Nr. 1 — 13. Jahrgang
Fuldaer Anzeiger
Donnerstag, 2. Januar 1936
Stadt und Land
Wetferausfidifen für morgen;
Wetterbericht des Reichswetterdienstes, Ausgabeort Frankfurt am Main.
Auch weiterhin noch unbeständiges und nicht ganz niederschlagsfreies Wetter, etwas kühler.
Kleiner Bummel durch Fulda von einem Jahr ins andere.
Trübe bricht die letzte Nacht des Jahres 1935 an, b. h. nur im Hinblick auf das Wetter — sonst ist wirklich nichts von Betrübnis zu spüren, wohl aber von — Betrieb. Schon während des ganzen Tages lärmt und knallt es in den Straßen; Fuldaer Jungs haben ihr Taschengeld der letzten Wochen in Feuerwerkskorpern angelegt. Hoheitsvoll hüllen die Türme unserer Stadt ihre Häupter in Regennebelwolken, als wäre ihnen dieses irdische Treiben denn doch allzu irdisch. Geschmackssache, meine Herren Türme, w i r zum Beispiel finden das einmal im Jahr ganz angebracht!
Viele Familien hielten fest an der alten Sitte, dem neuen Jahr beschaulich im trauten Kreis der Familie ent? gegenzusehen und zu — trinken. Hinter Fenstern und Vorhängen flammen die Lichter der Weihnachtsbäume noch einmal wieder auf, bevor ihnen endgültig das Licht aus- geblafen wird. Während Mutter noch in der Küche schaltet und waltet, nimmt Papa im Badezimmer Abschied — von den Karpfen nämlich, mit denen er im Laufe des Nachmittags Freundschaft geschlossen hat. Voll tiefer Einsicht sind die Worte, bei denen der Hausherr das Küchenmesser wetzt: „Heute nacht werden wir alle blau, ihr etwas früher, w i r etwas später. Ihr werdet um Mitternacht bereits weg fein, w i r hoffentlich noch nicht."
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Viele hatten Tische bestellt, lies: waren zur Silvesterfeier in eines der Fuldaer Lokale gezogen, die wohl in keiner anderen Nacht des Jahres — mit Ausnahme des Karnevals — so überfüllt gewesen sind, wie in dieser letzten und ersten. Kurz vor Mitternacht setzt vielfach ein Sturm auf die Garderoben ein: Draußen will man das neue Jahr empfangen. Die Straßen halten wider von vielstimmigem Gesang. In der Innenstadt sammeln sich die Menschen auf dem Adolf-Hitler-Platz. Noch ehe die Glocken läuten, gibt ein ohrenbetäubendes Geknalle das Zeichen zum allgemeinen „Prost Neujahr Ruf". Leuchtende Raketen steigen in den dunklen Himmel, Knallfrösche und andere unheimliche Feuerwerkskörper zischen durch die Luft. Eine vielhundertköpfige Menge ist an dem närrischen Treiben beteiligt: Wenn Lärm wirklich gegen die Dämonen hilft, dann muß 1936 in Fulda wirklich ein völlig dämonenfreies Jahr werden.
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In den Lokalen haben Wirte und Kellner auch nach 12 Uhr immer noch Hochbetrieb. Man sieht Leute das Tanzbein schwingen, denen man es nie zugetraut hätte. Aber im Laufe der Nacht bleiben dann doch immer mehr auf der Strecke. Singend, summend, sich einander Prost Neujahr zurufend, pilgern oder torkeln gleichwohl Paare und Familien oder Einzelgänger heimwärts durch die Nacht, soweit sie dazu aufgelegt sind. Alles geht ziemlich langsam ....
Hier brechen unsere Aufzeichnungen ab. Ueber den weiteren Verlauf unseres Bummels und den dabei gewonnenen Eindrücken können wir daher nichts berichten. Als uns das beharrliche Schrillen des heimischen Telefons weckte, war die Sonne bereits über den höchsten Stand des ersten Tages von 1936 hinweg.
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P. S.: Bei der Niederschrift der vorstehenden Zeilen ist die durch gewisse Begleiterscheinungen der Jahreswende bedingte verworrene Lage des Ehronisten noch nicht völlig geklärt. Der Leser, dem die Zeilen nach einem nüchternen Arbeitstage unter die Augen kommen, möge dies gütigst bedenken !
Freud und Leid in der evangelischen Gemeinde Fulda.
In der evangelischen Gemeinde Fulda sind im Jahre 1935 getauft worden 94 Kinder, und zwar 44 Knaben und 50 Mädchen (1934: 72; 1933: 73). Konfirmiert wurden 119 Kinder, und zwar 65 Knaben und 54 Mädchen (1934: 116). Gestorben sind 69 Personen, darunter sieben Kinder (1934: 46 Personen, 1933: 54). Getraut wurden 39 Paare (1934: 29). In der evangelischen Militärgemeinde Fulda wurden getauft: 30 Kinder, und zwar 15 Knaben und 15 Mädchen (1934: 27; 1933: 13). Konfirmiert wurden ein Knabe und zwei Mädchen, gestorben zwei Personen, darunter ein Kind, getraut wurden 15 Paare (1934: 9; 1930: 8).
