Nr. 301 — 12. Jahrgang
Fuldaer Anzeiger
Freitag, 27. Dezember 1935
Stadt und Land Wetterausfidifen für morgen;
am Main'^ ^^ Reichswetterdienstes, Ausgabeort Frankfurt
Fortdauer der unbeständigen für die Jahreszeit w mtlbcn Witterung, Niederschlagsneigung voraussichtlich sich wieder verstärkend.
Regnerische Weihnachtstage.
Der Heiligabend und die Festtage mitsamt ihrem Aubel sind verklungen. Nach der Feier im engsten Familienkreise mit der mehr oder weniger großen Bescherung begann am ersten Feiertag zunächst einmal die traditionelle und genaue Besichtigung und Würdigung der Geschenke. Daß einem dabei alles plötzlich noch viel besser gefiel als am Heiligabend, versteht sich am Rande. Mit viel Geschick und einem Riesenappetit hat man sich auch durch die Berge von Kuchen, Schokolade und Marzipan gegessen. Nur mit dem weihnachtlichen Spaziergang, der nun einmal zum Fest dazu gehört, mußte man warten, lange warten.
Nichts ist veränderlicher als das Wetter. Das hat uns das diesjährige Weihnachtsfest wieder einmal bewiesen. An den Weihnachtstagen machte der Wettergott vielen Fuldaern einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Während am Heiligabend noch ein paar Grad Kälte herrschten, wehten in einer Höhe von ca. 1000 m schon linde Lüfte von 7—8 Grad Wärme. Da gab es in der Nacht zum ersten Feiertag, allen optimistischen Wettervoraussagen zum Trotz, ausgiebige Regenfälle, welche dann mit der einen oder anderen kleineren Unterbrechung während der beiden Feiertage andauerten.
Der Verkehr in der Stadt hatte sein sonntägliches Gepräge angenommen. Die glänzenden Auslagen in den Geschäften lockten auch jetzt noch, allerdings nicht mehr zum Käufen, sondern zum Tauschen, denn dieses oder jenes Weihnachtsgeschenk war doppelt gekommen oder entsprach nicht ganz den Wünschen des Beschenkten.
Groß war die Lust der Fuldaer zum Ausgehen. Die Gaststädten, Kinos und Kaffeehäuser erfreuten sich starken Besuchs. Auf dem Bahnhof setzte schon während der Feiertage der Rllckverkehr der Urlaubsreisenden kräftig ein. Auch die Züge in die Rhön waren stark gefragt, obgleich die Schneeverhältnisse nur in den höheren Lagen der Rhön einwandfreien Wintersport zu ließen.
Wenn man abschließend noch einen kurzen Rückblick auf das „überstanden e“ Weihnachtsfest wirft, dann wird man feststellen müssen, daß es während der beiden Feiertage drinnen besser und gemütlicher war als d r a u ß e n, und das wieder entinricht so recht diesem deutschen Fest, denn schließlich ist Weihnachten doch das familiärste unter den Familienfesten. Und wer so denkt, der wird auch Weihnachten 1935 voll und ganz auf seine Kosten gekommen sein.
Weihnachtskonzert
des Trompeterkorps Art.-Regt. 45.
Das Trompeterkorps des hiesigen Artillerie-Regiments bot am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages ein gut besuchtes Weihnachtskonzert dar, das gleichzeitig den neuen Leiter des Trompeterkorps, Obermusikmeister Rudelt, einführte.
Das gefällig zusammengestellte Programm ließ die Vorzüge des von Musikmeister Rohdes Konzerten her bestens bekannten Orchesters erneut zur Geltung kommen. Tas dezente, schöne Spiel, die saubere Tongebung, die feinen Schattierungen und die gute Ausgeglichenheit der Instrumente erfreuten wie stets die Herzen der Zuhörer. Schneidig klangen die temperamentvoll gespielten Märsche, von denen einige als Zugabe für den stark und reichlich gespendeten Beifall der dankbar-begeisterten Hörer gegeben wurden. Eine besonders schöne Darbietung des Abends war die entzückende Fantasie „Hänsel und Gretel" von Humperdinck, die vom Orchester vollendet zu Gehör gebracht wurde.
Sehr gefeiert wurden die beiden Solisten des Abends, Rnterwachtmeister Gerbracht für sein Pofaunen-Solo „Walzer Arie Nr. 2“ von Alschausky, und Gefreiter Wehling, der mit feinen Tylophonfolis aus der „Tell- Fantasie" von Krüger ein beachtlich routiniertes Spiel zum Ausdruck brachte. Beide Solisten mußten den begeisterten Zuhörern die letzten Teile ihre Darbietungen wiederholen. Ten Kern des Programms bildete wohl das köstliche Koedel- fche Tongemälde „Fröhliche Weihnachten", das mit feinen einzelnen stimmungsvollen Bildern den ganzen Zauber der Weihnacht nochmal aufleuchten läßt und in einem fröhlichen Finale ausklingt.
