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Zulöaer Anzeiger

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Nr. 17512. Jahrgang

Fulda, Dienstag, 30. Juli 1935

Einzelverkaufspreis 10 Pfg.

Flammenzeichen in Afrika.

Cingeborenen-llnruhen in Eritrea und Italienisch-Somaliland. Umsichgreifen der italienfeindlichen Propaganda.

Die englische Presse weiß von beunruhigenden Argiingen in den nordostafrikanischen Kolonien Italiens Eritrca und Somaliland zu berichten. Es sollen dort Eingcborenen-Unruhen stattgesunden haben. Der italienische Oberkommandierende habe sich veranlaßt gesehen, Sondcrgerichtshöse ein- .»setzen, da auch die Disziplin der aus Italien herüber- ttlinsportierten Arbeitsmannschaften sehr zu wünschen wtziasse. Die Unruhen seien unterdrückt mrdcn, flackerten aber immer wieder auf.

Auch in Französisch- und Britisch-So- in 0 [ i 1A n b haben italienfein bliche Kundgebun­gen stattgefunden, so daß die französische Regierung Furien und senegalesische Truppen nach Djibuti entsandt habe. Die Londoner ZeitungT i m e §" sieht darin den Beweis, daß der abessinische Kaiser mit seiner Moham- inedaner-Propaganda Erfolg habe. Wie die englische WochenschriftNew S t a t e s m a n" meldet, habe sich sieabessinische Erregung" der eingeborenen Bevölke­rung von Somaliland nach den angrenzenden Gebieten Sudan und Kenya und weiter nach Uganda und Nord- und Süd-Rhodesien bis zur Goldküste nach Nigerien und Südafrika ausgebreitet. Auch nach Osten hin erstreckt sich sie Bewegung.

Besonderes Aufsehen erregt aber in London eine Kundgebung von britischen Negern aus allen Teilen

der Welt,

Sic im Londoner Eastend stattfand und in der die Auf- ßeliung eines britischen Negerkorps für den Fall eines dicasausdruches beschlossen wurde. Ein westindi- Icher Vertreter erklärte dabei, wenn sich das Kliegsglück gegen dieschwarze Sache" kehre, dann würde Italien nichts als eine Wüste erobern, in der alles üiedcrgebrannt und das Wasser vergiftet sei. Der Ein­dringling würde dann erkennen, daß Abessinien zwar erobert, aber trotzdem noch frei sei.

Wie derD a i l y E x p r e ß" meldet, ist ein eng­lisches Freiwill igenkorps von Ärzten "d Krankenschwestern in der Bildung be= Men, das sich im Falle eines italienisch-abessinischen Krieges nach Addis Abeba begeben wird, um mit dem Roten Kreuz zusammenzuarbeiten.

Ter Berichterstatter derN e w U o r k Times" in Addis Abeba meldet, daß sich vor einer Woche in Walkait un der Grenze zwischen Abessinien und Eritrea ein

neuer blutiger Zwischenfall zugetragcn

'M Ein beteiligter abessinischer Führer hat mitgeteilt, N Me Italiener abessinisches Gebiet betreten hätten und in der Nähe eines Flusses lagerten. Die Abessinier Men daraufhin das Wasser abgeleitet und so die Wiener gezwungen, sich zur Wassersuche zurückzuziehen.

Fudenpöbeleien gegen Reichsminister Zeh.

Ein Hitlerjunge mit Stöcken überfallen. Lychen von Juden gesäubert.

Bor einigen Tagen ereignete sich, nach einem Bericht ^Deutschen Nachrichtenbüros, in einem Zeltlager

»n Berliner Sommergästen am Großen eMnsee folgender Vorfall: Einige Mitglieder des

RuderklubsWelle Poseid on"-Berlin, welche den Deutschen ihre Zelte aufgeschlagen hatten, .W ieit einiger Zeit zu einer Plage des Lagers ge- 2. iL U. a. steckten sie allabendlich trotz Verbots auf 1 in kleinen Waldlichtung am See ihr Feuer an und mitten aus dem Lagerplatz die zotigsten «'c" r, so daß Eltern mit ihren Kindern es vorzogen "azugehen.

BlS der Stellvertreter des Führers, Reichsminister ?M mit seinem Boot in der Nähe des Lagerplatzes ^Nlberfuhr, erlaubten sich die Juden einige freche

Bemerkungen.

bar?» Astige Erregung unter den deutschen Zeltnach- . n Yervorriefen. Diesc'benachrichtigten den Ortsgruppen- Von Lychen und die Gauschule Kurmark Hohen- N- p- die durch ein K o m m a u d o von P O.- nnnern und HI.-Führern die Juden das Lager zu verlassen und nach Berlin

Am Sonnabend, dem 20. Juli, wurde

Sih ^âhrige Kamcradschaftsführer der HJ., Fritz kiii - am Lehrgang der Gauschule Hvhenlychen mmmt, von sechs Juden aus einem einsamen

Am * ""gepöbelt und mit Stöcken angegriffen.

