Eine Mücke tötet einen Elefanten...
Kleine Ursachen ermorden große Männer. Don Hans Neumann.
Die Fabel vom Schwertschlucker, der an einer kleinen Gräte erstickt, gehört nicht in den Bereich des Bilderbuches oder der Märchenstunde, wie mancher annehmen möchte. Sie entspringt der Beobachtungs- des täglichen Lebens, wie fast jeder Mythos. Dieses Leben ist nämlich von solch einer Buntheit, Verrücktheit, Bosheit, von solcher Freude an paradoxen Erscheinungen, daß es durch die bodenlose Phantasie irgendeines Menschen kaum übertroffen werden kann. Und schließlich — was ist denn auch die Phantasie anderes als eine subjektive, beschränkte, halb bewußte Spiegelung der täglichen Dinge, die nicht alltäglichen Charakter tragen, in einem Kopf »oller Reflexionsmöglichkeiten?
Daß Mücken manchmal die Eigenschaft haben, als Elefanten verkleidet, Verwirrung unter den Menschenkindern zu stiften, ist uns bekannt. Weniger bekannt ist, daß eine solche Mücke einem wirklichen Elefanten in der Tat etwas anhaben kann — wenn wir schon in unserer Bildersprache bleiben wollen. Aber ein Blick auf die kuriose Geschichte der Zufälle, die sich als Schicksal präsentieren, lehrt uns, welche kleinen Ursachen manchmal genügen, um alle Goliaths der Welt, alle chinesischen Mauern dieser Erde umzustürzen und zu * verwüsten.
In dieser Hinsicht genügt nicht nur ein Streifzug durch die Geschichte. Es ist bekannt, daß Alexander der Große, nachdem er im glänzenden Feldzug die ganze damalige Welt erobert hatte, nachdem er bis an das „Ende der Welt" vorgestoßen war, einem hitzigen schnellen Fieber unterlag, das unsere heutigen Aerzte vielleicht Grippe oder Influenza nennen würden. Es ist ebenso bekannt, daß Kaiser Barba- rossü auf einem ähnlich gewaltigen Feldzug, den er ins Heilige Land unternahm, an den Folgen eines kalten Bades gestorben ist. Schließlich kann man sich daran erinnern, daß einst nur das Geschrei einiger Gänse genügte, um die Römische Republik vor Untergang und Vernichtung zu bewahren.
Betrachtet man aber das Schicksal von Privatleuten, so liefert einem dieser boshafte Zufall unvergleichlich mehr Material in die Hände — selbst wenn man sich auf die letzten Jahrzehnte beschränkt. Die Fälle, in denen sich das Schicksal einen blutrün- stigeir Witz erlaubte, find hier erstaunlich dicht gesät.
Um mit dem neuesten Vorfall dieser Art anzufangen: George Seddile fiel bei der Olympiade dadurch auf, daß er in verschiedenen Schwimmkonkurrenzen hervorragend gut abschnitt. Schon rechnete man ihn zum hoffnungsvollsten sportlichen Nachwuchs der Vereinigten Staaten. Da traf die Nachricht ein, daß dieser junge Sportsmann gestorben ist. Wie kam er ums Leben? Eines Abends hatte er in seinem Heimatort Cansas City scheinbar ein wenig über den Durst getrunken. Auf dem Heimweg — es hatte an diesem Abend stark geregnet — stolperte er über einen Balken und stürzte hin. Unglücklicherweise kam er so zu liegen, daß sein Kopf tief in eine Re- genpfütze getaucht wurde. Seddill war zu betrunken, um sich rechtzeitig wieder aufzurichten. So fand man am anderen Morgen diesen angehenden amerikanischen Meisterschwimmer tot auf — ertrunken in einer Regenpfütze.
