Lawinen donnern zu Tal
Mit ziemlich großer Gesetzmäßigkeit vollziehen sich im Bilde der Lawinenstürze eine Reihe von Erscheinungen, mit denen jeder Almenbewohner, Hochtourist und Bergbauingenieur vertraut ist. Der Hochtourist, der die Gefahr des Lawinensturzes mit größtmöglicher Sicherheit zu umgehen versucht, bevorzugt in erster Linie die Stunden von Mitternacht bis in die späteren Morgenstunden. Ebenso besteht eine gewiße Gesetzmäßigkeit, was die Niedergangsgebiete betrifft.
Bei jeder Lawine, welcher Art sie auch sein mag, gibt es drei voneinander ganz verschiedene Phasen: das eigentliche Abrißgebiet, in welchem die Loslösung der Schneemaßen erfolgt, die Sturzbahn, die die Lawine mit donnerndem Getöse durcheilt und schließlich der Lawinenkegel, die Ablagerungsstätte.
Im allgemeinen ist bei Winterlawinen die Gefahr weniger groß, da es sich größtenteils um Staublawinen handelt, bei denen bisweilen die Massen, die ins Gleiten geraten, nur verhältnismäßig gering sind. Bei den Staublawinen kommt der trockene pulverige Neuschnee über dem gefrorenen älteren Schnee in Bewegung. Das Zustandekommen dieser Lawinenart ist davon abhängig, daß sich am steilen Hang größere Mengen Schnee in lockerer Weise anjammeln. Meist ist es der Sturm, der die Staublawine loslöst. Erst seitdem der Skisport sich auch der Berghänge bemächtigt hat, beginnt die Zahl der Staublawinenopfer von Jahr zu Jahr nun gleichfalls zu wachsen. Selbst dann, wenn der Skiläufer den Absturz gänzlich unverletzt übersteht, — eine Möglichkeit, die sogar häufig zu verzeichnen ist —, muß fast regelmäßig mit dem Erstickungstod gerechnet werden, da die eintretende Betäubung den Sportler am Selbst- befreiungsversuch hindert.
Weitaus am gefürchtetften sind aber die Grund- und Schlaglawinen. Der warme Hauch des Föhnwindes läßt auf ungeheure Strecken hin die weißen Felder in Bewegung geraten und unter donnerähnlichem Getöse stürzen die Lawinen ins Tal. Da riesige Schneemassen zur Wirkung kommen, sin- beinahe stets ungewöhnlich große Verwüstungen die Folge. Die gewaltige Ver- nichtungskrast der Lawinenwellen wird wohl am deutlichsten durch die Tatsache gekennzeichnet, daß infolge des Druckes eine beträchtliche Stauung der Schneemasien eintritt. Der Druck ist dermaßen erheblich, daß ein Kubikmeter Schnee dabei ein Gewicht bis zu achthundert Kilo erreicht.
Da der warme Atem des Föhns auch noch in den größeren Höhen tiefe Furchen durch die Schneefelder zieht, lammt es zur Bildung von zusammenhängenden Schneetafeln (sogenannten Lawi- nenbrettern), die eben durch die Furchen, den Zusammenhang mit den übrigen Schneefeldern eingebüßt haben. Fast immer handelt es sich dabei um Lawinenbretter von größten Ausmaßen. Nicht unerheblich wird die Lawinengefahr auch vom Neigungswinkel des Bergabhanges bestimmt. Liegt das Gefälle etwa bei 45 bis 50 Grad, dann beginnt der Schnee, wenn die Schneehöhe auf 20 bis 30 Zentimeter gestiegen ist, in kleinen Mengen abzurieseln. In der Mehrzahl der Fälle sammeln sich diese Schneemengen am Fuße von Felsen, bis sie dann im Frühjahr von der Schmelze mit fortgenommen werden. Selbst trockener Pulverschnee kann nicht einmal an sehr steilen Hängen ins Gleiten geraten, solange nicht ein bestimmtes Schneegewicht erreicht ist. Erst bei einer gewißen Mächtigkeit kann der Druck sich über den Reibungswiderstand hinwegsetzen.
