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Der

Sonntag

Wochenbeilage des Fuldaer Anzeiger

Fulda, den 5. Januar 1935.

Lum ersten Mal auf Brettern

Es ist nun schon einige Zeit her, da stand ich zum erstenmal auf Brettern, nicht aus denen, die die Welt bedeuten, sondern aus ein Paar festen, gelben, noch wunderbar unverletzt neuen Skiern, Bergesche. Ich war sehr stolz auf meine Bretter, und Hans, der mich in die weiße Kunst ein­führen wollte oder sollte, stellte lobend fest, daß ich recht stcher darauf stände.

Langen Ausfallschritt!" kommandierte Hans,so, sich mal." Und er machte es kunstgerecht vor. Ich machte es nach, zag­haft, mit dem Gefühl, das ein Nichtschwim­mer haben mag, wenn er plötzlich ins Wasier geworfen wird und schwimmen soll. Aber es ging, ging wider Erwarten gut, und so wurde ich sicherer und sicherer. Ich fand dieses sanfte Ansteigen wundervoll, hatte bald so viel Vertrauen zu meiner neuenKunst", daß ich es wagte, ein paar entzückte Blicke auf die Landschaft in ihrem neuen Winterstaat zu werfen. Die Land­schaft wußte das allerdings nicht zu würdi­gen und meine Skier lohnten mir die Ab­lenkung meiner Aufmerksamkeit durch heimtückisches Zurückrutschen; mit Händen und Stöcken in der Luft umherfahrend, sehr zur Verwunderung der Menschen um mich her, kam ich glücklicherweise ohne Fall wieder ins Gleichgewicht.

Nun kümmerte ich mich nicht m^r um die Landschaft, sondern versuchte zunächst in angestrengter Arbeit, Hans wieder ein- zuholen, der schon ein gutes Stück voraus war. Die Steigerung wurde steiler und ich rutschte beinahe bei jedem Schritt zu­rück. Dunkel erinnerte ich.mich an die Wissenschaft vom Erätschschritt. Aber als ich ihn probierte, stellte ich fest, daß meine Skier entschieden zu schwer waren; sie wollten vom Boden nicht weg. Also rutschte ich was blieb mir weiter übrig immer zwei Schritte vor, einen zurück. Es erinnerte beinahe an alte Tänze, Ga­votte oder Quadrille oder Franoaise. Ge­rade als ich wieder einen Erätschschritt probierte, kam Hans herunter gesaust. Er hatte mich also endlich doch einmal ver­mißt. Aber diese plötzliche Ankunft, die kurz vor mir in einem prächtigen wie er mir nachher verriet, zufällig geglückten Kristiania sich darstellte, bedrohte aufs schmerzlichste mein eben wieder mühsam hergestelltes Gleichgewicht. Ehe ich recht wußte, wie es kam, lag ich im Schnee.

Fallen kannst du ganz gut", sagte Hans anerkennend, und da ich mir den Spott verbat,nein, wirklich! Man kann viel un­geschickter fallen. Richtig zu fallen ist die Kunst, die man zuerst lernen muß."

Aber nun kam das Aufstehen. Ich habe noch nie gewußt, daß es so schwer ist, vom Boden sich zu lösen. Meine Skier fuhren unter mir bei jeder Lageveränderung meines Körpers wie selbständige Lebe­wesen hin und her, und jedesmal, wenn ich glaubte, nun stände ich bald, lag ich wieder in der sich mehr und mehr vertie­fendenBadewanne"

Bretter quer zum Hang!" rief Hans. Ich tat es gleich darauf stand ich wieder fest und sicher auf beiden Beinen.Das hättest du doch gleich jagen können", schmollte ich. Und er:Es sieht so niedlich aus, wenn ein sonst gescheiter Mensch unter Vernachlässigung aller Intelligenz im Schnee kleben bleibt."

Ich kann nicht sagen, daß dieser Aus­spruch mein Vertrauen zu meinemSki- lehrer" wesentlich erhöhte.

