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(5. Fortsetzung.)

Sie sagen ganz einfach, daß ich unter­wegs zum Präsidium bin und das ist auch die Wahrheit", meinte Gelbmann trocken.Aber es ist nicht anzunehmen, daß von daher etwas sich ereignet. Viel eher glaube ich, daß inzwischen von nun aus dem Cottage angerufen wird. Da müssen Sie nun allerdings vorsichtig sein und sich nichts merken lassen. So tun, wie gewöhn­lich. Wir dürfen das Wild nicht vergrämen wenn es eines ist, was noch sehr fraglich . .

Und dann machte Eelbmann eine knappe Verbeugung, die der andere überhaupt nicht bemerkte, und war gegangen.

Mit einer Taxe fuhr er zur Villa Quodel und, dort angekommen, ließ er sich bei der Frau des Hauses in dringender Sache melden.

*

Etwas mehr als eine halbe Stunde dauerte die Unterredung des Detektivs mit Kitty Quodel.

Was hatte der Detektiv erfahren?

Es war eine Geschichte, wie sie in der großen Welt vorkommen kann. Durch die besonderen Umstände aber, die dabei am Werk waren, wurde sie schicksalhaft für eine ganze Reihe von Personen, wobei der arme Kassierer Gallus und ein Fremder, der mit der Sache gar nichts zu tun hatte, ihr Leben lasten mußten . . .

*

Kitty Traveller war sechsundzwanzig Jahre alt, als Generaldirektor Asmus Quodel in ihr Leben trat. Trotz ihrer Jugend hatte ihr Leben tragische Momente aufzuweisen gehabt, wie nicht bald ein zweites. Als einziges Kind reicher Eltern wuchs sie in Glanz und Sorglosigkeit auf, erhielt sie die beste Erziehung, lernte eine Menge Dinge, mit denen man in Gesell­schaft brillieren konnte, die aber für das praktische Leben wenig Wert besaßen. Dann starb der Vater plötzlich die Mut­ter war schon lange tot, und es stellte sich heraus, daß er ein ruinierter Mann gewesen. Kitty besaß nicht viel mehr, als was sie auf dem Leib trug.

Damals fand es Kitty einigermaßen selbstverständlich, daß ihre Tante Betsy sich ihrer annahm, sie selbst in ihr Haus nahm, das an Glanz und Reichtum dem ihres verlorenen Elternhauses in nichts nachstand.

Es tat wenig zur Sache, daß die gute, alte Betsy keineswegs wirklich verwandt war mit dem verwaisten Mädchen, sondern nur eine Freundin von deren verstorbener Mutter. Ein altes Fräulein, das ein großes Haus führte, in dem Kitty sehr bald heimisch wurde und nach Ablauf des Trauerjahres ein gefeierter Stern erster Ordnung, wo immer sich die große Welt nur traf.

Nicht nur die ungewöhnliche Schönheit des Mädchens war es, die ihr eine füh­rende Rolle zuwies: es war allgemein be­kannt, daß Betsy Fairfull ihre gesamte Habe Kitty testamentarisch vermachte, und der reichen Erbin mangelte es nicht an Freiern aller Art. Aber Kitty hatte nicht die mindeste Lust, ihr gegenwärtiges Leben aufzugeben.

Das alte reiche Fräulein wurde heiß umworben, ihre Gunst wurde erstrebt, und eine Einladung zu einem ihrer glänzen­den und originellen Feste galt als Aus­zeichnung. Man sprach davon, daß sie ihre Abneigung gegen das männliche Geschlecht auf Kitty übertrug, was die massenhaften Körbe erklärlich machte, die das junge Mädchen im Laufe der Zeit austeilte.

Vis sie Francis Belvoir begegnete.

Dieser junge Mann stach in allem von seiner Umgebung ab. Und da er so ganz anders geartet schien, fand die ein wenig exzentrische Kitty Traveller Gefallen an ihm.

Niemand wußte eigentlich so recht, was Belvoir trieb. Jedenfalls arbeitete er nicht und mußte über große Reichtümer verfügen. Ab und zu verschwand er aus der Gesellschaft und ließ sich oft wochen­lang nicht blicken. Dann erschien er wie­der^ erzählte in seiner nachlästigen Art von Jagden in England, von Fischereien in Schottland oder von Pelzfarmen - im Norden. .....