Ala '^"^" Nachmittag wurden verschiedene P O.- (iJ"CI unb §g. = §übrer des Lehrgangs aus Utto heraus von Juden angepöbelt.

Sem °- Ee diese Vorfälle ist es zurückzuführen, daß in ^'7 " ' " mer Protestaktion die Bevölkerung Zettas» tt)re Stadt an allen Ecken mit Plakaten und forbw versah, durch welche die Juden energisch aufge- iu bis zu einem festgesetzten Tage Lychen tollen. Diese Aufforderung hat prompt gewirkt

Dann hätten sie die Italiener des Nachts überfallen. In dem sich entspinnenden Kamps säen 4 0 Italiener und 20 Abessinier getötet worden, bevor die Italiener von einer motorisierte Abteilung gerettet wurden. Weiter wird gemeldet, daß in Addis Abeba Truppen in Stärke von 5700 Mann a u s dem Marsch nach Norden eingetroffen sind. Dies beweist, daß die Abessinier den italienischen Angriff von Norden her er­warten. Demnächst sollen weitere 7000 Mann nach der Nordgrenze abgehen.

Teilnahme Italiens an der Katetagung.

Es steht jetzt fest, daß Italien durch Baron Aloisi auf der Genfer Sitzung des Völkerbundsrats sich vertreten lassen wird. Die drohende Krise ist damit noch einmal vom Völkerbund abgewandt worden. Abessinien hat seine Bereitschaft bekanntgegeben, die Schiedsverhandlungen mit Italien auf den Vorschlag des Duce hin wieder aufzunehmen. Die italienische Negierung hat daher auf die abessinische Antwort hin den Beschluß gefaßt, an der Ratssitzung am Mitt­woch teilzunehmen. Der Sitzung sollen Besprechungen zwischen den englischen, französischen und italienischen Vertretern vorausgehen.

Wie die Londoner ZeitungDaily Telegraph" hierzu meldet, wird sich England jeder Vertagung der Genfer Verhandlungen, die ausgebeutet werden könnte, um Zeit zu gewinnen, widersetzen, da die italienischen Befehlsstellen vorbereitet seien, den Feldzug in der dritten Septemberwoche zu eröffnen.

Italien rechnet mit kurzer Ratstagung

Rom, 30. Juli.

In unterrichteten hiesigen Kreisen verlautet, daß man nur mit einer äußerst kurzen Ratstagung rechnet. Italien erkenne als einzigen Punkt der Tagung Verhand­lungen über die Fortsetzung der Schlichtungs­verfahren an. Einzig und allein diese Frage könne im gegenwärtigen Augenblick für die Verhandlungen vor dem Völkerbundsrat in Frage ko. men. Selbst für den hier als wahrscheinlich angesehenen Fall, daß die Bemühungen, das Schiedsverfahren wieder eiuzuleiten, an der abessini­schen Unnachgiebigkeit scheitern sollten, lehnt man es hier ab, daß der Rat dann sofort zu anderen Lösungsmög­lichkeiten übergeht. Man widc ^t sich entschieden, daß dann ein neues Verfahre- etwa nach dem Artikel 15 der Völkerbundssatzung singest t werde. Ebenso wenig hat man auf italienischer Seite bu llbsicht, die Frage des Ausschlusses Abessiniens aus den- Völkerbund aus der gegenwärtigen Tagung aufzurollen.

Drei Juden wegen Versicherungsbetruges verurteilt.

Vor der Großen Strafkammer in Aachen hatten sich drei Juden wegen Versicherungsbetruges zu verantworten. Der Hauptschuldige war Fer erst 1927 nach Deutschland eingewanderte Jude Laib Reiter, der sich schon seit 1931 mit Versicherungsbetrügereien be­schäftigte. Bei zwei Unfallversicherungen war er zu hohen Prämiensätzen versichert. Reiterverunglückte" dann merkwürdigerweise kurz nach Abschluß, der Verträge mehrere Male und heimste von den Gesellschaften 2055 Mark Entschädigung ein. Ein Verwandter Reiters, der Jude M o s c s H a u s m a n n , machte es ebenso und verdiente" rund 2000 Mark an verschiedenen Unfällen. Ein Sohn dieses Angeklagten, Salomon Haus­mann, meldete in kurzer Zeit fünf Unfälle bei drei Unfallversicherungsgescllscbaften an. Wie sich heraus­stellte, liefen noch acht weitere Anträge bei anderen Gesellschaften. Das Gericht verurteilte Laib Reiter zu einem Jahr neun Monaten Gefängnis, außerdem wurde seine Ausweisung beschlossen. Moses Haus- m a n n erhielt neun Monate und sein Sohn Salomon sechzehn Monate Gefängnis

Vermögen katholischer Verbände emgezogen.

Auf Grund des Gesetzes über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens vom 14. Juli 1933 wird für den Bereich des Landes Baden das Vermögen des W i n d h o r st b u n d e s, der B a d e n w a ch t und der Schöfer sch ar zugunsten des Landes Baden ein­gezogen, da es nach Feststellung des Reichs- und preußi­schen Ministers des Innern zu volks- und staatsfeind­lichen Bestrebungen bestimmt gewesen ist. Die badische Verordnung über die Einziehung mapristischen Ver­mögens vom 28. Juli 1933 findet entsprechende An­wendung.

