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Zwang-vorstellungen - der übers aube des mobernen Menschen.

Von Dr. H. Lambert.

Dir Menschen des 20. Jahrhunderts, die wir uns einbilden. erhaben zu sein über Aberglauben und Fetischismus, tragen in uns alle ohne Ausnahme den Keim zu einer anderen Geißel: die Neigung zu Zwanas- Vorstellungen. Es ist möglich, daß dieser oder jener meint, für ihn käme diese Be- Hauptung nicht in Betracht, doch glauben wir, schon mit den nächsten Zeilen auch die hartnäckigsten Zweifler überzeugen zu kön- nen. Denn es ist notwendig, daß man ein. mal über dieses Kapitel spricht, weil außer- ordentlich viele und schwere Folgen ihre alleinige Ursache in derartigen untontrob lierbaren Vorstellungen suchen, Vorstellun­gen, die zunächst im Unterbewußtsein schlummern und ängstlich vor der Oenent- lichkeit verborgen werden, wenn ihr Trä­ger sich bewußt wird, daß er ein schlimmes seelisches Leiden mit sich herumschleppt. Denn ein Leiden, oft eine Krankheit von zerstörender Gewalt, ist es immer, wenn jemand annimmt, diese oder jene Handlung nur unter ganz bestimmten Voraussetzun­gen ausführen zu können, wenn man der Ansicht zuneigt, daß dieser oder jener Zu­fall erst eintreten muß, vielleicht regel­mäßig sich gestalten soll, ehe man an die­ses oder jenes Vorhaben herantritt.

Wie oft kommt es vor, daß die Erziehung bereits die ersten Keime zu dieser Veran- lagung erweckt. Die übertriebene Straf- anürohuna beim Kind« weckt neben der na­türlichen Furcht auch die Meinung, die in Aussicht gestellte, einmalige Strafe habe Nachwirkungen über dem Augenblick hin­aus. Jedes Kind wird getadelt wer­den müssen, aber es ist die Art, die auf das Gemüt wirkt.

Aber auch der Erwachsene wird zu Zwangsvorstellungen erzogen. Jemand, der schlecht einschlafen kann, erhält das Mit­tel für den Schlaf, das Rezept des Zählen». Wenn e» überhaupt wirksam wird, denn man kennt Fälle, wo der Patient bi» »weitausend gezählt hatte, und sich dann schweißgebadet erheben mußt«, dann ist die zwangsläustg« Vorstellung begründet, daß man eben nur dann schlafen könne wenn man zähle. Selbstverständlich sind alle diese Menschen, die auf einen Spezialfall solcherWunderkuren" einen Erfolg er­zielt haben, geneigt, sich auch zahlreichen anderen Vorstellungen hinzugeben.

Luch der freieste Mensch wird dazu er* zogen, feine Ideen, feine Marotten zu ha- ben. Schauspieler und Sänger. sonst allzugern bereit, sich al» die freiesten Herzen, al» die ungebundeften Seelen zu zeigen, empfinden Grauen vor einer Vorstellung, wenn ein Unwissender in der Garderobe gepfiffen hat, wenn ein Mester mit der Spitze sich in den Fußboden bohrt«, wenn eine alte Person ihnen auf her Treppe zur Garderobe zuerst begegnet.

Man nennt viel« Menschen Pedanten, und sie lassen sich da» ruhig gefallen. Sie führen ein Leben der Unfreiheit, der Qual. Sie lauen sich hänseln und necken, sie fürch- len sich nämlich einzugestehen, daß sie der Ansicht sind, daß etwa» ganz Furchtbare» eintreten würd«, zum mindesten «in Selb- Verlust oder ein Krankheitsfall, wenn auch nur eine ihrer SRapmen unausgeführt bliebe.

