Zulöaer MZeiger
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Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg Zulöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 3 — 13. Jahrgang
Fulda, Samstag, 4. Januar 1936
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Lavals letzter Vermittlungsversuch.
Wird Mussolini sich neuen Friedensverhandlungen wieder verschließen?
In England, besonders aber in Frankreich, spricht man in verstärktem Masse wieder von der Aussicht aus Friedensverhandlungen. Die englische Presse beschäftigt sich eingehend mit den Verhandlungen Lavals mit dem italienischen Botschafter C c r u t 1 i und vor allem mit dem amerikanischen Unterstaatssekretär W i l l i a m P h i l i p s , der nach englischer Ansicht Laval davon unterrichtet haben soll, daß der amerikanische Kongreß Roosevelt alle Bollmachtèn für die Inkraftsetzung der Olsperre geben werde. Es wird angenommen, daß Laval die Gelegenheit benutzen wolle, um vorher einen letzten Vermittlungsversuch zur Beilegung des abessinischen Krieges zu unternehmen.
An Stelle Englands aber habe sich Laval mit anderen „Freunden Frankreichs" zusammengetan, um Mussolini noch zu einem einigermaßen ehrenvollen Friedensschluß zu verhelfen. „News C h r o n i c l e" glaubt zu wissen, daß die letzte Reise des belgischen Königs nach England diesem Ziel gedient habe. Ebenso sei
der Vatikan um Vermittlung gebeten worden.
Die englische Öffentlichkeit zeigt sich im übrigen aufs Höchste empört über die Verletzung des Roten Kreuzes und besonders über die italienischen Erklärungen dazu. Man erwartet, daß die unmittelbare Wirkung dieses Ereignisses sich zugunsten der Olsperre auswirken werde. Wie „Daily E x p r e ß" meldet, wird Außenminister E d e n , der an der Völkerbundsratstagung am 20. Januar teilnehmen wird, das britische Kabinett ersuchen, sich für die Olsanktionen einzusetzen.
In Rom gehen Gerüchte um, daß der englische Botschafter Sir Eric Drummond, der zur Zeit auf Urlaub ist, nicht mehr nach Rom zurückkehrt, da man infolge der Haltung Mussolinis ohnehin den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen England und Italien erwartet.
Neue Einziehungen zum abessinischen Heer.
In der abessinischen Hauptstadt wird eine neue Mobilmach u n g aller bisher nicht eingezogenen waffenfähigen Männer durchgeführt. Wer nicht seiner Dienstpflicht genügen kann, muß dafür stichhaltige Gründe angeben. Drückeberger und Deserteure werden mit strenger Bestrafung bedroht. Ein ähnlicher Mobilmachungsbefehl wurde aus dem Hauptplatz von Harrar verlesen.
Wenn die Berichte aus dem abessinischen H a u p t q u a r t i e r i n Dessie zuverlässig sind, sind an der N o r d s r o n t die italienischen Truppen auf die Frontlinie zurückgedrüngt worden, die sie ungefähr kurz nach Ausbruch des Abessinienkrieges bezogen haben. Die sehr zuversichtlich gehaltenen Berichte der Abessinier besagen, daß die Italiener schon zur Räumung fast der ganzen Tigreprovinz gezwungen worden seien, so daß sie nur noch eine schwache Verbindungslinie zwischen Adigrat und Matälle und im übrigen nur noch die Linie Aksum— Adua—Adigrat innehätten, die sie bereits zu Beginn des Feldzuges eroberten.
Die Nachrichten, die von der S ü d f r o n t in Addis Abeba einlaufen, stimmen die abessinischen Regierungs- kreise ebenfalls hoffnungsfroh. Es heißt, daß die Truppen des Ras Desta, die nicht mehr weit von Dolo stehen, jetzt die italienischen Stellungen in ihrer linken Flanke bedrohen. Die Italiener hätten sich daher gezwungen gesehen, ihren linken Flügel zu verstärken und damit das Zentrum und den rechten Flügel so zu schwächen, daß die von dort her kommende Bedrohung der wichtigen abessinischen Städte Harrar und Djidjigä an Bedeutung verliere. Andererseits hört man von italienischer Seite, daß General Graziani jetzt eine Offensive längs des Dschubaflusses plane, um in die im Westen südlich von Addis Abeba gelegene fruchtbare Provinz Sidaino
Trauerseèer für $oW Köster
Paris, -1. Januar.
