Silvesterfeuer an der Somme.
Ein Kriegserlebnis von Johannes Theuerkaufs.
Seit dem Heiligen Abend wußten wir, daß in der letzten Nacht des Jahres mit Ueberraschungen vom Engländer her gerechnet werden mußte. Am Nachmittag gingen wir zu zweit zur Ablösung von der Feuerstellung über das weite Trichterfeld durch die verschiedenen rückwärtigen Riegelstellungen zur Hauptbeobachtung an der Straße Bapaume—Peronne. Der Nachmittag war „ruhig", was man so an der Somme ruhig nennen tonnte. Auch abends geschah nichts Wesentliches. Das übliche Storung^ und Streufeuer von hüben und drüben ... Wie ae- wo.Mich hielten wir abwechselnd die Wacht am Scherenfernrohr. Das Spiel der weißen Leuchtkugeln war ja an der Somme tmmer lebhaft, so daß es auf uns keinen sonderlichen Eindruck machte. Nur in uns lag so eine Art Feiertagsstimmuna. Mit der zunehmenden Nacht aber wurde es in unserem nicht einmal spntterpchcren, engen Unterstand höllisch ungemütlich, so daß lede Felertagsstimmung erstarb. Wir froren. Und die Kälte altem wäre noch nicht so schlimm gewesen, wenn nicht immeS wieder Regenwasser über den lehmigen Boden, auf dem wir standen, gestossen wäre. An unseren knochenharten Stiefeln lief eav Wasser vorbei in den halbfertigen Stollen, der uns bei schwerer Beschießung Schutz bieten sollte. Da unten war eine chlutze entstanden, daß man kaum an die niedrigen Maschendrahtbetten herankam.
Unsere Stearinfunzeln flackerten, daß wir wenigstens auf dem Kartenwinkel alle wichtigen Punkte sehen und notwendige Messungen anstellen konnten. Wenn es irgend ging, schippte einer von uns das Regenwasser mit einem kleinen Spaten fort.
Wir dachten an das Friedensangebot des Kaisers und ivnßten, daß doch noch lange kein Friede kommen würde Bei dem Gedanken wurde es immer unbehaglicher. Mit hoch- ge>chlagenem Mantelkragen suchten wir uns der nassen Kälte zu erwehren. In den Stiefeln, die wir schon seit Tagen nicht hatten ausziehen können, wurden unsere schmerzenden Füße zu Eisklumpen. Wenn wir hätten hin- und herlaufen können! Wenn wir einen kleinen Ofen gehabt hätten! Es war aber gar nicht daran zu denken, ans der Nähe trockenes Holz zu holen. Im Stollen lagen einige Stollenrahmen, aber die waren naß...
Ob nasses Holz brennt?
Es muß brennen, damit wir die Wacht halten können! Einer beobachtete und bediente gleichzeitig den Fernsprecher, und einer spaltete mühsam mit Spaten und Seitengewehr einen Stollenrahmen. Jeder entbehrliche Brief wurde zum Feueranmachen herausgesucht. Die nassen Späne nahmen das Feuer nicht an, unsere wenigen Streichhölzer gingen zur Neige. Da kam einer auf den Gedanken, einen Berg Holzwolle zu schaben. Es war mühsam. Die Holzwolle fing nach einigem Bemühen Feuer, dichter Qualm stieg auf, und mit Geprassel verbreitete eine helle Flamme einen Augenblick wohltuende Wärme. Aber die nassen Holzstücke nahmen kein Feuer an. Wir hatten nur noch drei Streichhölzer. Der letzte Versuch mußte auf jeden Fall glucken. Abwechselnd wurde weiter beobachtet und Holz geschabt. Es hat lange gedauert, bis ein größerer Haufen vor uns lag. Nun wurden kleinere Späne, etwas größere und immer größere Stäbchen geschnitten ...
Silvesterabend! In dieser Nacht möchte man sich einen warmen Punsch brauen, und zu Haus taten sie das wohl auch in Gedanken an uns. Wir konnten unsere eiskalten Füße kaum noch bewegen. Ganz vorsichtig wurde der letzte Versuch gemacht. Wieder stieg dicker, beißender Qualm auf. Die Holzwolle brannte prasselnd, trocknete und entzündete die kleinen und dann die größeren Stäbchen, bis wir ein regelrechtes Lagerfeuer in unserem mit Säcken verhangenen Unterstand hatten. War das
nicht, datzâMAel Mengten, daß unsere Mäntel braune Brandflecke bekamen. Es war uns gleichgültig, daß nun infolge der Wärme die mehr als hundert Läuse in unserer Leibwäsche lebhafter wurden als zuvor. Es beobachtete sich wieder leichter, und die Gedanken sammelten sich sogar schnell auf die letzte Jahresstunde...
