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13. Januar 1935:

Schicksalsstunden an der Saar.

Die Städte sind ein Lichtermeer. Das Leichentuch des Status quo. Fefttagsstimmnng in Stadt und Land. Letztes hysterisches Toben der Verräter. Die Parole der Saar:Nix wie hemm!"

13. Januar 1935 an der Saar. . . Feierstimmung liegt über den Menschen, eine erhebende Stimmung, die sich auf alles, was diese Menschen umgibt, überträgt und altes aus dem Alltag heraushebt und überstrahlt mit dem Glanz eines einzigartigen herrlichen Festes. Die Fabriken sind nicht mehr Stätten hämmernder Arbeit, sondern in die Flut von zehntausenden Lichtern gestellte Fackeln. Die Straße,: sind flammende Lichthallen. Es gibt keine Nacht mehr^ an der Saar, seit Tagen schon nicht mehr. Wenn die Sonne den trüben Nachmittag verläßt, um hinter den lothringischen Bergen unterzutauchen, flammen Millionen Lämpchen auf, aneinandergereiht als endlose Ketten, und stellen den Abend in ein einziges Glühen. Und in all dieses Licht hinein fällt der Strahl unaufhörlich auf Türmen rotierender Scheinwerfer. Es ist kein müßiges Spiel mit den Reflexen Millionen brennender Birnen, sondern die sichtbar gewordene Freude eines Volkes, das sich vor der Erfüllung seiner Sehnsucht weiß: Durch N acht zum Licht. Durch die Nacht fünfzehnjähriger Knechtschaft zum Licht der Freiheit und der Heimkehr ins Vaterland. Irgendwie muß die Freude eines nach langen, bangen Jahren erlösten Volkes dem Jauchzen seines Herzens sichtbaren Ausdruck geben. Und Licht wollen die Menschen haben, weil es in ihren Herzen hell ist.

Die Saar am Vorabend der V o l k s a b st i m - m u n g. Es ist keine taumelnde Freude, kein Rausch, was die Menschen packt, sondern eine Freude so kristallklar und rein, daß sie jeden packen muß, der in ihre Ausstrahlungen kommt. Nicht ein einzelner ist frohgestimmt und fühlt sich beglückt, sondern ein ganzes Volk. Und dieses Volk findet sich in dieser Freude, in dem Gefühl, durchweg gleich reich und gleich groß beschenkt zu sein; beschenkt milder Freiheit aller, erlöst von denselben Zwingherren, die alle be­herrschten, geeint auf demselben Weg, bet zur Heimat führt.

Ein später Winter hatte plötzlich über Nacht die Erde in ein dichtes weißes Kleid gehüllt. Schnee war gefallen, und was gestern noch schwarz, steht heute in leuchtendem Weiß. Saarvolk meint, es sei das Leichentuch des

URHEBER-RECHTSSCHUTZ DURCH VERLAG OSKAR MEISTER, WERDAU

37) (Nachdruck verboten.)

Aus also!

Und das Geld war auch ausgegangen! Was nun? So schnell als möglich fort. Irgendwo anders hin. In dem verfluchten Deutschland konnte man nicht bleiben. Hier hatte man kein Glück. Das war schon das zweite Mal, oaß einem ein gewaltiger Strich durch die Rechnung ge­macht wurde. Also in die Schweiz. Und wenn man erst wieder bei Geld war, konnte man von dort aus nach Paris gehen. Es waren schon einige Jahre her, daß man nicht mehr dort gewesen war.

Freilich, das elende Geld! Langte denn das noch für die Fahrt?

Da trat eine schlanke, dunkeläugige Fran ins Zimmer.

Fernande, ich habe alles mit angehört. Du sorgst dich nun wohl? Beruhige dich! Ich habe den Schmuck abgeholt, den Frau Doktor Hofer neulich mit mir zu­sammen zur Umarbeitung gab. Der Juwelier kannte' mich gleich wieder und händigte mir den Schmuck aus. Er ist gut seine zwölftausend Mark wert. Fürs, erste reicht es also. Und Gitoff reist noch heute abends nach Brüssel. Er hat den Schmuck mitgenommen und! mir dafür achttausend Mark Anzahlung gegeben."

Der Mann sprang auf und küßte die Frau wie toIL Juane, wenn ich dich nicht hätte!"

So bezahlte die leichtsinnige Annemarie ihr Aven- teuer nun doch noch. Sie hatte es am andern Tage er* fahren, als fte ihren Schmuck abholen wollte. Der Juwelier war furchtbar erschrocken, aber sein Gesicht klärte sich schnell auf, als Frau Doktor Hofer sagte, daß ihre Freundin ihr nur den Weg habe abnehmen wollen. Sie sei sicher inzwischen schon bei ihr daheim, denn sie hätte ihren Besuch für heute vormittag angesagt.