Man nimmt fast stet« an, daß Versal» auna»wahn anhaltend« Angst vor fremden Personen oder Ereignissen barfteiie Da» ist k»tne«weg» der Fall v»rfo!auna»wahn ist dann viel schlimmer und mühseliger zu heilen, wenn der Befallen« meint, bei nicht genauester Einhaltung irgend einer seiner täglichen Handlungen träte eint Kata» Strophe ein. Um diese» zu verhindern, werden Fenster »inoeschlagen, Türen ler­treten, Wände durchbrochen dir Tobsucht», anfäll« sind eine ganz natürlich« Folg« die* fr» Zustande». Für bis Allgemein- heit ist di« Gefahr di«, daß man da» Heranwachfen dieser Krankheit

nicht Dtrlolaen sann, daß der Befallen« in bet Lag« ist, die Ansang»stadI«n zu ver- bergen daß er erst dann unbeherrscht wird, wenn sein Geisteszustand vollkommen zer- rüttel ist. Wieviele vermeintlich Gesunde haben über Nacht in ble Irrenanstalt ge­bracht werden müssen, haben sich zu den wütendsten Tobsüchtigen entwickelt, nach- dem sie noch abend« zuvor einen Vertrag abgeschlossen ober eine R«dr hielten £ek> t/n Ende» ist da» ja Angst vor sich selbst, Angst vor der kommenden Entwicklung, vor der Ohnmacht, gegen seine eigenen Zwangsvorstellungen nicht, mehr tun zu können.

Ma» gegen diese Entwicklungen zu tun ist? Soweit e» sich um die täglichen klein­lichen Aberglaubenslälle handelt, sofortt ge» Einschreiten, Unmöglichmachen der Voraussetzungen. Werft die Glückospend«, aus dem Wagen, wenn eure Frauen ohm sie an Autounglücke glauben. Wechselt bh Möbelstücke, wenn eine» zu bestimmter pedantischen- Maßnahmen verführt. Geht andere Weg«, al» di« sonst täglich die euren waren! Abwechslung im großen und Ad*

Der Balalaika-Spieler / »^

Alexander Luschanow spielte in einem Nachtlokal Balalaika. Richt ohne Grauen erinnerte er sich an die erste Zeit, die sei­ner Flucht aus dem roten Rußland gefolgt war. Mittellos war er in Konstantinopel gestrandet. Nach Wochen stand er, abge­rissen und frierend, an einer Straßenecke von Pera und verkaufte Zeitungen. Was er verdiente, reichte kaum für das trockene Brot.

Luschanow war feinem Séicffal dank- bar, das ihn einst das Gitarrenspiel erler­nen ließ. Ein ehemaliger Musiklchrer aus Kiew, im Begriff, eine Balalaika-Kapelle zusammenzustellen las ihn, halb^ verhun- gert, von der Konstantinopler Straße, auf. Mit der großen Not war es nun vorbei. Luschanow haderte nicht mit dem Schicksal, er war mit seinem Los zufrieden. In dem einstigen reichen Mann lebte die Erinne­rung an sein früheres Dasein, entrückt und von tausend Nebeln umschleiert.

Die Jadre vergingen. Luschanow, der Musiker, sah sie ohn« Kummer schwinden. Bis eines Nachts Luschanow spielte be­reits längere Zeit imSchwarzen Engel" ein kleiner Begebnis ihn aus seiner wohltätigen Lethargie Herausriß. In jener

kh hab« gelacht, Sie Tölpel k

Nacht beobachtete Luschanow, daß ein Gast ihn unablässig anftarrte. E» war ein kal­ter, lauernder Blick, Luschanow empfanb ihn wie eine nackte Klinge. Erleichtert atmete er auf, al» der Fremde ging.

Al» der Musiker Luschanow nach geta­ner Arbeit gegen 6 Uhr morgens auf bie Strafte trat, erklang hinter ihm eine Stimme: -Luschanow!"

Er wendet« sich um. Vor ihm stand d«r frembe Gast

Sie wünschen?" fragte Vlejanber Lu- schanow.

Kommen Sie, sagte der Fremde, wollen un» irgendwo leben* Er spra«

wir

__ ____ _. sprach rus­sisch Luschanow folgte ihm ohne Wider­spruch Sie betraten eine larmoolle Kneipe. »Woher kennen Sie mich?" fragte Lu- schanow.

Ist ee so wichtig .. .r

»Au» Rußland?^ drängte Luschanow

Wa» hinten Sie?* wich der Fremd«

aus.

