Nr. 2 — 13. Jahrgang
Fuldaer Anzeiger
Freitag, 3. Januar 1936
Stadt und Land
Wetterausfichten für morgen:
Etwas ruhigeres und kühleres, aber nicht ganz niederschlagsfreies Wetter wahrscheinlich.
Der UeichsKriegsopferführer zur Straßensammtung am 5. 1. 1936:
f^l/Ut/' tu^
Kalendergedanken.
Nun hängt der neue Kalender an der Wand, an der Stelle, wo fein Vorgänger ein langes Jahr hindurch seinen Platz hatte. In der Silvesternacht wurde er auf* gehängt, und ein paar Stunden lang grüßte uns herausfordernd und versprechend, lockend und vielsagend die Zahl auf seinem ersten Blatt: 1936. So war das die Jahre vorher auch, und manchmal waren wir froh, das letzte Blatt lösen zu können. Hoffen wir, um es gleich vorwegzunehmen, daß dieser Wunsch im Ablauf des neuen Jahres nicht in uns aufkommt. Uns geht es so wie den Entdeckern alter Zeiten, daß wir die Anker lichten zur Fahrt in ein unbekanntes, rätselvolles Land, beladen mit der Fracht unseres eigenen Lebens und dem gemeinsamen Schicksal, wohl versehen mit Kompaß und Meßgerät, aber nicht wissend, wo der Bug unseres Schiffes am Ende dieses Jahres den Strand eines neuen Landes berühren wird. Vielleicht erleben wir das Kolumbusschicksal und erreichen ein Ufer, das nicht auf unserer Karte stand, vielleicht fahren wir die gleiche Route, die wir kennen, wenn auch Stürme und Wogen uns zu Abweichungen und Umwegen zwingen mögen. Im Dunkel der Zukunft liegen beide Möglichkeiten und vielleicht noch andere beschlossen. Entscheidend, daß wir das Steuerrad festhalten und den Blick nach vorn behalten! So stehen wir fragend und rätselnd vor dem Block, der an der Wand hängt, der die Tage des neuen Jahres umschließt. Unbekannte, noch undurchlebte Tage, jeder mit seiner Not und Freude, seiner Forderung und Gabe.
Noch hängt der Kalenderblock dick und prall an der Wand. Tag nm Tag werden sich seine Blätter lichten und damit die Zeit unseres Lebens. Unaufhaltsam rollt die Zeit ab, ob iuir den Rhythmus unseres Marsches verhalten oder beschleunigen wollen. Die Blätter werden fallen und mit ihnen ein Stück gelebten Daseins. Die Tage werden verrauschen und verfliegen. Nichts wird von ihnen übrigbleiben als der Inhalt, mit dem wir sie gefüllt haben, das Werk, das sie wert macht über ihren flüchtigen Ablauf hinaus.
Ein sauberer Hypothekenschwindler.
Seit einigen Jahren wird von zahlreichen Strafverfol- gungsbehörden der 51jährige ehemalige Häusermakler Johann Baptist Bornheim aus Köln gesucht, der fortgesetzt Betrügereien mit gefälschten Hypothekenbriefen verübt. Bornheim bevorzugt aus naheliegenden Gründen Privatquartiere als vorübergehende Wohnung, weshalb die breite Öffentlichkeit hiermit zur Milfahndung aufgerufen wird.
Beschreibung: 1,74 bis 1,76 m groß, kräftig, rundes gesundfarbiges Gesicht, graue Haare, Glatze, spricht gutes Hochdeutsch, trägt hellgrauen Anzug und Covercoat. Seine Ehefrau ist zeitweise in seiner Begleitung. Sie ist 40 bis 45 Jahre alt, 1,68 m groß, schlank, längliches blasses Gesicht, schwarze Haare, spricht gutes Hochdeutsch, trägt graues Kleid, dunklen Mantel und breiten dunklen Hut.
Hundemörder am Werk.
