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Die Beschwörung

Sven Larvick hat den ganzen Vormittag verschlafen. Seit zwei Tagen liegt die Söderhamm" in Göteborg, und an allen Ecken schmieren sie an ihr herum um ihr für die nächste Nordlandfahrt ein neues Gewand zu geben. Der größte Teil der Mannschaft ist heimgefahren. Nur wenige sind zurückgeblieben, verbringen die Tage in den Kojen oder auf dem sonnigen Achterdeck und verdrücken sich gegen Abend in die Stadt. Es sind vielleicht ein halbes Dutzend, die auf derSöderhamm" zurück­geblieben sind, Heimatlose sind sie alle. Sven Larvick der Jüngste unter ihnen, hat seine Kiste durchgekramt und einige handfeste dreckige Schmöker gefunden.

Am dritten Tage kommt Jim Window über das Deck geschoben, befördert seinen alten Priem über Bord, blinzelt träge gegen die Sonne und dann aus die Schmöker, die Sven neben sich auf einem Korbstuhl zu liegen hat. Eigentlich sehen sie sich selten an Bord, denn dieSöder­hamm" ist ein großes Schiff, und Jim ist unter Deck als Heizer beschäftigt, während Sven im Speiseraum bedient. Aber Jim scheint sich zu langweilen. So haut er sich gähnend neben Sven in einen Liegestuhl und greift sich den Stapel herüber?

Sven sieht sich Jim an. Er hat ihn nicht einmal um Erlaubnis gefragt. Aber Jim steht aus wie ein Verufsringer, und da ist man wohl am besten still. Sven fühlt sich irgendwie nicht behaglich neben Jim, der ihn kaum beachtet. Und um nun einmal erst das Gespräch in Gang zu brin­gen und über dies ungemütliche Schweigen hinauszukommen, zieht er ein dünnes schwarzes und mit vielen Zeichnungen ver- sehenes Heft aus dem Stapel und hält es Jim hin.

Geschichten, wie sie Ohle manchmal er­zählt", sagt er kurz und wartet daß Jim etwas erwidern werde. Ohle Trösten ist Zweiter Steuermann an Bord und muß jetzt irgendwo in der Kabine liegen und seinen Kater verschlafen. Wenn Ohle Tor­sten nicht am Steuer steht, ist er besoffen. Und wenn er nicht besoffen ist, erzählt er Geschichten, geheimnisvolle, haarsträubende und vollkommen unglaubwürdige Ange­legenheiten vow Klabautermännern und Hafengeistern, denen er begegnet sein will.

Jim Window nimmt sich knurrend das Buch vor die Nase und stiert auf das Titel­bild. Da hängt einer am Galgen und um ihn find weiße Gestalten. Es ist eine schöne, gruselige und außerordentliche bunte Zeichnung.

Der Eeisterkönig" sagt Sven erneut. Fein zu lesen und spannend. Da kommt Ohle nicht mit. Und am Schluß... eine Anweisung, wie man Geister beschwört."

Jäh verstummt er. Jim Window hat das Heft auf den Boden gehauen und schiebt schweigend ab. Sven nimmt das Heft vom Boden auf, streicht es kopfschüt­telnd glatt und legt es auf den Seffel zurück.

Am Abend trifft er dann auf Ohle. Er weiß eigentlich nicht recht, warum er das tut, aber plötzlich hält er ihm das Heft hin. Schon will er von Jim erzählen, dann besinnt er sich jedoch. Auf alle Fälle ist es nicht geraten, irgendwie mit Jim an­zubinden.

Ohle Torsten ist dann auch bald dabei. Ein Dutzend Klabautermänner hat er zu­mindest gesehen, so wahr er dreißig Jahre über See gefahren ist. Und wenn es wahr ist, was da geschrieben steht, dann werden sie es eben' versuchen. Geister kommen zwar ungerufen. Aber trotzdem...

Ohle Torsten hält eine Rede. Die ande­ren grinsen, grölen ihm zu. Es ist ver­dammt langweilig auf derSöderhamm", und Spaß muß sein. Also sind sie bereit, alles mitzumachen, was Ohle der das Heft in der Hand hält und es wild um­herschwenkt von ihnen verlangt. Jim Window ist nicht anwesend.