Schneefreie Rhön . . .
. . . und das im Januar.
Das andauernde milbe Wetter hat den Weihnachtsschnee in der Rhön, bis auf geringe Reste an den Berghängen, zu Wasser gemacht. Das ungefrorene Erdreich hat das Schneewasser größtenteils aufgesaugt, so daß der große Schnee, getreu dem Sprichwort, nur kleines Wasser brachte. Regen und Wind am Silvester räumten nun auch die letzten Schneereste des alten Jahres hinweg. Hoffentlich wird das neue Jahr recht bald, allen Wintersportlern und auch der Geschäftswelt in den Rhönorten zur großen Freude, das alte Jahr unter einer dicken Schneedecke begraben!
Ein rüstiger 80er.
Sandberg bei Gersfeld, 2. Jan. Heute begeht der Landwirt Peter Schleicher, Hs.-Nr. 20, seinen 80. Geburtstag. Der hochbetagte Greis ist körperlich sehr rüstig, verrichtet noch die meisten landwirtschaftlichen Arbeiten und macht noch mit Leichtigkeit jeden Tag seinen seit Jahren gewohnten Gang nach Gersfeld.
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Donnerstag, 2. Januar:
Union-Theater: Künstlerliebe.
Europa-Lichtspiele: Pat und Patnchon. Neues Theater: Oberarzt Dr. Monet.
Freitag, 3. Januar:
Union-Theater: Mazurka.
Europa-Lichtspiele: Pat und Patachon.
Neues Theater: Oberarzt Dr. Monet.
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Eine dankbare Gemeinde.
Weihnachtsfeier der Sozialrentner im Stadtsaal.
Vielleicht kann man die Bedeutung des Winterhilfswerks, die Auswirkungen dieser unübertrefflichen, wohltuenden und immer hilfsbereiten Einrichtung des neuen Deutschlands erst dann richtig und vollkommen erfassen, wenn man einmal sich in jener durch diese Organisation der Hilfsbereitschaft geschaffenen Atmosphäre bewegt hat. Erst dann, wenn man die freudigen Gesichter und die dankbaren Augen jener Volksgenossen gesehen hat, denen der graue Alltag durch eine Freude vom Winterhilfswerk verschönt wird, erst dann, weiß man, was Sozialismus der Tat zu schaffen im Stande ist und was Dankbarkeit auf der anderen Seite bedeutet.
Und wer ist wohl dankbarer und froher über jedes Zeichen der Liebe und Verbundenheit als die älteren unter den Volksgenossen, jene Veteranen der Arbeit und jene Witwen und Sozialrentner, über welche hinweg unter marxistischer Herrschaft ein Staat zur Tagesordnung überging. Diese bejahrten und in Arbeit und Ehren graugewordenen Männer und Frauen, Sozialrentner und Betreute des Winterhilfswerkes, waren am letzten Tag des alten Jahres von der NS.-Volkswohlfahrt zu einer schlichten Weihnachtsfeier in den Stadtsaal eingeladen. Zu einer schlichten aber umso stimmungsvolleren Feier, in welcher sie mit Kaffee und Kuchen bewirtet wurden. Viele liebe und fleißige Hände hatten unseren Stadtsaal in ein Weihnachtsgewand gekleidet. Fast 1000 geladene Gäste waren erschienen und fast ebensoviel Lichter flackerten auf den gedeckten Tischen und an den Weihnachtsbäumen.
Es war wie im trauten Heim an diesem Nachmittag unter diesen alten Leuten, und sie haben sich auch so gefühlt, genau so, wie sie früher in besseren Zeiten, als ihre Hände noch zum Schaffen da waren, daheim unterm Weihnachtsbaum saßen. Heute ist ihre Rente klein und ihre Wünsche sind bescheiden geworden, aber sie haben wieder das Gefühl, daß eine junge Generation und ein junger,
Neue Kurse der DAF.
Die an uns verschiedentlich herangetragenen Wünsche veranlassen uns, zu den bereits laufenden 50 Lehrgängen noch folgende Kurse einzurichten:
1. Deutsch I (richtig deutsch sprechen und schreiben — für Angestellte). Kurz lehrgang mit 10 Abenden.
2. Deutsch II, modernes Kaufmannsdeutsch für Korrespondenten. Kurzlehrgang mit 10 Abenden.
3. Rechnen I, für Anfänger, Dreisatzrechnung, Durchschnittsrechnung, Mischungsrechnung usw. Kurzlehrgang mit 10 Abenden.
4. Rechnen II für Fortgeschrittene. Wechfelrechnung, Kontokorrent-Rechnung, Zinsstaffelrechnung, Rechnen mit ausländischem Geld usw. Kurzlehrgang mit 10 Abenden.
8. Schnellkursus in Maschinenschreiben. Der Unterricht dauert nur zehn Wochen und findet wöchentlich zweimal statt.
6. S ch ö n s ch r e i b e n. 20 Abende.
Teilnahmeberechtigt sind nur Mitglieder der DAF. Die Anmeldungen müssen bis spätestens 7. Januar auf der Geschäftsstelle, Lindenstraße 20, Tel. 2801, abgegeben sein.