Der Blon'fche Marsch „Mit Eichenlaub und Schwerter" beendete den schönen Abend. Schade, daß es manche Konzertbesucher nicht lernen können, den Schluß eines Konzertes abzuwarten. Es ist doch sowohl für das darbietende Orchester als auch für gut erzogene Zuhörer bestimmt keine Freude, wenn der Eindruck der letzten Programmnummer durch das scharenweise einetzende Hinausgehen der „Nichtabwartenkönnenden" vollkommen verloren geht.
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Freitag, 27. Dezember:
Union-Theater: Es flüstert die Liebe.
Europa-Lichtspiele: Ter Ammenkönig.
Neues Theater: Königstiger.
Sonnabend, 28. Dezember:
Union-Theater: Es flüstert die Liebe.
Europa-Lichtspiele: Der Ammenkömg.
Neues Theater: Königstiger.
Stiftungsfest und Jubilar-Ehrung der Ortsgruppe Fulda des Deutsch-Evangelischen Männerwerks.
Die Ortsgruppe Fulda des Deutsch-Evangelischen Män- nerwerks feierte am zweiten Weihnachtstag im Evangel. Gemeindehaus ihr Stiftungsfest. Im Auftrage des 1. Vorsitzenden Otto Schneider hieß Pfarrer Otto die zahlreich erschienenen Elaubensbrüder und -Schwestern herzlich willkommen. Er betonte, daß auch die Ortsgruppe Fulda des Deutsch-Evangelischen Männerwerks an der alten Tradition des früheren Evangelischen Volksvereins festhalten wolle, um alljährlich am 2. Weihnachtstage das Stiftungsfest beim strahlenden Weihnachtsbaum zu begehen. Sodann erinnerte Pfarrer Otto an die Kriegsweihnachten 1914—17, an denen die Gedanken vieler Feldgrauen aus den Schützengräben nach der Heimat gingen zum Weihnachtsbaum bei den Eltern oder der Familie. Als Abschluß der Ansprache versammelten sich die Anwesenden unter dem gemeinsamen Gesang des Weihnachtsliedes: „O du fröhliche . . .".
Nach kurzer Pause ergriff Pfarrer Otto nochmals das Wort und führte aus, daß auch dieses Jahr wieder eine Anzahl Mitglieder auf eine 35= und 25jährige treue Mitgliedschaft im Verein zurückblicken können. Für ihre langjährige Treue sprach ihnen Pfarrer Otto den herzlichen
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Union-Theater:
„E s f l ü st e r t d i e L i e b e".
Der Titel dieses Eustav-Fröhlich-Films läßt nicht ahnen, daß sich hier eine flotte Liebesgeschichte mit Hindernissen abspielt. Die Liebe flüstert nämlich recht vernehmlich in diesem Lustspiel, das von Anfang bis zum Ende Freude macht. Das Motiv ist nicht neu — es ist das uralte Lied von den zwei Menschenkindern, die für einander bestimmt sind und die sich auch nach mancherlei Irrungen und Wirrungen „bekommen". Wie das alles dargestellt und inszeniert ist, macht Freude und bringt die Stimmung mit, die diesen Film zu einem großen Treffer stempelt.
Im Beiprogramm finden die Elsässer Volkstänze Beachtung. Eine Elsässer Ortschaft zeigt sich in Tracht, Brauch und in ihrer alemannischen Mundart. Alles in allem: ein Festprogramm, wie man es sich wünscht. =u=
Neues Theater:
„Königstige r".
Ein Zirkusfilm. Die bunte Zirkuswelt zieht wieder einmal über die Leinwand und zeigt, daß hinter der bunten Fassade sich viele Sorgen verbergen. Dem Zirkusdirektor Barszony (Hans Junkermann) fehlt das Geld für die große Sache. Darauf baut sich die psychologisch nicht immer richtig gesehene Handlung auf. Ter prächtige Königstiger spielt seine besondere Rolle dabei — aber im allgemeinen wird das Spiel im und um den Zirkus von einer merkwürdigen Temperamentlosigkeit beherrscht. Die Aufnahmen sind klar und von großer Plastik.
Im Beiprogramm wird des Winters Freud und Leid im Gebirge gezeigt. Dieser Kulturfilm ist sehenswert und wird sehr beifällig ausgenommen. -u-
UnfaU infolge Glatteis.