Am Freitagabend fand am Sarge des Botschafters Boland Köster in der Botschaft im engsten Kreise eine Trauer fei er statt, an der die Mitglieder der Familie und der Botschaft teilnahmen. Ministerialdirektor^ Dieckhoff legte am Sarge einen Kranz namens des Führers nieder. Er überbrachte ferner Kränze des Reichsaußen- ministers und der Mitglieder des Auswärtigen Dienstes. Der deutsche Geschäftsträger, Botschaftsrat Dr. Forster, entbot dem verstorbenen Chef uüd Freund einen letzten Gruß. Anschließend wurde der Sarg in die Deutsche Evangelische Kirche in Paris übergeführt, wo Sonnabend morgen der Trauergottesdienst für die Deutsche Kolonie stattfindet.
Seil dem frühen Morgen haben zahlreiche Deutsche und Franzosen am Sarge des Botschafters stillen Abschied genommen. Unter den vielen Kränzen bemerkte man einen großen Kranz vom Präsidenten der französischen Republik, einen weiteren von der französischen Regierung, einen vom Diplomatischen Kqivs, von den deutschen Einrichtungen in Paris und andere mehr.
vorzustotzen. Von der Ogadensront seien starke italienische Truppenabteilungen in das Dschubagebiet transportiert worden.
Ztaiiemsche Kundgebungen
gegen die Greuelmeldungen.
In Italien herrscht Entrüstung über die angebliche Enthauptung des italienischen Fliegerleutnants Tito M i n n i t i, dessen Flugzeug von den Abessiniern abgeschossen wurde. Die italienische Öffentlichkeit wehrt sich gegen die Haßpropaganda, die durch die abessi - irischen Protestnoten über angebliche italienische Kriegsgreuel in die Welt getragen werde. Italiens Bevölkerung fordert, Gleiches mit Gleichem zu erwidern und die Kriegführung in Abessinien mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verschärfen.
In Rom hat der italienische Staatssekretär S u v i ch dem schwedischen Gesandten gegenüber erklärt, daß eine Aktion zur Bombardierung der abessinischen Somalifront als Vergeltungsmaßnahme gegen die von Abessiniern an italienischen Gefallenen und Gefangenen verübten Grausamkeiten angeordnet worden sei. Unter dem Ausdruck des Bedauerns über die Verwundung des Lazarettarztes hat Suvich die Aufmerksamkeit des schwedischen Gesandten auf die tendenziösen Darstellungen gelenkt, die von dem Vorgang gegeben worden seien, um die öffentliche Meinung Schwedens irrezuführen.
Amerikas neue Neutralitätspolitik.
Ausfuhrverbote gegen beide Kriegführende.
Der am Freitag mit voller Billigung Roosevelts unv seines Außenministers Hull im Kongreß eingebrachte Gesetzentwurf stellt Amerikas Neutralitätspolitik auf eine neue und für dauernd geplante Grundlage. Nach langen Verhandlungen mit den Kongreßmitgliedern ist ein Kompromiß entstanden, der Roosevelts Wünschen weit entgegenkommt.
Der Präsident muß künftig Ausfuhrverbote unparteiischerweise gegen beide Kriegführende^aussprechen, und er muß fortan die Verbote auf weitere Staaten ausdehnen, wenn diese in den Krieg einbezogen werden, während dies bisher in dem Ermessen des Präsidenten gestanden hat. Außerordentlich wichtig ist die Bestimmung, die es in das Ermessen des Präsidenten stellt, ob und welche Materialien außer den reinen Kriegswerkzeugen in außergewöhnlichen Mengen ausgeführt werden dürfen. Der Präsident erhält also fortan das Recht, außer für Waffen und Munition auch für Baumwolle, Oel, Kupfer, Eisen- und Stahlschrott und ähnliche Materialien Ausfuhrverbote zu erlassen, falls die Ausfuhr den normalen Friedenshandel übersteigt. Ausgeschlossen von einem Verbot sind Lebensmittel und medizinische Bedarfsartikel.
Ferner erhält der Präsident das Recht, jegliche Kredite oder andere finanzielle Transaktionen mit kriegführenden Staaten zu verbieten. Der Präsident kann weiterhin amerikanischen Staatsbürgern bie, Benutzung von Schiffen kriegführender Staaten sowie diesem Schiffen die Benutzung amerikanischer Häfen verbieten. Für Unterseeboote kriegführender Länder kann das Anlaufen amerikanischer Häfen verboten werden. Kriegshilfsschiffe, die in Amerika Treibstoff oder andere Waren einnehmen wollen, können interniert werden.
Ein Kimöer -euischen Krie-ens- und Ausbauwittens.
Der neue Ostasienoampscr „Gneisenau" trat seine Jungfernfahrt an.