Im übrigen war Belvoir nn mürrischer, wortkarger Geselle, der sich mit niemandem ansreundete, und besten Seufeeres auch durchaus nicht ansprechend war. Klein von Gestalt, mager und sehnig, glich er mehr einem Jockei im Training als einem

Nichtstuer. Um so erstaunter war die Gesellschaft, daß sich eines Tages die schöne, gefeierte Kitty Traveller mit ihm verlobte. Wie ihre Tante diese Sensation

aufnahm, blieb unbekannt, denn just um geschah es, daß sie während

die gleiche Zeit gi eines musiralischk

en Tees,

der in ihrem

Haus stattfand, plötzlich von schwerem Un­wohlsein befallen wurde und die darauf­folgende Nacht starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben.

So stand Kitty wieder verwaist da, und es wäre erklärlich gewesen, wenn sie dem Drängen ihres Verlobten nachgegeben und sofort seine Frau geworden wäre.

Aber sie wollte davon nichts hören, son­dern erklärte, daß He unter allen Umstän­den die Trauerzeit über bleiben wollte, was und wo sie war.

Sehr bald traten Er- eigniste in den Vorder­grund, die die Eesell- schaft vor Ueberraschung und Sensationsgier fast umwarf: entfernte Ver­wandte der verstorbe­nen Betsy FairfuN wa­ren aufgetaucht, die das Testament zugunsten Kittys anfochten unter Hinweis auf die Son­derbarkeiten des reichen Fräuleins, diese für geistig nicht zurech­nungsfähig erklärten, einen Prozeß anstreng­ten und gewannen.

Eines unseligen Ta­ges stand das schöne verwaiste Mädchen abermals völlig mittel­los da, kaum, daß die Erben ihr ihre persön­liche Habe überließen.

Zu dieser gehörte, nebst der reichen Gar­derobe, eine Fülle er­lesenen Schmucks, mit dem die gute Betsy ih- , ren Liebling bei allen möglichen Eelegenhei- '

ten zu überhäufen pflegte. Unter die­

sen Schmuckstücken be­fand sich ein seltsam geformter Ring, den Kitty versprochen hatte, immer zu tra­gen. Ein wundervoller Smaragd von un­gewöhnlicher Größe und in Gestalt eines Käfers, der seinerseits einen klaren Bril­lanten in seinen Fängen hielt. Dieser Ring sollte eine Geschichte haben, hatte die Spenderin des Kleinods Kitty erzählt, sollte Zaubekräfte besitzen und Unheil abwehren können. Außerdem trug dieser Zauberkäfer unter seinem smaragdenen Schild eine kleine Höhlung, in die man Parfüm füllen konnte, und es war eine nette Spielerei, einen winzigen Mechanis­mus in Tätigkeit zu setzen und dem Be­wunderer des Ringes eine Kaskade wohl­riechender Essenz in die Nase sprühen zu können, wenn der sich darüber beugte.

Einmal meinte Francis lachend, Kitty möge ihm den Ring schenken; er wollte ihr dafür einen noch schöneren anfertigen lasten. Aber Kittv schüttelte nur ableh­nend den Kopf. Sie war abergläubisch, wie die meisten Menschen, und glaubte an die Geschichte; die Tante Betsy ihr erzählt hatte. Und da Francis seine Bitte wie­derholte, da meinte sie, kopfschüttelnd über so viel Zudringlichkeit: Er solle sich doch diesen einfach kopieren lassen, denn es stand nirgends, daß es nicht noch einen solchen Ring geben dürfe. Nur das Ori­ginal gab sie nicht aus der Hand. Und Francis brachte denn auch tatsächlich eines Tages einen Mann mit, der den Ring und dessen Mechanismus gründlich betrachtete, dann Stift und Block hervorzog und das Kleinod genau kopierte samt allem, was damit zusammenhing.

Während des Erbschaftsprozesies, bei dem es für Kitty um Sein oder Nichtsein ging, benahm sich Francis einwandfrei. Mit keinem Wimperzucken verriet er, ob die vermögenslose Braut bei ihm an Be­deutung eingebüßt. Dagegen war es das Mädchen selbst, das erklärte, daß es in Ab­hängigkeit von einem Manne nicht leben könne.

