Zulöaer Anzeiger
grj*eint jeden Werktag. Wochenbeilage: „Der Sonntag". Bezugspreis: monatlich 1,70 RM. Sei Lieferungsbehinderung durch „Höhere Gewalt" bestehen keine Ansprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, Fulda, Königstraße 42. Rotationsdruck: Friedrich Ehrenklau, Lauter- bach/H Hauptschriftleiter Friedrich Ehren- klau, Fulda, Königstr. 42, Fernsprecher 2989. — Aerantw. für den Inhalt: Bernd Heim Fulda.
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Nr. 287 — 12. Jahrgang
Fulda, Montag, 9. Dezember 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Der Sag der nationalen Solidarität.
Der Großangriff gegen die Not.
Die Kameradschaft einer Nation. - Der Opfertag des deutschen Volkes.
Der Tag der nationalen Solidarität ist der Höhepunkt im Winterhilfswerk des deutschen Volkes. An diesem Tag wird das Millionenhcer der freiwilligen unbekannten Helfer abgelöst von den bekannten Trägern der h ö ch sten Stcll cn in Reich und Partei, Staat und Stadt, Wirtschaft und Kunst, Presse und Rundfunk. An diesem Tage gehen sic alle mit der Sammelbüchse auf die Straßen, in die Gaststätten, Lichtspielhäuser und Theater, und werben für die unverschuldet in Not Geratenen, getragen von dem Gefühl wahrer Volksverbundenheit, erfüllt von dem Auftrage des Führers: Keiner darf hungern, keiner darf frieren! Zugleich aber sammelt sich an diesem Tag die ganze Stoßkraft des deutschen Volkes zu einem Großangriff gegen die Not.
Die Idee des Tages der nationalen Solidarität und der Gedanke der unauflöslichen Schicksalsverbundenheit hat im deutschen Volk — das hat der 7. Dezember aufs neue bewiesen — tiefe Wurzeln geschlagen. Das Vertrauen, das der Führer in den Gemeinschaftssinn des Volkes gesetzt hat, ist nicht enttäuscht worden.
Besonders lebhaft ging es
in der Reèchshaupistadi,
als dem Sitz der Reichsregierung und zahlreicher Behör- - den zu. Tausende von Menschen umdrängten in der MPassage Unter den Linden Ministerpräsident Hermann MI ö r i n g überall nur hochgereckte Arme, um Spenden in die Büchse zu stecken, eine große Büchse mit einem riesigen Trichter, in den gut zehn Hände auf einmal ihren Obolus werfen konnten. Als diese Büchse gefüllt war, kam eine kleine Holztruhe ran und dann ein Eimer. Um 17 Uhr traf der Ministerpräsident am Wedding ein von einer unübersehbaren Menschenmenge mit Jubel begrüßt Hier bewies es sich wieder einmal, daß gerade die ärmere Bevölkerung immer zu Opfern bereit ist.
Gammler beim Führer.
Der Führer ließ es sich nicht nehmen, nach Beendigung der Straßensammlung eine große Anzahl von Helfern und Helferinnen dieses Tages in die Reichskanzlei einzuladen, wo er allen persönlich eine größere Spende für das Winterhilfswerk in die Sammelbüchse gab.
Vor dem Hotel Adlon Unter den Linden nahm Reichsminister Dr. Goebbels von seiner kleinen Tochter Helga das erste Scherfflein in Empfang. Und nun riß Stunde für Stunde der Strom der Spender nicht mehr ab. Hier kam ein ganzes Volk in allen seinen Ständen und Schichten vorbei nnb opferte. Da hatte sich eine Mutter mit ihren zwei Kinderchen aus dem Arm durch das Gewühl hindurchgewunden und lieferte nun dem „Doktor" durch die Händchen ihrer Kinder ihr Scherflein ab, ein Sparkassenbuch wurde dem Minister gereicht. Viele Menschen und viele Methoden des Gebens. Der Humor beherrschte die Stunde, und Dr. Goebbels selbst trug nicht wenig dazu bei: „Wer Hosenknöpfe reintut, wird ein- gelocht." Nun gab es keine Hosenknöpfe, es gab ost genug 50 Pfennig- und Markstücke. Aber es gab auch mehr^ Wer dabei stand, konnte sich davon überzeugen;
Ein Höhepunkt der Nation: Auch in diesem Jahr erwies sich der „Tag der nationalen Solidarität" wieder als ein überwältigendes Ereignis, das ^un! begeisternden Zeugnis tiefster Volksverbundenheit wurde. In Stadt und Land sammelten die führenden >orsenlichkeiten der Partei, des Staate^, der Wirtschaft und öffentlichen Organisationen, um zu beweisen, daß im Ritten Reich sich niemand für zu gut findet, um den not- erdenden Volksgenossen mit der Tat zu helfen. In Berlin wurde der Tag zu einem magren Volksfest. Tausende um-
Schecks mit mehrstelligen Zahlen. Als die siebente Büchse gefüllt war, kamen die als Reserve mitgebrachten Eimer dran. Zinn Abschluß sammelte der Minister noch kürzere Zeit in einem wogenden Menschenmeer in der Leipziger Straße und am Potsdamer Platz.
