(4. Fortsetzung.)
Er sprach aber nicht und wartete. Da legte ihm Quodel die Hand auf die Schulter und begann mit fast erloschener Stimme:
„Die Hauptsache habe ich Ihnen verschwiegen, Eelbmann! Dieser Scheck — der parfümierte Scheck, der auf Zwölftausend lautete — es war mein eigener Scheck, Eelbmann." Jetzt war's heraus, und müde zum Sterben sank der alte Mann in die Polster zurück. „Glauben Sie immer noch an Ihre Theorie von den — den verschiedenen Füßen — ein und derselben Person?" flüsterte er wie im Traum.
Die Antwort kam sofort und ohne Besinnen: „Warum nicht? Ganz im Gegenteil bin ich jetzt mehr als zuvor überzeugt, daß ich recht habe mit einer Annahme, die — die bewußte Person hat mittelbar nichts zu schaffen mit der ganzen Geschichte . . ."
Quodel hatte die Augen gewaltsam aufgerissen und starrte den Detektiv blöde an: „Wie reimen Sie sich das zusammen?"
Eelbmann hatte sich ungeniert auf den Vettrand gesetzt. Hier war er zu Hause und gab sich — vielleicht absichtlich — fast gemütlich. Möglicherweise, um den alten Herrn zu beruhigen und den tragischen Vorfall nicht noch dramatischer zu gestalten.
„Sehen Sie, das war es, was ich nicht verstehen konnte! Es geht doch kein vernünftiger Mensch — oder sagen wir, kein halbwegs denkender Verbrecher mit ausgesprochenen Erkennungszeichen auf eine solche Sache aus. Leuchtet Ihnen das ein? Die immerhin auffallende Kleidung und dann eben der Ring. Der seltsame Ring!"
Quodel nickte. Eewiß, ihm war das auch alles durch den Kopf gegangen. Von allem
abgesehen: Wie maßlos leichtsinnig, eine solche verwegene Tat auszuführen und sich obendrein so kenntlich zu machen ... Frei- lich, es lag, genau besehen, eine gewiße er, noch jenseits klaren Den- Logik in diesem verbrecherischen Anschlag, kens.
in der Ausführung nämlich. Wurde die „Ich habe so etwas geahnt Tat bekannt, so konnte man annehmen, daß er, Quodel, alles tun würde, um sie, die es anging, zu schonen. Und das sprach er auch
vor Eelbmann aus.
Der aber schüttelte den Kopf. Nein, so konnte das nicht sein. Ja, wäre die betreffende Person aus und davon und jetzt schon längst über alle Berge, dann hätte diese Lesart etwas für sich. Aber sie blieb, wo sie war, und in derselben Ruhe und Ee- laßenheit, wie man sie immer gekannt. Und außerdem — er irrte sich nicht. Bestimmt nicht, da wollte er gleich seinen Kopf verwetten ...
So antwortete der Detektiv, und man sprach noch dies und jenes, und dann merkten erst beide, daß es inzwischen draußen hell geworden war.
Eelbmann blickte auf die Uhr. „Sieben?" meinte er verwundert. Na, da lohnte es sich nicht, noch zu schlafen zu versuchen. Ueberhaupt, er war fuchsmunter und sehnte sich nach Taten. Sehnte sich mit dem Eifer des Jägers, sein Wild zu stellen.
„Wollen Sie nicht noch ein wenig ruhen, Herr?" erkundigte er sich, denn es fiel ihm ein, daß er als Hausherr Pflichten hatte.
Aber Quodel schüttelte den Kops. Nein, davon war keine Rede. Aber telephonieren hätte er mögen. Nach Hause telephonieren — man würde dort vielleicht beunruhigt sein. wenn sie aufstand und erfuhr, daß er die Nacht nicht heimgekommen. So etwas kam nur vor, wenn er auf Reisen war. Verbrachte er auch den Abend in Gesellschaft, dann war er nach Mitternacht immer schon wieder daheim.
Eelbmann meinte, man könnte in der Villa ja jetzt schon anrufen und dem Diener Bescheid geben. Und als Quodel zustimmte, ging er die zwei Schritte bis zu dem kleinen, unansehnlichen Schreibtisch neben dem Fenster, auf dessen seitlicher Platte der Apparat stand, und verband sich mit der Villa im Cottage.
„Ja, Franz, hier Eelbmann — wie? Was, ob ich weiß? Nichts weiß ich, wollte nur sagen, daß der Herr Eeneraldirektor. .. — Was? Was reden Sie da? Also schön der Reihe nach und nur ruhig . . ."