Annemarie gestand ihrem Manne sofort die Wahrheit. Der lächelte bitter.

Daran siehst du wenigstens, was deine Freunde wert waren."

Damit war die Angelegenheit erledigt.

Annemarie beschloß, sich mehr dem Kinde zu widmen. Aber sie war immer sehr froh, wenn sie wieder ans dem Kinderzimmer fort konnte.

Der Kleine blieb scheu, ja er stieß sie manchmal sogar

Status qu o , das Bahrtuch der Fremdherrschaft. Un­unterbrochen bringen Sonderzüge Tausende aus dem Reich kommende Abstimmungsberechtigte heran. Autos jagen in endlosen Kolonnen durch die Straßen der Städte. Die Menschen sind eifrig dabei, ihren Wohnungen den letzten Schmuck zum festlichen Tag anzulegen. Draußen in den Dörfern und Städtchen das gleiche Bild. Überall geschmückte Häuser als Merkmal eines Volksfestes.

Die Dorfstraßen wurden zu Tannenalleen, die Häuser zu grünen und weißen Würfeln. Es war verboten an der Saar war seit fünfzehn Jahren irgend etwas ständig verboten, Fahnen zu zeigen und Symbole. Sie liegen bereits zum Anbringen fein säuberlich gerüstet in den Stuben bereit. Aber dennoch wehen schon zahlreiche Fahnen aus den Häusern. Fahnen, geflochten aus Tannengrün und bunten Bändern.

Nichts ist zu spüren von der Spannung und Erregung der letzten Wochen und Tage. Tausende ehemalige Separatisten finden noch in letzter Stunde den Weg zur Volksgemeinschaft zurück; ein separatistischer Zeitungsver- käufer wirft seine Sudelschriften auf die Straße, stampft sie in den Schnee und ruftHeil Hitler!" Massenübertritte gestern noch separatistisch tätiger Funktionäre werden von der Bevölkerung mit taktvollem Verstehen quittiert und als selbstverständlich ohne besondere Worte begrüßt.

Die Glocken läuten, und.durch den Schnee bahnen sich unzählige Menschen den Weg zur Kirche. Flehende Gebete bitten um den Sieg der guten Sache.

Wo sind die Separatisten, die solange und soviel von sich reden machten? Menschen stehen in der Kälte des Winterabends beisammen. Sie sprechen in froher Er­regung. Alle reden vom Reich, von der Heimkehr, vom Vaterland. Sie sprechen auch vom Status quo, vom Separatismus; aber sie reden davon, wie von etwas, was einmal längst gewesen.

Terror Terror!" Die separatistischen Zeitun­gen plärren es noch einmal in wilden Schlagzeilen hinaus. Wo ist der Terror? Die Menschen haben Feierstimmung. Sie denken nicht an Blut und Mord. Nur hin und wieder rottet sich ein Emigrantenhäuflein zusammen, einige Separatisten, die in keifender Manier nach dem Status quo kreischen oder heimkehrende Menschen belästigen. Fieberhaft wird gearbeitet im Generalstab des Separa­tismus. Die Kopiermaschinen werfen tausende ge­fälschte Briefe aus. Tausende flattern in die Woh­nungen des Saarvolkes. Sie fliegen in die Feuer der Öfen.

Die Telephone schrillen bei der Abstimmungskom­mission. Die Separatisten melden die von ihnen selbst konstruierten angeblichen Sabotagen der Deutschen Front an dergeheimen Abstimmung". Die Separatisten arbeiten fieberhaft; gehetzt von einer wahnsinnigen Angst vor dem 13. Januar. Sie wollen unter allen Umständen die Volksabstimmung verhindern. Sie haben wieder ein­mal verspielt. Die Volksabstimmung wird durchgeführt. In der Landesführung sitzen die Führer in erwartungs­voller Ruhe beisammen, sie lächeln über die letzten Seil­tänzertricks des hysterisch geworbenen Landesverrats,

Die Volksabstimmung wird durchgeführt. 13. J a - nuar1935anderSaar. Ein historischer Tag. Ein klarer Wintertag. Autos jagen pausenlos über die glit­schigen Straßen der Stadt, die Straßenbahnen sind zum Bersten gefüllt, und über die Bürgersteige schiebt sich eine Menge festlich gekleideter Menschen. Alte Mütterchen humpeln mühsam am Stock zum Stimmlokal. Sie haben die freie Autofahrt ansgeschlagen, sie gehen allein zur Urne. Sanitätswagen bringen die Kranken in die zu­ständigen Stimmlokale. Und vor den Stimmlokalen selbst stehen die Menschen in langen Schlangen, Stunden um Stunden.