Kurze Zeit mag es her sein, daß eines der hervorragendsten Mitglieder der englischen Himalaya-Expedition auf ähnliche ironische Weise den Tod fand. Er war auf dem Rückweg aus Indien und erholte sich einige Wochen in Aegypten, bevor er nach London zurückkehren wollte. Nun gebietet es der gute Ton, daß jeder Reisende in diesem Land auch die Pyramiden besucht. Dieser Mann, für den der Himalaya keine Schrecken hatte, machte sich also aus Uebermut daran, auf eigene Faust und ohne Führer eine dieser Pyramiden in Eizeh zu erklettern. Dies ist ein Unterfangen, wie es täglich selbst von den untrainiertesten Touristen ausgeführt wird. Der Sportsmann also kletterte auf die Spitze, sprang dann in guter Laune ein wenig achtlos die Stufen der Pyramide hinab — rutschte dabei aus und brach sich das Genick.
Eoenfalls ist es nicht lange her, daß einer der . bekanntesten amerikanischen Kunstflieger, ehemals Kriegsflieger, später berühmter Fallschirmabspringer, ein Mann namens Gon O'Connor in seinem eigenen Hause ums Leben kam. Er gehörte zu den graten Hollywooder Berühmtheiten, da er in fast jedem Abenteuerfilm als Double für den jeweiligen Heldendarsteller einsprang. Sein Tagesprogramm bestand darin, aus einem fahrenden Auto in einen Eisenbahnzug zu springen, mit einem Fallschirm sich in ein rasendes Rennboot hinabfallen zu lasten. Keine Gefahr der Welt vermochte ihn zu schrecken. Jede Lebens-
Besuch beim „Kaiser Napoleon“
Seine Majestät im »Grünen Daum zur Nachtigall« — Auf dem Schlachtfelds zu Jena
Aus Amerika, dem Lande der immer noch unbegrenzten Möglichkeiten, wird eine hübsche Anekdote gemeldet. In seiner Rundfunkrede über den Haager Schiedsgerichts- Hof prägte Präsident Roosevelt das Wort: „Die Zeiten kriegerischer Eroberungen sind vorbei. Es gibt keine Napoleons mehr!" Flugs meldete sich ein drolliger kleiner Negerbursche mit der Behauptung der große Mann im Weißen Hause zu Washing. ton befinde sich schwer auf dem Holzwege. Er selbst, das Negerlein, sei ein lebendiger Beweis dafür. Er heiße nämlich mit seinem bürgerlichen Namen Napoleon Smith oder so ähnlich. Worauf Roosevelt das Kerlchen zu sich kommen ließ und in seiner Gegenwart seine Rundfunkmeinung feierlich widerrief. „Es gibt also", so sagte er lächelnd, „wirklich noch Napoleons!"
Wenn diese kleine Geschichte erfunden sein sollte, so ist sie jedenfalls recht amüsant erfunden. Hören wir demgegenüber einmal die Schilderung eines deutschen Gelehrten, des Napoleonforschers Dr. Paul Holzhausen aus Bonn, über ein Naturphänomen, von dem sich jedermann überzeugen kann, der sich zu einem Besuche des historischen Schlachtfeldes zu Jena entschließt.
„In dem Dorfe Cospeda bei Jena lebt ein Gastwirt den man nach Eesichtsschnitt und Körperoau für einen Napoleoniden halten könnte. Verblüffende Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Prinzen Jerome (Plon-plon), dem Sohne des einstigen Königs von Westfalen. Der Prinz sah bekanntlich von allen Mitgliedern der bona- partischen Familie Napoleon I. am ähnlichsten. Der Cospedaer Napoleon saß — beim historischen Festzuge zum 900jährigen Jubiläum der Stadt Naumburg im Jahre 1928 — nachlässig zu Pferde wie der Kaiser, nahm wie jener auf dem Schlachtfelde mit charakteristischer Geste das Fernrohr zur Hand, salutierte wie der Kaiser, und der papierne Stern der Ehrenlegion schien das a Unwahre an der Figur zu sein. Nach
igung der Parade wagte ich, an den hohen Herrn heranzutreten und nach dem Namen zu fragen, den er inkognito zu Cospeda „in Zivil" trage. „Lange" antwortete er mit huldvollem Lächeln, erwiderte meine Verbeugung mit einem leichten Nei
rasch und
Der Wirt zur »Nachtigall« als Napoleon bei Jena.