In der Heimat mußte der Punsch fertig sein, die Pastoren waren mit, ihren Silvesterpredigten am Ende, gleich würden in allen Dörfern und Städten die Glocken das neue Jahr einläuten ... Wir wollten nicht daran denken, daß sich die Heimkrieger zur gleichen Stunde in der Friedrichstraße, Unter den Linden, vor der Kransterecke zum lauten Silvestertrubel fanden.
Fernsprecher summt!
„Hier Hauptbeobachtung! Nichts Neues im Divisionsabschnitt!"
Wir bekommen das Stichwort für erhöhte Gefechtsbereitschaft. Drei Minuten vor Mitternacht. Wir vergleichen die Uhren. Einer hat kalten Tee zum Anstoßen in die Trinkbecher gegossen und ans prasselnde Feuer gestellt. Noch zwanzig Sekunden bis Neujahr!
Die Augen dürfen nicht vom Scherenfernrohr genommen werden. Regelmäßig gleitet das Fadenkreuz über den Divisionsabschnitt.
12 Uhr! Wir wollen mit den blechernen Trinkbechern anstoßen, nein, jetzt nicht fort von den Gläsern! Bunte Leuchtkugeln tanzen vorn auf, dazwischen schnellt die Angriffsfarbe.
„Achtung!"
Die Becher fallen in die Regenpfütze, Stiefel sengen am Feuer. Fernsprecher summt, Batterie meldet sich.
„Feuerbereit machen! Sperrfeuer!"
An allen Postenstellen fliegen jetzt die Angriffszeichen flackernd auf.
„Feind greift an! Sperrfeuer ganze Front!"--
Zu Haus läuten die Glocken, zu Haus stoßen sie die Gläser auf unsere Gesundheit an.
Trommelfeuer prasselt wütend ins Niemandsland. Wimmernd gehen auch bei uns die schweren Schüsse auf die Batteriestellungen und Anmarschwege.
Mit einem Mal wirbeln die bunten Leuchtzeichen vorn wirr durcheinander. Was ist das? Sind die Engländer betrunken? Machen sie einen Neujahrsscherz, der unnötig Blut kostet?
Ein schwerer Schlag neben unserem kurzen Laufgraben löscht unsere dürftigen Lichter aus. Einer der Kameraden fliegt die Stollentreppe hinab, der andere stürzt fast in die offene Flamme. Die Bude wackelt. Der ganze Erdboden zittert vom Trommelfeuer. Nan an das Scherenfernrohr! Ran an den Hörer des Fernsprechers! Ein Wunder, daß der Leitungsdraht heil blieb! Wir fluchen etwas von Schweinerei und Saubande und Schlimmeres.
Anderes Leuchtzeichen steigt auf. Fernruf: „Batterie Feuer einstellen!"
--War ein Scheinangriff.
Einer schürt wieder das Feuer, wärmt Tee auf. Wir haben nicht angestoßen, wir haben uns nur stumm die Hand gedrückt und auf Anruf dann gemeldet: „Auf Hauptbeobachtung nichts Neues!"
--—--Seit dieser Nacht brennt unser Wachtfeuer für immer, wir dürfen es nicht ausgehen lassen, denn wir müssen weiter für Deutschland die Wacht halten, nur daß wir heute nicht mehr am Scherenfernrohr stehen und keine geheimen Zeichen mehr mit dem Summer des Fernsprechers in die Nacht senden.
Kommendes Lahr.
Voll Frida Schanz.
Kommendes Jahr, du schöne Gestalt! Hvsfnungumjubclt, flockenumwallt! Neues, nie gesch nes Gesicht, A
Aus dem Dunkel trittst du i,ls Licht. Einen Ring aus der Ewigkeit Bringst du, gerundet zum Worte „Zeit". Aus des Weltennlls Wellenschlag Hebst du Monat, Stunde und Tag.
Ängstlich erwartet, freudig erharrt, Bringst du die Kostbarkeit Gegenwart, Bringst du das Jetzt, die Scholle zur Saat, Bringst du die Möglichkeit herrlicher Tat. Last sie uns nützen! Bring' Hilfe und Halt! Stärke der Herzen Kraft unb Gewalt! Hkbe dich hell aus der Fliehenden Schar! Sei uns ein großes, leuchtendes Jahr!