Italiens Expedition nach Ostafrika.

Von Oberst a. D. Bleib fr e u.

Aus den bereits durchgeführten und im Gang befind­lichen Rüstungen und Truppenverschiffungen geht hervor, daß Italien seine kolonialen Ansprüche Abessinien gegen­über trotz aller diplomatischen Schwierigkeiten durchsetzen und nötigenfalls das Risiko eines Krieges auf sich nehmen will.

Es handelt sich um ein ganz großzügiges Unternehmen auf weite Sicht, das scheinbar nicht nur die kolonialen Wünsche befriedigen, sondern auch vor aller Welt das Kraft­bewußtsein des neuen Italien zum Ausdruck bringen soll. Denn noch nie hat ein europäischer Staat mit solcher Kühn­heit, Machtentfaltung und Brüskierung der anderen Groß­mächte eine so gewaltige Expedition zwecks kolonialer Er­werbungen in die Wege geleitet.

Wie der Streitfall zwischen Italien und Abessinien zum Austrag kommen wird, ob auf friedlichem Wege oder durch Krieg, steht noch dahin. Die Aussichten auf eine friedliche Lösung sind zwar gering, weil Italien zum Kriege ent­schlossen ist, Abessinien andrerseits seine seit 2000 Jahren bestehende Unabhängigkeit auf das Aeußerste verteidigen will. Indessen sollten die völlig unzureichende und rück­ständige militärische Leistungsfähigkeit Abessiniens, der ge­ringe Kampfwert seines Heeres sowie die nüchterne Ueber- legung, daß Kriegsbegeisterung, Tapferkeit, Zähigkeit und Ausdauer an sich schöne Tugenden sind, aber gegen Bom­benflugzeuge, Giftgase, schwere Geschütze und Maschinen­gewehre nichts auszurichten vermögen, eher dazu führen, an­nehmbare Forderungen zu erfüllen, als durch nutzlosen Widerstand Alles aufs Spiel zu setzen. Es kommt hinzu, daß England und Frankreich das größte Interesse daran haben müßten, einer kriegerischen Auseinandersetzung vor­zubeugen, weil den Weltfrieden störende internationale Verwicklungen entstehen können und die Aufrolluna der Rassenfrage für die genannten Staaren von unabsehbaren, gefährlichen Folgen sein kann.

Die Lage Abessiniens ist ein Schulbeispiel für die Ge­fahren, die einem Staate drohen, der seine Landesverteidi­gung vernachlässigt hat und seine Sicherheit auf Völkerbund und Verträge stützt.

Im Gegensatz hierzu besitzt Italien ein modernes, schlag­fertiges, vorzüglich bewaffnetes Heer. Durch Mussolini ist Italien ein Volk in Waffen geworden, der Waffenruhm steht in höchstem Ansehen.

Es ist gewiß keine leichte Aufgabe, die sich Mussolini gestellt hat. Sie kann gewaltige Opfer an Blut und Gut kosten. Aber der Enderfolg dürfte ihm sicher sein.

Während koloniale Feldzüge sich früher Jahrzehnte lang hinschleppten Frankreich brauchte für die Eroberung Algeriens 50 Jahre kann jetzt infolge der gesteigerten Waffenwirkung und der durch Flugzeuge, Motorisierung und Funk herbeigefllhrten Verkürzung von Zeit und Raum mit einer verhältnismäßig kurzen Dauer gerechnet werden.

Italiens Vorbereitungen dienen anscheinend zweierlei Zwecken, und zwar einem militärischen Vorgehen oder auch, im Falle einer friedlichen Lösung, der Machtübernahme, Beruhigung, Erschließung und Entwicklung der gewonnenen Gebietsteile.

Die Stärke des Expeditionskorps beträgt etwa 200 000 Mann. Gegenwärtig sind 100 000 Mann italienischer wei­ßer und farbiger Truppen in der Kolonie vorhanden, davon 40 000 in Somaliland, 60 000 in Eritrea. Ferner sind 300 Flugzeuge zu Aufklärungs-, Bomdardierungs- und Beför­derungszwecken in die Kolonie entsandt. Eine neu ein­gerichtete Luftlinie über 8000 Kilometer Länge hat kürzlich die regelmäßige Verbindung zwischen Italien und Ostafrika über Tripolis, Aegypten, den Sudan, Asmara, Massaua und Assab-Somaliland bis nach Mogadischu ausgenommen. Außer den eigentlichen Soldaten sind 30 000 italienische Ar­beiter in Eritrea mit Straßen- und Bahnbau, Herstellung von Befestigungen, Unterkünften und Wasseranlagen be- beschäftigt. Seit Monaten wird daran gearbeitet, den ver-

Zum »talienisch-obessinischerr Konflikt. (Scherl M)