Sie zerren einen Tisch aus dem Speise­saal, einen kleinen runden Tisch, wie er gefordert wird, und setzen sich um ihn herum. Langsam fällt ihr Gelächter in sich zusammen. Ohle Torsten hat die Tür ge­schloffen und die Lampen, bis auf ein Flämmchen, gelöscht. Sie nehmen die Hände empor und legen sie auf die weiße Marmorplatte. Dann geben sie sich die Hand, während Ohle murmelnd hinüber- geht, um die letzte Lampe zu löschen. Nur sein Stuhl ist noch frei. Aber Sven ist nicht zufrieden. Bis jetzt hat er gezögert, aber nun hält es ihn nicht mehr.

Jim muß dabei sein, Ohle. Wo ist denn Jim?"

Ohle will abwinken, aber die anderen fallen ihm dazwischen. Fast scheint es, als ob sie sich über die Verzögerung freuten.

Ihre Stimmen gewinnen an Festigkeit. Jim muß herbei. Alle müften mitmachen, sonst ist es kein Spaß. Also macht sich Ohle auf den Weg, um Jim zu holen. Es ver­geht eine lange Zeit. Schon wollen einige tn ihre Kombüsen, um sich landfein für den Abend zu machen. Doch da kommt Jim. Er starrt sie an, als ob er sie alle zusammenschlagen wolle. Sie gröhlen ihm entgegen und ziehen einen Stuhl heran. Nun erst kann Ohle die Lampe löschen. Seine Schritte tapsen durch das Dunkel, dann verschiebt sich ein Stuhl. Sven fühlt, wie sich Ohles grobe, harte Hand um die seine legt. Die Kette ist geschloffen. Jetzt lacht niemand mehr. Schwer liegt der laute Atem der Männer über dem kleinen Raum.

Wen?" fragt Ohle dumpf. Es scheint, als ob er sich plötzlich seiner Wichtigkeit bewußt werde. Immer hat man über seine Erzählungen gelacht. In seiner Stimme ist ein Klang von Würde und Feierlich­keit.Wen?" fragt er noch einmal. Ir­gend jemand muß beschworen werden. Schon will Sven, dem ein feines Pochen durch die Schläfen geht, irgendeine von Ohles Spukgestalten fordern, um die Situation durch einen Witz aus dieser ungemütlichen Stimmung zu reißen, als Jim zum ersten Male den Mund öffnet.

Lundeguift", sagt Jim Window mit flackernder Stimme. Dann wird es still. Sie warten lange und verlieren fast den Atem dabei. Aber nichts geschieht. Mit einem dröhnenden Lachen löst Jim schließ­lich die Kette. Plötzlich schämen sie sich alle, und Ohle Torsten muß herhalten für ihre groben Späße. Jim Window ist der Tollsten einer. Er lädt sie ein für diese Nacht. Seine ganze Heuer will er ver­saufen mit ihnen. Weiß der Teufel, was in Jim Window gefahren ist.

Es ist gegen Mitternacht, als sie in der dritten Kneipe landen, einem wüsten Ding,

Rauhreif auf Bergeshöhen Archiv

° Autwärte-Verlag M

Der Schwan / Von Andreas Poltzer

Der neue Kapellmeister hieß Reinhard und hatte rötliche Haare. Was lag näher, als ihn Reineke und seinenBau" Male­partus, das üble Loch, zu taufen. Dagegen halfen weder seine Proteste noch der Um­stand, daß er seine roten Haare irgend­einemTürkischen Haarwaffer" verdankte, das ihm aufgeschwatzt worden war. Auch bewohnte Herr Theater-Kapellmeister Reinhard das Staatszimmer der verwit­weten Rechnungsrätin Spillmann, das trotz seiner tückischen Sitzgelegenheiten und seiner Riesenmuscheln, dieser in die Gegen­wart herübergeretteten, bescheidenen Vor­läufer des Radios man brauchte sie nur an das Ohr zu drücken, um das ferne Rauschen des Ozeans zu hören, eine so herabwürdigende Bezeichnung nicht ver­diente.

Der neue Kapellmeister hatte schon bei seinem Antritt einen kleinen Erfolg. Nach seiner näheren Heimat befragt, erklärte er vollkommen ernst, entsprach es doch der Wahrheit. er sei ein in Chemnitz ge­borener Tiroler. Dieses Scherzo seines Lebens wirkte auf uns alle ungemein er­heiternd. Herr Kapellmeister Reinhard, übrigens ein vorzüglicher Musiker, hatte somit ein gutes Debüt.