Weltfremd wie sie war, dachte sie sich das auf-eigene-Füße-Stellen ganz leicht und setzte ihren Stolz darein, den Men­schen zu zeigen, daß sie sich in Zeiten der Not bewährte. Sie wollte arbeiten. Fran-

cis aber meinte sehr verständig, daß, wenn sie auf ihren Willen bestehe und eine Stelle suchen wolle, er ihr gern dazu behilflich sein würde. Und dann sprach er davon, daß es hierzu auch nötig war, daß sie ihre gegenwärtige Zurückgezogenheit aufgäbe. Man müste ja nicht tanzen und große Ge­sellschaften besuchen, was sich unter den ob­waltenden Umständen ja von selbst verbot. Aber sie konnte unbedenklich seine kleinen Kreise aufsuchen und dabei Verbindungen anknüpfen, die ihren Plänen entgegen­kamen. Kitty wollte eine Stellung. Aber sie hatte keine Ahnung, was sie eigentlich darunter verstand.

Zeichnung C. W. Kießlich M

. gründlich betrachtete der Mann den Ring und dessen Mechanismus

Ziemlich hochfahrend in ihrer Art und sehr eingenommen von sich, war sie der Meinung, sie brauche, wie bisher, nur ein­fach zu wünschen. Aber Tag um Tag ver­ging, und Francis kam immer wieder mit der Botschaft, daß sich nichts Pasiendes für sie gefunden. Ihre Barschaft begann zu schmelzen, und schon dachte sie daran, ein oder das andere der geretteten Schmuck­stücke zu veräußern, um das gegenwärttg bescheidene Leben weiterfristen zu können.

Eines Tages holte Francis Kitty abends aus ihrer Wohnung und führte sie inGe­sellschaft". Anfangs merkte sie es kaum, daß diese neue Gesellschaft nur aus Her­ren bestand. Es schien eine Art Klub zu sein, wo man sich traf, nicht eben elegant in der Aufmachung.

Die anwesenden Männer waren ziemlich formlos in ihren Manieren, gegen die junge, blenbénb schöne Dame aber von einer Galanterie, die ihr, die an vornehme Zurückhaltung gewohnt war, anfing, pein­lich zu werden.

Sie äußerte sich einmal in diesem Sinne gegen Francis. Der aber lachte brutal:

Als Prinzessin darfst du dich nicht auf­spielen, meine Liebe!" meinte er zynisch. Wer etwas erreichen will, muß die Zähne zusammenbeißen..."

In der Fohze war Kitty oft in der Lage, diese Lehre zu beherzigen, und dazu kam noch, daß sie anfing, gegen Francis miß­trauisch zu werden.

Was war das für eine Gesellschaft, in die er sie gebracht? Wer waren diese Menschen, die rauchten, fluchten und Karten spielten, wenn eine Lady zugegen war?

Und mehr noch wie konnte er, der doch ihr Verlobter war, ruhig mit an- hören, wenn irgendeiner dieser Männer ihr unzweideutige Anträge in Form von Einladungen zu Wochenendfahrten machte ober eine kleine Zusammenkunft in ihrer eigenen Wohnung verlangte? Sie tat das beste, was sie tun konnte: sie schwieg und stellte sich taub.

Francis hatte sich ihr gegenüber sehr verändert. Er fuhr sie an, verhöhnte ihre Zurückhaltung und nannte sie ungeschminkt eine dumme Pute.

An dem Abend, da diese Auseinander­

setzung erfolgt war, während derer sie sich fest vornahm, den Beziehungen zu dem Manne ein Ende zu machen, lernte sie den Generaldirektor Quodel kennen. Er war selbst fremd in der Gesellschaft, in die er, er wußte selbst nicht wie, hineingeraten war. Man spielte ziemlich hoch, und er verlor im Handumdrehen eine bedeutende Summe.