Luschanow war seit 10 Jahren Musiker: lud man ihn ein, dann trank er. Er tonnte viel vertragen: die Untertassen häuften sich vor ihnen. Sie sprachen wenig Lu- schanow beobachtet« heimlich feinen Tisch- genossen. Er möcht« fünfzig Jahr« zählen: er war sehr gut gekleidet, auf dem kleinen Ringer bei Linken sprühte ein großer Bril- lant lein kalte», grheimni»voue» Feuer,

Hell schien draußen die Sonne, ala die beiden sich trennten. Luschanow blieb zurück. Sein Kops war schwer, er hielt in ber Hand eine schmale Visttenkart«:Mla- dimtr Barbakoff". Der Name tagte ihm nicht mehr als da» Erficht bes Jremben.

Wladimir Barbakoff, bei schwerreiche

wrchslung im kleinen: da» ist bie Vorau». Atzung, um zahlreichen Wahnideen von vornherein bfe Spitz«

------- ... Svitz, abzubrrch Con einem bekannten Schrts

ien.

.. - -..... tftcHer ist bie (Beichte feiner Heilkur in bie Oeffent- Hk«" gerungen, bie folgendermaßen ver.

«^Er Krank« litt jahrelang an gewts- kn Karotten, arbeitete nur zu bestimmten Nachtstunden ernährte sich auf furiose Weise, mied ängstlich bie tsiesellschaft und kam eine« Tage, auf den Sebanfen, er werbe verfolgt. Und bet «erfolget fei

Edelsteinhändler, hatte Alexander Luscha- now als Sekretär engagiert. Luschanow bezog ein Gehalt, das in keinem Verhält­nis zu seinen geringen Pflichten stand. Es blieb ihm nach wie vor unverständliH, warum ihn Barbakoff aus seinem armseli­gen Mustkerdasein herausgerissen hatte. Er wußte noch immer nicht, wann er diesen sonderbaren Menschen zum ersten Mal ge* sehen hatte. Drängte er nach Auskunft, dann konnte der Edelsteinhändler unbehag- lich werden. Luschanow unterließ bald je­des Fragen.

Nach einem Vierteljahr verdoppelte Barbakoff Luschanows Gehalt, zwei Mo­nate später verdreifachte er es. Dann er- klärte er Luschanow zu seinem Gesellschas- tcr. Zu seinem Gesellschafter ohne Rechte und Funktionen, der bloß an jedem Mo­natsersten seinenGewinnanteil" zu be­heben hatte. Luschanow bewohnte jetzt eine elegante Junggesellenwohnung. Sein Gut­haben war das eines Grandseigneurs: die Jahre der Not und des Leducktfeins waren aus seinem Gedächtnis ausgelöscht.

Ihr Bündnis dauerte beinahe schon ein Jahr. Eines Abends saßen sie zu vorge. rückter Stunbe in einem Russenlokal: eine

Valalaikakapelle spielte heimatlich« Weisen.

Barbakoff beobachtete heimlich feinen Tischgenossen. In seinem Blick lag etwa» Lauernde» Plötzlich ariss er in die Ta- sch«. Luschanow sah überrascht, da» er

sch«. Lusch einen klein,

einen sieInen Revolver und eine Uhr In der Hand hielt. Er steckte ble Waffe gleich wieder in bis Tasche, bie schwere goldene Uhr In bie Hand, fragte er unvermittelt: Alezander Iwanowitsch, den wievielten haben wir heute?"Den 10. April", ant- wartete zuvorkommend Luschanow.Also den 6. April nach unserem Kalender/' Lu* schanow nickt«.

Alrzandrr Iwanowitsch", fuhr Barba* soll fort,ich möchte Ihnen eine klein« G«* schicht« erzählen. Sie liegt schon etwas zurück. E» sind auf den Tag genau zwei* . undzwanzig Jahr». Also an biefem 8 Ap- til bes gregorianischen Kalenbers saß In einem vornehm»« Restaurant ein junger wohlhabender Kaufmann. Er beiand sich in Begleitung seiner schönen Gemahlin, bie ihm erst vor 3 Monaten angetraut wurde.