Die Haus-Feuerwehr
ist eine neue Einrichtung, die der Reichsluftschutzbund ein- geführt hat. Sie ist eine Notwendigkeit, da bei einem größeren Luftangriff die Kräfte der Freiwilligen oder der Pflichtfeuerwehren nicht ausreichen, die entstandenen Brände zu löschen. Auch Frauen werden für die Haus- Feuerwehren ausgebildet.
Es setzte eine Umkehrung aller Begriffe ein: Was gut war, wird nun schlecht, und was schlecht war, gut. Der Held wird verachtet und der Feigling geehrt, der Redliche bestraft und der Faule belohnt. Der Anständige hat nur noch Spott zu erwarten, der Verkommene aber wird gepriesen. Die Stärke verfällt der Verurteilung, die Schwäche dafür der Verherrlichung. Der Wert an sich gilt nichts. An seine Stelle tritt die Zahl, d. h. der Minder- oder Unwert. Die geschichtliche Vergangenheit wird genau so infam besudelt wie die geschichtliche Zukunft unbeküm- mcrt abgeleugnet. Adolf Hitler.
Was bringt der Rundfunk?
Reichssender Frankfurt.
Frankfurt: Dienstag, 31. Dezember
6.00: Choral, Morgenspruch, Gymnastik. 6.30: Köln: Frühkonzert. In der Pause 7.00: Nachr. 8.00: Zeit, Wasserstand, Wetter- u, Schneebericht. 8.15: Stuttgart: Gymnastik. 8.45: Sendepause. 9.30: Nur Freiburg: Werbekonzert. 9.45: Nur Freiburg: Heitere Stunde am Sil- vestermorgen. 10.30: Nur Freiburg: Nachr. 10.45: Sendepause. 11.15: Meldg. 11.30: Nur Frankfurt: Gaunachrichten. 11.45: Sozialdienst.
12.00: Leipzig: Mittagskonzert. Dazw. 13.00: Zeit, Nachr., Schneeberichte. 14.00: Zeit, Nachr., Wetter. 14.10: Vom Deutschlandsender: Allerlei zwischen zwei und drei. 15.00: Wirtschaftsbericht. 15.15: Gefährtinnen großer deutscher Komponisten. Eine Hörfolge.
16.00* München: Nachmittagskonzert. 18.00: Das alte Jahr vergangen ist. . Eine Funkfolge. 18.30: Mit Lasso und Peitsche. Haupt-Gala-Ertra-Elite. Jahresabschluß-Vorstellung des Zirkus Brrr.
19.00: Berlin: Reichssendung: Silvester-Ansprache des Reichsministers Dr. Goebbels. 19.10: Leipzig: Unterhaltungskonzert. 20.00: Die Fledermaus. Operette. Musik v. Johann Strauß. 22.00: Forts, des Fledermausballes und Silvesterfeier des fidelen Gefängnisses.
Deutschlandsender.
Dcutschlanvsenver: Dienstag, 31. Dezember
6.00: Guten Morgen, lieber Hörer! Glockenspiel, Tages- spruch, Choral, Wetter. 6.10: Berlin: Gymnastik. 6.30: Fröhl Morgenmusik. Dazw. 7.00: Nachr. 8.30: Sendepause 9.00: Sperrzeit. 10.00: Sendepause. 10.45: Fröhl. Kindergarten 11.15: Seewetterbericht. 11.30: Das billige und zeitgemäße Frühstück 11.40: Der Bauer spricht. — Der Bauer hört Anschl.: Wetter.
12.00: München: Musik zum Mittag. Dazw. 12.55: Zeit- • Zeichen 13.00: Glückwünsche. 13.45: Nachr 14.00: Allerlei von zwei bis drei 15.00: Wetter, Börse, Programmhinweise 15.15: Frauen pflegen deutsche Volkskunst. — 15.45: Werner R Lange: Erlebnis in der Südsee.
16.00: Musik am Nachmittag. Wilfried Krüger spielt. In der Pause 16.50: Achtung: Aufnahme! Bitte schneiden! Eine merkwürdige Angelegenheit. 18.00: Silvester in Runxendorf 18.30: Hitlerjugend 1935! Ein Jahresrückblick. (Aum.> 19.00: Reichssendung: Silvester-Ansprache des Reichsministers Dr Goebbels.
