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un greifen die Menschen noch einmal mit beiden Händen nach dem Tag, weil es der letzte im Jahr ist. Die Uhren pendeln ihren Takt wie sonst, und doch ist es, als tickten sie heute lauter, als gemahnten sie jetzt noch eindringlicher an die Zeit, die so rasch enteilt. Herz und Sinne sind ganz zugekehrt dem großen Augenblick der Mit­ternacht, der das alte Jahr verabschiedet, um uns ein neues zu eigen zu machen.

Tage bauen am Jahr und Jahrhunderte an der Geschichte. Es ist gut, Silvester­stunde zu halten, nicht nur mit dem eigenen Schicksal, nicht nur mit den Wegen, die wir selber gegangen sind, sondern in Ge­danken das Rad der Zeit auch einmal um ein größeres Stück weiter zurückzudrehen. Dann dehnt sich das Tal ganz weit, dann haben wir ferne Sicht, dann hören wir die Herzen unserer Ahnen pochen, wir er­leben mit, was sie getragen, gefühlt, ge= Jungen und geweint. Dann finden wir Ant­wort auf manches, das unserer eigener Umgang mit den Jahren vielleicht nicht be­antwortet hat, wir lernen aus ihrem Le­ben für das unserige.

Silvestergeläut

in bitterster Not (1635/36)

Seit siebzehn Jahren schon jagten die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges durch das Land. Verheerungen, Plün­derungen und fürchterlichste leibliche Nöte waren ihre Spur. Wallenstein, der kaiser­liche Generalissimus, hatte im Februar 1634 in Eger als Opfer einer Verschwö­rung geendet. Ein halbes Jahr später schlügen Gallas und Piccolomini Wallen­steins Nachfolger, die Schweden, in der Schlacht bei Nördlingen. Im Mai 1635 hatte sich Johann Georg von Sachsen zum Präger Sonderfrieden bereitfinden lassen. In diesem Frieden hatte Kaiser Ferdi­nand IT. einstweilige Sicherheit vor dem von ihm im Jahre 1629 erlassenen Resti­tutionsedikt (Einziehung der von protestan­tischen Fürsten in Besitz genommenen geist­lichen Güter und Ausschließung der Re­formierten von der Religionsfreiheit) zu­gesagt. Ebenso wurden dem Kurfürsten die ihm bereits verpfändeten beiden Lau­sitzen als böhmisches Lehen überlassen. Der Augsburger Religionsfriede wurde er­neuert und die gemeinschaftliche Vertrei-

Wiedererwachendes Leben

Silvester *wteesJahrhunderte erlebten

bung der Fremden aus dem Reiche ver­einbart. Auch Brandenburg und andere evangelische Stände hatten sich angeschlos­sen. Eine weitere Folge des Nördlinger Sieges war, daß Frankreich entscheidend in die deutschen Händel eingriff. Als die Silvesterglocken den Anbruch den neuen Jahres 1636 verkündeten, läuteten sie zu­gleich die gefährlichste und verderblichste Wendung des Krieges ein.

Das Volk seufzte in bitterer Verzweif­lung. Die Verhältnisse um die Wende 1635/36 beleuchten Eintragungen im alten Kirchenbuch von Ummerstadt, einem klei­nen Landstädtchen bei Koburg, das damals besonders als Erzeugungsort der verschie­densten Arten von Töpferwaren einen Namen hatte. Darin heißt es:Ob nun wohl auch noch im Jahre 1632 das ganze Land wie auch hiesiges Städtlein, sehr volkreich war, also daß über 150 Bürger und auf 800 Seelen allein hier gewohnt haben, so sind doch wegen immer anhalten­der Kriegsunruhen und stetigen Ein­quartierungen die Leute dermaßen ener­vieret worden, daß von den ausgestandenen großen Schrecken eine Seuche, so von dem lieben, allmächtigen und gerechten Gott über uns verhängt worden, auf 500 Men­schen in den Jahren 1635 und 1636 weg-

In der Not gerafft hat, und wegen des elenden und betrübten Zustandes in zwei Jahren und darüber kein Kind zur Welt geboren wor­den. Diejenigen Leute, denen Gott, der Allerhöchste, noch das Leben gefristet, ha­ben sich wegen Hunger und teurer Zeit, aus Mangel des lieben Brotes, Kleien. Oelkuchen und Leinknoten gemahlen und gegessen, aber viele das Leben darüber geendet. Sind also die Leute in andere Länder sehr zerstreut worden, daß der meiste Teil das liebe Vaterland nicht wiedergesehen. Anno 1640 bei dem saal- feldischen Stillager ist Ummerstadt zur Nimmerftadt worden, weil in achtzehn Wochen sich kein Mensch hat darin sehen lassen, und die Leute um alles, was sie noch gehabt, gekommen sind. Daher die Leute^fast dünne geworden und über hun­dert Seelen nicht mehr vorhanden ge­wesen."

