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Ein Deutscher im Kampl gegen die Fremdenlegion / voncUR'T SEIBERT

Als Jockeilehrling

Der pensionierte Eisenbahnbeamte Grö­ning lebt heute wie vor dreißig Jahren ein geruhsames Leben in Saarbrücken, wo­hin ihn der Dienst einst - verschlagen hat. Ein Sohn wurde Lokomotivführer und fährt heute seine Eüterzüge zwischen Saar­brücken und Trier hin und her. Zwei Töch­ter sind verheiratet, während die zwei übrigen Jungens von jeher den Wander­trieb in den Knochen haben. Wie das manchmal so ist in einer Familie, wo sonst nur ruhige, seßhafte Menschen vorkommen. Irgendeiner muß aus der Reihe tanzen oder über die Stränge schlagen. Jedenfalls hielt es die beiden Söhne Franz und Karl Otto nicht lange zu Hause, und die Eltern haben nie etwas dagegen gehabt, daß sich die Jungens die Welt ansahen. Franz hatte schon lange eine große Liebe zur See gefaßt und wurde Schiffsjunge. Sein Bru­der Karl wollte von klein auf Jockei wer­den. Er war ein heller Junge, der sehr früh bestimmte Neigungen besaß. Der Vater- hatte nichts- dagegen, besonders da er einen Bekannten hatte, der an einem Münchener Rennstall angestellt war. Es war eine ziemlich umständliche Sache, ehe Karl angenommen wurde, denn er war 1913 mit seinen 12 Jahren noch auf der Saarbrücker Volksschule und mußte zuerst einmal eine Sonderprüfung ablegen, daß er bereits so zeitig entlassen werden durfte. Dann untersuchte ihn der Kreizarzt. Karl war ein kleines Kerlchen, schmächtig und dünn, aber kerngesund und zäh er ist heute mit seinen 36 Jahren noch niemals krank gewesen und hat so wenig Fett an­gesetzt, daß er noch seine 49 Kilo in den Sattel bringen kann.

Er wurde für tauglich befunden, bereits mit 12 Jahren einen Beruf zu ergreifen. In München wurde Karl eingekleidet und dann dem neuen Berufe zugeführt; aber kaum war der Vater weg, als es ihm schon nicht mehr gefiel. Obwohl er sehr jung war, hatte er doch das unbestimmte Ge­fühl, daß an dem Stalle etwas nicht in Ordnung sei, und tatsächlich machte sein Besitzer drei Monate, nachdem Karl Erä- ning eingetreten war, Konkurs. Der Stall wurde aufgelöst, die Pferde verkauft, Karl dachte, er habe Pech gehabt, und doch sollte gerade das sein Glück sein, denn jetzt machte er die Bekanntschaft des französischen

Zaköble

Von Karl Schneider.

Das Gespräch drehte sich um die Treue und Anhänglichkeit von Tieren. Der Kapi­tän, der sich in unserer Gesellschaft befand, hatte die ganze Zeit nachdenklich dagesessen. Seine Augen waren mit einem Male so mgewohnt träumerisch, versonnen und chrenen ganz nach innen gerichtet. Viel- eicht lag es bloß am Lampenlicht, das so chars die Schatten warf, oder es war doch o: um den Mund des Kapitäns zog sich eine Falte, die von Kummer sprach.

Der Apotheker, der etwas über Hunde­treue zum Besten gab, hatte seine Erzäh­lung beendet. Sekundenlang war. es toten­still. Dann berichtete der Kapitän in lang­sam sich fortschleppender Rede, als ob er jedes Wort erst suchen und prägen müße.

3m Sommer 1931 war es, da wir in Wo de Janeiro vor Anker lagen. Jeden

Rennmannes, des Grafen d'E. aus Mar­seille, und diese Bekanntschaft sollte be­stimmend für fein ferneres Leben sein.

