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3m Monengarlen / Eine Skizze aus Indien

Dieser Zitronengarten gleicht nicht einem der mit Miniaturbäumchen bepflanzten, terrassenförmigen Gärten, wie man sie an der Riviera findet; er ist ein ungeheurer, wohlriechender Schatten, den die Eier nach Gewinn unbeschnitten ließ. Wo süße Limo­nen, Mandarinen und Blutorangen ihre Blätter und Blüten und Früchte ver­mischen zu einem säst undurchdringlichen Schutzdach vor der Sonne. In Indien findet man viele solcher Gärten, die die zerfallenen Paläste und Grabmäler ver­gangener Könige umgeben. Dieser son­derbare eine birgt in seinem parfümierten Herzen ein weißmarmornes Mausoleum, 'wo rote und grüne Papageien sttllträumend hocken, gleich einem Mosaik in dem blen- dendweißen Mauerwerk. Wie ein Fort um­säumt den Garten ein zwanzig Fuß hoher Wall, aus dem das pure Alter schon man­chen Brocken herausriß. Auf seiner inneren Seite wuchern wilde Limonen; sie bilden ein Dickicht, das den Wall von hier un­sichtbar macht. Vor dem Mausoleum liegt ein großes Marmorbassin; das trübe Master darin versucht seine Stagnation unter einem Teppich von Lotosblättern zu verbergen. Von hier aus führen vier breite Alleen durch den ganzen Garten. Eine Unzahl enge, durch dichtes Laubwerk ver­borgene Pfade wieder teilt den Garten in kleinere Quadrate. Es ist ein Labyrinth schattiger Wege, von kleinen Wasterrinnen umsäumt und eingefaßt von Rosen und Jasmin. Tag und Nacht rinnt das Wasser klar und kühl, beflutet jedes Quadrat, bis es in einem glänzenden See zusammen­läuft, in dem das Dach von Blüten und Früchten liegt wie in einem Spiegel.

Ein Garten Eden; wie dieser auch von einer Frau und einer bösen Schlange be­wohnt. Wahrlich, in diesem Zitronen­garten ist es leicht und wohl, die Seele zu läutern vomKarma" oder Verlangen, um inNirvana" einzugehen, in dem wie die Buddhisten sagen die ganze Vollendung des Besitzes liegt.

Naraini, des Gärtners Enkelin, stand unter einem Zitronenbaume. Mit einer Hand faßte ste den Zweig über sich und wiegte ihren Körper langsam auf und nieder. Da fielen die Blüten in ihren aus­gestreckten Schleier. Naraini selbst war einer Zitronenblüte gleich wie diese keck gekleidet in Safrangelb und Weiß, blickte sie der Welt offen ins Gesicht, wohl mistend, daß es sich lohnte, einen Blick zurückzuwerfen. Ihre Welt das waren diese paar Acker duftender Schatten. Bis heute kannte Naraini keine andere Welt, obschon sie morgen diesen Gatten und das Haus ihrer Kindheit verlassen mußte, um einem Mann zu folgen, dem sie vor zwölf Jahren versprochen wurde.

Das Dröhnen der Trommeln und ge­legentlich das Geschmetter eines Horns hatten schon in der Frühe den allmählichen Beginn der Hochzeitsfestlichkeiten angekün­digt. Naraini hatte den Morgen mit Empfang der weiblichen Besucher verbracht, die mit erheuchelten Tränen ihren Ge­fühlen Ausdruck gaben. Dann fanden sich die schrillen Weiberstimmen zum Geplau­der, bis die Hitze des Mittags sogar dke Zungen der Frauen lähmte. Von einer sonderbaren Unruhe getrieben, war Naraini dann der Gesellschaft entschlüpft in die schattigen Alleen, die sie so sehr liebte und morgen verlassen sollte.

Am Morgen hatte Naraini einen kurzen Anblick ihres zukünftigen Gatten erhascht und zufrieden sestgestellt, daß er im Besitze der erforderlichen Anzahl Augen, Armen und Beinen war. Im übrigen Männer waren stets nett zu hübschen Frauen, und sie wußte sich sehr hübsch.

Wie sie jetzt in der Allee stand und Blüte auf Blüte in ihren Schleier fiel, kam jemand den Weg entlang. Sie bemerkte ihn sofort es war ihr Verlobter. Und der Dämon des Unheils gab ihr den Ge­danken, daß sie ihm gegenüber einen Vor­teil hatte: er hatte sie seit feinem dritten Lebensjahre nicht gesehen und konnte sie unmöglich erkennen. Doch was führte ihn hierher? In unaussprechlicher Neugierde blieb sie wie angewurzelt stehen. Vielleicht wußte sie, daß die Stelle, wo sie stand, die vom Dach des Bogenganges einzig sichtbare war. Ihr Verlobter, der sie von dort ent­deckt, hatte die allgemeine Schläfrigkeit ge­nützt und war über die Mauer geklettert,

denn er gehörte zu den Männern, die zu hübschen Gesichtern sehr freundlich sind. Ihm war noch kein tröstender Anblick seiner Verlobten gestattet. Die Leute erzählten zwar, sie sei schön, doch das wurde immer gesagt; hier bot sich ein zweifellos schönes Bild. Zu einem Scherz bereit und seinen morgen stattfindenden Hochzeitstag ver­gessend, war er in den Garten geschmpft.