Mit der Not und Verzweif­lung griff die Lockerung der Sitten mehr und mehr um sich, die Unordnung wuchs bedenklich. Ueberall gab es Kolonnen von Bettlern.

Der Nürnberger Rat war einer der ersten, der sich energisch da­gegen ins Zeug legte. Er be­schloß die Einrichtung eines Ar­beitsdienstes, außerdem führte man die Verteilung der Abgaben nach Maßgabe der vorhandenen Vermögenswerte durch. Einen näheren Bericht darüber findet man in derOrdentlichen wöchentlichen Zeitung", die da­mals in Zürich herausgegeben wurde. Es heißt da:Demnach bey dieser Theurung das Betteln sich allhie so gehäufet, daß alle Gasten voll geloffen, auch viel auß andern Herrschaften, ja gar auß des Feindes Land herein kommen, und nachts auf den Gasten gelegen, und Seuchen ver­ursachen, als hat der Rat die löbliche Verordnung gemacht, daß alles Betteln ganz abgeschafft, die Kranken in die Hospitäler, die Kinder in die Findel genom­men, die Gesunden zum Schanzen und Arbeit, und die Fremden nach ihren Herrschaften oder in andere wohlfeylere Lande ge­wiesen worden, zur Unterhab dung aber der Armen die Bür­ger wöchentlich ein ziemliches Contribuieren, und sieht man bereits feinen Bettler mehr."

100 Jahre später: Reges geistiges Leben hebt an

Ein Jahrhundert später läuteten die Glocken der Silvesternacht in eine ver­änderte Welt Noch waren freilich die Fol­gen des Dreißigjährigen Krieges längst nicht restlos ausgetilgt In den 37 Jahren, die jetzt vom Kriegsende trennten, konnten die heftigen Erschütterungen, die das Land hatte tragen müssen, unmöglich völlig über­wunden sein. Die Bevölkerungsziffer war durch die Auswirkungen des langen Krie­ges um ein Drittel, in manchen Gebieten gar um die Hälfte vermindert worden. Dazu eine Verarmung und Verschuldung, die keine Schichten verschonte Aber auch damit noch nicht genug. Als Folge der Kriegszeit hatten sich der fremde Handel und die fremde Jdustris bedenklich breit gemacht, alles Einflüsse und Hemmnisse, die dem Wiederaufstieg natürlich empfind­lich im Wege waren So harte Eingriffe lassen sich in einigen wenigen Jahrzehnten nicht vollends überstehen.

Und doch hatte sich schon mancherlei wesentlich zum Besseren gewandelt. Ja, die vergilbten Auszeichnungen der Väter, die wie ein einziges seelisches Wehklagen wider­halten, die wie ein Feuer in der Brust brannten, nahmen sich aus wie eine un­glaubliche Macht, deren letzte Schatten

Archiv Aufwätts-V vor dreihundert Jahren

jetzt erst sich allmählich lösten. Die Ver­wilderung der Sitten und die Lahmlegung des geistigen Lebens war es, worüber die Väter neben der leiblichen Not und Heim­suchung am meisten stöhnten. Noch in hun­dert Jahren nicht wird das geistige Leben wieder zur Entfaltung kommen, sagten die Väter. Und doch war ès nicht ga so schlimm Schon als man vom Jahre 1735 Abschied nahm, waren bereits erkennbare Anzeichen für ein wiedererwachendes geistiges Leben vorhanden. Man sprach damals schon da­von, daß Göttingen als neue wissenschaft­liche Pflanzstätte gute Aussichten habe, eine Wahrscheinlichkeit^ die sich zwei Jahre später (1737) durch die Gründung der Uni­versität tatsächlich erfüllte.

Das lenkte nicht nur ab von den blutigen Dingen, die in den Herzen noch nachzitter­ten, das war zugleich ein Zeiterfordernis, das zu gelegenerer Stunde nicht eintreten konnte. Allenthalben in der Welt gingen die großen Denker bereits daran, den Sonnenstrahl der Wistenschaft in ihren Dienst zu nehmen und den Menschen neue Erkenntnisse zu bringen. In Frankreich waren Voltaire (16941778), der Philo­soph, Historiker und Dickiter und Charles Montesquieu (16891775), her große philo­sophische Schriftsteller, mit wertvollen Ver­öffentlichungen hervorgetreten. Da fehlte Göttingen wie ein Brot dem Hungrigen, wie ein Trost für alle müden Seelen, die Erlösung suchten. Das nur konnte den Blick, der so hart und starr geworden war, wieder mildern.