Ein neues deutsches Schiff bat in Bremen seine Jungfernfahrt angetreten, seine erste Fahrt nach Ostasien. Es ist der 18 200 Tonnen große Schnelldampfer „G n e ise- li a u", der neben der „Scharnhorst" und der „Potsdam" nunmehr als Dritter im Bunde in den regelmäßigen Schnelldampferverkehr nach Ostasien eingestellt worden ist.
Das Schiff des Norddeutschen Lloyd ist ein moderner Schnelldampfer mit allen technischen Neuerungen und allen Mitteln zur Bequemlichkeit der Passagiere. Die Touristenklasse bat z. B. eine Ausstattung, die schöner und behaglicher ist, als sie noch vor wenigen Jahren die erste Klasse eines Ozeandampfers aufzuweisen hatte.
Das Schiff geht hinaus als K ü n d e r deutschen Friedens- und Ä u f b a u w i l l e u s. Sein Name erinnert an den stolzen deutschen Panzerkreuzer „Gueise- nau", der einst in der Seeschlacht bei den Falklandinseln ruhmreich uüterging. Der Kapitän des Ostasienschiffes führt eine Erinnerungsgabe an den Panzerkreuzer „Gneisenau" mit sich, die ihm der einzige überlebende Offizier des ruhmreichen Schiffes, Fregattenkapitän P ochha m m c T , überreicht hat.
Von der abessinischen Hauptstadt.sind zwei Flugzeuge mit Medikamenten und Mitgliedern des Roten Kreuzes nach der Stätte des italienischen Fliegerbombardements auf das schwedische Lazarett nordwestlich Dolo geflogen. An Bord befand sich auch der schwedische Konsul Dr. H a n n e r , der an Ort und Stelle eine Untersuchung über den Hergang des Bombardements anstellen soll.
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Richtigstellungen aus Rom.
In zuständigen italienischen Kreisen wird mit Bedauern von den zahlreichen lenLenziös übertriebenen oder völlig falschen Meldungen Keunrnis genommen, die in den letzten Tagen über den italienischen Feldzug in Abessinien in ausländischen Plättern erschienen sind. Mit aller Bestimmtheit wird die Nachricht dementiert, daß Ras Gugsa von den Italienern standrechtlich erschossen worden sei. Ebenso bestimmt werden die Nachrichten als falsch bezeichnet, wonach die italienischen Truppen im Scire-Gebiet koptische Kirchen niedergebrannt hätten. Die italienischen Verluste an Flugzeugen belaufen sich entgegen allen anderslautenden Meldungen auf insgesamt vier Apparate. Von der gleichen Seite wird in diesem Zusammenhang auf die sich häufenden barbarischen Grausamkeiten hingewiesen, die an den italienischen Gefangenen in Abessinien begangen werden. Man erinnert zugleich an die tiefe Empörung des ganzen italienischen Volkes und weist auf die für Italien zwangsläufig eintretende Notwendigkeit hin, schärfste Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen, bei denen vielleicht auch die modernsten Waffen des chemischen Krieges Verwendung finden könnten.
Von Bedeutung ist noch die Bestimmung, daß die Vorschrift einer gleichen Anwendung der genannten Verbote auf alle Kriegführenden vom Präsidenten mit Zustimmung des Bundeskongresses geändert werden kann. Diese Einfügung gibt Roosevelt die Möglichkeit, eine Aenderung zu beantragen und die Beschränkung der Verbotsliste auf einen der Kriegführenden vorzuschlagen.
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„Die größte Lufisisite der Wett."
Amerika will 2400 Flugzeuge in drei Jahren bauen.
Wie aus Washington gemeldet wird, wurde nach einer Konferenz des Generalstabschefs Malin Craig und des Vorsitzenden des Militärausschusses des Abgeordnetenhauses, M c S w a i n, bekannt, daß der amerikanische Generalstab die Schaffung der „g r ö ß t c n L u f l f l o 1 t e der Welt" beabsichtigt. Das gesamte Luftaufrüstungs- programm soll, wie verlautet, 5 2 5 Millionen Mark kosten, und zwar hat Kriegsminister Dern den B a u v o n 800 Flugzeugen jährlich für eine Zeit von drei Jahren vorgesehen.
Das amerikanische Bundesamt zur Be - h e b u n g d e r W i r t s ch a f t s k r i s e, die Nira, ist nunmehr durch Erlaß des Präsidenten endgültig aufgehoben worden. Die Nira wurde im Mai 1935 vom Obersten Bundesgericht in Washington für verfassungswidrig erklärt, obwohl sie ursprünglich als eine dauernde Einrichtung zur Herstellungs- und Preisreaelung von Jn- vustrie und Landwirtschaft aedacht war.