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WodieHbeilaie des Fuldaer Anzeiger

Fulda, den 13. Oktober 1935»

Mtsö Kam FKeui

Mines Gedenken zum Geburtstage des neuen Jahrganges

Zusammengestektt von Max Bernardi Es gibt eine ganze Literatur über den Wein, Bände und Schriften, Chroniken, die eine Bibliothek füllen könnten. Kein Punder, wenn man bedenkt, wie weit der Rebstock in unser Menschengeschlecht hin­einragt und welche hervorragende Rolle der Traube im Sein vergangener und S^enwärtiger Völker zugewiesen wird.

s Alter der Rebe ist mit Jahr­hunderten nicht mehr anzugeben, ruhig mögen es Jahrtausende sein, die ste auf ihren verknöcherten Rücken mit immer neuer, jugendlicher Elastizität dahin- schlèppt; längst haben sich Legenden und Märchen um ihr altes Holz gesponnen...

Geschichtlich wissen wir aber von einer Verordnung des babylonischen Königs Hammurabi im Jahre 2250 vor Christi, die noch auf einer Steinsäule im Tempel von Bel Merodach erhalten ist, doch «... die Weinhändlerinnen den Wein nur nach festgesetztem Preis verkaufen dürfen,' daß sie den Aufenthalt lärmender Leute tri sich nicht dulden, sondern bei Todes- siiase die betreffenden selbst der Obrigkeit übergeben müssen; daß Tempelfrauen und dergleichen das Eröffnen eines Wein- Ichanks, ja das Betreten dieser, bei Straft des Feuertodes verboten ist; daß während der Erntezeit der Verbrauch berauschender Getränke eingeschränkt wird und daß die Weinhändlerinnen, die über das be­stimmte Maß hinaus Wein verabreichen, mit Strafe bedroht werden." Was sich Oes ganz vernünftig anhört und zu dem Schlüsse führt, daß man damals auch schon einen guten Tropfen zu schätzen gemußt hat.. Interessant ist auch daran, daß sich zu lener Zeit anscheinend die Frauen um m ^?in recht verdient gemacht haben... Natürlich ist der Wein aber noch Ater, vielleicht ist er sogar der einzige Ueber- lebende untergegangener Kulturen, von oemn wir in Geschichtsbüchern nichts Hehr lesen. Nicht mit Unrecht geht man

Altvater Noah zurück, der uns ja Meßlich alles Lebende und Wirkende aus E Sintflut errettet haben soll.

Nach einer anderen Version ist die Ent­deckung des Weines die Traubenfrucht M als solche schon länger bestanden ~ den Persern zuzuschreiben: Dschemschid befahl den Saft aus au6e. der lieblichen Frucht, abzu- und ihn täglich ihm vors Angesicht ^"ringen, damit er auf dem Probestein ^Macks, Natur und Zustand des- Ersuche. Dieses tat er, bis daß der JW bitter wakd. Da mutmaßte der » nun jet er Gift und hieß das Ge- wegtun und verschließen. Nach diesem schöne und geliebte Sklavin an unsäglich, daß ste zu d^Ichloß. Hierzu wählte sie das wohlverwahrte tödliche Gift. Da sie ein ra nur zu sich genommen, fühlte sie Entert und froh belebt. Das Weh ^k^r trank sie, da schlief sie h°tt/^^^rere Tage nicht geschlafen sie Tag und eine Nacht schlief

waLt?Unterbrechung und da sie er- Obr-n' ^ gesund. Dies kam vor die skeut- I^urg Dschemschids, seine Seele er- iL er pries den Wein, genoß von Weil suchte ihn zum Getränke aller, den Kranke vom Weine gesund wur- lttzenei^m den Namen Königs- KaJ E^^'. wieviel man von dem köst- beaeon-!^ ^^entlich zu sich nehmen soll, gen im Lman Aufig. Antworten gibt es dèn und weise. Aber lasten wir bei Weltweisen Sokrates sprechen,

guten Tropfen auch nicht vor»

Goldener Wei*i ist hell titelnder Sonnenschein, ^- leuchtet Dir fröhlich ins Herz hinein I

IlflllllHIIIIIIHIIIIMflllHIMIIlllNllliHlltHIIHIIMIIIIM

achtete:Mit dem Trinken, M Leute, bin auch ich ganz einverstanden, denn der Wein frischt in Wahrheit die Seelen an und schläfert die Sorgen ein und weckt die Fröhlichkeit wie das Oel die Flamme. Indes scheint es mir den Männern mit dem Trinken ebenso zu ergehen, wie den Pflanzen mit der Erde. Denn auch diese können sich unmöglich aufrecht erhalten, wenn sie der Himmel auf einmal zu reich­lich tränkt; bekommen sie hingegen gerade soviel zu trinken, als ihnen wohl tut, so wachsen sie nicht nur vollkommen aufrecht, sondern gedeihen auch und werden frucht­bar. Und also wird es auch bei uns sein." . .,,

Der Trinkspruch ist vom Weme mcht mehr zu trennen, eine Ueberfulle von Sprichworten und Anekdoten aller wem- trinkenden Völker zeitigte Bacchus in er- hitzter Laune. So lautet ein alter, römi­scher Spruch:

Wein nur trinket der Mensch, alte sonstigen

Wesen aus Brunnen,

Fern Deinem Schlund, o Menn, bleibe das faaseergesauf!