Im letzten Jahre gingen mehreren in der hiesigen R h a b a n u s st r a ß e wohnenden Tierhaltern zum teil sehr wertvolle Hu nd e an Vergiftung s- Erscheinun g e n e i n. Es konnte festgestellt werden, daß die Hunde mit Arsenik vergiftet wurden. Diese Tatsache zeugt von einem außergewöhnlich gefühllosen und rohen Charakter. Bei den Hunden handelt es sich um solche, die nicht bösartig veranlagt waren und die selbst fremden Personen gegenüber niemals lästig geworden sind. Nach der Art der tierärztlich vorgefundenen Gift- mengen zu urteilen, kommt für alle Fälle offenbar ein und derselbe Täter in Frage. Sachdienliche Mitteilungen aus dem Publikum, die auf Wunsch vertraulich behandelt werden, nimmt die hiesige Kriminalpolizei entgegen.
Dem Kampfe gegen Hunger und Kälte dienen auch die Wohlfahrtsbriefmarken. Wer möchte da zurückstehen, sie zu kaufen? Nur wenige Pfennnige Wohlfahrtsaufschlag sind zu opfèmr. Tue auch hierin Deine Pflicht!
M^^ W ^^.
Zum bevorstehenden Tanzabend von Mary Wigman und ihrer Tanzgruppe schreibt Hanns Hasting, der musikalische Leiter der Gruppe:
Immer wieder taucht die Frage auf, warum Mary Wigman für ihre Tanzkompositionen nicht die Musik der großen Meister von Bach bis Strauß verwendet, anstatt sich für jeden Tanz eine neue Musik schreiben zu lassen. Damit wird an eins der gewichtigsten Probleme der gesamten Bewegung des neuen deutschen künstlerischen Tanzes gerührt, und wir wollen die Frage nach der Rolle, welche die Musik bei den Tänzen Mary Wigmans spielt, erweitern, indem wir generell das Verhältnis des neuen Tanzes zur Musik betrachten. Nicht aus einer besonderen, sondern aus einpr allgemeine n Sachlage heraus sind die musikalischen Formen zu den Tänzen Mary Wigmans erwachsen.
Die Frage nach der richtigen Musik für den neuen künstlerischen Tanz erhitzt die Gemüter immer wieder von
$XW) Xm^wV <$h#^?
Freitag, 3. Januar:
Union-Theater: Mazurka.
Europa-Lichtspiele: Der Student von Prag.
Neues Theater: Oberarzt Monet.
Sonnabend, 4. Januar:
Union-Theater: Ma zurka.
Europa-Lichtspiele: Der Student von Prag.
Neues Theater: Oberarzt Monet.
Ein Crotzfilm für Fulda.
Foto z Tobis-Rota
Albrecht Schoenhals in Willi Forst s „Mazurka". Ein Tobis-Rota-Film mit Pola Negri, Ingeborg Theek und Paul Hartmann in weiteren Rollen.
JWwwj' 44* SM^»
Neues Theater:
„Oberarzt Dr. M o n e t".
Man hätte aus diesem Film einen sensationellen „Reißer" machen können; daß auf Sensation verzichtet wurde, kommt dem inneren Gehalte dieses Problemfilms zugute. Es sind mancherlei Konflikte aus dem Leben einer berufstätigen Frau, die hier, sozusagen behutsam und zart, behandelt werden. Erschütternd ist der Blick hinter die Kulissen einer „Nervenstation". Fesselnd die ganze Handlung mit ihren gut gezeichneten Gestalten. Und schließlich freut man sich, daß zum Schlüsse die junge tapfere Aerztin doch noch ihrem wahren Beruf als Frau zugeführt wird. Die Bilder sind klar und scharf — die Sprache dürfte deutlicher sein.
Eine Reise durch das schöne Thüringer Land in seinem östlichen Teil, schließt sich an. Etwas zum Lachen gab's bei den „Merkwürdigen Tierfreundschaften" — ein kluger kleiner Schimpanse ist der „Star" dieses Tierfilms. -u-
neuem. Es ist immer etwas mißlich, wenn man versucht, solche Fragen ausschließlich zu beantworten. Es scheint aber schwer für den Menschen zu sein, sich auf natürliche Zustände zu besinnen. Es hat einmal Zeiten gegeben, wo es ein durchaus natürlicher Zustand war, daß Tanz und Musik zusammengehörten, daß es keinen Tanz gab, wo nicht Musik ertönte und keine Musik erklingen konnte, ohne daß dabei getanzt wurde.