Auch das Publikum des Stadttheaters schloß den eleganten und temperament­vollen Dirigenten schnell in sein Herz. Unser Reineke besaß bald eine große An­

dicht am Hafen. Ohle ist bereits auf der Strecke geblieben, Sven schwankt bedenk­lich. Trübe flackert die Petroleumfunzel über Tisch und Raum. Einen Augenblick scheint es plötzlich, als ob sie ganz erlöschen wolle. Weit hat die Flamme zurück- geschlagen, den Raum in ein rötliches Halbdunkel getaucht. Irgend jemand hat die Tür geöffnet und ist eingetreten. Die dreckigen Vorhänge fallen hinter dem Fremden zusammen. Starr steht die Flamme. Schief hängen Windows Augen an dem Anderen. Dann richtet er sich mit einem wüsten Fluch halb auf und greift nach dem Elas.

Sie fallen ibm in die Arme, bevor er werfen kann. Der Fremde ist näher zette­ten, sieht hinein in den Lärm.Abend, Boys", sagt er ruhig und stellt seine See- mannsfifte beiseite. Sie starren ihn an. Ein durchreisender sailor. Weiter nichts. Warum aber hat Jim ..? Mit einem dumpfen, gurgelnden Fluch ist Jim Win­dow zusammengefallen. Der Fremde steht vor dem Tisch und starrt auf den Re­gungslosen.

Bei Gott...", sagt er plötzlich. Und dann noch einmal:Bei Gott..." Er beugt sich über Jim Window Doch der rührt sich nicht mehr Sein Gesicht ist ge­froren wie in einem ungeheuren Schrecken, und man sieht, daß alles vergeblich ist.

Noch wollen sie nicht begreifen. Nüch­tern vor Wut und Schrecken wollen sie über den fremden sailor her. Aber dann lauschen sie erstarrt, mit vorgebeugten Oberkörpern...

Er hat mich niedergeschlagen, da drüben, inManhattan", sagte der Fremde, beinahe unbewußt.Habe lange gelegen. Bin aber durchgekommen."

Er richtet sich auf und sieht sie an.

Mein Name ist Lundeguift", sagt er ruhig.Und das ist Jim Window, wenn ich mich nicht irre. Gebt doch Antwort, Boys. Bestimmt, es ist Jim Window..."

W.

zahl Freunde und nur einen einzigen

Feind. Herr Kalbfuß war Mufiklehrer und bis zum Erscheinen des neuen Theater-Kapellmeisters unangefochtene Autorität auf dem Gebiete der Musik. Der Vorgänger Reinhards war genügend vor­sichtig, die lleberlegenheit des wegen seiner bösen Zunge und seines Ränkeschmiedens gefürchteten alten Musikers scheinbar an­zuerkennen Reineke, obwohl ein herzens­guter Kerl, war alles eher als ein Diplomat. Schon bei der ersten Begegnung beging er den Fehler, sich mit dem musika­lischen Beherrscher der Stadt in einen Disput einzulassen Als überzeugter Beja- her der Harmonie machte der Kapellmeister kein Hehl aus seiner Verachtung für alles Atonale. Kalbfuß widersprach leidenschaft­lich. Da jedoch unser Kapellmeister der Beschlagenere war und auch mehr Ruhe bewahrte als der alte Streithammel, ging er aus dem Disput sieghaft hervor. War dies allein Grund genug, um die Sym­pathien des Musiklehrers zu verscherzen, so mußte ihm ein anderes Vorkommnis die offene Feindschaft des alten Despoten ein­bringen. Eine junge Dame der Stadt hatte als Pianistin debütiert, und der Kapell­meister, nach seinem Urteil befragt, hatte erklärt, es wäre jammerschade für die allem Anschein nach nichts alltägliche Be­gabung, die in schlechte Hände geraten wäre.

Als man dem Lehrer der Pianistin, der kein anderer war als der alte Kalbfuß, das wenig schmeichelhafte Urteil des Kapell­meisters hinterbrachte, schwor dieser Rache. Wahrscheinlich erfuhr auch Reineke davon, doch der Fehdeschwur des Musiklehrers bereitete ihm keine schlaflosen Nächte, um so weniger, da er, als er sein Urteil über den Lehrer der Klavierspielerin abgab, keine Ahnung hatte, wer dieser war.

Die^Theatersaison war bereits in vollem Gange, als Reineke uns eines Abends ge­heimnisvoll aufforderte, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da er uns ver­sicherte, fürGeistiges" Sorge getroffen zu haben, machten wir uns auf den Weg nach des Kapellmeisters Höhle.

Nachdem wir auf den plüfchbezogenen Folterinstrumenten der verwitweten Rechnungsrätin Platz genommen hatten, und die Flasche mit dem weingeistigen Inhalt entkorkt war, gestand uns der Kapellmeister errötend, er habe eine Operette komponiert, und er bat uns, sein Werk anzuhören.

