Zul-aer Anzeiger
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Nr. 11 — 13. Jahrgang
Fulda, Dienstag, 14. Januar 1936
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Vierzehn Milliarden Rubel für die Sowjetarmee.
Bau von mehreren tausend Flugzeugen und von 4000 Tanks. - Erhöhung des Mannschaftsbestandes auf 1500 000 Mann.
Aufsehen müssen Meldungen aus Moskau erregen, nach denen Sowjet rußland gewaltige Erhöhungen seiner Rüstungsausgaben vorzunehmen gedenkt. Im Zentralexekutivkomitee der Sowjets, das in Moskau tagte, wurden in dieser Beziehung aufschlußreiche Enthüllungen gemacht. Nach Erörterung der Abwehr eines etwaigen japanischen Angriffs im Fernen Osten, erklärte ein Mitglied des Ausschusses, daß bereits im Jahre 1935 statt sechs Milliarden Rubel sür die Zwecke der Landesverteidigung acht Milliarden Rubel aufgewendet worden seien, iinb daß i m Jahre 1 9 3 6 vierzehn Milliarden Rubel sür militärische Zwecke ausgegeben werden würden.
Wie hierzu die englische Zeitung „Daily Mai l" mitteilt, entspricht der diesjährige russische Heereshaus- Halt demgemäß der riesigen Summe von 560 Millionen englischen Pfund. Das wäre
der höchste Heereshaushalt, der jemals einem russischen Kriegsminister zur Verfügung gestanden hat.
Das neue Rüstungsprogramm Sowjetrußlands sehe den Bau von mehreren tausend neuen Flugzeugen und 4000 Tanks und Panzerwagen vor. Die Rote Armee, die noch im Jahre 1934 einen Mannschaftsbestand von 562 000 Köpfen aufwies, der sich im letzten Jahre auf 940 000 vermehrte, soll im Jahre 1936 auf 1 500 000 Mann gebracht werden.
Die „frieÄWe" SswjeiumM
Einen merkwürdigen Beigeschmack erhält, wenn man sich das gewaltige Ansrüstungsprogramm vor Augen hält, eine Rede, die der Vorsitzende des Rates der Volkskorm miffarc, Molotow, vor dem Haupwollzugsausschuß der Sowjetunion über die Außenpolitik der Sowjets gehakte! hat. Er meinte, die Sowjetregierung yabc alles getan, nu den Frieden in Europa und Asien zu befestigen. Hierauf versuchte Molotow den Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Uruguay spöttisch als lächerlich abzu tun und wandte sich den
Beziehungen -?.u Deutschland und Japan zu. Die Sowjetregierung wünsche die Herstellung besserer Beziehungen zu Deutschland. Dabei konnte Molotow es sich jedoch nicht verkneifen, Deutschland aggressive
Doch Schwierigkeiten in Südtirol?
Ein neuer englischer Bericht.
London, 14. Januar.
Trotz der scharfen italienischen Dementierung der eng8 zischen Meldungen über angebliche Vorkommnisse in «ud- tiro! veröffentlicht „Evening Standard" in großer Aufmachung einen Venckt seines Sonderkorrespondenten Grice aus Innsbruck, in dem u. a. gesagt wird, daß die Zahl der Männer. die sich der Dienstleistung in Abessrnren durch die Flucht nach Oesterreich entziehen, wachse. Der Berichterstat er hat, wie er angibt, viele in der Nähe der italienischen Grenze gelegenen Dörfer und Städte von Nordtirol besucht und vèrsf'entlicht einen Teil der Aussagen der Deserteure, die unter schwierigen Umständen übë'- die schneebedeckten Mpenpässe geflüchtet sind. Er schildert dann im einzelnen die militärischen Vorkehrungen BUIietU in Südtirol und phreibt, die Grenrdörfer seien mit Soldaten und bewaffneter
Kvi gefüllt. In vielen Teilen würden neue Kasernen errichtet. Besonders scharf sei die Kontrolle am Brenner- Paß. Seit dem Ausdruck des Krieges hätten sich insgesamt mehr als 10 000 Deserteure bei den Nothilseverban- den gemeldet, was aus den Listen der Verbände klar herborgehe.