Diesen Zustand nennt man eine Synthese. Unb etwas davon möchte der neue Tanz wieder gewinnen. Er möchte wieder natürlicher, aber geformter Ausdruck des Menschen sein. Gerade deshalb sucht er eine neue Form. Braucht er nun Musik, so ist es ja ganz klar, daß er bei einer fertigen Komposition gezwungen ist, sich an diese zu halten und dadurch gehindert wird, seine wirkliche eigene und neue Form zu finden.
Es ist also viel natürlicher, daß mit dem Tanz die Musikform sich entwickeln kann. Das können wir deshalb machen, weil es durchaus einem natürlichen Zustand entspricht. Das können wir aber auch deshalb so machen, weil im sich bewegenden Menschen selber der Ton oder die Melodie zu seiner Bewegung erklingt. Was wir also erstreben ist, daß die natürlichen Mittel beider Künste, oder um es mit einem Fachausdruck zu benennen, das Material der beiden Künste sich von n e u e m binde und sich zu einer neuen Form entwickelt.
Fast alle Tänze von Mary Wigman stellen in ihrer endgültigen Form mehr oder weniger eine solche Synthese von Tanz und Musik dar. Es ist falsch, immer nur von „musikalischer Begleitung" zu sprechen. Das ist nur ein, und zwar geringer Teil einer Kunstausübung, die in Zukunft immer mehr zu der genannten Synthese führen wird
Tanz und Musik verbinden sich zu einer neuen gemeinsamen Form auf Grund des gemeinsamen Rhythmus und der Einheit von Melodie und Körperbewegung.
Die 1200-Jahrfeier Bad Hersfelds.
Feierliche Eröffnung des Festjahres in der Neujahrsnacht.
Bad Hersfeld, 2. Jan. In der Neujahrsnacht beging Bad Hersfeld die feierliche Eröffnung des Jubeljahres aus Anlaß des 1200jährigen Bestehens der Stadt. Nachdem am Nachmittag des Silvestertages das Richtfest des neuerbauten Ratskellers stattgesunden hatte, wurde abends eine prächtige Beleuchtung durchgeführt. Tausende und Abertausende durchzogen die Straßen der Stadt und lauschten den Klängen der Arbeitsdienstkapelle und den Vorträgen der Vereinigten Hersfelder Männerchöre. Nach dem Blasen vom Turm und dem Läuten aller Glocken marschierten die Verbände auf dem Marktplatz auf, wo der Arbeitsdienst ein chorisches Spiel aufführte.
Bürgermeister Berger eröffnete das Festjahr. Kreis- Deputierter Forstmeister Seeliger überbrachte ein Gruß- wort des Landrats, in dem die Bevölkerung des Kreises der Stadt Hersfeld ein Heldenmal für die Gefallenen des Weltkrieges und der Bewegung zum Geschenk macht. Das Denkmal wird im Laufe des Festjahres seine Weihe erhalten.
Der Große Zapfenstreich und ein Riesenfeuerwerk bildeten den Abschluß der Feier in der Neujahrsnacht. — Am Neujahrstage sand eine Festsitzung der Ratsherren statt, in der das der Stadt von einem Hersfelder Handwerksmeister gestiftete Goldene Buch feierlich aufgelegt wurde.