Es empörte sie geradezu, als sie hörte, daß Francis und seine sonderbaren Freunde ihn ziemlich ungescheut ein Green­horn nannten, und dadurch gewann der Fremde ihre Sympathie. Und als er ge­sprächsweise erwähnte, er müsse sich eine Hilfskraft suchen, denn sein Englisch reiche für seine Zwecke ebensowenig aus wie die seines mitgekommenen Sekretärs, da erbot sie sich kurzerhand zu dieser Stelle. Sie sprach und schrieb die deutsche Sprache ebenso geläufig wie die französische und ihre Muttersprache. Was ihr an Praxis etwa abging, würde sie durch Eifer und guten Willen ersetzen. Sie saßen ziemlich isoliert in einem Winkel und rauchten, während sie all dies besprachen. Keines von beiden ahnte, daß Francis Belvoir diese Situation geschM inszeniert hatte. Und als Kitty beim Heimweg Francis trotzig eröffnete, sie habe eine Stelle an­genommen, merkte sie nicht das verstohlene, höhnische Lächeln, das sein markantes Ge­sicht dabei überhufchte. Kitty war glatt in die Falle gegangen, die er ihr gestellt. Und er, der Alte das Greenhorn von drüben der tanzte gleichfalls wie er pfiff, er, Francis Belvoir. Wäre Kitty nicht so verstockt gewesen, so hätte Bel­voir mit aufgedeckten Karten gespielt. Hätte dem Mädchen die Rollen zugewie« sen, wie schon so viele Frauen vor ihr... Denn dieser anscheinende Gentleman war einer der geriebensten und berüchtigsten Banditen der Unterwelt, und unter seiner aalglatten Geschmeidigkeit, seiner welt­männischen Gewandtheit verbarg sich ein brutaler Verbrecher, der vor nichts zurück­schreckte.

Wäre Kitty tatsächlich die reiche Erbin geblieben, als die er sie kennengelernt und umworben hatte, vielleicht hätte er das bequeme und sorglose Leben des Müßig- gängers dem Abenteuerleben vorgezogen, das er nun schon mehr als ein Jahrzehnt lang mit durchschlagendem Erfolg geführt.

Mit einem Erfolg, der ihm in seinem eigentlichen Kreise den Spitznamen des Unverwundbaren eingebracht. Haarscharf war er schon wer weiß wie oft der griff­bereiten Hand der Gerechtigkeit entglitten, wo andere keinen Ausweg mebr aänden hatten. "SmiTttfr taler wurden seine Angriffe auf die menschliche Gesellschaft, bis an einem un­vermuteten Tage auch seine Schicksals­stunde schlug.

Und das war, als er, der Kitty Travel­ler gleichfalls in Hörigkeit zu zwingen ge­dachte, erkennen mußte, daß er in ihr den Herrn und Meister gefunden. Durch die einfache Tatsache, daß dieses schöne und ex­klusive Geschöpf, das bisher kühl und un­nahbar, vielleicht in Hochmut und Eigen­dünkel, ganz gewiß hoch über ihm gestan­den, ihn und seine Pläne mit ihr ganz ein­fach nicht verstand.

Er, der hartgesottene Verbrecher, mußte die Augen senken vor diesem klaren, fra­genden Blick des Mädchens, als er ihr letzt in schonungsloser Offenheit eröffnete, derAlte" womit er den Herrn Ge- neraldirettor Quodel meinte sei bis über die Ohren in sie verschossen, und jetzt sei es an ihr, dies auszunutzen, für ihn. Er brauche Geld, großes Geld, und der reiche alte Narr vondrüben" sei just das rich­tige Objett, es herzugeben.

Das war nach kaum einer Woche, nach­dem Kitty ihre Stelle angetreten hatte. Sie war seither mit Francis nicht mehr zusammengetroffen. Diese Unterredung mußte er sich in ihrer Wohnung erzwingen.

Sie hörte ihn zuerst ruhig an, ant­wortete aber nicht.

Also?" Scharf und zischend kam es, und einer seiner bezwingenden Blicke traf die Sprecherin.

Sie aber blieb ungerührt. Vielleicht auch kam ihr endlich die Erkenntnis, daß dieser Mann, den sie einst höher gestellt als alle, die sie bisher gekannt, kein Gentle­man war, wenn ihr auch die richtige Lesart zu dem Geheimnis seiner Persön­lichkeit keineswegs aufgegangen war.

Wir haben uns gestern abend trauen lassen!" sprach sie endlich gelassen.

Auf diese Eröffnung war Francis nicht gefaßt. Sie, die zurückhaltende und darum schüchtern wirkende junge Dame hatte den wichtigsten Schritt ihres Lebens über den Kopf ihres Verlobten getan, und ver­ständigte ihn nun von der vollendeten Tat­sache mit einer Ruhe, die alles hinter sich ließ. Freilich, er hatte ihr wenig An­zeichen von Zuneigung zuteil werden las­sen, das mußte sogar er sich zugestehen, und die Weiber sind nun einmal darauf aus, daß man mit ihnen schön tut.

(Fortsetzung folgt.)