Der Graf war nach München gekommen, um einige Pferde aus dem verkrachten Stall zu kaufen. Kaum hatte Karl er­fahren, daß einige Tiere nach Frankreich verkauft waren und abtransportiert wer­den sollten, da stand für ihn fest: hier gehst du mit! Er steckte sich hinter den Trans­portleiter, den sogenannten Nachtrainer, und der fand Gefallen an dem jungen fixen Kerlchen und versprach ihn mitzu­nehmen. Der Graf wurde unterrichtet, hatte nichts dagegen, also konnte die Reise nach Frankreich losgehen. Sollte Karl den Eltern schreiben? Er wußte es nicht, un­terließ es schließlich und ließ sich in den Pferdewagen verstauen, wo er die Fahrt nach Marseille mitmachte.

Die Kriegszeit verbrachte Eräning in Frankreich, da er alsElsässer" gemeldet war. Dieser Umstand kam dem jungen Lehrling sehr zugute, denn er hatte da­durch Gelegenheit, viele Rennen zu reiten und viele Siege zu erstreiten. Er ritt in den Jahren 1914 bis 1919 in Marseille,

Bordeaux, Aix les Bains, Rimes, Canes, Nizza und so weiter an der ganzen Küste entlang. 1500mal stieg er in

182mal kehrte er als Sieger

Sattel, Wage

den zur

zurück. Endlich im Jahre 1919 erhielt er die Lizenz: er wurde Jockei. Vorher aber besuchte er die Eltern in Saarbrücken, die er mehr als vier Jahre nicht gesehen hatte. Die Fahrt ging durch die Schweiz, und Karl blieb zwei volle Monate bei Vater und Mutter, die sich freuten, den fast ver­lorenen Sohn wieder in die Arme schließen zu können.

Während der folgenden Jahre konnte er viele Siege erringen, doch eines Tages packte ihn der Wandertrieb, er schrieb eine Kündigung, packte seine Koffer und dampfte ab. Wohin?

Nach Afrika!

Nach Algier, oder wie die Franzosen sagen, nach der Algerie. Eräning, der da­mals populär war, konnte es sich leisten, ohne vorherige Anmeldung hinüberzufah­ren. Er wußte, daß er sich nur einigen Rennstallbesitzern vorzustellen brauche, um eine Stellung zu bekommen. Gleich der erste, den er aufsuchte, engagierte ihn.

Tag fand sich so ein Dutzend von Einge­borenen ein, um allen möglichen Krims­kram anzubieten: Taschenmesser, Kaffee­siebe, Feuerzeuge, Rasierklingen. Ein Händler brachte in engen Holzbauern kleine Vögel, ein anderer hatte niedliche, drollige Aeffchen bei sich.

Da es ein Eelegenheitskauf war, nahm ich dem Händler ein kleines, allerliebstes Aeffchen ab, das wir Jaköble nannten, da einer einegewisse" Ähnlichkeit mit dem Steward festgestellt hatte, der Jakob hieß.

Das Aeffchen gaben wir als Gesellschaf­ter unserem PapageiLaboremus", der als altes, bemoostes Haupt schon seit einer Reihe von Jahren mit uns alle Ozeane durchquerte. Laboremus war schiffskun­dig durch und durch und auf alle Tücken des unruhigen Meeres dresiiert. Gegen alles, was nach Seekrankheit aussah, zeigte sich der Papagei nach so vielen Jahren völ­lig immun.

Ganz anders Jaköble. Dem setzte wohl ein Vierteljahr lang das unruhige Spiel des Ozeans übel zu, namentlich wenn die Sturzsee über Decke schlug und das Schiff hin und her tollte. Da machte Laboremus immer überlegene und verwunderte Augen,

Es war der Kaid Ben Menschych, einer der Stammältesten der arabischen Stämme. Daß er herrliche Pferde besaß, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Er besaß Voll­blutaraber und Angloaraber. In Algier gibt es Rennen, bei denen nur Vollblut­araber zugelassen werden, wo also unsere Pferde nicht laufen dürfen. Dann gibt es aber auch die großen Rennen, bei denen wieder keine arabischen Pferde starten dür­fen. Die Rennplätze für Rennen, an denen europäische Jockeis reiten können, liegen in Algier selbst, ferner in Tunis, Sidi-bel-Abes, in Oran, Clemcen und in Oudscha.