Alfeld, 2. Januar. (9 5 Jahre im Dienst der deut sch e n Schafzucht.) Tie Schäfereigesellschaft des Kreisortes Gontershausen konnte bei ihrem Jahresabschluß auf eine erfolgreiche Tätigkeit im Dienst der deutschen Schafzucht zuriickblicken. Im Jahre 1840 wurde sie ins Leben gerufen und seit dieser Zeit hat sie, wie nur ganz wenige Schäferei-Gesellschaften der engeren und weiteren Heimat, immer eine Herde unterhalten. Selbst als wiederholt Seuchen die Herde fast völlig vernichteten, wurde sie dank des gesunden Gemeinschaftsgeistes innerhalb der Gemeinde immer wieder neu geschaffen. Der derzeitige Schäfer Heinrich Justus konnte nunmehr für sein 40. Dienstjahr bei der Schäfereigesellschaft verpflichtet werden.
Selters, 2. Januar. (Betriebsunfall einer Kleinbahn.) Auf der Kleinbahn-Strecke Selters— Hachenburg entgleisten durch Schienenbruch die Lokomotive und ein Personenwagen eines Zuges. Größerer Sachschaden entstand nicht, doch dauerten die Aufräumungsarbeiten einen ganzen Tag.
Friedberg, 2. Jan. (Ins Getriebe geraten. — Tödlicher Unfall.) In den Betriebsräumen der Hefrag in Wölfersheim geriet am Mittwoch der Appara- tenwärter Ludwig Ulrich in ein Getriebe und erlitt dabei schwere innere Verletzungen. Der Verunglückte ist bald nach seiner Einlieferung in das hiesige Bürgerhospital gestorben. Der Unfall ist umso tragischer, als bereits zwei Brüder des Ulrich, der verheiratet war, in den letzten Jahren durch Unfälle ums Leben kamen.
Frankfurt a. M., 2. Jan. (Diebisches Dienstmädchen. — In der Silvesternacht die neue Herrschaft b e st o h l e n.) In der Neujahrsnacht wurde ein Frankfurter Professor von einem neueingestellten Dienstmädchen auf raffinierte Weise bestohlen. Die Täterin hatte am 31. Dezember 1935 ihre Stelle dort angetreten und, während sich ihre Dienstherrschaft bei einer Silvesterfeier befand, den Diebstahl ausgeführt. Sie brach den Schreibtisch auf, entwendete hier außer 90 Mark Bargeld ein goldenes Zehn- und ein Zwanzig-Dollarstiick, ein altes goldenes Zehn-Reichsmark-Stück und mehrere andere silberne in- und ausländische Münzen. Das mitgebrachte Gepäck — zwei große Koffer — hat sie bei ihrer Flucht mitgenommen. Die Täterin nannte sich Elli Sander und gab an, daß sie aus Mannheim stamme. Ihr Mann, ein Friseur namens Maier, habe sich aus Grund der Nürnberger Gesetze von ihr scheiden lassen; da sie Halbarierin sei; aus diesem Grunde könne sie keine Zeugnipe oder sonstige Ausweispapiere vorlegen. Sie versprach jedoch, sich sofort die polizeiliche Abmeldung aus Mannheim zu beschaffen, um sich ausweisen zu können.
Mainz, 2. Jan. (Mainz beginnt seine Karnevalszeit mit einem prächtigen Neujahrs- II m 3 u g.) Am Morgen des Neujahrstages zog durch die von Taufenden umsäumten Straßen der Stadt als Auftakt der diesjährigen Karnevalszeit der alljährliche Neujahrszug, der diesmal eine nie gesehene Ausdehnung hatte und für die Fastnacht 1936 allerhand erhoffen läßt.
Altenkirchen (Westerwald), 2. Jan. (Gefährliche Tierseuche im Kreis Altenkirchen.) Unter den Viehbeständen zahlreicher Landwirte im Kreise Altenkirchen ist in den letzten Monaten eine gefährliche Tierseuche aufgetreten, die große Schäden unter dem befallenen Tierbestand anrichtete. Betroffen werden von der Seuche in der Hauptsache das Rindvieh und die Bullen. Die Auswirkungen bestehen darin, daß das Rindvieh verkalbt und nicht tragen wird. Es wurden ein besonderes Verfahren und gemeinsame Bekämpsungsmaßnahmen beschlossen, um die Landwirte des Kreises vor weiteren empfindlichen Verlusten zu bewahren.