Zulöaer ^n^ciger
^Se^B E Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg
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Nr. 283 — 12. Jahrgang
Fulda, Mittwoch, 4. Dezember 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
Thronrede des englischen Königs
Ankündigung eines Aufrüstungsprogramms.
London hat in letzter Zeit Pech mit seinen großen staatlichen Feierlichkeiten. Die Hochzeit des Herzogs von Gloucester mußte im vorigen Monat wegen dès plötzlichen Todes des Vaters der Braut im kleinsten Rahmen gefeiert werden, und jetzt mußte die althergebrachte Zeremonie bei der Eröffnung des neuen Parlaments durch den König ausfallen wegen des plötzlichen Todes der Schwester König Georgs, Prinzessin Viktoria. Alle Pläne mußten deshalb umgestoßen werden. Die Thronrede, die sonst der König hält, wurde vom Lordkanzler Lord Hailsham verlesen?
Der König spricht in der Thronrede eingangs sein Bedauern aus, sich nicht persönlich an die versammelten Mitglieder des Parlaments wenden zu können und fährt nach einem Hinweis auf den Fortbestand der freundschaftlichen Beziehungen zu den ausländischen Mächten und auf
die traditionelle Völkerbundstreue
der englischen Außenpolitik und im Eintreten für die Aufrechterhaltung des Friedens fort: Infolge dieser Verpflichtungen fühlte sich meine Regierung verpflichtet, in Zusammenarbeit mit einigen 50 anderen Völkerbundsstaaten gewisse Italien betreffende Maßnahmen wirtschaftlicher und finanzieller Natur zu ergreifen. Aber gleichzeitig wird meine Regierung ihren Einfluß weiter zugunsten eines für Italien, Abessinien und den Völkerbund annehmbaren Friedens aufbieten.
Bezüglich der bevorstehenden
Flottenkonfercnz in London
teißt es in der Thronrede: Mit Befriedigung habe ich vernommen, daß alle Einladungen zu dieser Konferenz angenommen worden sind, und ich hoffe fest, daß ihre Arbeiten von Erfolg gekrönt sein werden.
Im A ' hluß daran erklärt der Mönig: Die Durchführung ui: rer internationalen Verpflichtungen aus dem Bölkerbundspakt nicht weniger als die hinreichende Zicherheit meines Reiches machen es
dringend notwendig, daß die Lücken meiner Ver- teidigungsstreitkräste ausgefüllt werden.
Meine Minister werden zu gegebener Zeit dem Parlament Vorschläge unterbreiten, die auf das Mindestmaß dessen beschränkt sein werden, was für diese beiden Zwecke erforderlich ist.
Dann geht der König auf das innenpolitische Programm ein, aus dem hervorzuheben ist, daß ein Gesetzentwurf vorgelegt werden soll, der den Ausbau des zivilen Luftnetzes in England und im britischen Weltreich fördern soll. Ferner kündigt die Thronrede die besondere Berücksichtigung der Gebiete mit der größten Arbeitslosigkeit bei der Durchführung der wirtschaftlichen Wiederaufbaumaßnahmen und die Beseitigung des W o h n u n g s e l e n d s , der „Slums", an.
Die Aussprache über die Thronrede im Ober- und im Unterhaus ist auf acht Tage angesetzt. Drei Tage davon sind der Außenpolitik gewidmet, und es wird angenommen, daß der Außenminister Sir Samuel Hoare die Gelegenheit zu einer Rede vor Antritt seines vierwöchigen Urlaubs benutzen wird.
®ie ArrsspraGe im englischen Wert».
Nach der Parlamentseröffnung traten beide Häuser, das englisch? Unter- und Oberhaus, am Nachmittag zu der großen Aussprache über die Thronrede zusammen.
