gerade vor dem Schulgebäude, der neun Jahre alte Schüler Herbert Stadler aus Bad Salzhausen mit seinem Fahrrad unmittelbar vor einem Lastfuhrwerk zu Fall, wobei er unter das Fuhrwerk geriet. Der Junge erlitt dabei schwere innere Verletzungen, von denen man jedoch nicht weiß, ob sie durch Ueberfahren, durch Huftritte der Pferde oder durch den Sturz entstanden sind. Die Schwere der Verletzungen machte die Ueberführung des Knaben nach der Chirurgischen Klinik in Gießen erforderlich.
Lich, 16. Jan. (Stürzender Baum z e r st ö r t die Lichtzufuhr einer Stadt.) In Lich wurde am Dienstag abend plötzlich die Zufuhr des elektrischen Stromes unterbrochen und die Stadt in Dunkel gesetzt. Die sofortige Untersuchung eergab, daß auf dem Hardtberg beim Füllen eines Baumes eine Hochspannungsleitung zerstört worden war. wodurch Kurzschluß entstand und die automati- schen Sicherheitsschaller ausgelöst wurden. Nach etwa einer Stunde konnte der Schaden behoben werden.
Butzbach, 16. Jan. (EinuralterVaumriesein Ober^effen verschwindet.) In der Feldmark der Gemeinde Kirchgöns im Kreise Friedberg wird in diesen Tagen die etwa 800 Jahre alte Eiche am Rande des Waldes bei Kirchgöns gefüllt werden. Der gewaltige Eichbaum, der wohl einer der ältesten Bäume in Oberhessen ist, wurde von Besuchern aus nah und fern gern und oft ausgesucht und sah nicht selten heimatliche Feste unter seinem riesigen Blütterdach. Der Zahn der Zeit hatte auch an diesem mächtigen Stamm sein Zerstörungswerk ausgeübt, so daß die Gemeinde Kirchgöns die im Stamm entstandenen Risse mit Zement ausfullen ließ.
Lohr, 16. Jan. (Nahezu 100 jährig gestor- b e n.) In Ansbach bei Lohr starb der älteste Ortseinwoh- ner, Michael Oehring. Am 17. März Hütte Oehring seinen 100. Geburtstag feiern können.