Zulöaer Anzeiger
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Nr. 196 — 12. Jahrgang
Fulda, Freitag, 23. August 1935
Einzelverkaufspreis 10 Pfg.
England legt sich nicht fest.
Unveränderte Lage nach den Beratungen des britischen Kabinetts Die Londoner Presse spricht vom „Krieg im Mittelmeer".
Die öffentliche Meinung Englands wird beherrscht von den entscheidenden Beratungen des britischen Kabinetts über den Abessinienkonslikt. Die Londoner Preffe bezeichnet die Beratungen als „Entscheidung von historischer und vielleicht verhängnisvoller Bedeutung."
Man spielt in London mit Erinnerungen an die entscheidungsreichen Tage im Sommer 1914. Der Be- Muß des Auswärtigen Ausschusses des Kabinetts, TMionen gegenüber Italien anzuwenden, käme einem Krieg im Mittelmeer gleich. Die Londoner Presse sucht dieser Tatsache bereits Rechnung zu tragen, indem sie sich bemüht, die Öffentlichkeit über die tieferen Zusammenhänge aufzuklären. Besonders hervorzuheben ist die Feststellung des diplomatischen Korrespondenten des „Daily Telegraph", nach der die britischen Minister die jetzt durch Italien geschaffene Lage als „klaren Versuch zur Störung des Weltfriedens" bezeichnet hätten.
Das ganze Vertragssystem, auf dem die derzeitigen internationalen Beziehungen beruhen, sei durch Italiens Vorgehen gefährdet
worden. Weiter fei der Kabinettsausfchuß sich darüber klar geworden, daß auch Englands Stellung in Nordafrika gesichert werden müsse, wobei die Tatsache eine besondere Rolle spiele, daß „Italiens Ziele sich nicht auf Eroberung Abessiniens beschränken" würden. Damit ist zum erstenmal klar ausgesprochen worden, daß Großbritannien sich durch Italiens Vorgehen zu einem Machtkampf um das Mittelmeer hcraus- gefordert fühlt.
Der überwiegende Teil der Londoner Presse erwartet, daß Frankreich int Völkerbund England Sekundantendicnste leistet, gleichzeitig aber versuchen wird, noch eine glücklichere Lösung zu finden. Es wird angenommen, daß der britische Völkerbundsminister, Eden, sich zu Besprechungen der weiteren Einzelheiten am nächsten Wochenende nach Varis beaeben wird. Von Italien hingegen nimmt man an, vaß Die Konzentrierung ver italienischen Manövertruppen an der Alpengrenze und die verstärkte diplomatische Geschäftigkeit zur Schließung des Donaupaktes dazu bestimmt sein sollen, Frankreich zu überzeugen, daß man auch ohne den Völkerbund eine „wirksame Barriere gegen Deutschland" errichten könne.
Die militärischen und die Flottenstreitkräfte Englands in Nordafrika und im Mittelmeer sind auf ihren vollen Stand gebracht und mit aller nötigen Ausrüstung versehen worden.
Wie es in politischen Kreisen weiter heißt, sind außerdem neue Flugzeuge durch Flugzeugmutterschiffe nach Malta gebracht worden. Die britische Mittelmeerflotte iß in aller Stille verstärkt, in Haifa eine neue Flotten- oasts errichtet worden und längs der Südostküste am Mittelmeer von Syrien bis Ägypten sind neue Funkstationen gebaut worden.
' "ch Lloyd George zur Beratung von Englands
Am t Abessinienpolitik zugezogen.
die .tatzte das gesamte britische Kabinett, um Italien Politik Englands gegenüber Abessinien und daß der /tsiulegen. Großes Aufsehen rief es hervor, ^tionelle» Außenminister Hoare den stark oppo- ber°tuü "^iker Lloyd George zu einer Ausschuß- Cwwe ™ Atan sieht auf unserem Bild Lloyd Beratung ^ -^Mien des Auswärtigen Amtes nach der 9 âr die Abessinienfrage. (Weltbild - M.)
Die Sondersitzung des britischen Kabinetts, die am Donnerstagvormittag begann und gegen Mittag unterbrochen wurde, wurde am Nachmittag um 14.30 Uhr wieder ausgenommen und um 16.30 Uhr beendet. Vor dem Zusammentritt des VÄkerbunds- rats wird keine neue Zusammenkunft des Kabinetts erfolgen. Ministerpräsident Baldwin reiste abends wieder nach Aix-les-Bains ab, und auch die anderen Minister begeben sich wieder in die Ferien. Im Anschluß an die Sitzung erklärte der stellvertretende Ministerpräsident MacDonald: „Wir haben ruhig und kalt unsere Partei ergriffen und haben eine klare Idee von dem, was gemacht werden sollte."
