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Skilauf um ein Königreich /

Erzählung aus der schwedischen

Geschichte

von der Ermordung

Der Flüchtling fand im Hause des Kron­schützen Oxenstjern Unterkunft. Vollkom­men erschöpft, schlief er einen Tag und eine Nacht hindurch ununterbrochen. Dann saß er am warmen Herd bei seinem Gastgeber und dessen Tochter und erzählte von den furchtbaren Erlebnissen auf seiner aben­teuerlichen Flucht quer durch Schweden. Auf meinem väterlichen Gut Räfsnäs er­hielt ich die Nachricht von der Ermordung des schwedischen Adels in Stockholm. König Christian von Dänemark, der wortbrüchige Bube, hatte seine früheren Gegner zu einem Friedensfest eingeladen. sie samt und son­ders von der Festtafel weg in den Kerker abführen und sie anderntags auf dem Marktplatz in Stockholm köpfen lassen. Fast hundert Adelige starben zu dieser Stund; ihr Blut rann in Bächen über den Marktplatz in den nahen Mälarsee."

Karin Oxenstjern stöhnte im Uebermaß des Jammers

über diese furchtbare Bot­schaft. Ein Zittern durchlief die junge schöne Mädchen- gestalt.

Welch unerhörte Greuel!" rief der Vater, von Schmerz und Empörung überwältigt. Wieviel kostbares Schweden­blut floß durch die Untat des feigen Mordgesellen! Werden wir uns je von diesem schwe­ren Aderlaß erholen?"

In angstvoller Spannung fragte er:Und eure Eltern, Gustav Wasa?"

Der Gefragte atmete tief. Er mußte seine Muskeln ehern spannen und seine Ge- fichtszüge zu Stein erstarren lassen, um sich zu beherrschen: Erik Wasa legte sein Haupt auf den Richtblock wie all die andern, wie sein Schwieger Brahe und die Edelsten des Landes. Meine Mutter aber und Sten Stures Witwe, die so tapfer Stockholm vertei­digte, wurde mit Frau Brahe und anderen Edelfrauen ein« Seterfert. Wie in Stockholm berlistete auch in anderen Städten Tücke und Treulosig­keit die Wehrlosen. Sechs­hundert adelige Herren man zählt kaum mehr in Schweden find tot."

Nur Ihr seid geblieben, sagte Sven Oxenstjern er- schüttett und legte unwillkür­lich wie segnend die Hand auf den blonden Scheitel des Ritters.

Ls gelang mir, den- L Nischen Häschern zu entkam-

men, obwohl ein hoher Kopf- - ' preis auf mich ausgesetzt * wurde. Voller Schrecken und Mühsal war meine Flucht.

Von einem Ort zum andern gehetzt, vogel- frei jedem Geldgierigen kostbare Beute, mehr als einmal verraten, in Gefahr, Le­ben oder Freiheit zu verlieren, in Morast

verborgen; dem Hunger, der Kalte und den wilden Tieren ausgesetzt, so fristete ich mein Leben, arbeitete als Taglohner und Knecht und entging wie durch ein Wunder tausenderlei Gefahren." _ Gustav Wasa, es ist ein Wunder. Tott hat euch stchtbarlich gerettet und be­schützt. Er hat Großes mit euch vor."

Noch glaube auch ich daran", entgeg­nete Wasa blitzenden Auges.Solange ich uoch hundert, nein fünfzig, nein: fünf Ge- treue weiß glaube ich an mein Volk und seine Befreiung vom fremden Joch. Aber wenn die Talmänner in Dalekarlien mich auch in Stich lassen, so gebe ich die Ichwe- dische Sache auf. Das ganze Volk liegt in Staub und Schmach. Die Soldaten Aden ihre Waffen abgeliefert und die Bauern ihre Armbrüste zerbrochen. Freie, wo seid JH "

Die Talmänner sind treu und tapfer", beruhigte der Alte den Erregten.

Spät am Abend kam Nils Engelbrecht, der Freund des Hauses und Freier um Karin. Er war als Vertrauter in das Ge­heimnis eingeweiht worden.

Der Bauern von Rättwik bin ich sicher, Gustav Wasa. Kommt noch in dieser Nacht mit mir und redet zu ihnen. Dann werden sie aufstehen wie ein Mann. Sie warten nur auf den rechten Führer, um gegen den verhaßten Dänen loszuschlagen.

Da keimte zum erstenmal seit drei Mon­den ein Gefühl der Zuversicht und Hoffnung in Gustav Wasa auf. Sollte es ihm in letzter Stunde gelingen, mit einem Häuf­lein Todesmutiger den Widerstand gegen den fremden Unterdrücker durchzuführen? Boll dankbarer Freude drückte er die Hand Oxenstjerns und Engelbrechts; und auch die schmale, weiße, aber feste Hand des Mäd­chens lag in der seinen.Ich werde es euch «i« vergessen", sagte er tiefbewegt.