Im Unterhaus wurde zunächst die Dankesadresse an den König von dem neu gewählten Abgeordneten Wakefield verlesen. Er ist Fliegerleutnant und bekannter internationaler Rugbyspieler. Nachdem Wake- sleld das Beileid der Abgeordneten zum Tode der Schwester des Königs ausgedrückt hatte, ging er zu außenpolitischen Fragen über und erklärte u. a.,
die bisher verfolgte Sülmcpolitik werde von der über
wältigenden Mehrheit des englischen Volkes unterstützt.
Der Führer der Arbeiteropposition Attlee erklärte, die Opposition lehne die Thronrede des Königs ab. Sie berücksichtige die dringenden außenpolitischen Angelegenheiten nur in sehr geringem Maße. Die englische Negierung habe Italien zu gelinde behandelt. Sie habe nicht, wie es in der Thronrede heiße, den Völkerbund unterstützt.
Im Verlauf der Aussprache nahm auch
Ministerpräsident Baldwin
das Wort. Die Außenpolitik sei im Augenblick eine äußerst schwierige Frage. Der Einwand Attlees, daß die vorgc- ichiagenen Wehrmaßnahmen unnötig seien, falls die Regierung vollen Gebrauch von der kollektiven Sicherheit mache, wusse mit einem Hinweis auf Artikel 8 der Genfer Satzung erwidert werden, in dem es heiße, daß die Erhaltung des ^redens die Verminderung der nationalen Rüstungen auf °en niedrigsten Stand gebiete, der mit der nationalen ^lcherheit und der Erhaltung internationaler Verpflichtun- ^udurch gemeinsames Vorgehen vereinbar sei. Hier stehe mchts davon, daß die Sicherheit eines beliebigen Landes ^schließlich auf dem internationalen Schutz beruhen
%es zu erhalten Hosse.
. âlnisterpräsident Baldwin erklärte hierzu: „Es Kdurchaus wahr, daß dje Hörigkeit der Verträge geachtet
werden muß. Alle Ereignisse dieses Jahres haben dies klar zum Ausdruck gebracht, weil zum Angreiferstaat ein Land erklärt worden ist, mit dem alle Länder Europas auf freundschaftlichem Fuße stehen. Ungeachtet dieser Freundschaft, haben sich alle jene Nationen auf eine Beteiligung an den wirtschaftlichen Sühnemaßnahmen geeinigt, die bisher angewandt worden sind, und sie erwägen weitere Sühnemaßnahmen für die Zukunft. Gleichzeitig werde jedoch England festzustellen versuchen, ob es einen ehrenhaften Weg gebe, um diesen Streitfall nach Maßgabe der Bedingungen zu beenden, die sich den beiden Parteien und dem Völkerbund nach Prüfung selbst empfehlen."
Der Schluß der Baldwin-Nede war innerpoliiischen Angelegenheiten gewidmet.
Die WermsOende ZW-Miüibnen-Mleihe.
Großes Aufsehen hat in der gesamten englischen Presse die angekündigte Auflegung einer Regierungsanleihe von 300 Millionen Pfund ausgelöst, die sich zum ersten Male auf einen längeren Zeitraum erstrecken soll. 100 Millionen werden zu einem Zinsfuß von nur 1 Prozent angeboten. Das ist ein so niedriger Satz, wie man ihn noch nicht gekannt hat. Die weiteren 200 Millionen sollen mit B/s Prozent verzinst werden Der größte Teil der Anleihe soll zur Tilgung von Schulden dienen, wozu, wie „Times" aussührte, die Möglichkeit des außerordentlich niedrigen Zinsfußes Veranlassung geboten habe. Ein weiterer Teil der Anleihe — die Angaben schwanken zwischen 64 und 120 Millionen — soll zur wirtschaftlichen und sozialen Wiederbelebung dienen, dann aber, wie „Daily Herald", „News Chronicle" und andere Zeitungen feststellen, für R ü st u n g s z w e cf e, ohne daß die genaue Zahl dafür errechnet werden kannte.
togiemno Lml im EntMWÄWs
Kammeraussprache über die republikfeindlichen Verbände.