Die Seschwffe des enOsthen Kabinetts.
Entgegen der ursprünglichen Ankündigung ist eine amtliche Mitteilung über die Sitzung des britischen Kabinetts nicht ausgegeben worden. In unterrichteten Kreisen verlautet jedoch, daß das Kabinett zu folgenden Ergebnissen gekommen ist:
1. Das Kabinett billigt in jüscr Hinsicht die nach dem Abschluß der Pariser Dreimächtebcratuugcn abgegebene Erklärung, daß die britische Regierung mit der französischen Regierung in ständiger Fühlung und in engster Zusammenarbeit bleiben wird und baß die beiden Regierungen bis zur Sitzung des Völler- bundsratcs am 4. September fortfahren werden, aufdiplo-
Meinem MMmWz in Abessinien
Nach einer Meldung des Londoner Blattes „Daily Mail" aus Addis Abeba hat der abessinische Kaiser nunmehr die allgemeine Mobilmachung befohlen, nachdem der Zusammenbruch der Pariser Dreierbesprechungen den Ausbruch des Krieges in nächste Nähe gerückt hat. . .
Die Stimmung des abessinischen Volkes tote des Heeres ist nach Meldungen aus Addis Abeba ausgezeichnet. Man ist der Ansicht, daß der von Italien verschuldete Zusammenbruch der Pariser Besprechungen die italienische Eroberungsgier vor aller Welt an den Pranger gestellt hat. Mit Spannung wird das weitere Zusammengehen Englands und Frankreichs verfolgt.
Italienische Truppenstärke etwa 178 000 Mann.
Der Londoner „Daily Telegraph" berechnet nach den italienischen Truppentransporten durch den Suezkanal, daß in den italienischen Kolonien in Ostafrika bisher rund 178 000 Mann eingetroffen sind. Seit dem 30. Juni sind 51 italienische Schiffe durch den Suezkanal nach Massaua in Eritrea und nach Mogadischu in Somaliland gefahren. Sieben der 51 Schiffe haben die Reise während der genannten Zeit zweimal gemacht. Falls die 51 Schiffe insgesamt 30 000 bis 40 000 Mann befördert haben, so würde sich daraus eine Gesamtzahl von 118 0 0 0 bis 1 28 000 Italiener in 0 ft a f r it a ergeben. Hierzu wäre noch die Garnison yt rechnen, die sich vor dem Januar dort befunden hat und die 50 000 Mann betragen haben mag. In diesem Falle würde die gesamte italienische Stärke in Ostafrika nicht mehr als 17 8 0 0 0 Mann betragen. Diese Ziffer vermehre sich aber ständig, tnahrscheinlich im Tempo von ungefähr 30 000 Mann im Monat,
Mesrnersoig der Klmkschau.
Der allgemein vorausgesagte Groß erfolg der diesjährigen B e r l i n e r Funkausstellung ist schon jetzt sichergestellt. Seit Beginn der Schau haben 160 000 Besucher die Drehkreuze der Messehallen passiert, womit ein neuer Rekord aufgestellt worden ist. Allein am Mittwoch drängten sich 25 000 Menschen in den Hallen, und diese Ziffer bedeute! den stärksten Werktagsbesuch, den je eine Ausstellung am Kaiserdamm zu verzeichnen hatte. Die 14 Ausstellerfirmen, die von dem Brandunglück in der Halle IV betroffen wurden, sind vollzählig in dem Hauptrestaurant oder dem angrenzenden Zelt untergebracht, wo Aufträge und Anfragen jederzeit entgegengenommen werden.
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Am Tage nach beut Brandunglück auf dem Funkgelände hatte man gegen 11 % Uhr in der Halle IV zunächst die verkohlte Leiche eines Mannes gefunden, die auch bis jetzt noch nicht einwandfrei identifiziert werden konnte. Vermutlich handelt es sich um den Diplomingenieur Georg Schmidt von der AEG. Unter den Trümmern fand man dann bei den Bergungsarbeiten die zweite ebenfalls stark verkoblte Leichs, und zwar die des Werbeleiters der Tele
in a t i s ch e m Wege mit der italvenischen Regierung die Möglichkeit einer friedlichen Regelung zu erforschen.