Naraini jedoch weder erschrak noch kicherte beim Anblick des Mannes; ruhig sammelte sie weiter Blüten. Unsicher in allem außer ihrer entzückenden Grazie, blieb er stehen. War sie eine Dienerin, und lief er Gefahr, näher zu treten? Naraini entfuhr ein leises, weichklingendes Lachen. Es bereitete ihr Vergnügen, den Wert ihrer Schönheit an dem Mann erproben zu können, den sie eben damit später beherrschen wollte. So standen sie beide und fühlten das Leben mit der Freude der Jugend. Andere möch­ten ihre Blicke abgewandt haben, betend für die Rettung aus dieser Welt des Flei­sses und der Teufel. Naraini dachte an nichts anderes wie an ihr eigenes Lachen.

Der Garten schien zu schlafen außer den zwei Menschen. Plötzlich, mit einem lauten, kindlichen Lachen, flog der Schleier voll Blüten in sein Gesicht, und Naraini lief die Allee entlang, während er rasch hinter ihr her war. Die Mauern echoten das Trippeln ihrer fliegenden Füße den Pfad hinunter, einen anderen hinauf, rund um das Mausoleum, wo ein Haufen er­schreckter Papageien wildschreiend durch­einander flatterte. Auf ihre bessere Orts­kenntnis vertrauend, pauste sie einen Mo­ment auf der obersten Stufe, warf noch eine Handvoll Blüten hinter sich, und eilte dann weiter. Hart biß er die Zähne auf­einander und lief so rasch um das nächste Quadrat, daß sie zurückblickend einen leich­ten Schrei ausstieß und in den dichtesten Teil des Gartens floh, wo das Wasser flutete, und die Tiere und Vögel einen kühlen, feuchten Zufluchtsort fanden. Der Mann, der mit langen Schritten einen Teil des Weges abgeschnitten hatte, sah die helle Gestalt sich nähern, kroch in das dich­teste Gehölz und wartete.

Keinen Schritt weit fort wartet« noch etwas, doch er sah es nicht. Seine Augen hingen an dem safrangelben Geflatter, das sich langsam näherte. Naraini hatte die Richtung ihres Verfolgers verloren und war auf der Hut vor Ueberraschungen.

Plötzlich ertönte ein Schrei, und wie zu Stein erstarrt stand Naraini, die ihn im selben Augenblick sah. Er stand mit weit- offenen Augen voll geisterhafter Furcht und klammerte sich stützend an einen Zweig, von dem die Blüten auf den Boden fielen. Auf seinem Fuße standen zwei kleine

Grüne Seide In Dresden J Don Franz Löser

Kurz nach der erfolgreichen ersten Ber­liner Aufführung seinesFreischütz" erhielt Karl Maria v. Weber einen besonderen Auftrag. Er sollte für die Festvorstellung zur Hochzeitsfeier des Prinzen Johann, eines Neffen des Königs, eine neue Oper komponieren. Hofrat Friedrich Kind, der Dichter desFreischütz , lieferte auch für die Festoper das Buch, und zwarAlindor", eine Zauberoper, in der zahlreicheFeuer- geister" in die Handlung eingriffen. Eines Tages kam nun zu Weber ein Herr, der sich als Dresdner Geschäftsmann vorstellte und den merkwürdigen Wunsch äußerte, daß die Feuergeister der neuen Oper in Wasser­geister verwandelt werden sollten.

Der Komponist sah den Mann eine Weile überrascht an. Er konnte für dessen sonderbaren Wunsch keine vernünftige Er­klärung finden. Endlich fragte er:

Warum sollen es denn gerade Waster- geifter sein?"

Ja, das will ich Ihnen gerne im Der- trauen mitteilen, Herr Hofkapellmeister", antwortete der Geschäftsmann. Und frei­mütig erklärte er:Ich liefere nämlich an das Hoftheater die Garderoben. Und für die Feuergeister denke ich mir nun, daß sie in roter Seide kostümiert werden müssen."

Das allerdings", entgegnete Weber. Anders könnte ich sie mir gar nicht denken."