Schon saß er vor dem Klavier und spielte und sang er besaß eine an­genehme Stimme die Lieder seines Erst­lingswerkes. Als er geendet hatte, rief unser Direktor begeistert:Meister Reineke, vorausgesetzt, daß das Libretto Ihrer Operette nur halbwegs jo gut ist wie die Musik, können Sie zu Neujahr die Urauf­führung dirigieren!"

Reineke bekam einen hochroten Kopf, und stammelnd bedankte er sich für unsere Glückwünsche. Bald danach brachen wir auf und überließen den Komponisten seinen Träumen von Ruhm und Reichtum.

Kinder, ich glaube, die Sache hat das Zeug zu einem Erfolg", meinte schon auf der Straße der Direktor.

Wir pflichteten ihm bei, bis auf den Komiker, der bemerkte:Ich kann nichts dafür, aber diese ganze Musik kam mir verdammt bekannt vor..."

Ah, geh, als ob das bei einer Operette ein Fehler ist!" rief lebensklug die mollige Soubrette.

Um mich kurz zu saften: Bereits in den nächsten Wochen wurde mit den Proben der OperetteDer Schwan" begonnen. Reineke war Feuer und Flamme und sah fiebernd der Premiere entgegen. Der sonst so liebenswürdige Mann wurde zu einem unausstehlichen Pedanten, der die Mit­wirkenden auf den Proben tyrannisierte, ewig etwas auszusetzen hatte und jeder­mann zur Verzweiflung brachte. Die Trägerin der Hauptrolle hatte bereits ein halbes dutzendmal, in Tränen aufgelöst, die Bühne verlaffen, schwörend, unter keinen Umständen die Rolle zu spielen. Erst die Begütigungen des r^ieführenden Direk­tors und des plötzlich Üeinlaut gewordenen Dirigenten vermochten ihren Entschluß zu ändern. Doch bis zur Uraufführung gab es noch viel Zank und Tränen, was, wie alle Kundigen wissen, ein günstiges Omen ist.

^Zur Premiere erschien alles, was in der Stadt Bedeutung.hatte. Der Komponist, in neuem Frack und furchtbar erregt, schwang den Taktstock. Der Erfolg war bereits nach dem zweiten Akt entschieden. Zum Schluß gab es zahlreiche Vorhänge, und der glückstrahlende Komponist und die Mitwirkenden mußten sich immer wieder vor den beifalltobenden Zuschauern ver­neigen. Auf dem Nachhausewege summte bereits das Publikum die Schlager der neuen Operette. Doch es fanden sich auch Leute, die der Meinung Ausdruck verliehen, daß die so einschmeichelnden Lieder des Schwan" eine über das Erlaubte gehende Aehnlichkeit mit bekannten, erfolgreichen Kompositionen aufwiesen. Aber schließlich hat es Nörgler und Miesmacher immer gegeben. Natürlich wurde der große Er­folg von den Beteiligten mächtig gefeiert. Zu später Stunde begab man sich noch zu einer Nachfeier zu dem Komponisten. Wir befanden uns alle in ausgelassenster Stim­mung, als von der Straße plötzlich Trom­petentöne zu uns heraufdrangen. Zweifel­los ein Ständchen für den Komponisten.

Stolz eilte dieser ans Fenster und riß es auf. Die Gäste drängten nach. Unten, mitten auf dem Fahrdamm der schmalen Straße, stand ein Erüpplein Männer mit blinkenden Meffinginstrumenten Vor ihm hatte sich eine dunkle, hagere Gestalt auf­gepflanzt : jeder von uns erkannte sie. Als der Musiklehrer Kalbfuß uns im Fenster erblickte, hob er die Arme, und die Bläser Huben an.

Kaum waren die ersten Töne erklungen, wich Reineke, der erfolgreiche Komponist desSchwan", wie von einer Viper ge­stochen, zurück, denn auf der Straße bliesen fünf Trompeter mit aufgeblähten Backen die einfache, wohlbekannte Weise:

Fuchs, du hast die Gans gestohlen...!"

Als am nächsten Morgen die Be­völkerung von der dem Komponisten dar­gebrachten Serenade erfuhr, widerhallte die ganze Stadt von einem homerischen Ge­lächter. Die Operette aber wurde noch lange vor ausoerkauftem Haus gespielt und fand ihren Weg, vom erbosten Kom­ponisten umgeix ulst, über zahlreich« Bühnen.

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