2. Das Kabinett hat ferner beschloflen, in der im Juli getroffenen Entscheidung, vorläufig die Erteilung von Bewilligungen für die Ausfuhr von Waffen nach Italien und Abessinien zu sperren, keine Änderung ein- treten zu lassen. Das bedeutet jedoch, wie verlautet, nicht notwendigerweise die Aufrechterhaltung des Ausfuhrverbots bis zum September, Außenminister Sir Samuel Hoare ist mit der ständigen Überprüfung dieser Frage betraut worden.
3. Schließlich hat sich das Kabinett auf den Standpunkt gestellt, daß kein Grund für eine Änderung der bereits bei mehreren Gelegenheiten mitgeteilten P o l i t i k der britisch en Regierung gegenüber dem Völkerbund und den Genfer Satzungen besteht.
In englischenKreisen werden für die nächsten Tage keine neuen Entwicklungen erwartet, und einstweilen ist auch kein Zeitpunkt für eine weitere Kabinettssitzung angesetzt worden.
SluHolini soll Nicht verärgert werden
Paris, 23. August.
Als ersten Eindruck von der englischen Kabinettssitzung glauben die französischen Blätter fest- ftellen zu können, daß sich England vor jeder endgültigen Entscheidung mit Frankreich ins Benehmen setzen will. In Pariser politischen Kreisen legt man großen Wert darauf, daß Mussolini nicht verärgert werde, da man befürchtet, daß das zu einer Ueberstürzung der Ereignisse führen könnte. Solange noch Aussicht daraus besteht, daß Italien an der Sitzung des Völkerbundsrates vom 4. September teilnimmt, sei die Hoffnung auf eine friedliche Lösung vorhanden. Wenn das Fernbleiben Italiens in Genf jedoch herausgefordert werden sollte, wäre nach hiesiger Ansicht eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Italien und Abessinien nicht mehr aufzuhalten.
Ein Zwischenfall, der keiner war.
' Die italienische Gesandtschaft in Addis Abeba teilt mit, daß die Verletzung des italienischen Konsuls Falconi, der aufeinerJagd von seinem Diener mit einem Brustschuß aufgefunden wurde, auf einen Unglücksfall zurückzuführen ist. An Falconis Gewehr hatte sich während der Jagd eine A b z u g s h e m m u n g herausgestellt. Bei der Prüfung des Gewehrs ging ein Schuß los und dem Konsul in die Brust, wobei die Kugel in die Lunge . drang. Der Zustand Falconis ist ernst, jedoch — nicht hoffnungslos.
Ruhige Auffassung in Rom.
In zuständigen Kreisen Roms werden entschieden die im Ausland umlaufenden Gerüchte zurückgewicsen, wonach die diplomatischen Beziehungen zwischen Abessinien und Italien infolge des Zwischenfalls abgebrochen worden sein sollen. Man betont in Rom ausdrücklich, daß ein politischer Zwischenfall nicht vorliege, sondern daß Falconi aller Wahrscheinlichkeit nach einen I a g d - Unfall erlitten hat, bei dem seine Flinte losging und eine Kugel in seine Schulter eindrang.
Die italienischen Manöver
Rom, 23. August.
Der italienische Regierungschef Mussolini hat das Oberkommando über die großen italienischer: Manöver übernommen. Durch diese Tatsache wird die Bedeutung der diesjährigen Truppenübungen noch besonders unterstrichen, da der italienische Regierungschef an den bisherigen Manövern nur in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident und Kriegsminister teilnahm, jedoch nicht selbst das Oberkommando in die Hand nahm.
funken, Erich Keßler. Es sind somit drei Todesopfer bei diesem Unglück zu beklagen. Der Zustand der noch im Krankenhaus liegenden Verletzten hat sich allgemein gebessert.
Men, die Hochburg des Mentums.
Zahlen belegen die Verjudung Österreichs.
Das „Deutsche Volksblatt" in Wien bringt in seiner letzten Ausgabe einen recht beachtlichen Artikel über die Verjudung Österreichs. Darin finden sich u. a. folgende interessante statistische Angaben:
An tert Hochschule n Österreichs sind von 536 Lehrkräften 248 Juden. In der größten Bank, nämlich in der mit dem Wiener Bankverein zusammengelegten Kreditanstalt, befinden fick unter den Direktoren 24 Juden und 2 Arier, unter den Prokuristen 38 Juden und 2 Arier. Verjlldct ist aber vor allem die Wiener Ärzteschaft. Von 69 Wiener Schulärzten sind 32 als Juden oder als Ärzte ohne Konfession aufgesührt, davon sind 27 erst nach dem Krieg einaewandert! Von 140 Ärzten der Gemeinde Wien sind 28 Katholiken, 112 mosaisch ober konfessionslos. Von 3100 Wiener Ärzten sind 2500 Juden.