Ein geradezu lebensgefährliches Gedränge herrscht vor dem Columbushaus am Potsdamer Platz, wo jedermann Frau Magda Goebbels seinen Tribut entrichten wollte. Für jeden Spender fand Frau Goebbels ein herzliches Wort des Dankes. Reichsjugendführer B a l d u r v. S ch i r a ch und Reichsarbeitsführer Hierl sammelten neben Musikzügen ihrer Formationen, SS.- Brigadeführer Botschafter vonRibbentrop vor dem „Fürstenhof". Auch Reichsführer SS. Himmler, Reichsminister S e l d t e, die Staatssekretäre Pfundt- I! e r und Körner und viele andere Sammler ließen keinen durch, der nicht auch ein Scherflein gespendei hätte.
Auch die Leute von Film tauchten verschiedentlich zwischen der Potsdamer und der Leipziger Straße auf und wurden erkannt und umringt. Manches autogrammsüchtige Backfischherz schlug höher; aber es wurde nichts verschenkn Eine Mark für ein Autogramm, so hieß es unerbittlich! Vor dem „Haus Vaterland" kündete frischer Gesang aus jungen Mädchenkehlen, daß hier die Reichs- referentin des BDM., Trude Mohr irr Standguartier aufgeschlagen hatte.
In den Straßenzügen um die Gedächtniskirche im Berliner Westen ging es nicht minder hoch her. Minister F r t cf und seine Gattin konnten sich der Gebefreudigen kaum erwehren. Etwas weiter quittierte Äeichsfämz minister Graf Schwerin v Krosigk dankbar für zahlreiche Gaben, unterstützt von seiner Gattin und drei seiner Kinder. Der Korpsführer des NSKK., H ü b n l e i n , Staatssekretär Lammers, die ReichMauenführerin Frau Scholtz-Klink, Reichs-
Der Abessinienkrieg wird fortgesetzt.
Mussolini vor der italienischen Kammer. — Warnung vor unberechtigtem Optimismus.
Jn seiner großen außenpolitischen Rede vor der italienischen Kammer erklärte Mussolini eingangs, daß das italienische Volk auch am 365. Tage der wirtschaftlichen Belagerung vom gleichen Widerstandswillen beseelt sein werde wie heute. „Es gibt keine Belagerung, die uns in die Knie zwingen und von unseren Zielen ab- bringen könnte."
Zur politischen Lage übergehend erklärte Mussolini zunächst unter Anspielung auf die Besprechungen, die er kurz vorher mit den Botschaftern Englands und Frankreichs hatte, u. a„ in den letzten Stunden sei vielleicht eine leichte Besserung und eine leichte Milderung in bezug auf einige vom Vorurteil bestimmte Fragen eingetreten. Trotzdem müßte er vor einem ungerechtfertigten O v t i m i s m u s warnen.
Tag der nationalen Solidarität".
drängten die Männer und Frauen mit ihren Sammelbüchsen. Links: Reichsmin'^er Dr. Goebbels hält die Büchse mit dem Riesentrichter den Volksgenossen zur Spende hin Mitte: General Göring sammelte später mit einer großen Truhe, die zuletzt durch einen Eimer ersetzt werden mußte Rechts: Reichsamtsleiter Hilgenfeldt ging seinen vielen tausend Sammlern fle^- und mit gutem Beispiel voran. (Deutsche Presse-Photo-Zentrale (1);
(scherl Bilderdienst — M. (2).
minister Kerrl, Polizeipräsident Graf Helldorf und ungezählte andere Prominenten hatten alle Hände voll zu tun, die Gaben in Empfang zu nehmen, die ihnen gebracht wurden.
Auf dem Aiexanderplatz gab es kein Durchkommen. Vor der Berolina hatte Fr au Göring Aufstellung genommen. Jeder spendete mit fröhlichem Zuruf und auf dem Denkmalssockel häuften sich die gefüllten Sammelbüchsen. Indessen hatte der Stellvertreter des Führers, Reichsminister Rudolf Heß. seinen ergiebigen Standort auf dem Hermannplatz gewechselt. Kaum war er auf dem Horst-Wessel-Platz eingetroffen, da war das Gelände vor der Volksbühne auch schon von Tausenden überflutet.