. Die flammenden Worte Gustav Wasas

r?«

fielen in die reinen redlichen Herzen der Talmänner. Sie jubelten ihm zu, griffen zu den Waffen, scharten sich um ihn.

Aber die erste Voraussetzung für diese Aufstandsbewegung wurde nicht erfüllt: Geschwindigkeit. Nur ein urplötzliches, alles mit sich reißendes Anschwellen der Erhebung wäre erfolgverheißend gewesen. So behielten die Lauen, Flauen im Lande zunächst die Oberhand. Sie stimmten fürs Abwarten, für das Losschlagen imgünstig« sten Augenblick". Da war der günstigste Augenblick schon verpaßt!

Arendt Persson, der Amtmann von Mora, benachrichtigte den dänischen Vogt Brun Bengtson in Dalarne. Der brach so­fort mit einem bewaffneten Haufen auf nach Jsale und legte eine Besatzung nach Rättwik und Mora. Nicht nur Habgier, sondern auch Eifersucht und persönlicher

*

Haß trieben Persson zum Verrat

Sohn des reichen Mühlenbefitzers, war als Freier von Karin verschmäht worden zu­gunsten dieses Kleinbauernfohnes Rtl«

Auf feine Veranlassung drang der dänische Vogt mit zehn Lanosknechten ins Haus des Kronschützen ein.Ich habe ver­läßliche Nachricht, Sven Oxenstjern" warf er dem in seinem Hausfrieden aufgestörten Mann vor, an dessen Brust sich in Bangen und Besorgnis die schöne hochgewachsene Tochter geflüchtet hatte^daß Ihr dem Hochverräter Gustav Wasa Obdach ge­währet. Auch gährt es unter den Talmän­nern und Ihr seid verantwortlich dafür."

Oxenstjern tat ahnungslos.Da seid Ihr falsch unterrichtet, Herr Vogt. Woher kommt Euch solche fürwitzige Kunde? Mir ist von allem nicht« bekannt."

Der Vogt indes ließ sich nicht so leicht be­schwichtigen, und setzte dem Kronschützen hart zu.Der Verdacht gegen Euch ist ausreichend, um Euch vor das Gericht Kö­nig Christians nach Stockholm zu bringen."

Ich fürchte es nicht", erwiderte Oxenst­jern stolz.Dort standen schon bessere Mannen als ich."

Das ritterliche und furchtlose Benehmen des Alten machte Eindruck auf den Vogt. Nicht ohne Wohlgefallen ruhte sein Blick auf der schönen Karin. Er nahm seinen Begleiter Persson beiseite und sprach minu­tenlang leise mit ihm. Dann sagte er in starker erwartungsvoller Spannung: Kronschütze, ich habe Euch einen Vorschlag zu machen. Nur, weil ich Euch persönlich schätze, will ich Euch schonen. Aber ich muß Euch einen Mann meines Vertrauens, der die Dauern zügelt zur Seite stellen. Und dazu ist es notwendig und gut, wenn dieser Mann meines Vertrauens" er wies auf Perssonder feit langem Eure Tochter liebt, die ehrsame Jungfer heiratet. Dann ist Euch und mir geholfen/

Oxenstjern blieb stumm vor Entrüstung über diesen Vorschlag.

Besinnt Luch wohl!" sagte der Vogt drohend.Wisset, Persson wird Herr auf Jsala; ists nicht mit Luch so ists ohne Euch. Weil ich mich nur so sichern und die dänische Herrschaft über die Bauern festigen kann. Ueberlegts Euch bis morgen, ob Ihr hier bleiben oder nach Stockholm wandern wollt aufs Schafott!"

Er wandte sich um und befahl im Hin­

ausgehen:Persson, Ihr laßt lung von fünf Mann im Ha

eine Abteil us zur Be­

ewohner!"

Gustav mußte wiederum fliehen. Er hatte eine letzte heimliche Zusammenkunft mit Engelbrecht.Wohin wollt Ihr Euch wenden?" fragte Engelbrecht ihn.

Wohin?!" erwiderte der Unstete bitter. Bleibt mir die Wahl? In die letzten

Zeichnungen C. W. Kießlich M

»Ueberieft ee Euch bis morgen, ob Ihr hier bleiben oder nach Stockholm wandern wollt aufs Schafott!«

Verrat. Er, bei Winkel des Reiches gedrängt, kann ich nur noch über die norwegische Grenze ent­kommen. Das bedeutet Verbannung und Verzicht."

Leidvoll blickte er den Freund an:Richt alle wurden untreu, Nils aber fast alle. Allein und verlassen mug ich aus dem Vaterland fliehen."

Er nahm Platz in dem Schlitten, der von einem Bergmann aus Falun, einem der letzten Getreuen, geleitet wurde.