Vin chster saudischer Trinftpruw aus Nuoro gM ihm nicht nach:

Wein her! ja! wie erauichst P« toi», Ms« her< »1 wie ***cbt Bb n*

Gurgel und Magen!

Mit Donner und Site soM Gott mich schlagen,

Sauf ich einmal noch Wasser in aU meinen

Lebtagen!

Im Deutschen haben wir bekanntlich ganz ähnliche Sprüche, die alle zum Trinken anregen und das Trinken ver­teidigen. Bezeichnenderweise sind aber die meisten von einer Art Weinphilosophie angehaucht.Ich haste einen Saufbruder im Wein der ein gut stark Gedächtnis habe" ist so ein Spruch und man wird zu­geben müsten, daß die Worte tiefer find als ein gefüllter Becher Wein. Der Eng­länder Swift rät hingegen seinen Lands­leuten Mäßigkeit an: x.

Viel Trinken laß daheim,

Tu Wasser in den Wein,

Laß Dein Glas, macht sichs, stehn,

Mußt zuerst nach Hause gehn.

Auch der persische Dichter Hafts erklärt sich aks Feind des Weines, vorausgesetzt doch der Durst ...

tz-j, habe mich fest entschlossen

Nimmer zu trinken Wein;

Und spielt mir der Durst keinen Beeeen, So sott es gehalten sohl

Nicht alle können auf der Piazza woh­nen, aber jedem scheint die Sonne", jagt ein altes italienisches Sprichwort. DaM ein Wort von Epiktet:Wenn ein Mensch unglücklich ist, so trägt er selbst die Schuâ Wünsche aber nicht, daß die Dinge ae« schehen, wie sie dir gefallen, wünsche He dir so, wie sie tatsächlich sind. Dein Scheu wird dann einem ruhigen Strome Zei­chen. Wer etwas verlangt, was ihm nicht zukommt, verliert, was ihm zu eigen ge­hört."

Jedem scheint die Sonne, doch m« we­nige gehen ganz im Glück dieser Sonne auf! Da find hochgeschraubte Wünsche, drd man identisch macht mit dem Glücks­begriff. Bleibt aber die Wirklichkeit hiw> ter den Wunschgebilde« zurück, dann rft man unglücklich.

Phantasie ist eine wertvolle Begnadung des Geistes. Dem schaffenden Künstler ist sie reiner Lebenshauch, köstlicher Ge­winn, ist sie Spenderin stets neuer Ideen. Sie macht ihn zum Herrscher über Mil- lionen Herzen und wohntè der Dichtern« in einer armseligen Dachkammer.

Wer aber falschen Umgang mit biete* Wunderinstrument der Phantasie j$< dem wird sie das gleiche wie das Mssiet in Kindeshand.

Und allen scheint die Sonne, aber my müßen uns davor hüten, unser Herz mit falscher Selbstsucht zu umgürtsn und un­demütig die Sehnsüchte über unseren Lebenskreis hinauswachsen M lasten. Jeder Egoismus nimmt uns das innere Gleichmaß, ohne dieses innere Glstchmcch aber gibt es kein wirkliches GkSck. Wrr müssen immer mit den Füßen auf der Erde, d. h. in der Wirklichkeit stkeiben. Sonst kann es geschehen, daß uns schon die geringste Enttäuschung umwirst.

Jedem scheint die Sonne, aber immer kann nicht Frühling und nicht Sommer sein. Im nie ruhenden Kreislauf alles organischen Geschehens spielen auch der Herbst unb der Winter ihre Rolle. wird auch mal wieder eine trübe Woltz über unsere Tage kommen. Plutarch sagK Freude und Schmerz sind die Nägel, die Geist und Körper aneinanderhesten."

Wir brauchen auch den Schmerz, so wie ihn unser Organismus als Warner braucht. Ginge es nach dem Egoismus unserer unklugen Wünsche dann müßte es immer nur Sonne sein. Dann aber wärt es um uns nicht minder schlecht bestellt als um den Boden, der keine Feuchtigkett empfängt.

Es wird berichtet, Hegel habe, als er am 14. Oktober 1806 in Jena seine Phäno­menologie des Geistes zu Ende führte, keinerlei Ahnung gehabt von der Schlacht, die ganz in feiner Nähe in Gang war. Ganz ähnlich wären wir völlig abgeschlos­sen von den wirklichen Segnungen des Lebens, wenn wir nicht um den Schmerz, nicht um diesen Warner wüßten.

In einer Welt, in der die Bäume in den Himmel wachsen, in der es keine Grenze für Wünsche, Pläne und Sehn­süchte gäbe, gingen wir bald an unserer eigenen Unersättlichkeit zugrunde.Mehr als wir brauchen", sagt Seneca,ist mehr, gss wir nötig haben und wird eine Last für den Träger."

Immer ist es das Verhängnis mm Egoismus, wenn wir unglücklrch find. Richt das ist Mück, daß wir uns ungezügelten Wünschen als Abhängige ausliefern, jedes Mück liegt in den WiMichkeitsgrenzen, so wie Zufriedenheit nur in Wr Pflicht­erfüllung und in bet Arbeit Mr W Ge­samtheit liegt. _________ S X