Eräning fühlte sich in der fremden Welt bald sehr wohl. Er bekam viele Ritte, startete in der ersten Zeit nur für den Kaid Ben Menschych, später auch für die Ställe anderer Kaids und hatte zwei Jahre lang das Championat de l'Algèrie inne, das heißt, er ritt die meisten Siege aller dort beschäftigten Jockeis. Im ganzen stieg er fast 300mal in den Sattel und er­rang 94 Siege in zwei Jahren. Im übri­gen führte er ein Leben wie ein Fürst. Hatte er in Frankreich schon gut verdient, so konnte er in Algier das Geld mit vol­len Händen aus dem Fenster werfen, was er denn auch tat.

Die entscheidende Wendung

213 Siege hatte Eräning erstritten, als er sich gewissermaßen zur Ruhe setzte. Er fuhr nach Marseille und eine merkwürdige Veränderung war mit ihm vor sich ge­gangen. Nichts war ihm recht, nichts mehr gut genug. Er hatte ein zu gutes Leben geführt, einmal mußte die Reaktion kom­men.

Sie kam gleich in ziemlich erheblichem Maße. Einige Kollegen, die Eräning nacht wohlwollten, denen es auch nicht paßte, daß er so viel verdiente, während es ih­nen nicht so gut ging, zeigten ihn wegen Unterschlagung einer großen Summe an. Obwohl Eräning sich schon damals hätte rechtfertigen können er wurde später freigesprochen ergriff er die Flucht. Das war natürlich das Dümmste, was er tun konnte, und es hatte auch schlimme Folgen für ihn. Er hob seine letzten 50 000 Francs ab. Das war der Rest seines Vermögens von anderthalb Millionen Francs, die er innerhalb weniger Jahre verdient hatte.

weil Jaköble noch solch ein Stümper war und sich so furchtsam benahm.

Da kam aber bald eine Zeit, da Labo­remus mitleidig wurde, wenn Jaköble in Stunden der Drangsal wie ein hilfloses Häufchen Elend durchgeschüttelt wurde. In solch böser Stunde geschah es, daß sich Ja­köble plötzlich wie ein Verzweifelter an Laboremus anklammerte. Ich werde das Bild nie vergeßen, wie lieb Laboremus das arme Jaköble gewähren ließ.

Nennen Sie es Schwindel, Uebertrei­bung oder sonstwie, wenn ein alter Hau­klotz von Seemann Ihnen sagt, daß ihm damals nach zwanzig Jahren wieder die erste Träne kam. So sehr hat mich jenes Bild ergriffen. Ich sah keine zwei Tiere mehr, es war mir, als sehe ich Mutter und Kind, die nimmer voneinander laßen, erst recht nicht, wenn Notzeit ist. Es war mir in jenem Augenblick, als müßte ich mich beugen vor der unendlichen Güte einer Tierseele, die so unsagbar erbarmend sein kann, wenn ein anderes Wesen sich sorgt und leidet.

Von da an lebten Laboremus und Ja­köble in allerengster Freundschaft. Da, etwa zwei Jahre später hatte sich Jaköble

Und nun begann eine Hetzjagd durch ganz Frankreich. Die Grenze konnte er nicht überschreiten,' sonst wäre er sofort verhaftet worden^ denn sein Steckbrief lag bei allen Polizeistationen, und die Krimi­nalisten waren hinter ihm her wie die Spürhunde. Durch hundert Städte Frank­reichs ging die Jagd, überall schrieb er sich in kleinen Hotels unter falschem Namen ein, um am nächsten Morgen wieder einen Zug zu besteigen und weiter zu flüchten. Nach einigen Wochen war er am Ende seiner Kraft, müde, abgehetzt, fast wahn­sinnig vor Angst langte er in Merville an.

In die Fremdenlegion.