Als einer der berüchtigsten Tage in der Geschichte der Lawinenkatastrophen lebt der „schwarze Donnerstag", der 16. Dezember 1916, fort, der an der Alpenfront etwa sechstauserü» Soldaten den Tod brachte. In der Chronik beinahe sämtlicher Alpendörfer ist die Erinnerung an Lawinen- maßenkatastrophen aufgehoben. Mit am empfindlichsten ist bisher Saas im Präti- gau betroffen worden. Dort wurden z. B. am 25. Januar 1689 von einer Lawine 166 Häuser fortrasiert, wobei 77 Personen und außerdem dreihundert Stück Vieh umkamen. In Obergeftelen an der Grimsel kündet eine Tafel, daß am 18. Februar 1720 eine Lawinenkatastrophe 84 Opfer gefordert hat. In der allerfüngsten Zeit hat namentlich das schwere Eislawinenunglück auf der zwischen dem Weißen Meer und dem Barents-See gelegenen russischen Halbinsel Kola von sich reden gemacht, wo in den ersten Dezembertagen 1935 insgesamt 88 Menschen umkamen und 44 weitere Personen schwer verletzt wurden.
__________ es im Bereiche menschlichen Könnens liegt, Schneemaßen zu Tal gehen laßen, gibt es Energie genügt, um den Lawinenabsturz Dem Fragenkomplex der sich aus den entgegenzuwirken. wieder andere Stellen, an denen sich im einzuleiten. Bereits ein bloßer Stein-
Lawinengefahren ergibt ist die Wißen- Mag bei den Lawinen auch eine gewiße Verlaufe eines Tages eine einzige Lawine wurf kann die Schneemaßen erregen und schaft nach Möglichkeit begegnet. Im Laufe Gesetzmäßigkeit bestehen, mögen zahlreiche bildet. Wenn es auch niemals eine Lawine ihre Abwanderung veranlaßen. Genau
der neueren Zeit sind in verstärktem Maße Lawrnen immer wieder den gleichen Weg gibt, bevor nicht ihre Entstehung durch so natürlich auch kann der unbedachte
Vorkehrungen in die Wege geleitet wor- suchen, so kann man doch nie recht wissen, ein Auslösungsmoment verursacht worden Schrrtt eines Touristen oder eines Ski-
den um an den bekannten....... "m wann die Lawine losbricht. Während be- ist, so darf doch niè übersehen werden, daß fahrers den Aufbruch der Schneemaßen
«inëm Abgehen der Schneemaßen, $ weit stimmte Absimr^ahne« etwa halbstündlich ost «n schter unscheinbarer Aufwand von bringen. Sch.
„Friedericus Lex", Preußens preußischster Mursch
„ „ Volkslieder und Armeemärsche geben in selten klarer Weise Aufschluß über die Empfindung der Volksseele. Darum ist es immer interessant, grade jenen Gesängen nachzugehen und ihren Ursprung zu erkunden, die noch heute, Jahrhunderte nach ihrer Erstehung ihren Sinn und ihre Wertung behalten haben. Wer blies ihnen den lebendigen Atem ein, der ihnen diese Kraft verlieh? Welche sichtbare oder unsichtbare Macht stand Pate bei ihrer Geburt?
»Friedericus Rex, unser König und Helds, hat keinen eigentlichen Dichter zum Vater. Es wurde empfunden und in Worte und Tone gekleidet, durch die Truppen, die am Abend vor der Schlacht bei Collin am lagerfeuer logen. Pflicht, Mut, Vaterlandsliebe. Tapferkeit, unbegrenzte Liebe zum König, der ihnen echtes Heldentum vorlebte, Todesahnung und tener soldatische Uebermut, der auch noch angesichts des großen Sensenmannes durch die Reihen schwingt, drücken sich in ihm aus und erzielen in jeder fühlenden Menschenbrust Widerhall, das ist sein Geheimnis.