Der große innenpolitische Kampf der französischen Parteien um die republikfeindlichen Verbände kommt jetzt in der Kammer zum Austrag. Es ist eine Machtprobe der Linken und die heikelste Frage für die Regierung Laval. Das Ergebnis der Kammeraussprache birgt die Entscheidung über das Schicksal des Kabinetts.
In den zahlreichen Anträgen der Linken und Rechten spielen die blutigen Zusammenstöße zwischen Feuerkreuzlern und Marristen in Limoges eine besondere Rolle. Die entscheidungsreichc Aussprache wird erst am Freitag zu Ende geführt werden. Ministerpräsident Laval hat die Absicht, erst gegen Schluß der Aussprache das Wort zu ergreifen.
Wie verlautet, hat der Vorsitzende der Radikalsozialen Partei, Staatsminister Herriot, den Abgeordneten seiner Gruppe die Abstimmung freigegeben. Von feiten der Linken wird betont, daß wahrscheinlich entscheidend die letzte Stellungnahme des Ministerpräsidenten sein werde. In den gemäßigteren Kreüen der Radikalsozialen ist man geneigt, sich damit zufriedenzugeben, wenn Laval sich die Schlußfolgerungen des gemäßigteren Chauvin, die nicht aus eine Auslösung der Verbände, sondern nur auf ihre Entwaffnung und strengste Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung hinzielen, zu eigen machen würde.
Der komm u nistische Abgeordnete R a m e t t e brachte verschiedene Schriftstücke und Zeitungsausschnitte vor, die die Gefährlichkeit der Feuerkreuzler und der übigen „faschistischen Bünde" und die „sträfliche Duldsamkeit" der Regierung beweisen sollten. Vor allem aber müsse, so sagte er, gegen den Obersten de la Rocaue
Dr. HanfstasnßSs Beleidigungsklage gegen den „Daily Expreß".
Die seit Dezember 1934 schwebende Ehrenbeleidi- gungsklage des Auslandspressechefs der NSDAP. Dr. Ernst H a n f st a e n g l gegen den Londoner Expreß- Zeitungskonzern des Lord Beaverbrookkam am Freitag, dem 29. November, vor dem englischen Gerichtshof zur Verhandlung. Schon der erste Perhandlungstag brachte für Dr. Hanfstaengl und seine Privatsekretärin Frau Agathe Hausberger ein. mehrstündiges Kreuzverhör, in dessen Verlauf trotz der Versuche von feiten des gegnerischen Anwalts Sir Patrick Hastings die Stellung des Dr. Hanfstaengl vollständig unerschüttert blieb.
Eine Reihe unvorhergesehener Wendungen, die die Folge der durchaus sachlichen Einstellung Dr. Hanfstaengls waren, führten bereits am Montag morgen zum Angebot für eine gütliche Einigung von feiten des Gegners. Trotz der ausgesprochen günstigen Prozeßlage entschloß sich aber Dr. Hanfstaengl im allgemeinen Interesse • All einem Abbruch des Prozeßverfahrens, nachdem die
Das englische Kabineii einstimmig für Olsperre.
Aussprache Hoare—Laval soll letzten Vcrständiguugs- versuch vorbereitcn.
Die englische Presse stellt übereinstimmend fest, daß die Kabinettsvollsitzung sich einstimmig für die Fortführung der Sanktionspolitik ausgesprochen habe. Andererseits machten sich, so beißt es, im Kabinett Bedenken über die Folgen der Olsperre geltend und der Wunsch, vor der Verhängung dieser Maßnahme alle Friedensmöglichkeiten zu erschöpfen. Die „Morningpost" und die „Times" verweisen dabei auf Lavals neue Bemühungen. Ebenso berichten verschiedene Zeitungen, daß der Londoner französische Botschafter nach Paris gereist ist, um die Aussprache z wischen Hoarè und Laval vorzubereiten, in der Hoffnung, daß bereits dieser Besuch des britischen Außenministers zu einem positiven Erfolge führen könne.