Ein schlechter Silvester-Scherz.
In der Silvesternacht wurde in dem Waffen- und Kolonialwarengeschüft Höfling, Schweinemarkt Nr. 9, ein Einbruchsdiebstahl versucht. Der Täter hat sich offenbar vorher in das Haus eingeschlichen, um in Abwesenheit der Hausbewohner den Diebstahl auszuführen. Nachdem der Täter im Keller ein Vorhängeschloß zu einem Vorratsraum aufgebrochen hatte, in diesem Raum aber nichts Mitnehmenswertes vorfand, versuchte er die vom Hauseingang zum Laden führende Tür zu öffnen. Da jedoch die Tür außerdem noch mit einem Sicherheitsschloß versehen war, gelang es ihm nicht, in den Laden zu kommen. Entwendet wurde nichts. Die kriminalpolizeilichen Ermittlungen wurden sofort ausgenommen.
Wichtig für Kleinrentner!
Am Sonnabend, den 4. Januar, wird von 9—11 U^r die Unterstützung für Januar an die hilfsbedürftigen Kleinrentner der Stadt Fulda gegen Vorlage der Ausweisnummer ausgezahlt.
Vom Amtsgericht Fulda.
An das Amtsgericht Fulda wurde zum 1. Januar versetzt: Justizwachtmeister M arschall vom Amtsgericht Zeitz an Stelle des verstorbenen Justizwachtmeisters Greif.
neuer Staat sie nicht vergessen hat. Das vielleicht war der schönste Eindruck dieses Nachmittags.
Nach den weihnachtlichen Klängen des Kreismusikzuges wurden Weihnachtslieder gesungen, und die Kuchen, zu deren Gelingen Bäckerobermeister Seibert mit der bei ihm bekannten Einsatzbereitschaft sein gerüttelt Maß hinzugegeben hatte, schmeckten ebenso gut, wie der von der Frauenschaft mit soviel Liebe gereichte Kaffee. Da rann manche heimliche Träne über altersgefurchte Wangen, und mancher warme Händedruck eines alten Mütterleins dankte Kreisamtsleiter Rüger, der in Fulda seine Arbeit in den Dienst derjenigen gestellt hat, denen das Schicksal und eine überwundene Zeit manche unverdiente Bürde auferlegt hat. Und, wenn schließlich der Sozialrentner W a t t e n b a ch sich zwischen die helleuchtenden Tannenbäume stellte, um aus bewegtem Herzen im Namen all der Gäste für diesen schönen Nachmittag zu danken, wenn dieser alte Herr seine Liebe und diejenige all seiner Altersgenossen demjenigen gelobte, dem auch diese Feierstunde zu verdanken war, dem Führer, dann bewies das, daß auch die Alten die Zeit verstanden haben und wissen. daß es im heutigen Deutschland Altersunterschiede so wenig gibt, wie Klassenunterschiede.
Wir alle aber, die wir diesen feierlichen Nachmittag miterleben durften, der Kreisleiter, der Oberbürgermeister und andere Helfer an der Arbeit der NSV., wir alle haben verstanden, was uns der Sozialrentner Wattenbach im Namen seiner Altersgenossen zu sagen hatte, wir haben seine Sprache verstanden. Es war vielleicht für uns der schönste Abschluß des alten Jahres; wir alle haben den Willen mit nach Hause und mit in das neue Jahr genommen, daß es 1936 nicht anders werden soll, als 1935. Auch das kommende Jahr wird der Arbeit gehören, der Arbeit am Aufstieg des Vaterlandes und der Arbeit für jene, denen es zu helfen gilt.
Union-Theaetr:
„K ü n st l e r l i e b e".
Wenn Drehbuchverfasser und Regisseur ein und dieselbe Person sind, so ist das bestimmt ein Vorteil für diesen geschickt inszenierten und gutgekonnten Film. Fein in der Aufmachung, gut in der Photographie und mit besten Darstellern besetzt, natürlich sich entwickelnde Vorgänge ohne Effekthascherei, sichern dem Bildstreifen den Erfolg. Eine kleine Tänzerin und ein junger begabter Maler stehen im Vordergrund der Handlung. Fein gestaltet ist das Leben und Treiben an einem Hoftheater der Vorkriegszeit, ebenso unauffällig und klar ist der Kampf des jungen Künstlers um Anerkennung geschildert, ohne alle die Uebertreibungen zu zeigen, welche man sonst dem Künstlerleben andichtet. Schöne Landschaftsaufnahmen und gute musikalische Umrahmung schließen den Reigen der Vorzüge dieses nicht nur unterhaltenden, sondern auch infolge guter Darstellung, teilweise recht packenden Filmes.
Ein aufschlußreicher Kulturfilm aus dem bayerischen Wald, sowie die große Ufa-Tonwoche bilden eine nette Beigabe zu dem Hauptfilm. . -r.
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