In seinem historischen Theaterstück W. Alexis Cabanis, entstanden etwa 1850 schildert der Dichter die lagerszene am_ Wachtfeuer vor der furchtbaren Schlacht bei Collin und läßt an anderer Stelle einen Offizier der sächsischen Truppen, die auf der Seite der Oesterreicher mit gegen Preußen kämpften seiner Bewunderung über den Heldenmut der Soldaten des Preußenkönigs Ausdruck geben.
Im Lager der Preußen vor Collin.
»Ihr verfluchten Kerls«, sprach — Seine Majestät Mriedericus Wer.
Mäßig geschwind.
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Friede • ri-cuS Rex, unser KL • nig und Herr, der
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rief seine Sol-da-ten al-le »sammt ins Ge-wehr, zwei-
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je-der ©re«na -biet kriegt' sech-zig Pa-tron'n.
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„Mr Verfluchten Kerls, sprach - heitre- Majestät, Daß jeder in der Batail - le seinen Mann mir fieSt,
Sie gönnen mir nicht Schle - fielt uwb die U^ bre^hun^r? MÄio - mit m meinem Schatz.
„Die Kaiß'rin hat sich-mit dem Franzosen aSürt,
Und das römische Reich - gegen mich revoltiert, Die Russen find gefall-en in Preußen ein, Auf laßt uns zei - gen, daß wir brave Landeskinder sein.
„Meine Generale Schwerin-und Feldmarschall von Keith
Und der Generalmajor von Zieth - en seind allemal bereit.
Kotz Mohren, Blitz - und Kreuz-Element, Wer den Fritz und sei - ne Soldaten noch nicht kennt."
„Nun adjö Lowise, wisch - ab das Geficht,
Eine jede Kugel die - trifft ja nicht, Denn trâf' jede Kugel a- Part ihren Mann, Wo kriegten die Könige -ihre Soldaten dann!
„Die Musketenkugel macht - ein kleines Loch, Die Kanonenkugel ein-weit größeres noch; Die Kugeln sind alle von - Eisen und Blei, Und manche Kugel geht-Manchem vorbei.
„Unsre Artillerie hat ein vor - trefflich Kaliber, Und von den Preußen geht keiner nicht-zum Feinde nicht über,
Die Schweden, di« haben ver -flucht schlechtes Geld,
Wer weiß, ob der Oestreicher - besseres hält.
„Mit Pomade bezahlt -den Franzosen sein König,
Wir krregen's alle Woche bei-Heller und Pfennig.
Kotz Mohren, Blitz und - Kreuz-Sackerment, Wer kriegt so prompt wie der - Preuße sein Traktament.
„Friedericus mein König-den der Lorbeerkranz ziert,
Ach hätt'st Du nur öfters zu-plündern permittiert,
Friedericus Rex, — mein König und Held, Wir schlügen den Teufel - für Dich aus der Welt."
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— Ihr Gespräch wurde durch ein Lied unterbrochen, das gegen hundert Grenadiere, unfern von ihnen in einen Kreis zusammengetreten, anhuben. Es war dasselbe, welches auf dem Schloße gesungen ward, und der Chor so laut, daß die Oesterreicher drüben auf dem Berge es hören mußten.