* Kohlhaus (Kr. Fulda). An den Weihnachtsfeiertagen stürzte infolge der Glätte der Straße ein auswärtiger Motorradfahrer mit feinem Fahrzeug, erlitt schwere Verletzungen und wurde in das Krankenhaus gebracht.
* Alsfeld, 23. Dez. (Alt-Veteran zur großen Armee versammelt.) Hier starb im 86. Lebensjahre der Spediteur und Alt-Veteran von 1870/71 Joh. Heinrich Wöll. Er war aus Brauerschwend gebürtig.
Alsfeld, 26. Dez. (Opfer der Arbeit.) Der in der Sehrt'fcben Mühle in Vadenrod verunglückte Müllergeselle, der mit den Beinen ins Getriebe der Mühle gekommen war :w im hiesigen Kreiskrankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen.
Gießen, 26. Dez. (WennBetrunkeneamSteuer fitzen . . .) Auf der Straße von Kleinlinden nach Dutenhofen ereignete sich am zweiten Feiert^ ein schwerer Autounfall. Ein Kraftwagen mit vier Männern aus Lützellinden, die alle ziemlich betrunken waren, rannte in einer Kurve gegen einen Telegraphenmast und wurde auf der rechten Seite vollkommen eingedrückt. Alle vier Insassen erlitten ernste Kopfverletzungen und Prellungen und mußten in die Eryrurgische Klinik nach Gießen gebracht werden. Der Fahrer Hermann Weber schwebt in Lebensgefahr.
Gießen, 26. Dez. (Vorbildlicher Eemeinsinn.) In einer Versammlung aller Viehzüchter in Obbornhofen wurde man sich einig, die Bekämpfung der ansteckenden Bläschenkrankheit beim Rindvieh auf dem Wege von Gemeinschaftsmaßnahmen durchzuführen. Jeder Viehhalter wurde zur Bekämpfung der Seuche verpflichtet. Die Gemeindeverwaltung wird den Plan der Viehzüchter dadurch fördern, daß sie die erforderlichen Medikamente im großen bezieht und in kleinen Mengen zum Selbstkostenpreis an die Viehzüchter abgibt.
Gießen, 26. Dez. (Der Gießener Eisenbahnräubergefaßt.) Am 15.12. wurden auf dem Gießener Bahnhof 26 Eisenbahnwagen erbrochen und teilweise geplündert. Den eifrigen Nachforschungen der Gießener Polizei gelange es gestern, im städtischen Obdachlosenasyl den 29 Jahre alten Anastasius Eaplewski aus Stargard in Pommern untr dem Verdacht der Täterschaft festzunehmen. Trotzdem bei Caplewiki ein großer Teil der gestohlenen Sachen gefunden wurde, leugnete er bisher bartnäckig, den schweren Einbruch verübt zu haben: die Beweise sind aber so erdrückend, daß nur er als Täter in Frage kommen kann.
Gießen, 26. Dez. (Wieder eine Kohlenoxyd- gas-Vergiftung.) In den letzten Wochen haben sich in Gießen und näherer Umgebung schon mehrere schwere Kohlenoxydgas-Vergiftungen durch schadhafte oder unsachgemäß behandelte Oefen ereignet, bei denen fast immer ein Todesopfer zu^ beklagen war. So wurde auch am Morgen des zweiten Feiertags eine im Asterweg wohnende Lehrerin mit einer schweren Kohlenoxydgas-Vergiftung aufgefunden. Sie mußte in die medizinische Klinik gebracht werden: ihr Zustand i)t noch ernst.
Tank aus. Für 35jährige Mitgliedschaft wurden geehrt: August Barthelmes, Ernst Bechtel und Karl Euntrum. Für 25jährige Mitgliedschaft: Richard Stöpsel, Aug. Müller, Andreas Oechler, Ernst Ehrig, Georg Steinacker, Konrad Eucker, Kaspar Grösch, Johannes Guntrum und Georg Albrecht. Alle erhielten den Ehrenbries des Männerwerks und ein Blumenangebinde. Nach der Ehrung, während die Musik das Lied „Ueb immer Treu und Redlichkeit" spielte, sprach Pfarrer Otto den Jubilaren den herzlichen Dank aus für ihre treue Mitarbeit am Aufbau der Kirche und des deutschen Volkes.' Anschließend gelobten alle Anwesenden dem Führer und Reichskanzler unverbrüchliche Treue und Gefolgschaft und brachten ein dreifaches Sieg-Heil auf ihn aus. Auch Herr Edmund Rühl appellierte an alle Mitglieder, dem Männerwerk die Treue zu halten, da es berufen ist, am Aufbau der Kirche und der Gemeinde mitzuarbeiten. Anschließend trugen zwei kleine Mädchen ein Gedicht vor. AIs begabte Sängerin erfreute Frau Batst, hier, mit einigen gut vorgetragenen Liedern. Nach Beendigung des offiziellen Teiles blieb man noch einige Zeit gemütlich zusammen, wobei auch der Humor zur Geltung kam.
