Gewerbefreiheit in Preußen.
Zu ihrer Etnführung vor 125 Jahren.
Buge der Reformgesetzgebung des Staatskanzlers Hardenberg, nach eingehender Beratung mit seinem Vor- cr Dem Reichsfreiherrn vom Stein, dessen Ideen nun L'win L' en erwachten, wurde am 2. November 1810, T Jahren also, das „Edikt über die Eiu - kiürung einer allgemeinen Gewerbe- "'. r" veröffentlicht, nach Treitschke „eine Gewerbesteuer 1 L stanzösisch-westfälischem Muster". Dieses Gesetz be- ' eie praktisch die Einführung der Gewerbefreiheit, denn â unbescholtene Volljährige konnte sich jetzt gegen Gablung der vom Gesetz vorgeschriebenen Gebühr einen Kewerbeschein lösen; lediglich für eine Anzahl besonderer Berufe insgesamt 34, war von dem Nachsuchenden „der «esjtz der erforderlichen Eigenschaft auf die vorgeschriebene Weise" zu erbringen.
diesem Edikt Friedrich Wilhelms III., das mit Neckt Anspruch auf historische Bedeutung erheben kann, wurde zunächst auf das Gesetz vom 27. Oktober d. I. Bezug genommen, in dem bereits aus die „Verstattung" einer völligen Gewerbefreiheil gegen Entrichtung einer mäßigen Patentsteuer und mit Aufhören der bisherigen Gewerbesteuern hingewiesen wurde. Auch dies sollte dazu dienen, den durch den letzten Krieg gesunkenen Wohlstand unseres Staates wiederherznstellen, den Kredit emporzuheben und die Verpflichtung zu erfüllen, welche der Staat gegen seine Gläubiger auf sich hat".
Darum hieß es in dem Gesetz vom 2. November ausdrücklich: „Unter den Mitteln zu diesem Zweck hat Uns die Einführung einer allgemeinen Gewerbesteuer für Unsere getreuen Untertanen weniger lästia aescknenen. besonders, da Wir damit die Befreiung der Gewerbe von ihren drückendsten Fesseln verbinden, Unseren Untertanen die ihnen beim Anfänge der Reorganisation des Staates zu- gesicherte vollkommene Gewerbefreiheit gewähren und das Gesamtwohl derselben auf eine wirksame Weise befördern können." Dabei wurden ausdrücklich alle Bestimmungen des Allgemeinen Landrechts, die diesem Edikt entgegen waren, für aufgehoben erklärt.
Mit einem Schlage war somit das alte Zunft- und Jnnungswesen ausgelöscht, der Staat bekannte sich zu neuen wirtschaftlichen Grundsätzen und stellte dadurch, daß gewisse, bisher nur in den Städten gestattete Gewerbe nunmehr auch dem Lande und den Dörfern freigegeben wurden, Stadt und Land in bezug auf die Berechtigung zum Gewerbebetriebe rechtlich gleich.
Die Hoffnungen, die das Gewerbe auf die Einführung der Gewerbefreiheit fetzte, sind nicht so schnell und Wohl auch nicht in dem gedachten Maße in Erfüllung gegangen. Aber das lag an der Zeit, an den schweren wirtschaftlichen Notjahren, die den napoleonischen Kriegen folgten. Und dann wurde in den 30er und 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts das gesamte wirtschaftliche Leben durch die gewaltigen Fortschritte der Technik und des Verkehrs so umgestaltet, daß auch hierdurch das Gewerbe stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. So haben sich die Wirkungen der neuen Wirtschaftsgrundsätze im Handwerk verhältnismäßig spät, jedenfalls erheblich später als im Großgewerbe, gezeigt.
Torgau.
Zur Erinnerung an den Sieg Friedrichs des Großen.