In französischen politischen Kreisen mißt man der Zusammenkunft zwischen dem französischen Ministerpräsidenten Laval und dem englischen Außenminister Hoare große Bedeutung bei. Man ist der Ansicht, daß am Vorabend des Zusammentritts des Achtzehnerausschusses in Genf, der sich mit der Frage der Erdölsperre nach Italien zu beschäftigen haben wird, ein letzter Verständigungsversuch unternommen werden müsse. Die Tragweite der in Aussicht genommenen verschärften Sühnemaßnahmen läßt in Pariser politischen Kreisen die Befürchtung auskommen, daß die Möglichkeiten einer friedlichen Regelung des italienisch-abessinischen Krieges dadurch sehr viel schwieriger würden Man rechnet deshalb schon jetzt damit, daß die bevorstehende Aussprache sich lediglich um die abessinische Frage drehen werde. Man werde versuchen, eine Grundlage für eine Einigung zu finden, um sowohl den Feindseligkeiten in Abessinien ein Ende zu machen -als auch eine weitere Verschärfung der Sühnemaßnahmen zu verhindern.
vorgegangen werden. Der Redner warf der Regierung vor, mit den Bünden gemeinsame Sache zu machen. Er behauptete, daß die Mehrheit des französischen Volkes hinter der Volksfront stände, und sprach sich offen für die Beseitigung des Kabinetts Laval aus.
Der radikalsozialistische Abgeordnete G u e r n u t erklärte u. a., in einem zivilisierten Lande dürfe es nur eine bewaffnete Macht des Staates geben: die Armee und Polizei. Er fragte die Regierung, ob sie die Tätigkeit und die Herausforderungen der militarisierten Verbände weiter zulassen wolle, und verlas dann verschiedene Auszüge aus der „Action Franeaise" und anderen rechtsstehenden Blättern, die sogar Todesdrohungen gegen linksstehende Politiker, insbesondere gegen Leon Blum, enthielten. Von der Linken wurden Proteste gegen den Justizminister laut, dem vorgeworfen wurde, gegen die verantwortlichen Schriftleiter nichts unternommen zu haben. Es wurden Rufe laut: „Rücktritt Bërards!" Gestützt auf zahlreiche Unterlagen, behauptete Guernnt, daß die Verschwörung der sogenannten Kampfbünde offensichtlich sei. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit, gegen sie vorzugehen. Entweder müsse die Regierung ihre Methoden ändern oder man müsse die Regierung wechseln!
Stürmische Aussprache — Vorübergehende Unterbrechung.
Die zunächst ruhig verlaufene Kammeraussprache über die sogenannten Bünde nahm am Nachmittag ziemlich stürmischen Charakter an, so daß der Kammer-
Gegenseite erstens im offenen Gerichtssaal ihre Beleidigungen zurückgenommen und ihr Bedauern zum Ausdruck gebracht und zweitens die Übernahme der gesamten Dr. Hanfstaengl erwachsenen Kosten zugesichert hatte.
Es sei hinzugefügt, daß von Dr. Hanfstaengl der Gerichtsweg gegen den „Daily Expreß" erst dann beschritten worden ist, als sämtliche Bemühungen, die Angelegenheit auf friedlichem Wege beizulegen, fehlgeschlagen waren. Die Verteidigung des Dr. Hanfstaengl lag in den Händen der berühmten Londoner Anwaltsfirma Kenneth, Brown, Baker und des bekannten King's Council Sergeant Sullivan.
Seinerzeit hat der „Daily Expreß" die Meldung eines a m e r i k'a n i f ch e n Blattes über eine angebliche abfällige Äußerung des Auslandspressechefs der NSDÄP., Dr. Hanfstaengl, über eine englische Universität, und zwar in gehässiger Form, wiedergegeben. Durch den Ausgang des Prozesses ist nunmehr klar erwiesen, daß solche Äußerungen von Dr. Hanfstaengl nicht gemacht wurden, sondern daß der „Daily Expreß" zumindest das Opfer einer Täuschung geworden war.