Versicherung hatte es zwar abgelehnt, ihn selbst zu der höchsten Prämie aufzunehmen — aber nie war ihm bei der Ausübung seines Berufes etwas Nennenswertes passiert. Dieser Mann hielt eines Tages bei sich zu Hause ein Mittagsschläfchen ab. Er lag aus seinem Sofa, bewegte sich vermutlich im Traum und stürzte mit einemmal auf den Fußboden. Dieser Sturz kostete ihm das Leben.
Man wird sich in Deutschland noch vielfach an Breitbart erinnern, den bekannten Zirkusstar, der als „stärkster Mann der Welt" auftrat. Das Biegen von zentimeterdicken Panzerplatten, das Zerreißen der schwersten Ankerkette bereitete ihm keine Schwierigkeit. Er pflegte sich jeden Abend unbekleidet auf ein Bett zu legen, das mit spitzen Nägeln bepflastert war. Ihm machte das nicht das Geringste aus.
gen seines Kopses und war in der Menge verschwunden."
Diese Erscheinung des großen Korsen im schönen Thüringer Lande war jedoch keine einmalige Vision. Es war auch nicht etwa eine gute Maske, sondern schlichte und darum so erstaunlichere Wirklichkeit. Weit über die Grenze Thüringens hinaus ist Walter Lange, der Gastwirt im „Grünen Baum zur Nachtigall" als „Napoleon I. auf dem Schlachtfelde zu Jena" bekannt. Ungezählte Tausende haben sich schon den Studenten der alten Saalestadt auf ihrem Exbummel an« geschlossen, um bei „Leberecht" ein gut gepflegtes Elas Bier zu trinken. Und keiner von ihnen wird ver, säumt haben, sich im Kaiserreiche Cospeda umzutun und einen Blick auf die eigenartigen und sehenswerten Sammlungen zu werfen, die hier zusammengetragen worden sind.
Schon als zwölfjähriger Junge so schreibt Dr. Heinrich Alexander Winkler, hat er sich als Napoleon verkleidet am Napoleonstein auf dem Windknollen photographieren lassen.
Dem Drange Langes, Napoleon zu mimen, ist es zuzuschreiben, daß er, der frühere Mechaniker der Zeißwerke, den uralten Gasthof „Im Grünen Baum zur Nachtigall" auf dem Schlachtfelde zu Jena erwarb; daß er Grundstücke kaufte am Napoleonstein selber, dort, von wo einst der Korse die entscheidende Schlacht geleitet hatte; daß er bei emsiger Lektüre von Napoleonbiographien sich die Ausdrucksformen des Korsen
mit wurzelechter Mimik aneignete. Die Napoleonsrolle ist ihm zum Lebenselixier ge» worden.
Die Aehnlichkeit ist, wie ein Besuch auf dem „Edelsitze Cospeda" ergibt, geradezu unheimlich. Wer ihn jemals am Schreibtisch sitzen sah, in charakteristischer Marschallsuniform, in markanter Pose, mit dem energischen Mund, der kühnen Nase, den tiefliegenden Augen und — nicht zu vergessen — mit der bekannten Stirnlocke und den nicht minder historischen Schläfenwinkeln, der vermag kaum an einen Treppenwitz der Weltgeschichte oder an einen bloßen Zufall zu glauben. Nicht selten find daher die Anregungen gewesen, im Stammbaum Walter Langes nachzuforschen, um gewisse Beziehungen seiner weiblichen Vorfahren zum französischen Kaiser herauszutüfteln. Aber es war alles vergeblich.
Natürlich hat Walter Lange seinen Stolz und seine Eigenart. Er nimmt seine phantastische Aehnlichkeit nicht als einen mehr oder weniger gelungenen Scherz der Natur auf, sondern erblickt in ihr eine Aufgabe. Er spielt nicht Napoleon, sondern er ist es. Aber über das bloß
Aber eines Tages ritzte er sich bei einer feiner Vorführungen die Fußsohle an einem rostigen Nagel. Da er diese kleine Schramme, tagelang überhaupt nicht beachtete, konnte sich eine schnelle Blutvergiftung so heftig entwickeln, daß selbst eine schleunigst vorgenommene Amputation seines gesamten Beines ihn nicht rettete. Nach wenigen Tagen, in denen er furchtbar aushalten mußte, ist Breitbart an dieser kleinen Schramme gestorben.