Friedrich der Große hat im Siebenjährigen Krieg oft schwierige Lagen zu meistern gewußt, oft hat er ge- glaubt, am Ende der Kräfte von Staat und Armee zu sein, auch am Ende seiner eigenen Kräfte. So sah es euch aus, als das Jahr 1760 begann. Weite Teile der Monarchie von den Feinden besetzt, mancher preußische Soldat in feindlicher Gefangenschaft, war es doch gerade bei den Österreichern zum Prinzip geworden, Friedrichs Soldaten nicht auszutauschen, da sie die Kriegstüchtigkeit der Preußen zur Genüge kennenaelernt hatten.
Andererseits strahlte des Preußenkönigs Ruhm so weit, daß viele Nichtpreußen, namentlich aus den norddeutsches Staaten, bei Nacht unb Nebel zu seinem Heer stießen, nur um unter den Preußenfahnen dienen zu dürfen.
Der König war sich des Ernstes der Lage bewußt: „Siegen oder sterben", schrieb er seinem Bruder, „ist mein Wahlspruch, alle anderen Partien sind gut unter anderen Umständen, aber nicht unter den jetzigen." Er war sich klar darüber, daß er die Österreicher, als er ihnen, die unter Daun bei Torgau eine feste Stellung bezogen hatten, nachrückte, vernichtend schlagen mußte, wollte er auch nur ein leidliches Gleichgewicht Herstellen. Das war der Auftakt zur Schlacht bei Torgau, die zwar ein glänzender Sieg des großen Königs wurde, aber einmal ihm fast ein Drittel seines Heeres an Toten und Verwundeten kostete, sodann doch nicht zu einem großen Erfolge ausgewertet werden konnte. Zielen hatte mit einem selbständig vorgehenden Flügel die Österreicher durch einen Scheinangriff zu fesseln, während der König mit der Hauptarmee die feindliche Stellung umging. Der 3. November 1760 sah schwere und verlustreiche Kämpfe, die Österreicher wichen nicht, immer wieder mufften die angreifenden Preußen zurück, bis sich endlich Zielens Angriff bemerkbar machte und die Österreicher in Verwirrung brachte. Sie mußten das Schlachtfeld räumen, auch ihr Verlust war sehr schwer, 16 000 Monn tot, vier Generale, 50 Geschütze und 30 Fahnen und Standarten blieben in preußischer Hand.
Der Erfolg dieser Schlacht lag also mehr auf dem moralischen Gebiet. Praktisch wurde wenigstens das erreicht, daß die Winterquartiere in Sachsen gesichert waren, eine bedeutende Entlastung also für das preußifche Gebiet.
Vemunds Brautraub.
„ Vemund war ein großer Häuptling im Rauchtal. Unverträglich, sann er immer darauf, anderen Uebles anzutun odei ihnen einen Schabernack zu spielen. Eines Tages traf er seiner Vetter Naufi. Sie sprachen allerlei miteinander. Da fragte Vemund den Naufi, ob er nicht bald zu heiraten gedenke. „Ganz gern", antwortete Naufi, „wenn Du mein Freiwerbei sein willst." — „Das will ich wohl", sagte Vemund, „weißt Du denn, wohin Du Deine Blicke richten willst?" — Zögernd antwortete Naufi: „Nein... ich habe mich noch nicht nach einem Mädchen umgetan." — „Dann will ich Dir einen Vorschlag machen", erwiderte Vemund. „Kennst Du Thora, die Tochter Hallsteins, der auf dem Hof zur Kuppe wirtschaftet?" — „Ja", sagte Naufi, „ich kenn' sie wohl." — „Gefällt sie Dir?" — „Sie gefällt mir sehr... aber ich werde sie nicht bekommen." — „Warum nicht?" — „Weil sie mit Helgi, Thorbjörns Sohn aus Bachwald, verlobt ist; die Hochzeit wurde schon festgesetzt."