Wetzlar, 24. Dez. (We ihnachtsgabe des Gauleiters an einen jugendlichen Lebensretter.) Bei einer Weihnachtsfeier des Stützpunktes der NSDAP, in dem Kreisort Naunheim übergab Kreisleiter Haus dem Pimpfen Erich Seifert einen größeren Geldbetrag als Spende des Gauleiters Sprenger. Erich Seifert hatte im Sommer dieses Jahres einen Menschen vom Tode des Ertrinkens gerettet. Der Gauleiter hatte davon gehört und ließ nun ohne daß er dazu angeregt worden war, dieser anerken-nenswerten Tat eine so schöne Belohnung folgen.
Dillenburg, 26. Dez. (Vor S ch r e ck g e st o r b e n.) Ein Schüler hatte beim Rodeln einen leichten Unfall erlitten. Als der Arzt der 45jährigen Mutter des Jungen die Mitteilung machte, daß er den Jungen in Behandlung nehmen müße, brach diese tot am Herzschlag zusammen.
Kirchheimbolanden, 24. Dezember. (50 000-Mark- Spende für Siedlungen.) Die Stadt Kirchheimbolanden hat von der Witwe des Geheimrats Dr. Muchel aus dessen Nachlaß vor einigen Wochen eine Spende von 50 000 Mark bekommen. Davon werden 40 000 Mark zu Siedlungszwecken verwendet, 10 000 Mark finden für allgemeine Zwecke Verwendung, können jedoch beim Siedlungsbau mit Verwendung finden.
Jesberg (Bez. Kassel), 24. Dez. (13neueErbhöfe eingeweiht.) Die durch Aufteilung der Domäne Jesberg entstandenen 13 neuen Erbhöfe wurden in einer schlichten Feierstunde ihrer Bestimmung übergeben. Zahlreiche Gäste besichtigten diese neue Siedlung.
Wiesbaden, 24. Dez. (E i n Sprachgenie.) Der Baron Waldemar von der Pahlen in Wiesbaden wurde als Dolmetscher der englischen, französischen, russischen, italienischen, spanischen, dänischen, norwegischen, holländischen, tschechischen, polnischen, serbischen und bulgarischen Sprache für den Landgerichtsbezirk und auch für die Standesämter beeidigt. Das sind mit der deutschen 13 Sprachen!
Lohr a. M., 24. Dez. (Nach vier Wochen tot aus dem Main geborgen.) In Langenprozelten in der Nähe der Steinbrüche wurde der Landwirt Krebs aus Hofstetten aus dem Main geländet. Er ist vor etwa vier Wochen auf dem Heimweg von Langenprozelten in den Main gefallen.
Offenbach, 26. Dez. (Unglücksfall oder Verbrechen?) In der Nähe der Offenbacher Fähre wurde die sechs Jahre alte Anneliese Kaiser aus Offenbach als Leiche aus dem Main geländet. Ob ein Unglücksfall oder ein Verschulden dritter Personen vorliegt, steht zur Zeit noch nicht fest.
Groß-Gerau, 26. Dez. (Ja,werhatdieEansge- stöhlen?) Ein unliebsames Mißgeschick passierte einem Landwirt in Braunshardt. In der Nacht wurden ihm seine mit soviel Liebe großgezogenen beiden Weihnachtsgänse gestohlen. Die Diebe holten ihre Beute und verschwanden über ein Nachbargrundstück. Die Gendarmerie suchte die Gänsediebe vergeblich.
Michelstadt i. O., 26. Dez. (E r o ßer Fabrikbrand i m O d e n w a l d.) ^n der Schreinerei und Holzschneiderei der Zeltbahnfabrik Gebr. Mühlhäuser in Steinbach bei Michelstadt brach Steuer aus, das mit rasender Schnelligkeit um sich griff. Das Feuer fand an den vorhandenen Holzvorräten reiche Nahrung, und bald war das ganze Knautie eingeäschert. Der ©(haben ist bedeutend, da fast alle Maschinen in dem niedergebrannten Gebäude unbrauchbar geworden sind.
Stabschef Lutze 45 Jahre alt.
Der Ebef des Stabes der SA., Viktor Lutze, begeht am 28
Dezember seinen 45. Geburtstag. (Scherl Bilderdienst/M.)