Durch eine nicht minder lächerliche Ursache kam schließlich der berühmteste amerikanische Jockey der Vorkriegszeit, Scotch, zu Tode. Dieser tollkühne Reiter pflegte aus sportlichem Ehrgeiz und Selbstsicherheit mit Absicht immer das schlechteste, un- zuverläfiigste Pferd seines Stalles ins Rennen zu führen — er siegte unter allen Umständen. Seine Rekordlifte hat kein ande
Napoleon auf seinem Edelsitz Cospeda.
Aeußerliche hinaus erblickt unser beutst Napoleon Zweck und Ziel seines Lebens darin zwischen der Welt von damals und von heute eine Brücke zu schlagen. Sein Privatmuseum ist aufgebaut unter dem Motto „Vom Nationalismus 1806 zum Nationalsozialismus 1935“. „Vielleicht, st meint er, helfen jene zahlreichen Veröffentlichungen über mich in fremden Ländern ein wenig mit an dem so notwendigen Werk der Verständigung."
Im kleinen jedenfalls versteht er es tuns lich, Frieden undr Behaglichkeit um sich N verbreiten. Das beweisen auch die Eintragungen in seine dicken Gästebücher, in denen Leute aus aller Herren Länder sich verewigt haben. So zitiert ein Engländer „Never dont forgot the German Napoleon!
Leberecht Napoleon begrüßt jeden seiner vielen Gäste persönlich. „Würden Eure Majestät die Güte haben, diese Karte zu unterschreiben?" — Natürlich gerne. Die Schriftzüge entdecken ein neues Wunder; denn auch sie weisen die graphologischen, Merkmale Napoleons auf, sind täuschend ähnlich.
Das also ist Napoleon auf dem Schlachtfelde zu Jena! Und zum Schluß noch eine kleine wahre Geschichte: „Eines Tages, P erzählt Leberecht, „erhalte ich den Besuch zweier junger Leute und komme mit diesen ins Gespräch. Der eine gibt sich als Kaus' mann aus, während der andere behaupter, noch in Weimar sein Abitur bauen zu wollen. Beide waren auf dem Wege nacy Bayreuth zu den Festspielen. Da ein guter Bekannter von mir, der Oberspielleiter Alexander Spring, zur selben Zeit in Bayreuth weilte, gab ich dem einen lungen Mann Kartengrüße an den Freund m und erhalte kurze Zeit späterfolge"° Karte von diesem. „Lieber Leberecht! Prmz Alexander von Preußen brachte mir M vor der „Rheingold"-Aufführung W lieben Kartengruß. Ich danke herzlichst u erwidere die Grüße. ." - Also benutzte ich, so schloß Napoleon, in diesem Prinzen Alexander von Preußen als m nen Kurier!" Rhenanus.
rer Jockey je erreicht, weder vorher n nachher. Im Privatleben war er em 8 ßer Kinderfreund. Eines Tages spiel * mit einigen kleinen Geschöpfen, bte |i^ ihren Sprungseilen die Zeit vertrieb^ Von einem dieser Kinder borgte er R Sprungseil, versuchte zu springen, gn» fiel dabei so unglücklich auf seinen ^ , köpf, daß er aus seiner schweren Bewuz losigkeit nicht mehr erwachte. ^
Die Chronik kennt noch zahlreiche n .
Fälle von Leuten, denen so und mutig sie auch in ihrem waren, eine kleine momentane un» ^ feit das Leben gekostet hat. "ronie ^ Schicksals! Bei Anspannung au Kräfte vermögen all diese Mann r menschliches zu leisten. Schutzengel ™ achtsamen Augenblicken aber haben bar nur Kinder und Betrunkene..«
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