Diese seltsam abgerißene Rede bewirkte, daß Quooel sich rasch von seinem Lager erhob und mit bloßen Füßen, im Schlafanzug, gleichfalls an den Telephonapparat herangetreten war, freilich ohne zunächst etwas zu hören, was jenseits des Drahtes gesprochen wurde.
Ausgeregt fingerte er an den Knöpfen seines Pyjamas herum, in Erwartung, daß
ihm Eelbmann endlich Bescheid gab. Aber seine nervöse Ungeduld wurde aus eine harte Probe gestellt, denn es dauerte lange, bis Franz leinen anscheinend aufgeregten Bericht beendet hatte.
Eelbmann mußte wiederholt sein „Ruhig, nur ruhig!" zurücksprechen. Dann fragte er: „Weiß es die gnädige Frau bereits? Nein? Sie schläft noch? So? Also der Herr ist wohlbehalten und beauftragt Sie durch mich, das der gnädigen Frau zu melden, wenn sie erwacht — verstanden? Und Herr Generaldirektor wird um zehn Uhr in seinem Büro sein ..." Und trotzdem Quodel die Hand ausstreckte, hing Eelbmann gelaßen die Gabel wieder ein.
Dann wandte er sich um und sprach scheinbar ganz ruhig: „Der Chauffeur hat in der Nacht aus dem Heimweg offenbar irgendwo länger Station gemacht und dann noch eine Schwarzfahrt unternommen,
jedenfalls aber einen Fahrgast ausgenommen — wer es ist,, steht noch nicht fest .. “
„Und — und?!" hastete Quodel und faßte Eelbmann an den Schultern.
„Und dieser unbekannte Fahrgast wurde von einem ebenso unbekannten Täter an der Straßenecke zur Villa erschoßen."
Sorglich geleitete Eelbmann den Schwankenden zum Bett, wo der sich schwer niederfallen ließ. Dann holte er aus einem Schrank eine
Flasche, deren Inhalt sich als heimischer Enzian erwies, wie ihn viele als magenstärkend rühmen und als Medizin im Haushalt halten. Davon mußte Quodel einen ansehnlichen Schluck trinken, was ihn sichtlich, wenigstens körperlich, ins Gleichgewicht brachte.
„Das galt mir!" flüsterte
— darum war es mir darum zu tun, daß Sie die Nacht außer Haus verbringen", meinte Eelbmann sachlich.
„Vin eigentlich nicht ver
wundert. Schlaue und verwegene Burschen, in der Tat! Aber das ist abermals ein Zeichen, daß es sich zumindest nur um Komplicen handelt. Nicht um die verdächtige Person. Waren es aber Helsershelfer — warum dann die Bloßstellung der — der Frau? Anderseits mußte sie die Hand mit im Spiel haben, denn sonst hätte nicht Ihr Scheck präsentiert werden können. Vorausgesetzt, daß es wirklich Ihrer war und keine Fälschung?"
„Es war, der Summe nach zu schließen, das Weihnachtsgeschenk, das ich . . ." Quodel stockte, und fahle Bläße überzog wieder sein Gesicht.
Eelbmann rieb sich die Stirn. Seltsam! Kaum glaubte man den Faden gefunden zu haben . . . Halt! Jemand hatte künstlich eine Aehnlichkeit mit ihr hergestellt, fuhr ihm plötzlich durch den Sinn. Auf die einfachsten Lösungen kam man erst nach langem Nachdenken. Jemand hatte sich absichtlich zurechtgemacht, damit sie in Verdacht käme? —
Dann aber mußte dieser Jemand allerdings ihr erbitterter Feind sein. Feind? Weshalb nicht Feindin, da es sich doch um eine elegante Frau im silbergrauen Fehpelz handelte und die eine wundervolle, ringgeschmückte Hand besaß mit modernen rotlackierten Nägeln . . .
Und wieder durchfuhr es den Detektiv Eelbmann wie eine Offenbarung: Nein, es war ein Mann! Ein als Frau verkleideter Mann war es gewesen, dem er zwischen Tür und Angel begegnete. Jetzt konnte man sich auch den eigenartigen Schritt erklären, der für die eleganten perlgrauen Wildlederschuhe mit den spannhohen Absätzen, in dem die schmalen langen Füße steckten, so fest und weit ausholend gewesen war.
Also ein Mann! Und das Attentat heute nacht, das einen unschuldigen Schwarzfahrer zum Opfer hatte?! Das aber ganz fraglos Quodel gelten sollte. Jetzt stockte der logische Gedankengang des Detektivs. Also die schöne Kitty hatte einen Feind, der ein kühnes Verbrechen sozusagen in ihrem Namen ausführte. Soweit stimmten die Erwägungen mit den Tatsachen überein. Aber — konnte es ein Feind sein, der dann den Gatten dieser Frau niederschießen wollte? Was versprach er sich davon? Er
brauchte doch diesen Gatten, damit er die Frau gegebenenfalls mit seinem Namen, mehr noch, mit seinem Geld schützte, wenn Verdacht auf sie fiel. Ihr zur Flucht verhalf . . .