19.10: Zur Jahreswende! Ewige Verse und Klänge. 20.00: Das Fest beim Prinzen Orlowski. Klänge aus der „Fledermaus" und andere festliche heitere Weisen mit beliebten Künstlern. 22.00: In tausend munteren Noten zieht ein Jahr vorüber. . 24.00: Der Intendant grüßt seine Hörer und frohe Fahrt ins neue Jahr!
URHEBER-RECHTSSCHUTZ DURCH.VERLAG OSKAR MEISTER, WERDAU
25) (Nachdruck verboten.)
Während so die Frau Bürgermeister sich gerächt sah, hatte man die arme Daniela in das Büro des Bank- direktors gebracht. Hier wurde sie noch einmal eingehend verhört. Mechanisch stand sie Rede und Antwort auf die vielen Fragen, die man ihr vorlegte. Aber sonst wußte sie nur, daß die Mutter tot war. Tot! Gestorben an einem Verdacht, der ebenso unsinnig wie
fürchterlich war.
„Es ist aber doch vollkommen ausgeschlosien, daß Fräulein Berkow damit in Verbindung zu bringen ist."
Ein Achselzucken des einen Beamten. Dann flüsterten die Herren kurz miteinander. Hierauf brachte man Daniela in das Gerichtsgebäude.
Da wußte sie, daß der schwerste Verdacht auf ihr ruhte! Daß nichts ihn entkräften konnte, ehe man nicht den wahren Mörder des alten Portiers gefunden. —
Im Büro der Bank saßen sich der Bankdirektor und der alte Herr von der Kriminalpolizei allein gegenüber.
„Wollen wir uns nun noch ein bißchen über den Fall unterhalten?"
„Aber gewiß. Ich stehe immer zur Verfügung."
„Außer dem Buchhalter Erich Matzke und dem Fräulein von Berkow war also das gesamte Personal heute früh pünktlich zur Stelle? Und die Frau des Portiers war über Nacht bei chrer Tochter geblieben und ist heute früh zeitig aus der Vorstadt hereingekommen, um ihren Mann in der Portierloge abzulösen, der von seinem Nachtdienst ausschlafen mußte. Sie fand die Wohnung leer, die Bankräume aber verschlossen. Und so rief die 8rau bei Ihnen an. Sie kamen sofort, ließen einen chupo hereinkommen und öffneten in seinem Beisein die Tür zu den Büroräumen. Und da fanden Sie den alten Mann ermordet auf."
„Genau so war es!"
„Gut! Wie kam es, daß Buchhalter Matzke fehlte?" „Der ist mit wichtigen Papieren nach Hannover gefahren."
„Fanden in Hannover nicht Rennen statt?"
„Jawohl. Ich weiß zwar nicht, was das mit Matzke zu tun haben soll. Oder — verdächtigen Sie etwa diesen Mann, der mir immer treue Dienste aeleistet bat?"
„Vielleicht! Es hat Ihnen ja bisher oft genug Geld gefehlt. Einer Ihrer Angestellten war bestimmt der Dieb."
„Ja — aber Matzke doch nicht! Der doch nicht! Ich würde ja den Glauben an alle Menschen verlieren. Und daß er in diese Affäre nicht verwickelt sein kann, geht schon daraus hervor, daß er schon häufig große Geldsummen transportiert hat. Es hat nie ein Pfennig gefehlt."
„Das ist allerdings seltsam genug, schließt aber seine Schuld deshalb nicht aus. Ich darf Sie wohl bitten, in Ihrem eigensten Interesse strengstes Stillschweigen zu bewahren. Oder würden Sie Matzke schonen wollen, wenn er mit dem Morde in Verbindung stände?"
„Niemals! Ich schwöre es Ihnen. Aber — es ist ja ausgeschlossen!"
„Ausgeschlossen ist nichts. Jedenfalls steht so viel fest, daß wir es hier mit einem der gefährlichsten und schlauesten Verbrecher zu tun haben, der jemals in der Kriminalgeschichte existierte."
„Furchtbar! Und Sie meinen wirklich, daß man den Mörder unter meinem Personal zu suchen hat?"
Ja!"
„Dann weiß ich nichts mehr zu sagen. Mich schaudert, wenn ich nur daran denke, daß ein solcher Mensch jahrelang bei mir in Lohn und Brot gestanden haben könnte."
„Ja, es wird wohl so sein."