Hier ging er in ein Bureau für die Legion, ließ sich anwerben, wurde nach dem Fort Saint-Jean gebracht, das dicht bei Marseille liegt, und das er vom Sehen genau kannte. Dort wurde er in der Legionsbaracke, die jeder, der Fremden- legionär werden will, betreten muß, von einem Capitaine genau untersucht und bis aufs letzte ausgefragt. Die Legion will nicht haben, daß Leute in ihr sind, mit denen sie später Scherereien hat. Natürlich sind viele darunter, die irgend etwas ver­brochen haben, aber sie dienen fast alle unter falschem Namen, haben falsche Pässe. Alle Franzosen zum Beispiel, die in der Legion dienen wollen (Franzosen werden nicht ausgenommen), erscheinen als Spa­nier mit spanischem Namen oder als El- säsier. Die Legion liefert jeden aus, gegen den aus irgendeinem Lande Anzeige einläuft.

Von diesem Prinzip wurde auch im Falle Eräning Gebrauch gemacht. Nach­dem er zwei Tage im Fort Saint-Jean ge­blieben war, wurde er mit dem üblichen Transport, der jede Woche einmal übers Meer fährt, nach Oran gebracht. Der eigentliche Hafen ist zwar Algier, aber Oran liegt dichter an der marokkanischen Grenze.

Die Legion besteht aus vier Regi­mentern, von denen das erste, in welchem alle Rekruten ausgebildet werden und welches über die größte Belegschaft ver­fügt, in Sidi-bel-Abes liegt, einer rein arabischen Stadt von ungefähr 54 000 Ein­wohnern. Dorthin kam auch Karl Eräning und wurde zwei Monate lang ausgebildet, als es ihm einfiel, einem ehe­maligen Kollegen, einem Jockei, der in Oran wohnte, eine Postkarte zu schreiben. Das war eine Dummheit, denn der Kollege hatte nichts besseres zu tun, als den verhaßtenElsässer" umgehend anzu­zeigen. Es war aber trotzdem gut für ihn, denn auf diese Weise konnte er sich endlich von dem Verdacht, eine Unterschlagung be­gangen zu haben, reinigen.

Eines Morgens wurde er auf die Kom­mandantur bestellt und man eröffnete ihm, daß er verhaftet sei und unverzüglich nach Algier abtransportiert werde. Man ge­stattete ihm, der Verhandlung in Uniform beizuwohnen. Es wurden eine ganze Menge Zeugen vernommen, die Verhand­lung dauerte mehrere Tage, aber sie ergab keinen Schuldbeweis gegen Eräning und so wurde er freigesprochen. Wer die fran­zösische Justiz kennt, wird wissen, daß in einem solchen Falle nur jemand frei­gesprochen wird, wenn ihm wirklich nichts nachgesagt werden kann.

Nach Eränings Rückkehr nach Sidi-bel- Abes begann die Ausbildung, die sich über sechs Monate erstreckte.

(Fortsetzung folgt.)

losgerissen und war bis auf die höchste Schornsteinspitze entkommen. Ich ließ einen Schiffsjungen sofort nach oben klettern, um Jaköhle wieder einzufangen. Unten stan­den wir übrigen und lockten Jaköble mit Ananas, die das Aeffchen immer so gerne fraß. Doch Jaköble hatte nur noch ein Jn- teresse: das Aeffchen sah immer nur auf den Schiffsjungen, der höher und höher kam.

Der Junge hatte sich wohl schon auf etwa anderthalb Meter der Schornsteinspitze ge­nähert, als sich Jaköble mit weitaus­gestreckten Aermchen in den Ozean fal­len lieh. Wie Jaköble hinabsprang, hörte man einen Schrei. Weher und kläglicher habe ich noch nie einen Schrei vernommen.

Das war der schmerzlichste Augenblick meines Lebens.

Acht Wochen später war auch Labore­mus tot. Seit Jaköble von uns gegangen war, fiel der Papagei zusehends ab. Trüb­sinnig und freudlos saß er einen Tag wie den anderen auf seiner Hängeschaukel. Da und dann stieß er wie ein kranker und trauender Einsamer noch ein Wort aus, das einzige, das er noch sprach: Jaköble...