' Die letzte Strophe wurde M plötzlich durch ein lautes sb- Vivat unterbrochen. Hunderte von Mützen flogen in die M Luft, und der Kreis, dem sich die Offiziere als Zuhörer an- Was fesselt den Sieg an die Degenspitze geschlossen, öffnete sich Der bes Einen? fragte ich mich hundert Mal in bas 2ager ber bangen Nacht. Der Helle Schlachtruf
G§ Aomg ging ourcy Das Mager. der bangen Nacht. Der Helle Schlachtruf
M ®r ^ehen und sah sich der Preußen am grauenden Morgen schien
s > eine Werle dre Leute an, dre mir zu antworten. Wie Ihre Helden daher
so munter gesungen. stürmten, — ach, Helden, von denen heute
„Er rst wreder gnadrg , nur noch wenige sich am Lichte der Sonne
murmeue es. wärmen, — nicht achtend unsere steilen
„Wre hecht der letzte Anhöhen, nicht den Eisenhagel unserer
Batterien, da belebte sie die Zuversicht auf den Einen, ein Vertrauen, das noch nicht fnnh ^r hft erschüttert, das fester als unsere Felsen
fend.^„Der da, sing Er s noch war ^,n ganzes Volk klammerte sich um
Der Bursch trat einen
Schritt vor, und stramm, wie vor der Fuchtelklinge, die Arme an die Seite gedrückt, den Kopf vor, den Leib zurück, die ausdruckslosen Augen starr auf den König gerichtet, sang er, so gut es ging:
Friedericus, mein König, den der
Lorbeerkranz ziert,
Ach hätt'st Du nur öfters zu plündern permittiert,
Friedericus Rex, mein König und Held,
Wir schlügen den Teufel für Dich aus der Welt.
Friedrich wandte sich zu seinem Adjutanten: „Sieh Er, aus der deutschen Poesie kann noch was werben. — Ist das von dem Kleist?"
„Ew. Majestät, ich zweifle!"
„Aha! Dann wird's von dem großen Ramler sein," sagte der König und ging weiter. Der Sänger stand noch in der vorigen Positur, als der Monarch mit dem Stock auf einen andern Soldaten zeigte:
„Hat Er das auch mitgesungen?"
„Wenn's Ew. Majestät nicht für ungut nehmen."
„Der Schelm!"
„Ich hab's aber nicht gemacht, Ew. Majestät," antwortete der Soldat.
„Er war bei Vudweis?"
„Ja, Ew. Majestät."
„Wie viel will Er denn plündern? — Er konnte ja den Mehlsack nicht fortschleppen, und singt, ich soll Ihm noch mehr permittieren!"
Ein Gelächter, wie es die Gegenwart der hohen Person erlaubte, rieselte durch die Reihen. „Er ist überaus gnädig", flüsterte man sich zu, indessen der Monarch langsam durch die sich ihm öffnende und immer länger werdende Gasse fortbewegte. Während sein Auge jeden einzelnen zu treffen und zu suchen schien, glaubte jeder, vorzugsweise von ihm erkannt zu sein. Manche Bitte wurde vorgebracht und der König nickte.
Der sächsische Offizier spricht:
„...Von den Höhen von Collin sah ich zum erstenmal das preußische Heer. Tausende Bajonette glänzten unter mir in der Sonne. Sie sangen Lieder, kochten ab, graseten, lehnten sich auf das Gewehr, als stände nichts Außerordentliches bevor. Bis zum Troßknecht auf eines jeden Gesicht die trotzige Zuversicht: „Friedrich kann nicht verlieren!" Und bei uns war's totenstill, die Bangigkeit der Erwartung, gepreßt, jede Schildwache auf ihrem Posten, die Offiziere mit dem Fernrohr am Auge. In jeder Miene konnte man lesen: „Morgen werden wir geschlagen, trotz unserer Ueber- macht, trotz unserer festen Position, denn Friedrich steht unten." Da, meine Herren, fühlte ich zum erstenmal einen Stolz, daß ich auch ein Preuße war.
»Nun adjö, Lowise, wisch — ab das Gesicht«
Und manche Kugel geht — Manchem vorbei
seinen König, auf den tausend und aber tausend Bajonettspitzen schwebte der Eine, deßen Name kräftiger war, als der blinkende Stahl und die gähnenden Feuerschlünde. Das hatte ich nicht erwartet; wo wuchs die Liebe, wo kam diese Begeisterung her? Sie war nicht bei uns, wo doch eine Maria Theresia den ausziehenden Truppen zugelächelt hatte. Wie hatte dieser König, fragte ich mich, der nicht liebt und nicht hofft, einen Glauben geweckt, den er selbst nicht kannte. Aber da war er."
Charlotte K,
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Wir schlügen den Teufel — für dich aus der Welt
Holzschnitte von Camphausen M
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