Das wußte Vemund. Gerade darum hatte er den Vorschlag gemacht, denn er wollte Thoras Vater Hallstein einen Streich spielen, weil er mit diesem einst einen Streit um einen Acker gehabt und verloren hatte. „Das soll kein Hindernis sein", sagte er darum, „wenn Dir das Mädchen gefällt, verschaffe ich es Dir." — „Wenn Du's mit Ehren kannst, ist es mir recht", meinte Naufi. — „Das laß nur meine Sorge fein", sagte Vemund und verabschiedete sich.
Bald dararif ritt Vemund mit zehn Mann in den Kuppenwald zu einem Gehöft, wo eine Frau namens Jsgerd wohnte. Die war eine Freundin Vemunds und verstand sich auf Zaubereien. ,Zch weiß, warum Du kommst, Vemund", sagte Jsgerd, „und ich will Euch helfen. Geht und verbergt Euch in den Schiffsschuppen. Am Morgen kommen die Hochzeitsgäste.
Bestellungen auf diese Zeitun g
werben jederzeit entgegengenommen.
innrer non, cm Tury e in Fang tn oTe Mnoe rauft. Ich weM wich um Eure Sache kümmern." Vemund und seine Begleiter taten, wie Jsgerd gesagt hatte.
Nun war an diesem Morgen Hochzeit bei Hallstein. Die Braut Thora wartete mit ihren Freundinnen im Frauen- Hause. Da schickte Hallstein einen Knecht hin und ließ sagen, sie sollten aus dem Frauenhause in die Halle des Wohnhauses kommen. Der Knecht richtete es aus und faßte Thora bei der Hand, um sie hinüberzuführen. Aber als sie heraustraten, überfiel sie eine so dichte Finsternis, daß sie nicht die Hand vor den Augen sehen konnten. Der Knecht erhielt einen mächtigen Schlag zwischen die Schultern und um den Kopf, so daß ihm Hören und Sehen verging, und ein Windstoß faßte das Mädchen, daß es in einem Zuge bis zu den Schiffsschuppen flog, in denen Vemund und seine Gefährten verborgen waren. Da tönte eine laute Stimme in die Schuppentür hinein: „Nun greift zu, wenn Euch soviel daran liegt, die Braut in Eure Gewalt zu bekommen." Vemund und seine Gesellen sprangen auf, ergriffen die ganz betäubte Thora, Vemund nahm sie vor sich in den Sattel, und so sprengten sie davon.
Die in der Halle erschraken sehr, als der Knecht hereinkam und erzählte, was geschehen war. Hallstein und Helgi waren verzweifelt, der eine vor Schreck und Angst, der andere vor Schmerz und Zorn, und alle sagten, daß es durch Zauberei^ geschehen sei. Hallstein aber erriet: „Das hat Vemund angestiftet." — „Dann ist er des Todes!" schäumte Helgi und sprang auf. Nun war unter den Hochzeitsgästen ein Mann namens Steinfinn, der verstand sich auch aus Zauberei. Der saß aufrecht da und starrte vor sich hin. Da nun Helgi aufsprang, sagte Steinfinn: „Helgi, faß Dein Schwert fest! Ich will ihm den Weg weisen, wenn Du mir drei Mark Silber gibst." — „Zehn sollst Du haben, Steinfinn. Sprich schnell!" — „Gut geredet, Helgi: also hör zu: Tas war Jsgerds Zauberwerk. Sie hat dem Knecht ihren Fußsack um die Ohren geschlagen, daher sind die Finsternis und der Wind gekommen, und es hat Thora fortgeblajen — Vemund in die Arme. Der ist mit ihr fortgeritten Nun reitet zum Querbach bis an den Hof Gunnsteins! Da findet ihr sie, denn sie können nicht weiter, Vemund und seine Gesellen." — „Dank Dir, Steinfinn, hier hast Du Deinen Lohn", sagte Helgi und gab ihm zehn Mark Silber; Hallstein tat desgleichen.