Gleich darauf stürzte vor mir ein anderer Anfänger. Seine Eleichgewichts- katastrophe führte auch bei mir zu starken Schwankungen.

Hans lachte. Eine Weile ging alles glatt. Beim Steigen wurde es mächtig warm. Hans löste den Kragen, ich desgleichen. Leider hatten wir beide unsere pelzver- hrämte Badehose vergessen, sonst hätten wir uns mit Wonne weiter ausgezogen.

Bahn frei! Bahn frei!" klang es viel­stimmig von oben. Ein heftiges Gelächter, das sich weiter pflanzte, kam in die Nähe. Bald sah ich: das Gelächter galt einer jungen Dame, die sich krampfhaft an ihre Stöcke klammerte, wankend und mit ge­spannt aufgerissenen Augen herunterge­fegt kam. Sie kam gerade auf mich zu, und noch ehe ich den rettenden Schritt seitwärts in die Büsche tun konnte, rasten ihre Bretter in die meinen, sie stürzte, ich stürzte; in unfreiwilliger, nur mühsam wieder lösbarer Umarmung richtiger Umbeinung lagen.wir da, zwei Skisäug­linge, zum Ergötzen der Fortgeschrittenen.

Entschuldigen Sie", sagte die junge Dame, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte,ich bin nämlich Anfängerin."

Ich auch", erwiderte ich.Darum hat das auch so gut geklappt."

Wir wickelten die diversen Skier und Beine auseinander, erhoben uns und setzten unsere Wege fort. Hans grinste noch immer. Diesmal hast du eine kleine Entschuldi­gung", sagte er.

Nächstes mal auch."

Wieso?"

Ja, ich bin überhaupt nie schuld, wenn ich falle. Das liegt an der Anziehungskraft der Erde. Du weißt doch, das haben wir mal in der Schule gelernt."

Na, dieses Gesetz wirst du noch häufig am eigenen Leibe zu spüren bekommen."

Ich bekam noch viel mehr Gesetze zu spüren, so z. B. das, daß Schnee schmilzt,

wenn. er über null Grad erwärmt wird. Das merkte ich,, als es von den Rocktaschen her so merkwürdig naß und kalt am Körper herunterlief.

Immerhin gelangten wir endlich auf den Feldberg, und Hans stellte beim Frühstück es kann auch das Mittagesien gewesen sein fest, daß ich mich gut gehalten hätte. Na, stolz war ich, wie ein Spanier!

Und dann stand ich auf dem Plateau. Hans zeigte mir einige Schwünge und Stemmbogen, die alle so kinderleicht und elegant aussahen, daß ich dachte: na, das packst du schon! Dann verabschiedete sich Hans.Ich fahre nur mal die Nordbahn runter nach Niederreifenberg zu. Ich bin bald wieder da. Kannst ja inzwischen hier üben."

Ich stand auf, stieg an, fuhr ab, fiel, stand auf, stieg an, fuhr ab, fiel. Es schien fast eine Naturnotwendigkeit.

Zu halten verstand ick überhaupt nicht anders als durch Hinsehen. Zweimal rannte ich beim Abfahren in die Arme eines gerade emporsteigenden Herrn, der über diese unvermutete Umarmung einer ihm gänzlich Unbekannten wie aus den Wolken fiel. Der Humor des liebenswür­digen Eraukopfes wie das unbefangene Ge­lächter der Umstehenden nahm der Sache jede Peinlichkeit.

In der Deutschlehre hörte ich mal von vier Fällen, im Latein gab es ihrer fünf und es sollen sogar mal sechs gewesen sein. So viel Fälle wie bei mir gab und gibt es in keiner toten oder lebenden Sprache, viel­

leicht nicht einmal in allen zusammen. Erst hatte ich sie gezählt. Ich gab es auf, obwohl ich wesentlich weiter als bis zehn zählen konnte.

Als es anfing schummerig zu werden, erschien Hans wieder auf der Bildfläche. Du bist aber schnell wiedergekommen", ulkte ich.

Ach du, entschuldige, aber die Abfahrten bei Niederreifenberg waren zu schön . . *

Hm ich habe hier jedenfalls ganz flott geübt."