Unter Bezugnahme auf das von italienischer Seite veröffentlichte Dementi der Berichte über die Meuterer unter den Truppen des für Abessinien bestimmten Alpinr- regiments berichtet der Sonderkorrespondent über eine Unterhaltung mit einer Persönlichkeit, die für die Verhinderung weiterer Schwierigkeiten verantwortlich sei. Die Aussagen dieser Persönlichkeit bestätigten die bereits früher erschienenen Berichte. Der Zwischenfall habe sich in der Kaserne in Meran .zugetragen. In der Nacht vor ihrem Transport hätten die Leute ihren Offizieren den Gehorsam verweigert und den größten Teil der Einrichtung der Kaserne zertrümmert. Nach Unterdrückung der Revolte seien drei Mann in Haft behalten worden, deren Schicksal nicht bekannt sei; die anderen seien entwaffnet und ohne Gewehre oder Munition zum Zuge befördert worden.
Der Berichterstatter gibt anschließend eine Unterredung mit dem Professor der Universität Innsbruck, Dr. Reut- Nicolussi, wieder, der an den Arbeiten der Nothilfe- Verbände hervorragend beteiligt sei. Dr. Reut habe u. a. erklärt, daß seit Kriegs beginn 1 7 0 0 deutsch- sp rechende Deserteure die Grenze überschritten hätten. Kürzlich sei eine vollständige italienische Abteilung mit Maschinengewehren und Gewehren in einem Dorf in Nordtiryl eiygetrofjen, wo sie sich bei der Polizei gemeldet
Absichten unterzuschicben. Das klingt recht eigenartig aus dem Munde des Vertreters eines Landes, das offensichtlich die Vorbereitung der kommunistischen Weltrevolution unterstützt. Nachdem die Reichsregierung am 9. April 1935 der Sowjetunion einen wirtschaftlichen Kredit von 200 Millionen Mark gewährt habe, habe in den letzten Monaten die deutsche Regierung die Frage eines neuen großen Kredits aufgeworfen, und die Sowjetregierung werde sachlich diesen Vorschlag prüfen, da „die Entwicklung handelswirtschaftlicher Beziehungen mit anderen Staaten, unabhängig von den dort herrschenden politischen Kräften, der Politik der Sowjetunion entspreche".
Die Beziehungen zu Japan seien wenig erfreulich. Molotow ging auf die angeblichen Grenzverletzungen im Fernen Osten ein und bemerkte, „eines ist klar: daß
dieses Spiel mit dem Feuer an der fernöstlichen Grenze
nicht aufhört, und daß die japanische Militärclique sowohl unmittelbar als auch über andere Territorien sich an unsere Grenzen heranmacht".
Zum Schluß seiner Rede glaubte Molotow das Märchen auftischen zu können, daß „Deutschland, aufge- munten von einigen ausländischen Mächten, sich vorbereite, eine herrschende Stellung an der Ostsee einzunehmen", um mit dieser unglanblichen Verdächtigung die gewaltigen Aufrüstungen der Sowjetunion verteidigen zu können. Dabei sprach er davon, daß die Sowjetunion die Werktätigen aller Länder über die besondere Linie der internationalen Friedenspolitik (!) der Sowjetunion aufklären müsse.
Ebenso bemerkenswert war die Erklärung Molotows, daß der Eintritt Sowjetrußlands in den Völkerbund keineswegs zu bedeuten habe, daß fortan kein radikaler grundsätzlicher Unterschied zwischen der internationalen Politik der Sowjetunion nitb der Politik der kapitalistischen Mächte bestehe. Der italienisch-abessinische Krieg zeige, daß die Gefahr des Weltkrieges immer mehr wachse, immer mehr Europa erfasse. „In dieser internationalen Situation", erklärte Molotow, im Tone dunkler Drohung, „ist die Verantwortung der Sowjetunion besonders groß. Wer sich in einen neuen imperialistischen Krieg verwickelt, kann sich auch noch vor der Verwirklichung seiner Usurpationspläne . den Hals brechen."