Zwanzig Mann hoch ritten nun Helgi und seine Freunde zum Querbach, nur Hallstein und Steinfinn und Thorbjörn, Helgis Vater, blieben zurück. Und als sie dorthin kamen, sahen sie Vemund mit seinen zehn Mann, wie sie umsonst sich mühten, weiterzukommen. Naufi hielt auch bei ihnen, er war ihnen entgegengeritten. „Halt, Ihr Frauenräuber!" rief Helgi and sprang Naufi an. Sie kämpften kurze Zeit, da trennte Helgi dem Naufi den Schwertarm samt der Schulter vom Körper. Auch die anderen gerieten aneinander, und schon waren auf Vemunds Seite noch zwei und auf Helgis Seite ebenfalls zwei gefallen. Ein Knecht des Gunustein stand in Der Nähe; er lief schnell zu seinem Herrn und erzählte ihm, was da geschah. Der waffnete sofort sich und zehn Thingleute and eilte zu dem Kampfplatz. Als er sah, daß Helgis Schar im Vorteil war, rief er: „Helgi, halt ein!" Helgi aber hörte nicht auf ihn. Da rief Gunustein: „Helgi, halt ein, nimm Deine Verlobte und reite heim mit ihr! Sonst werde ich Bemunb beistchen." Und er sprang mit gezogenem Schwert, 'eine Mannen hinter sich, zwischen die Streitenden und trennte ne. „Ich danke Dir's nicht, Gunnstein", sagte Helgi, „Dir und Vemund werde ich's gedenken, wenn die Gelegenheit kommt." — „Das magst Du", erwiderte Gunnstcin, „aber jetzt ist Hochzeitmachen besser für Dich." Da nahm Helgi seine Braut vor 'ich aufs Pferd: ihre Toten nahmen sie mit sich und ritten heim. Auch Vemund kehrte heim. Als er Naufi aus dessen Pfcrb legte, sagte er: „Mit Thora wollt ich Dich vermählen, nun habe ich Dich dem Tode vermählt."
Sache kam yor den Goden Asket auf dem Thing, uni her entschied, daß Nausis Tod die Sühne für den Frauenraub sei, die anderen Lotfchläge sollten gegeneinander ausgewogen werden. Dabei blieb's, und sie mußten den Vergleich annehmen und die Treueide gegeneinander schwören.
Die Zauberin Jsgerd wurde zum Tode verurteilt; eine Schar von Männern umstellte ihr Haus und zündete es an, so daß sie darin verbrannte.
Helgi aber und Thora führten eine glückliche Ehe; ihre Söhne wurden tüchtige Männer, und ihre Töchter verheirateten sich gut; viele stammen von ihnen ab, die später noch im Rauchtal mahnten
Wien geht der Hochzeitsmrsch
Roman von Bert Bertel.
Verlag Oskak Meister, Werdau i. Sa.
20 (Nachdruck verboten.)
Die Prinzeß fand im stillen diese Einführung stets unehrlich. Warum sagte er nicht, daß der Vertrag Wichtigste und die Prinzessin nur das Siegel dazu Nun, gewiß, die Ehrlichkeit konnte man eigentlich verlangen. Sie sah mtt einem halben Blick, wie Kaußen im Schloßhof die Wache antrat, beobachtete -men Offizier, der Aehnlichkeit mit Walter hatte, Nmte einige Gedanken lang, schrak dann auf und ging den Herzog zu.