Die beiden gingen aus der Wohnung in das nächste Kaffeehaus, um zu frühstücken. Eelbmann ergriff eines der Morgenblätter und überflog mit sicherem, geübtem Blick die Spalten. Nein, die allerletzte Sensation hatte noch keinen Abdruck gefunden: Der lleberfall auf das Auto des Generaldirektors Quodel. Das bestellte Frühstück war gebracht worden und, so abgelenkt die beiden Männer auch waren, der heiße, belebende Trank übte seine Wirkung und vermittelte ein angenehmes, entspannendes Gefühl.
„Was zunächst?" erkundigte sich Quodel, indem er das Zeitungsblatt niederlegte, in dem er zerstreut geblättert, während er seinen Kaffee in kleinen Schlucken schlürfte. „Ich bin 1
mit allem einverstanden, selbst
Zeichnung C. W. KießHcb M
»Das galt mir!« flüsterte er noch jenseits klaren Denkens
wenn sie sagen, ich solle geradeswegs in die Donau gehen . . “
„Können Sie mir etwas über das Vorleben Ihrer — ich meine der gnädigen Frau sagen? Ich meine, kennen Sie Ihre Angehörigen?" Verteufelt schwer kam diese Frage heraus, fand Eelbmann, und sein Gesicht lief dabei rötlich an. Bis jetzt war der Name sorgfältig und wie auf Verabredung vermieden worden.
Quodel war zusammengezuckt, als hätte ihm jemand rücklings einen Schlag versetzt.
Die beiden befanden sich nun im Arbeitszimmer des Generaldirektors.
Quodel, vor sich hinbrütend, hatte die Hände im Kreuz gefaltet und war mit schleppenden Schritten auf und ab gegangen, Eelbmann aber saß, was er sich sonst nie erlaubt hätte, angesichts seines Chefs. Er hatte ein Notizbuch vor sich und zeichnete unregelmäßige Figuren auf ein leeres Blatt. Die ganze Seite war vollgekritzelt, ehe er sich aufraffte, um die vorstehende Frage auszusprechen. Seltsamerweise traf diese aber haarscharf mit dem Gedankengang Quodels zusammen.
Auch er beschäftigte sich zur Zeit mit dem Vorleben Kittys, mit dem Ergebnis, daß er so gut wie gar nichts von ihr wußte, ebe sie seine Frau geworden. Er hatte geschäftlich in New York zu tun gehabt und dabei samt seinem Sekretär feststellen müssen, daß ihr beider Englisch nicht ausreichte. Rasch entschloßen hatte Quodel eine Hilfskraft engagiert. Daß diese ein außergewöhnlich schönes Weib war, das er, genau besehen, unter eigenartigen Umständen kennengelernt, das spielte keine Rolle. Sie nahm ihre Arbeit ernst, erwies sich tüchtig und intelligent — und Staatsgeheimnisse kamen ja nicht in Frage. Sie leistete Dolmetscherdienste und machte ihre Sache nicht nur vorzüglich, sondern war von feiner Noblesse und so ganz und gar große Dame, daß sich Quodel Hals über Kopf in sie verliebte, sich ein Leben fürderhin ohne Kitty Traveller nicht mehr vorstellen konnte, ünd es nicht im Traum gewagt hätte, ihr einen andern als eben einen Heiratsantrag zu machen — den sie annahm . . . Und das war alles.
Sechs Wochen später, nachdem er in Amerika war, ließ er sich mit Kitty Traveller in einer der kleinen Methodisten«
kirchen weit draußen am Rand der Gigan- tenstadt trauen, mit seinem Sekretär als einzigen Beistand.
Der Mann hatte reinen Mund gehalten, und so konnte die Gesellschaft ganz gut der Meinung sein, daß die junge Frau Generaldirektor Quodel aus einem der großartigen Paläste der Fünften Avenue in sein Haus gekommen war, um hier in unnachahmlicher Grazie und ein wenig Hochmut die Herrin zu spielen.
Trotz des gewaltigen Altersunterschiedes chien die Ehe glücklich und war es auch, oweit Quodel in Frage kam. Niemand 'onnte sich des Vertrauens der Frau rühmen. Mit niemandem sprach sie mehr als Belangloses, aber sie hatte dabei eine Art Hof zu halten, daß Neugierde nicht an sie heranreichte . . .