Das ist mir nun sehr unangenehm", fuhr der Geschäftsmann wieder fort.Ich habe nämlich zweihundert Ellen grünen Seidenstoff liegen, den ich gerne wegbrin­gen möchte. Wassergeister könnte man nun mit dieser grünen Seide bekleiden, aber Feuergeister nicht. Deshalb hätte ich in aller Ehrfurcht gebeten, daß Sie in

Tropfen Blut, hellschimmernd gegen die braune Haut. Ueber den Pfad schoß ein langes, schwarzes Seil, und verschwand in den Rosenbüschen jenseits des Pfader.

Schlange! Schlange!"

Ihr Schrei gab das Echo auf feinen, wie sie, befreit von sekundenlangem Bann, auf ihn zulief. Doch er schlug nach ihr mit ge­ballter Faust:Geh, geh Teufelsweib! Du hast mich getötet! Sei verflucht! Oh, Fluch dir für deine List und Falschheit! Sie hat mich gebisten. Heiliger Eunga, ich muß sterben! Und morgen ist mein Hoch­zeitstag! Du trägst die Schuld, Weib oh, mein Hochzeitstag!"

Er war zu Boden gesunken und stöhnte und jammerte in banger Furcht. Naraini stand an seiner Seite. Da war keine Hoff­nung: das Tier hatte ganze Arbeit getan. Dennoch war Zorn in ihrer Stimme.

Du lügst! Es ist nicht meine Schuld? Warum bist du gekommen? Warum hast du mich verfolgt? Wenn morgen dein Hoch- zeitstag ist bin ich nicht die Braut?" Dann stieg die furchtbare Erinnerung wieder vor ihre Augen. Sie rang ihre Hände in wilder Verzweiflung und Ent­setzen.

Er ist tot! Er ist tot! Und ich bin die Braut!"

Die Worte durchdrangen die Grabesstille des Gartens. Wie sie sich wenden wollte zur Flucht, griff er nach ihrem Kleide und hielt es grimmig fest.Du die Braut? Meine Braut? Dann bist du morgen eine Witwe! Du hast mich getötet, aber du kannst mir nicht entgehen. Meine Witwe oh!"

Sein Gesicht verzog sich schrecklich in der Furcht des herannahenden Todes. Ver­zweifelt kämpfte Naraini, um loszukommen; eine Hände hielten fest, bis er sie neben ich niederzwang in den Staub. Dort Säuerte sie nieder in stummer Ergebung, mit den erschreckten Augen eines gefange­nen Tieres.

Du sollst mich sterben sèhen es ist deine Schuld! Jetzt mußt du sehen, wie ich sterbe!"

So saßen sie Seite an Seite im Ange­sicht des Todes; sein Kopf lag an ihrer Brust, seine Hände umklammerten ihre Ge­lenke, die Augen voll,Verzweiflung und Schmerz blickten empor zu ihrem Ge­sichte.

Dünne Sonnenstrahlen huschten über sie, Zitronenblüten fielen auf sie nieder, wie der Nachmittagswind die Zweige rührte. Sogar als das schnellwirkende Gift den Griff seiner Hände lockerte, saß Naraini noch als Gefangene des toten Körpers, der mit seinem Gesicht verborgen in ihrem Schoße lag.

Sie war eine Witwe. Die Zitronen- blüten waren gefallen.

Ihrer neuen Oper die Geister ändern. Ihnen müßte es doch ganz gleich sein, welcher Art sie sind, und mir wäre damit geholfen."

Karl Maria von Weber war über dieses Ansinnen natürlich entrüstet. Die Dreistig­keit des Mannes empörte ihn. Er hielt auch mit seiner Ansicht nicht hinter dem Berge zurück und sagte dem Besucher gründlich seine Meinung. Dann erklärte er mit aller Entschiedenheit:

In meiner neuen Oper haben Master- geister nichts zu suchen und es muß schon so bleiben, wie es ist." .

Niedergeschlagen ging der Geschäfts­mann weg. Zu Hause wartete bereits sein Vetter auf den Bescheid. Es war der ver­traute Kammerdiener des Königs. Als der Verwandte nun von dem Mißerfolg des Geschäftsmannes erfuhr, starrte er eine Weile vor sich hin. Endlich sagte er:

Ja, da muß man dann etwas anderes tun."

Aber was?" erwiderte der Seiden- händler bekümmert.Ich wüßte nicht..."

Laß nur", beruhigte ihn der Kammer­diener.Ich weiß schon einen Weg."

Wirklich?" Du weißt einen Ausweg?" Verlaste dich nur auf mich. Du sollst deine grüne Seide los werden."