Vertrag wird unterschrieben, wenn die Gesichts- ume zutreffen, die ich von ihm fordere."
d^s Bedingungen?" forschte der Herzog mit ms™ dielte, die in merkwürdigem Gegensatz stand 'U der Verhaltenheit Marias.
e~ sin^ Bedingungen! Vorerst dies: Schicken e Zofe Anny zur Gräfin Schlettow! Nach Peters- . 8! Heute oder morgen soll sie auf die Fahrt! Anny
VM Petersburg aus Nachricht geben. Eher ^Wrecbe ich nicht. Auf keinen Fall, Herr Herzog!" ^„M^ud sie dies sagte, rannen ihr blitzschnelle Ge- Vinnens' ^it gewinnen! Zeit gewinnen! Zeit ge- »ewin'^rde draußen dey Marschschritt der Wache: Zeit uii — Zeit — gewinnen! Trommel wirbelten wUn,^ ^ar wie ein Wirbel von neuen, irgendwie unungsvollen Tagen.
Herzog nagte an seiner Lippe. Der Vize hatte traaâ^nutertes Gesicht. Der Bart des Volksbeauf- ieiiafp r^ vor Aufregung. Der Gmnndener ver- lonbern * Laicht um des dummen Vertrages willen, ick sipto Euch meine Verehrung zu beweisen, nehme reifen.« âdmgung auf mich. Die Zofe Anny wird
Am kling.
Annen s.ârr Tage kam^ie Zofe Anny, in ihren Wenn '^den Tränen. „Tausend Dank, Prinzeß! i f nur auch diesmal kein Hinterhalt ist."
habe e n ^w ihre Hand. „Nein, er bürgt dafür! Ich Prinzeß Lerkes Pfand in meiner Hand," lächelte tue W) in m nny wurde heiterer. Sprach davon, wie es Cchlet Petersburg sei. Und ob man mit der Gräfin Restern ein gutes Auskommen habe? Wie lange dre über Ä^ Ein Schwall von Fragen türmte sich den ÄWubgfhtnbe zwischen den beiden so verschie- Ais d ^n Frauen.
1 Nersewaaen aus dem Park rollte, sah Maria
ihm nach. Eine Stille blieb in den Zimmern, die sie ängstigte. War die Zofe Anny nicht ihr letzter treuer Freund gewesen? Nun war sie fort.
Ein Hörn blies aus der Ferne.
So geht alles dahin und wir träumen ihm nach.
Einmal waren die Stunden im Prater, und die Soldaten bliesen den Hochzeitsmarsch.
Einmal waren die Stunden in Grmztng, und die lustigen Leute an den Tischen sangen:
„Schöne Mädchen wird es geben!
Doch wir werden nicht mehr leben!
Wachsen wird ein goldner Wein!
Doch wir werden nicht mehr sein!"
Kein Weg führte zu Walter. Alle Pfade endeten beim Herzog. Oder beim Vertrag, wenn man es so nennen wollte.
Die Bäume rauschten. Ein Vogel sang. Was sang er? Daß die Welt voller Liebe sei. Man müsse nur hingehen und sie suchen. .
Ein Kuckuck rief dazwischen. Das klang rote „Suchen! Suchen!" Maria zerrte ihr Tüchlein zwischen die Zähne, um nicht weinen zu müssen.
*
Es ist leider nicht nur in den Romanen, sondern aitch im Leben so, daß diejenigen, die sich finden sollten, zugleich einander nah und fern sind. So wußten auch Maria und Walter nicht, wie nahe sie sich eigentlich waren, daß es nur eines geringen Zufalls bedurfte, sie zusammenzubringen. Freilich, dieser Zufall sammt meist in Romanen vor, nicht aber in unserer Geschichte, denn wir sehen den Grafen Lieben, jetzt Küfergesellen Walter, noch immer beim Meister Loiül schaffen.
Eben hatte er zum zweiten Male den Auftrag erhalten, den Keller des preußischen Gesandten anfzu- suchen und mit dem dort herrschenden Küfer, der zahlreiche Häuser Wiens bediente, Abmachungen zu treffen.