hätte. Dr. Reut habe sich seinerzeit in Rom gegen Vre Aushebung von Wehrpflichtigen in Südtirol gewandt mit dem Vorschlag, sie für Polizeizwecke zu verwenden. Auf die ablehnende Antwort des Knegsmimsters hm habe Reut erklärt, daß es dann zwar nicht zu einer offenen Revolte oder zu Blutvergießen kommen wurde, daß aber viele Leute desertieren würden. Bei dem Abtransport der eingezogenen Reserveoffiziere sei es auf allen Stationen zu Storungen gekommen, in deren Verlauf biete Verhaftung e n vorgenommen worden seien.
Diè Darstellung des „Evening Standard über Zsuv- tirol die die gesamte Hauptseite und eine doppelte Spalte einer weiteren Seite füllt, wird, wie bereits betont, von italienischer Seite entschieden bestritten. Dein Blatt muß daher die volle Verantwortung für seine Ausführungen überlassen bleiben.
Steuern werden zurMnezahlt Aber nur in Amerika.
Washington, 14. Januar.
Das Bundesobergericht entschied am Montag, daß Verarbeitungssteuern in einer Gesamthöhe biMt 200 Millionen Dollar den Verarbeitern zurückgegeben werden müssen. Die Steuern waren auf Grund des kürzlich für verfassungswidrig erklärten Agrargesetzes erhoben worden. Nach der Anfechtung dieses Gesetzes war von den Gerichten Verwahrung gegen die weitere Erhebung von Verarbeitungssteuern eingelegt worden.
Ein Brunnenvergifter ausgewiesen.
Der bisherige Berliner Berichterstatter des „P raget Tagblatt s", der Jude und tschechoslowakische Staatsangehörige Ernst Popper, ist unter dem 10. Januar 1936 aus dem Reichsgebiet ausgewiesen worden, weil er fortdauernd in unzuverlässiger, unsachlicher und gehässiger Weise über Deutschland an die von ihm vertretene Zeitung berichtete und durch seine ierführen- den H e tz a r t i k e l nicht nur die Interessen des Reiches erheblich geschädigt, sondern auch die i u t e r n a t i o n a l e A l m o s p h ä r e planmäßig v e r g i stet bat. Popper bat durch sein Verhalten die Pflichten, welche ihm die von Deutschland gewährte Gastfreundschaft ms erlegte. aufs gröbste verletzt
Moskaus Methoden.
14 Milliarden Rubel für die Aufrüstung der Sowjetarmee, das ist die neueste Tatarennachricht, die aus Moskau kommt. Schon jetzt ist die Rote Armee bewaffnet, als ginge es jeden Tag in den Krieg. Tanks rasseln durch die Straßen, Truppen marschieren auf zu Paraden vor den roten Diktatoren. Und mit den bewaffneten Regimentern ziehen die roten Agitatoren.
Und das alles im Zeichen des Friedens und der Versöhnung — wie der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, Molotow, sagt. Es ist schon eine starke Zumutung, wenn Molotow das Aufrüstungsprogramm mit dem Schutz des Friedens begründen will. Außerdem hat man so gewisse Ansichten über das, was Moskau Frieden nennt. Und wo bleibt die Weltrevolution, die Moskau auf seine Fahnen geschrieben hat? Eines gibt es doch bloß, Frieden oder Revolution. Nie beides. Und dessen sind wir sicher: in Moskau gilt nur das Programm der Weltrevolution, des Weltbolschewismus. Wenn daher heute die Sowjetdiktatoren 14 Milliarden Rubel aufbringen, um sich das größte Heer auf der Welt zu schaffen, das bestgerüstete, dann haben sie scheinbar einen ganz gewaltigen Vorstoß gegen den Weltfrieden vor.