Der alte Herr erhob sich, griff nach seinem Hut und verabschiedete sich.
Der Direktor ließ sich einen starken schwarzen Kaffee bringen.
In den Bankräumen wurde noch das Personal verhört. Das Zimmer, in dem man den Toten gefunden, war bereits versiegelt. In aller Eile hatte man die Papiere, die für das Publikum gebraucht wurden, herausgeräumt. Und nun lag das Dunkel des Geheimnisses über dem Raume. Scheu blickten die Angestellten zuweilen hinüber, als jeder wieder an seinem Platz saß.
Der alte Beamte war noch einmal in das Haus gefahren, wo die Familie von Berkow bisher friedlich gewohnt hatte.
Doktor Primer war inzwischen eingetroffen. Seine Schwagerrn Aline hatte ihn gerufen und ihm hastig das Wichtigste mitgeteilt. Edellinde wußte noch nichts. Man mußte sie schonen bei ihrem Zustand. Dr. Primer war tief erschüttert. Er hatte die feine stille Frau aufrichtig verehrt. Seine Hand strich immer und immer wieder behutsam wie in Dankbarkeit über die schmalen kalten Hände der Toten. Er wußte, diese Mutter hätte ihren Kindern so gern noch beigestanden in all dem Schweren, da? da plötzlich über sie hereingebrochen war.
Höflich, sehr höflick' begrüßte Dr. Primer den alten Herrn von der Polizei, der eben eintraf.
„Sie verzeihen! Ich komme noch einmal," sagte
vieler, „ich habe eine wichtige Frage: Liegt irgendeine Ursache vor, wonach der Buchhalter Erich Matzke Grund hätte, Fräulein Daniela von Berkow zu hassen?"
Dr. Primer blickte verwundert drein. Aline aber sagte hastig:
„Vielleicht! Meine Schwester Daniela hat Herrn Matzke abgewiesen, als er ihr einmal einen Heiratsantrag machte. Inzwischen hat er sich aber mit einer entfernten Verwandten verheiratet. Wir haben allerdings nicht angenommen, daß er für Daniela noch Interesse hat."
„Trotzdem kann diese Aussage die Rettung Ihrer Fräulein Schwester sein. Uebrigens: Hier, ein Bild. Ist Ihnen dieser Mann bekannt?"
Aline betrachtete aufmerksam das Bild, schüttelte den Kopf, blickte wieder auf das Bild, hielt es dann ganz dicht an die Augen.
„Das heißt, es kommt mir so vor, als kenne ich den Mann doch. Aber dann weiß ich wiederum bestimmt, daß ich ihn noch nie gesehen habe."
„Auch gut. Sehr gut sogar. Nun, ich denke, daß sich dieser Mordfall bald aufklären wird, obwohl er gerade arg verwickelt scheint."
„Meine kleine Schwägerin ist bestimmt unschuldig. Es lst entsetzlich, daß man sie einer solchen Tat überhaupt auch nur. für fähig halten konnte."
Dr. Primer sah den Beamten mit seinen guten Augen durch die funkelnde Brille beschwörend an.
Der erhob sich.
,,Jch denke, daß das kleine Fräulein bald wieder frei (ein wird."
Ehe ihm jemand für diese tröstenden Worte danken konnte, war er schon zur Tür hinaus.
Dr. Primer und Aline blickten sich an. Beide atmeten wie erlöst auf. Dann sagte Aline:
,,Gott sei Dank! Wenigstens ein Lichtstrahl in dieser Finsternis. Aber — wie es auch kommen mag, Mama ist tot. Gestorben vor Schreck über diesen unwürdigen Verdacht. Nichts kann sie wieder zum Leben erwecken, meine arme, liebe Mutter!"
Aline schluchzte auf.
Dr. Primer legte den Arm um ihre Schultern.
„Aline, ich hatte immer den Eindruck, daß du ein sehr tapferer Mensch bist. Trag auch dieses Schwere. Daniela braucht dich. Ich will jetzt heim zu Edellinde. Einmal muß sie das Traurige doch erfahren. Und wenn sie es von fremden Menschen erfahren müsste, wäre es noch furchtbarer. Obwohl ich nicht wützte, welch ein Weg mir >o schwer gefallen wäre, wie dieser Heimweg jetzt."
Aline trocknete sich das tränennasse Gesicht.' Sie nickte ihrem Schwager au, drückte ihm die Hände.
(Fortsetzung folgt.)