Dies sprach nun Quodel Eelbmann gegenüber in stockenden Worten aus, der mit gesenkter Stirn dasaß und es nicht merkte, daß sein Chef immer noch vor ihm stand. Aeußerlichkeiten spielten in diesen Schicksalsstunden keine Rolle. Auch Quodel merkte das gar nicht, er, der sonst auf strenge Einhaltung des Zeremoniells sah. Er schien um Jahre gealtert, wie er so, mit hängenden Schultern und graubleichem Gesicht, beide Hände auf die Stuhllehne des Detektivs gestemmt und mit fast geflüsterten. sich überhastenden oder stockenden Worten die kurze Geschichte seines so späten Liebestraumes erzählte.
Nun erhob sich Eelbmann und sprach leise: „Ehe ich Anzeige erstatte, will ich hinausfahren und ..Im gleichen Augenblick blinkte das Lichtsignal. Der Detektiv nahm den Hörer vom Tischtelephon: „Ja, ich komme sofort", sprach er hinein, nachdem er offenbar eine Meldung angehört.
Quodel hatte die Hände sinken laßen und den Kopf lauschend vorgestreckt. „Was ist?"
„Der alte Evans, der Kaßenbote, sucht mich. Ich will nachsehen, bin gleich wieder da ..."
Das letzte kam mit einem besorgten Ee- sichtsausdruck, denn sein Chef gefiel ihm ganz und gar nicht. Sonst von ungewöhnlicher Energie und Schaffenskraft, saß er nun senil mit leise zitterndem Kopf da vor ihm und starrte geistesabwesend vor sich hin. Eelbmann ließ ihn nur ungern allein. Indessen, man mußte vermeiden daß dritte Personen den Chef in diesem Zustand erblickten, solange es eben zu vermeiden war . . .
Keine zwei Minuten später war er wieder zurück.
Quodel schien sich gefaßt zu haben. Mit wachem Ausdruck sah er dem Detettiv entgegen: „Nun?"
Eelbmann griff in die Vrusttasche und entnahm dieser ein gelbes Blatt: „Der Scheck ist gefunden worden", sprach er halblaut. „Zwischen dem Putt und der Barre eingeklemmt, hat ihn Evans beim Abstauben gefunden — nein, er hat niemandem etwas davon gesagt, überhaupt nichts ver. raten, auf ihn ist Verlaß!" setzte Gelbmann auf einen fragenden Blick Quodels hinzu.
Nun lag das etwas zerknitterte Blatt auf dem Schreibtisch, und beide Männer sahen darauf nieder.
Eine Weile herrschte Schweigen, dann nahm wieder Eelbmann das Wort: „Es ist, wie ich dachte. Von einem parfümierten Scheck, wie der arme Kerl, der Gallus, an. fangs gefaselt, ist keine Spur. Ein Papier wie jedes andere seiner Art. Dieser geheimnisvolle Duft, der offenbar ein tötendes Gift darstellt, kam woanders her . . ." Und Eelbmann rieb sich die Stirn. „Der verd.....Mistkäfer, dieser Smaragdring, der muß es irgendwie an sich gehabt haben. Mit dem sechsten Sinn des Sterbenden hat das der Gallus empfunden", murmelte er vor sich hin.
Quodel nickte schwer. „Ja, es war der Ring — derselbe Ring, den . . “ Er sprach nicht weiter, sondern stierte wieder mit diesem beängstigenden Ausdruck der Geistesabwesenheit irgendwohin.
Eelbmann richtete sich auf: „Wollen Sie mir versprechen, daß Sie — ick meine, daß Sie keine Unbesonnenheit begehen, während ich fort bin?" fragte er jetzt geradeheraus. „Es ist eine verteufelte Geschichte, das muß gesagt werden, aber sie wird um so schlimmer, wenn Sie jetzt nicht durchhalten. Sie machen sich — na ja, es ist so — Sie machen sich in den Augen der Behörden zum Mit- schuldigen, wenn Sie jetzt auskneifen . . . Verzeihen Sie, daß ich das jetzt so heraus« sage, aber es nicht Zeit, schöne Reden zu drechseln."
Ein schattenhaftes Lächeln huschte um das greisenhaft verfallene Antlitz des General- Direktors. Er hob die Rechte und legte sie dem Sprecher auf den Arm: „Fürchten Sie nichts, Sie guter Kerl, ich kneife nicht aus — ich bleibe hier und erwarte Sie Aber beeilen Sie sich, denn man kann nicht wißen, ob die Polizei sich meldet. etwa wegen des Attentats, ehe Sie zurück sind. Was in aller Welt soll ich denn dann sagen, oder tun?"
(Fortsetzung folgt.)