Engelbrecht blieb da. Er allein gab noch nicht alles verloren. Der verzweifelte Wille zum Aufstand machte ihn tollkühn und ver­wegen. Nachts schlich er auf einem ver­borgenen Pfad zum Haus Oxenstjerns. Er wußte, der Alte und feine Tochter wurden dort gefangen gehalten. Es gelang ihm, unbemerkt von den dänischen SöLnern durchs Fenster in Karins Zimmer einzu­dringen.

Sie erschrak über seine Kühnheit. Mehr noch ängstigte sie der Gedanke er könne entdeckt werden. In aller Hast sprachen sie über das Nöttgste. Zögernd berichtete sie ihm von der Forderung des Vogts an sie» den verhaßten Persson, den Abtrünnigen, zum Gatten zu nehmen.

Und du?" fragte Engelbrecht, in tiefster Seele aufgewühlt.

Du fragst?" erwiderte Karin gequält. Muß ich mich und meine Siebe zu dir nicht opfern, wenn ich dadurch meinen Vater retten und vielleicht sonst viele Greuel verhüten kann?"

Nils fühlte die seelische Marter mit, die das grausame Verlangen des Vogt« der Liebsten bereitete, und er ballte in ohn­mächtiger Wut die Faust.

Auf dem gleichen Weg, den er gekommen, kehrte er im schützenden Dunkel der Nacht zurück. Im Birkenforst zu Rättwik fand eine geheime Versammlung seiner Freunde statt. Eine neue schlimme Botschaft erwar­tete ihn da. Seine Späher hatten erfahren, daß die Dänen, anscheinend auf die Flucht Wasas aufmerksam geworden, die Der-

folgung ausgenommen hätten. Und zwar waren Schlitten und bewaffnete Skiläufer unter Führung Perssons aufgevoten worden.

Der Verräter will sich den Kopfpreis verdienen", schrie Engelbrecht wild.0 pfui über ihn und über uns alle! Unsere Besten find von den Dänen ermordet wor- den und auch uns wird es schlecht ergehen. Aber wir verdienen den Tod, da wir un­treu wurden und den einzigen Retter ziehen ließen."

Engelbrecht redete weiter, leidenschaftlich und aufrührerisch. Und diesmal gelang es: er riß die Bauern zur Einheit, zum ein­mütigen Willen, hin.

Wir schwören dem Führer Gustav Wasa Treue bis in den Tod. Wir wollen den Feind mit den Waffen vertreiben", erklang ihr Schwur wie aus einem Mund«.

Nun kam es darauf an, den Heerführer zurückzuholen. Engelbrecht und zwei Kame­raden schnallten sich die schnellen Bretter unter die Füße.

I

Der Schneeschuhlaus der drei Talmänner wurde zu einem ent. scheidenden Ereignis in der schwedischen Ge- schichte. Gustav Wasa auf der Flucht nach Norwegen. Kam er über die Grenz«, ver- lor er das Reich. Und wenn ihn Engelbrecht einholte ...?

Die Talmänner sausten vorwärts über das verschneite Gelände, über Hügel und Mulden in rasender Fahtt. Ein Taumel, ein Rausch hatte sie erfaßt.

Seitlich in der Ferne sah EngelbreLt Schlitten und Schneeläufer des Verräters Persson. Im Bogen wich er dem Feind aus, überholte ihn und kam außer Sicht.

Nur noch wenige Meilen zur Grenze!

^^^^ Ein Begleiter stürzte und blieb liegen. Der andere sank kurz darauf vor Erschöpfung ^-gM in den Schnee. Ohn« sich auch nur nach ihm umzusehen, fuhr Engelbrecht in fliegen- der Hast weiter. Von den M Verfolgten keine Spur!

Aber in dem Augenblick,

* ' - als er den Schlagbaum der norwegischen Grenzstation vor sich wahrnahm, schattenhaft, in Um­rissen gleich einem Fallbeil, stieß er auf den Schlitten Wasas. Da riß er die Mütze vom Kops, warf sie in die Höhe und schrie gell wie ein Tier. Auch Gustav zog erregt die Mütze herunter. Die beiden jungen Recken lagen sich in den Armen, weinend und lachend zugleich. Ihre rötlich-blonden Haare wehten langmähnig im Wind ane flammende Fahnen.---

Gustav Wasa kehrte um und stellte sich in den Sümpfen von Mornäs an Die Spitze der Bauernschaft. Zuerst überrumpelt« er den Dänenvogt Bengtson, befreite Oxen- stjern und seine Tochter. Ueberall stie­ßen Freunde und Patrioten zu ihm. Sein Heer vergrößerte sich lawinenartig. Mehrfach schlug er die Dänen. Innerhalb Jahresfrist war ganz Schweden befreit. Der Reichstag zu Strangnäs krönte ihn zum König.

Das Königsgeschlecht der Wasa, aus dem ein Gustav Adolf hervorging, war begrün­det. Und der Bauernsohn Engelbrecht hatte durch seinen historischen Skilauf an der Begründung dieser Dynastie einen nicht geringen Anteil gehabt. E. K.