Zn der Stadt der Bewegung und .. .
Der Tag der nationalen Solidarität hatte in München, der Hauptstadt der Bewegung, sein besonderes Gepräge. Die Sammler waren ständig von einer gebefreudigen Menge umlagert, so daß es gar nicht immer leicht war, sein Scherflein loszuwerden. Hunderte von Volksgenossen umringten den Reichsstatthalter Ritter von Epp, den Ministerpräsidenten Siebert, Gauleiter Wagner und alle anderen Sammler. Mitten im Viertel des werktätigen Volkes sammelte der Reichsleiter der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley. Er hatte sich den Stadtteil Giesing erkoren. Die Anteilnahme der Bevölkerung ging am besten daraus hervor, daß ein einfacher Arbeitsdienstmann dem Reichsorganisationsleiter bei der Übergabe seiner Spende folgendes erklärte: „Herr Dr. Ley, Sie haben so viel für uns Arbeiter getan, daß ich Ihnen alles gebe, was ich im Beutel habe!"
in der Reichsbauernsiadi.
Die enge Verbundenheit der Goslarer Bevölkerung mit den Männern des Reichsnährstandes und des Reichsernährungsministeriums fand am Tag der nationalen Solidarität ihren sinnfälligen Ausdruck in der begeisterten Anteilnahme aller Volkskreise. Wiederholt mußte im Kern der alten Stadt der Verkehr unterbrochen werden. Auch der letzte Bergarbeirer, der jüngste Rekrut des Goslarer Garnison und die zahlreich nach Goslar geeilten Bauern der Umgebung spendeten nach besten Kräften in die Büchsen des Reichsbauernführers und seiner Mitarbeiter.
Mit leicht ironischem Unterton antwortete Mussolini dann auf die Erklärungen des britischen Außenministers vor dem Unterhaus. Mit Genugtuung nehme man in Rom LlHnntnis von dem Wunsch des Foreign Office nach einem starken Italien mit einer starken Regierung, was ja für die faschistische Regierung zutreffe. Italien könne nicht so, wie es Hoare wünsche und wie er selbst es wünsche, stark sein, wenn nicht die Sicherheitsfrage für seine Kolonien in Ostafrika gelöst sei. Das italienische Volk wisse zwar Hoares Worte zu würdigen, urteile aber nach den Taten.
Die Petroleumsperre, die am 12. Dezember beschlossen werden solle, sei ein Ereignis, das die Lage schwer präjudizieren müsse. Vor allem in moralischer Hinsicht fühle sich Italien durch die Sanktionen verletzt und beleidigt. Die Methode des wirtschaftlichen Erstickungstodes sei noch niemals versucht worden und werde wahrscheinlich auch niemals mehr versucht werden. Sie komme nur jetzt und gegen das rohstoffarme Italien zur Anwendung. Die reichen Völker, die es auf diese Verletzbarkeit Italiens abgesehen hätten, hätten sich jedoch verrechnet. Sie hätten vor allem die seelischen Werte des neuen Italiens nicht in Rechnung gestellt.
Es handele sich um einen rein kolonialen Streitfall, wie sie andere Staaten selbst nach dem Kriege und nach der Gründung des Völkerbundes immer wieder unter Anwendung von Gewalt gelöst hätten. Eine Lösung dieses Streites könne nicht ohne Sicherstellung der Rechte und Interessen Italiens erfolgen.
Inzwischen werde in Italien und in Ostasrika das Vorgehen fortgesetzt, bis die italienischen Truppen und die Schwarzhcmdcn dem Vaterland den entscheidenden Endsieg gebracht hätten.
Die Rede wurde oft von stürmischem Beifall unterbrochen. Auf Antrag des Präsidenten beschloß die Kammer, die Rede in ganz Italien sofort durch Mauer- anschläge bekanntzugeben.
Die Aussprache Soare-Laval.
Die mit Spannung erwartete Zusammenkunft des britischen Außenministers Sir Samuel Hoare mit dem französischen Ministerpräsidanten und Außenminister Laval hat am Quai d'Orsay, dem französischen Auswärtigen Amt, stattgefunden. Sie hat etwa 2% Stunden gedauert.
Nach dem Abschluß der Sonnabendunierhaltung wurde eine amtliche Verlautbarung herausgegeben, in der es heißt: „Die beiden Minister haben die vollständige Übereinstimmung der beiden Regierungen dahingehend festgestellt, daß sie die enge Zusammenarbeit fortsetzen werden. Sic haben einen Meinungsaustausch.begonnen,