König Friedrich August genoß mit vol­lem Rechte die Liebe und Verehrung seiner Untertanen. Zu all seinen vortrefflichen Eigenschaften hatte aber auch er einige schwache Seiten. Und zu diesen gehörte die Gewohnheit, daß er sich abends beim Schlafengehen von seinem Kammerdiener gerne die Klatschgeschichten Dresdens er­zählen ließ. Einesteils erfuhr er dadurch

mancherlei, was ihm sonst nicht zu Ohren gekommen wäre, andernteils unterhielt er sich köstlich, wenn es recht drunter und drüber ging. Der Kammerdiener wußte, daß sein König ein großer Verehrer der Tonkunst war und besonders Webers Musik sehr hoch schätzte. Aber er wußte auch, daß Friedrich August die Wolfsschluchtszene Freischütz" nicht leiden mochte. Und dar­auf baute er seine Pläne. Als nun am Abend der König fragte, was man sich in Dresden Neues erzähle, erwiderte der Kammerdiener seufzend:

Ach, Majestät, man erzählt sich leibet nicht viel Gutes."

Nicht viel Gutes?" sah der König überrascht auf.Heraus damit? Ich will alles wisten."

Eine Weile redete der Kammerdiener um die Sache herum, berichtete, daß man sich viel über die neue Oper bei Herrn Hofkapellmeifter unterhalte und sagte «nd-

Es heißt, daß es darinnen wieder so schrecklich zugehen soll wie in der Wolfs- fchlucht beim Freischütz, womöglich noch ärger. Denn diesesmal sollen auch Feuer- geister und andere unheimliche Gespenster vorkommen. Und da meinen bte Dresdner, daß es nicht schicklich sei, zur Vermählung»- feier etwas so Grausliches darzustellen. Denn die hohe Prinzessin könnte dadurch etwa aus unheilvolle Weise erschreckt werden."

Die Dresdner haben schon recht", ent­gegnete Friedrich August, während er ins Bett kroch.Geister und Gespenster auf der Bühne sind nicht dazu angetan, das Gemüt zu erheitern. Es ist gut, daß du mich aufmerksam gemacht hast. Da muß Wandel geschafft werden."

Am nächsten Morgen hatte der König mit dem Intendanten seines Hoftheaters eine lange Unterredung. Und am Nach­mittag wurden Weber und Kind zum In­tendanten beschieden, der ihnen erklärt«, daß es des Königs Befehl fei für die Ver­mählungsfeier stattAlindor^' eine andere Festoper zu beschaffen.

Seine Majestät meint auch", fuhr der Intendant fort,daß damit ein anderer Dichter und ein anderer Komponist be­traut werden sollten. Es wäre nur recht und billig, wenn auch einmal zwei andere mit dem Ruhmeskranz geschmückt würden."

Dichter und Komponist sahen sich ver­blüfft an aber sie wußten auch, daß alle Gegenvorstellungen nutzlos sein wurden und ergaben sich in ihr Geschick. Sie ver­muteten wohl, daß da irgend eine Intrige im Spiele Jet, den wahren Sachverhalt ahnten sie jedoch nicht. Aus Aerger über diese offensichtliche Mißachtung seines Schaffens unterließ Karl Maria v. Weber die Weiterarbeit anAlindor". Das be­reits fertiggestellte Vorspiel ließ er später unter dem TitelOuvertüre zu dem Be- Herrscher der Geister" erscheinen, und bie anderen Teile verwendete er dann in seiner OperOberon".

Der Kammerdiener des Königs wußte es nun so einzurichten, daß der neue Dichter eine lokalpatriotische Festoper schrieb, in der zahlreiche Elbnixen zu tun hatten. Als aber das Werk dann aufgeführt wurde und die Elbnixen auftauchten, wandte sich der König unwillig an den Intendanten:

Da stnd ja nun doch wieder Geister dabei."

Der Intendant kannte ebensowenig den wahren Sachverhalt weshalb ber König sich gegenAlindor^ ausgesprochen hatte. Er glaubte, daß es lediglich die Feuer­geister gewesen seien, die er nicht sehen mochte und sagte:

Ja, Majestät, es stnd aber Wasser- geister. Bei Kind und Weber waren es nur Feuergeister . . ."

Ach was. Feuergeister ober Master- geister!" unterbrach ihn Friedrich August ärgerlich.Das ist ganz einerlei! Geister sind Geister, und wenn schon solche sein mußten, dann hätten wir ebensogut Alindor" hören können. Jedenfalls wäre Webers Musik viel bester gewesen, als diese da es ist."

Er stand aut ging ungehalten aus der Loge und ließ sich bet dem Brautpaar ent­schuldigen, daß ihm nicht ganz wohl sei.

Die Festoper mit den Elbnixen ver­schwand wieder, wie sie aufgetaucht war. Sie wurde nur ein einziges Mal auf­geführt.

Den Gewinn aber hatte der Vetter des Kammerdiener». Denn für die Kostüme der Elbnixen waren die ganzen zwei­hundert Ellen grüner Seid« aufgebraucht worden.