Wir müssen jetzt auch runter, sonst wird es zu dunkel."

Als wir vor dem ersten Hange standen, sagte Hans:Also, ich fahre los, und du fährst hinterher." Und als er mein be- sorgtes Gesicht sah, beruhigte er:So macht man das immer, der beste Läufer zuerst. Ich warte dann von Zeit zu Zeit auf dich."

Nun, meine Skier waren gescheiter als ich. Sie wußten den Weg, ich brauchte nur noch auf mein Gleichgewicht aufzupasien. Ich vergaß fast zu atmen vor angespannter Aufmerksamkeit. Etwas ungläubig, etwas ängstlich stand ich dann nach Ueberwindung, des ersten Hanges da und warf einen Blick zurück auf das respektable Gefälle, das ich da ohne Sturz hinter mich gebracht hatte.

Nächster Hang. Hans hatte gewartet. Wenn du nicht mehr anders kannst, mach es wie der da", und er wies auf einen ebenso frassen Anfänger, wre ich selber war, der sich einfach gleich am Beginn der Fahrt auf seine Bretter sitzend niederließ und Schlitten fuhr".Freilich, wenn es über Steine geht, wird manche versäumte .Er­ziehung' nachgeholt bei dem", meinte Hans und machte die Gebärde des Schlagens. Dann fuhr Hans los, ich auch. Der Wog war holperig, glatt gefahren. Ich sprang, ohne es zu wollen, balancierte mit allen verfügbaren Körperteilen. Die Fahrt wurde schnell, schneller, D-Zug-Geschwindigkeit. Am Wege, im Schnee, unter den Tannen suchte derSchlittenfahrer" Bretter und Gebeine zusammen. Langsamer wurde die Fahrt, Auslauf kam, Beruhigung. Hans stand da und wartete. Es gelang mir wider Erwar­ten zu halten.Das ging ja ganz vorzüg­lich", lobte er. Ein paar Minuten ruhigen Schleifens über den festgefahrenen Schnee. Ein neuer Hang. Hans fuhr los. Das Ee- fälle war steil. Da unten sollte eine scharfe Linkskurve sein Kurzes Zögern. Ach was! Mehr als fallen konnte man ja nicht. Ge­schwind, geschwinder. noch viel schneller. D-Zug! Flugzeug! Die Kurve! Gott- seidank, daß sie nach links ist! Schon bin ich herum, Bäume, Sträucher rasen an mir vorbei, das Holpern hört auf, glatter Weg, ruhige Fahrt. Der Atem kommt wieder langsamer, langsamer gleitet es sich nun weiter. Da ist der nächste Hang Ich bin schon wieder in Fahrt, sause an Hans vorbei, der mir nachschreit: Nicht so eilig! Warte unten!" Sausen, hüpfen, gleiten, Tränen in den Augen, wachsende Schnelligkeit, Angst!

Mitten in dieser Angst auf einmal: da liegt ein Mensch quer im Weg. Er kriecht beiseite so schnell er kann Aber mein? Ke, schwindigkeit ist zu groß, ich bin schneller da. als er denkt, als ich ahne. Krack! Schnee stiebt Einen kleinen Augenblick lang weiß ick nichts von mir Dann höre ich jemand brüllen:Bahn frei!" wälze mich unter die Tannen am Wege, und wie die wilde Jagd fliegt ein halb Dutzend Leute an mir vorüber. Hans war dabei. Ich rufe, winke, er hat nichts gesehen oder gehört.

Noch ein paar solcher Hänge, die nun, nachdem ich unsicher geworden bin und wohl auch müde, immer mit Stürzen en­digen. Sckadet nichts! Zersckunden, ent« se^lick müde kommen wir beim Bahnhof an Noch keine halbe Stunde hat die Ab­fahrt gedauert Der Aufstieg hatte über zwei Stunden gebraucht

Ich habe noch nie gewußt, daß her Mensch sooo! viele Muskeln hat. Abe^ schön war es doch!

Therese Mülhause-Vegeler J