Keine Parteien tragen werbende Schilder. Ein Hitler- junge hält eine Tafel mit der wichtigen, aber sehr drastischen

weg, und das entfachte ihren Zorn immer wieder aüfs neue. Doch Gerd gegenüber ließ sie sich nichts anmerken.

Eines Tages mußte Dr. Hofer in einer dringenden Angelegenheit nach Kiel reisen.

Es traf sich, daß er gerade während einer großen Ruderregatta dort weilte. Er wurde von Kapitän­leutnant Derlemer eingeladen, den er seit vielen Jahren kannte. _ . , ,

Das klappt großartig," meinte der Kapitanleutnank erfreut.Sie kennen doch den Baron Kellberg? Denken Sie mal, der ist auch hier. Mit seiner Frau. Es ist etne Kusine von mir. Tja, zu nett, wenn sich alte Freunde alle auf einem Haufen so fröhlich wiederfinden. Kell- bergs sind bereits eingetroffen. Warten Sie, ich bringe Ihnen die beiden her." , ,

Schon war der gemütliche lange Derlemer fort und ließ Gerd Hofer mit unbeschreiblichen Gefühlen zurück.

Dani! ~

Er würde Dani wiedersehen, die Axel Kellbergs Frau geworden war! Gerd Hofers Gestalt straffte sich. Ein hartes Lächeln grub sich um seinen Mund. Diese Be­gegnung hatte der Zufall gewollt. Nun mußte sie eben ertragen werden. , t

Quer durch den Festsaal des Schiffes, auf dem das Bankett gegeben wurde, kam Kapitünleutnant Derlemer mit Kellberg und einer schlanken, hübschen Frau auf ihn zu. ' _ r

Guten Tag) lieber Gerd," grüßte der Varon herzlich. Darf ich dir meinen Freund vorstellen, Grete? Doktor Hofer meine Frau!"

Die Hände der beiden Männer lagen fest ineinander. Eine alte gute Freundschaft erwachte wieder. Dr. Hofer küßte die Hand der schlanken Frau, die mit glücklichen Augen neben Kellberg stand.

Dabei raste der Gedanke durch sein Hirn: Das ist Kellbergs Frau?! Und--wo ist Dani?

Man setzte sich, der Kapitänleutnant ließ Sekt bringen.

Das müssen wir feiern, daß wir uns alle hier so ge­mütlich getroffen haben im alten, schönen Kiel."

Die Hauptfeier war vorbei, und so konnte man gut ein bißchen für sich bleibem

Der.Blick Kellbergs ruhte immer wieder auf Hofers ernstem, fast hartem Gesicht.

Frau Grete meinte munter:

Better Kurt, zeige mir doch mal die Kommando­brücke, ich interessiere mich mächtig dafür. Und die zwei alten Fremrde haben sich vielleicht doch manches zu er­zählen, wobei wir beide überflüssig sind."

Der Kapitänleutnant schlug sich vor die Stirn.

Richtig, Gretelein! Wir Seebären sind sonst nicht be- griffsstutzig. Aber in diesem Fall war ich es bestimmt."

Kellberg hatte einen ernsten Blick mit seiner Frau ge*

Ter Führer begrüßt Gauleiter Bürckel.

(Wagenborg-Archiv.)

Mahnung:N i ch t g r ü tz e n ! M a u l h a l t e n !" Die Mahnung wird befolgt. Eine geradezu feierliche Stille liegt über den Stimmlokalen.

Ein Mütterchen steht vor dem Abstimmungsvorsitzen­den, der einige Fragen stellt. Das Mütterchen schaut ihn aus gütigen Augen groß an. Aber es schweigt.Hören Sie schlecht, liebe Frau?" Ta» Mütterchen bleibt stumm wie das Grab, geht in die Zelle, gibt seinen Umschlag ab und geht schweigend von dannen. Auf der Straße findet es seine Sprache wieder.Ich werde mich hüten nnb das Maul auftun, ichwillhemm,niralshemm!" Sie sprach aus, was alle fühlten und ersehnten: keim ins Reich zu den Brüdern.

.. der kühn geschmiedet Deutschlands neue Wehr!"