Walter hatte natürlich Bedenken, und dennoch zog es ihn. So trollte er sich denn an den beiden Löwen vorbei, die ihn gemäß ihrem letzthin gefaßten Beschluß keines Blickes würdigten, und trat in den Hof. Zur Linken sah er die Gartentür geöffnet. Er wußte, von dieser Türe aus brauchte er zwölf Schritte, um in sein Zimmer zu gelangen. Ob Briefschaften dort lagen? Wie ging es dem Küfer-Adjutanten Karl? Was berichtete die Schlettow? Gab es in diesem Hause eine Aufklärung über alle diese Fragen?
Unbewußt fast öffnete er die Gartentür, stand tm breiten, blaß erhellten Vorflur, faßte an die Klinke. Sie gab nach. Er stand in seinem alten Arbeitszimmer. Er war wieder der Adjutant Graf Lieben. Freilich, er war sich der Gefahr des Augenblicks bewußt. Was nun, wenn
der Gesandte eiutrat? „Graf Lieben?! Bon der Rußlandreise zurück?! Schon zurück?!"
Nein, soweit durfte es nicht kommen. Wenn sich auch Walter darüber klar war, daß die Sache eines Tages ins Donnerwetter fahren würde.
Er glitt zum Schreibtisch hinüber. Belanglose Brief- stücke häuften sich in einem Ständer. Der Federkiel lag trocken über den Büchern, die noch so lagen, wie er sie verlassen hatte.
Walter fuhr zusammen.
Er hörte Schritte im Flirr. Sie näherten sich der Tür. Zwei Stimmen schollen auf. Der Gesandte schien bei guter Laune. Der andere war ihm unbekannt.
Lautlos huschte er zu dem dunklen Bettvorhang, der im schattigen Hintergrund des Zimmers seine grauen Wolken schlug. Die Wellen nahmen ilju auf. Verbargen ihn.
Die Tür knirschte leise. Der Gesandte trat mit kurzem, festem Schritt ins Zimmer, wandte sich über die Schulter zu seinem Begleiter zurück. „Tja, lieber Hochsteiu, im Zimmer des Grafen Lieben liegt dieselbe stille, schwüle Gewitterspannung, die über der Mission der Gräfin Schlettow zu Petersburg liegt. Sie dürfte bald Drüben fein. Ihr wißt ja, die Rolle Preußens gegenüber Rußland . .." Die weiteren Worte nerloren sich undeutlich, weil der Gesandte mit seinem Begleiter für einen Augenblick auf die dem Zimmer vorgelagerte schmale Terrasse hinausgetretzen war.
Walter erwog tn diesen Sekunden, ob er nun schleunigst sein Versteck verlassen und sich in den Hof retten sollte, ehe es zu einer peinlichen Begegnung kam. Aber kaum, daß er den Gedanken ins Auge gefaßt hatte, standen die beiden schon wieder im Türrahmen. Der Gesandte schlenderte au Den Tisch. „Graf Liebens Arbeitsmappe sieht ordentlich verwaist aus. Vielleicht, oder vielmehr wahrscheinlich, hat ihm die Gräfiir unterwegs Wiener Musik vorgemacht, damit ihm das Zuzweit nicht Heimweh nach Wien einflüstert. Ich glaube, sie gibt was auf den Rheiuländer, der übrigens Besitz im Preußischen hat. Vor zwei, drei Tagen kamen ein paar kurze lakonische Zeilen von ihr, die mich stutzen ließen. Sie müsse diesmal Glück mit ihrer politischen Aufgabe haben. Am Walde von Podjor habe ihr Adjutant sie geküßt. Ob das nicht ein gefügiges Zeichen des Schicksals sei?! — Oh, sie ist manchmal etwas ungebärdig! Vielleicht treibt Lieben mit ihr so etwas wie ein galantes Spiel. Aber sie wird gefährlich, wenn sie es merkt. Ich glaube, sie ist rachsüchtig. So hat sie einmal aus solchen Gründen einen Baron Oppen in schwierige Hände verwickelt, die ihn böse einspannen."
„Am Ende will sie den Adjutanten heiraten?" lächelte der andere.
tFortsetkuns folßt)