Silvester grüßt die technische Umwälzung (1835/36)

Die Jahreswende 1835/36 stand noch ganz im Banne des überaus mutigen, genialen und weitblickenden Planes, den in jener von breitester Beschaulichkeit ein­genommenen Zeit der Nürnberger Bürger­meister Johannes Scharrer drei Wochen vorher hatte verwirklichen können, un­bekümmert um die Kleinstaaterei, die die deutschen Lande zerriß. Seit dem 7. De­zember gab es weit und breit keinen ande­ren Gesprächsstoff mehr als die Ludwigs- Bahn Nürnberg Fürth, die nach einer Bausrist von nur zehn Monaten und trotz des Ansturmes aller möglichen Wider­sacher zur Tatsache geworden war Damals, als die Silvesterglocken durch die deutschen Gaue hallten, ahnte freilich kaum jemand, daß dieses Ereignis, so gewaltig es auch in den Zeitenlauf einschnitt, einmal jene beträchtliche geschichtliche Bedeutung er­reichen würde, die in der Folgezeit gerade

durch den Bau der Ludwigs-Bahn eintrat.

Das engmaschige Netz von Bahnlinien, das allmählig den deutschen Boden überzog, wurde nicht nur zum Rückgrat für die Ge­samtheit der deutschen Technik und für die Wissenschaft, die mit der Technik Hand in Hand geht, es wurde zugleich zur Grund­lage einer großen geistigen Umformung. Nach und nach setzte ein großer geistiger Prozeß ein, die vordem politisch noch nicht geeinten deutschen Landesteile wurden seelisch verbunden und gesammelt. _ Eine Anregung brachte die andere, Erfolge reihten sich kettenweise aneinander. Ein ungeahnter Auftrieb für das deutsche Wirt­schaftsleben trat ein, ein bedeutsamer Schlüsiel für die deutsche Weltgeltung war gefunden, deutscher Wohlstand blühte. All diese starke Befruchtung ging von jenem genialen Gedanken des Nürnberger Bür­germeisters aus, der sich der Widersacher kaum hatte erwehren können.

Trotz der Begeisterung für das Nürn­berger Ereignis, mit der man in das Jahr 1836 hineinging, erahnte, wie gesagt, kaum jemand einen Impuls von derart riesigen Ausmaßen. Wie hätte man auch zu der­maßen kühnen Hoffnungen vorstoßen können, in einer Zeit, da man technisch auch nicht irgenwie verwöhnt war, in einer Zeit, da man die Finsternis noch durch Wachs- und Talglichte verscheuchte. Gerade um jene Zeit war der geflochtene Docht noch eine ganz junge Erfindung, vordem mußte man sich mit der sogenannten Lichtputz­schere herumärgern. Es kam noch ein anderes hin­zu: das Mißtrauen gegen alles Neue war damals noch eine förmliche Welr- krankheit, ja, noch viele Jahrzehnte später lagen die Dinge nicht viel bester. Als Edison, der im Jahre 1878 den Phonographen erfunden hatte, zum ersten Male in der französischen Hauptstadt einem größeren Kreise von Leuten das Wunder 'der neuen Er-

Vertag i2: M findung offenbarte, schalt man den Amerikaner einen Schwindler, der seine Zuhörer durch einen plumpen Bauch­rednerkniff irreführe. Das Neue war, ob man in den dreißiger oder siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts oder gar noch zwei Jahrzehnte später Umschau hält, fürs Erste immer ein Fremdling mit Anspruch auf reichlich viel Mißtrauen. So wie man es für unerhört, für unglaublich fand, daß das Master mit der Erfindung der Wasser­leitung plötzlich den Berg hinauf lief, so war es auch, als die Elektrizität aufkam. In manchen Großstädten räumte man dem elektrischen Verkehr erst ein Teilgebiet ein, bisdie Neuerung sich richtig bewährt" habe. Der gute, alte Pferdeomnibus wurde auf vielen Strecken noch beibehalten. Am bittersten wohl von allen hat es Graf Zeppelin erfahren müssen, wie schwer es bei Menschen hält, von alten eingefressenen Ansichten und Vorurteilen loszukommen. Etwa in die gleiche Zeit fallen die Be­mühungen auf dem Gebiete des Flugzeug­baues Es soll zugegeben werden, daß die ersten, aus Bambusstöcken gefertigten, primitiven Flugapparate nicht allzu viel Vertrauensseligkeit erwecken konnten. Erst recht nicht bei einer Generation, die mit Vorliebe die Anschauung in den Vorder­grund schob,daß die Luft keine Balken hat Erst, als knavp vor Ausbruch des Weltkrieges ein ausländischer Kunstslieger in Deutschland die waghalsigsten Kunst­stücke mit der Flugmaschine ausführte, erst da begann das große Umlernen,daß an der Sache doch was dran sei".

So ist der Gang durch die Jahrhun­derte nicht nur ein Weg durch Menschen- und durch Zeitenschicksale, sondern zugleich ein 'Weg in die Höhe, zugleich ein Lied von der stolzen und starken Kraft dieser Liebe zum Leben, die auch das Schwerste durchkämpft und im frischen, jungen Wuchs neuer Generationen neue frohe Bejaher findet. H Th.