Kleine Vorgefechte sind ja bereits überall geliefert worden. Den Vortrupp bilden immer die roten Agenten Moskaus, die bald hier, bald dort austauchen, um zu wühlen und Revolutionen oder Revolutiönchen anzustiften. Noch frisch in Erinnerung ist uns der Fall in Uruguay. Da gelang es ihnen einmal gründlich daneben. Die Regierung von Uruguay hat den Moskauer Sendlingen kurzerhand die Maske vom Gesicht gerissen und der Welt das wahre Gesicht des Bolschewismus vor Augen geführt. Uruguay hat den Weg gezeigt, wie man es machen muß. Wenn selbst ein Sowjetgesandter, wie der in Montevideo, im Dienste der Ausbreitung des Bolschewismus handelt, dann ist damit wohl klar bewiesen, daß es sich für die Sowjets, wo auch immer sie vertreten sind und was auch immer ihre Vertreter tun, immer nur um Arbeit im Dienste des Bolschewismus handelt. Die Methoden sind nicht immer diplomatischer Natur. Die in Moskau residierende Komintern, jene Organisation, die das rote Netz über die ganze Welt spannt, stellt alle Mittel in ihren Dienst. Wenn es zur Revolution nicht ausreicht, dann macht es vielleicht ein kleiner Mord oder ein Aufruhr mit einigen Todesopfern. Hauptsache ist der roten Zentrale in Moskau die Störung des Friedens.
Eine Ironie, aber eine bittere, wenn dasselbe Rußland, das das Verbrechertum in den Dienst seiner Idee stellt, jetzt noch obendrein Beschwerde beim Völkerbund einlegen will über die Maßnahmen Uruguays. Man sieht, die Machthaber in Moskau fühlen sich zur Zeit sehr stark. Sie haben ja auch einen ihrer bewährtesten Kämpfer in Genf zu sitzen. Es ist der Vorsitzende des Völkerbundsrates, Herr Litwinow. Warum sollte man nicht auch den Völkerbund einmal vor den bolschewistischen Karren spannen und ihn für die kommunistische Propaganda in Westeuropa einsetzen!
Nun noch ein Wort zu Molotows Angriffen auf Deutschland. Zwei Hauptgegner scheint man in Moskau zu kennen, das ist Japan und Deutschland. Beiden glaubte Herr Molotow eine Lehre geben zu müssen. Den Japanern warf er die Nichtachtung der sowjetrussischen „Friedensbemühungen" vor, und uns möchte er in Verbindung mit der Wiederherstellung der Wehrhoheit Angriffspläne unterschieben. Nun wäre ja Herr Molotow der letzte, der geeignet ist, die Welt über unsere Absichten zu belehren. Aber deshalb wollen wir ihm doch nicht die Antwort schuldig bleiben. Unsere Wehrfreiheit und die russische Aufrüstung sind zwei Dinge, die nicht unter einem Gesichtspunkt zu betrachten sind. W i r schützen die Grenzen mit unserer Armee, damit daheim der Bauer in Frieden seinen Acker pflügen, der Arbeiter sorglos an der Maschine stehen und der Handwerker zuversichtlich seine Zukunft aufbauen kann. Unser Heer ist der beste Garant des Friedens, und was wir aufwenden für die Armee, das tun wir nicht auf Kosten des Arbeiters und des Bauern. Die sollen nicht darunter leiden, sondern die sollen die Segnungen der Wehrfreiheit erfahren.
Aber wie ist denn das in Sowjetrußland? Woher kommen denn da die Milliarden? Man verschleudert Volksgut, steigert die Getreideausfuhr durch Zwang und Gewalt, nur um fremdes Geld hereinzubringen, das man für die Aufrüstung einsetzt. Aber das Volk hungert, Tausende und aber Tausende gehen zugrunde vor Hunger, die Jugend verkommt und verwildert, das Familienleben ist zerrüttet. Was kümmert das alles die roten Diktatoren, wenn Millionen zugrunde gehen im eigenen Lande! Erst kommt der Weltbolschewismus, und dann kommt die Sorge für das eigene Volk. Soll der Bauer krepieren und der Arbeiter sich die Hände wund schuften. Sie alle nur sind Sklaven der roten Machthaber. Die 14 Milliarden wird Moskau ausbringen, und wenn sich das Elend noch weiter vergrößert!
Das ist unsere Antwort an Herrn M o l o - t o w. Soll er sie widerlegen. Es wird ihm schwerfallen.