Ein schöner, aller Brauch ist es, daß all­jährlich die Vertreter der Salzwirker Brüder­schaft zu Halle, die Halloren, dem Staatsober­haupt Salz und Wurst überbringen und ihm dazu ihren Neujahrsspruch sagen. Ter Neu­jahrsgruß der Halloren, den sie in diesem Jahr dem Führer überbrachten, hat folgenden Wortlaut:

Ein Volk, das waffenlos der Feindeslücke

Versprechen glaubt, die rasch im Wind verklingen.

Und das im schicksalsschwersten Augenblicke Hofft, durch Entwaffnung Rettung zu erringen, Das hadre nicht, wenn es ein arg' Geschicke Verhindert, sich fein Leben zu erzwingen:

Denn ohne Wehr sind Land und Volk verloren

Und haben sich den Untergang erkoren.

Wer aber Waffen hat und kann sie brauchen,

Der bleibt ein Meister seines Schicksals stets.

Kühn schreitet er, wenn Kriegesstürme fauchen, Dem Feind entgegen, denn zum Kampfe geht's. Und wo jetzt neu erwacht die Schlote rauchen, Da klingt das Segenswort des Tankgebets

Und mischt sich gern in helle Jubellieder,

Denn Ihr gabt Arbeit uns und Ehre wieder!

Heil Euch, der Ihr des Volkes Wehr geschaffen, Der Deutschland Achtung weckte in der Welt!

Wenn unsre Jugend einst mit Siegeswaffen

Jedweden Angriff frisch und stark zerspellt,

Dann werden arg erstaunt die Neider gaffen, Und preisen wird man dann den deutschen Held

Zu Land, zur Luft und auf dem freien Meer,

Der kühn geschmiedet Deutschlands neue Wehr!" iwii'iw l niiiwi mrrrwi-gjigg-A «n MMwrMMMMi ! III wiTi n II ni-rj- u... j -^rr ii.iui i. - . 7 '" r ^r^i^^, . -_«^.-- - -": :.'-*7-wkws.w*^rww«wif»*w»v* wechselt, mit Der er in allerglücklichster Ehe lebte. Dann verließ sie an der Seite ihres Vetters den Saal.

Und nun erfuhr Gerd Hofer alles!

Wie damals der Ring an Kellbergs Hand gekommen war. Welch eine furchtbare Rolle dieser Ring in Danie­las Leben gespielt. Nun wußte er, daß Daniela noch heute keine Ahnung hatte, wer er in Wahrheit war, und daß sie wahrscheinlich mit Verachtung an jenen Ernst Hoffmann zurückdachte, der sie einst verließ, sie, die ihm immer treu gewesen war!

Fest, ganz fest umkrampfte Gerds Hand die Rechts des Freundes.

Verzeih mir, Axel!"

Ich habe nichts zu verzeihen. Wir sind eben beide mit in die Geschehnisse hineingezogen worden."

Und du weißt nicht, wo Dani ist?" ,

Nein! Ich konnte mir nicht denken, was deine Feind­schaft mir gegenüber zu bedeuten hatte. Nufdrüngen wollte ich mich nicht. Ich wähnte dich längst mit ihr verheiratet, hatte daher auch keinen Grund, ihr nachzu^ forschen."

Ich habe meine Kusine Annemarie geheiratet."

Da wurde dem Freund die ganze Größe der TragödiS klar. Aber er meinte trotzdem:

Vielleicht ist die kleine, schöne Dani doch auch glück­lich geworden."

Ja, vielleicht! Ich wünsche es ihr von ganzem Herzen. Axel, hast du Familie?"

Ja, einen schlimmen Jungen. Der brüllt auf Kell- berg herum, daß uns Hören und Sehen vergeht, dabei ist der Knirps erst zweieinhalb Jahre. Aber er ist der Herr auf Kellberg. Schrecklich! Aber glücklich bin ich doch. Und meine Frau ist mein liebster, bester Kameras Hast du auch Kinder?" , .

Einen Jungem Aber er ist leider ein Krüppel. Wiro sich niemals allein fortbewegen können."

Gerd Hofer brannte sich eine Zigarette an, seine Harro zitterte dabei stark.

Und Axel Kellberg hätte am liebsten gewütet gegen ein Schicksal, das derart grausam sein konnte gegen einen Gerd Hofer! Doch er saß ganz still und nur seine Hand legte sich fest und warm um die des Freundes.

Als Frau Grete mit ihrem Vater zurückkam, atmeten die beiden Männer heimlich auf. Was hätten sie auch noch allein besprechen sollen? Jedes weitere Wort ritz neue Wunden auf.

Dr. Hofer blieb sehr lange an diesem Abend in der Gesellschaft feiner Freunde, weil ihm vor seinem ein­kamen Hotelzimmer graute.

(Fortsetzung folgt.)