An den Nachdartischen saßen elegante Offiziere und Mitglieder ber besten Peter»- burger Gesellschaft E, war schon spät und e» herrschte eine ziemlich ausgelassene Stimmung. Der junge Kaufmann hatte bereits mehrere Mal« zum Ausbruch gr- mahnt. E» entstand zwischen ihm und sei­ner Frau ein kleiner harmloser Zwist. Sie hatten beide vielleicht ein Gla» mehr ge­trunken, als sie gewöhnt waren; ihre Au», einandersetzung würbe etwas lauter. Die Gesellschaft am Nachbartisch verfolgte brlu- sttgt den Ehestreit. Unserem Kaufmann war die» nicht entgangen. Cnischlossen stand er auf.Komm, wir wollen gehen!"

---ber Eo«ur-Bub« aus dem Skat! Denn er hatte früher leidenschaftlich dem Skatspiel gehuldigt. Diese Idee führte da- zu, daß die Verwandten bes Schriftstellers ihn in eine Anstalt überführen ließen, wo keinerlei Besserung eintrat. Die Angst vor dem Eoeur-Buben vertrieb den Kran- ken in ble fernsten Winkel bes Hause». Dieser Mann wurde von einem einsallrei- chen Freunde erlöst. Al» der eines Tages den Schriftsteller besuchte, und dieser sich nach kurzer Zeit wieder ängstlich entfernen

Die junge Frau sie hatte, wie ge|ant ein wenig zuviel getrunken rührte $ nicht.Du kannst ja gehen, ich bleibe* rief sie ziemlich labt. Die Szene war pej«, lich: vom Nachbartisch hörte man ein faum verhaltenes Lachen. Dem jungen (Ehemann stieg das Blut zu Kopse. Er trat vor bea Tisch.

Haben die Herren vielleicht gelacht,- fragte er eher bescheiden als drohend. Gesellschaft schwieg verlegen. Der Ehe. mann, ernüchtert, wollte sich umdrehen. $a stand einer der Herren auf. Er stellte vor den Kaufmann und sagte verächtlich Ich habe gelacht, Sie Tölpel!" Er hob lästig die Hand und schlug dem (Ehemann ins Gesicht.

In dem feinen Lokal wurde es plöW still. In dieser Stille hörte man deutlich die drei Schläge einer alten Uhr. Unb k hob der junge Herr erneut die Rechte unt versetzte dem Kaufmann einen zweite» Faustschlag.Aber interessiert Sie bene die Geschichte, Alexander Iwanowitsch?»

Selbstverständlich, Wladimir Milan«, witsch," sagte mit trockener Kehle Lusch,, now.

^Nun, diese wenigen Augenblicke, es mot der 6. Apnl, 3 Uhr nachts des Jahres 1910, habe, sich unauslöschlich in bas Hirn des Kaufmannes«^ geprägt. Seine junge Sun verließ ihn am nächste. Tag; man konnte both bet Tochter eines Edelmann» nicht zumuten, mit eine, ^ Manne zusammen zu blei, ben, der sich öffentlich ziich tigen ließ. Der Kaub mann liebte seine Fra«, aber was heißt das' Selbst seine Freunde uni Bekannten traten ihm mit mehr oder minder verstech tem Hohn entgegen. §, war Schadenfreude: mag gönnte ihm, der hoch hi«, aus wollte, diese Blamage, Auch seine Geschäfte litten unter dieser Verachtung Unser Mann war nicht

kfelge, er hätte sich, tat« i not, von feinem Beleidig« , in einem Zweikamps «. schießen lasten. Aber dicht Herr Sproß einer der tt« iten Familien bes Lande», dachte garnicht baram mit dem Plebejer, besten Val« noch Leibeigener geme|tn, sich zu schlagen.

Unserm Mann« blieb nichts übrig, als zu ver­schwinden. Und ohn« L»> schanow» Antwort abpu warten, fuhr er fort:

Der Emigrant hatte Glück, aber was Mi Menschen so Glück nennen. Er oeroUb fachte Im Laufe ber Jahre sein Vermöge» Ich möchte nicht behaupten, daß er während dieser Zeit ständig nach Rache sann. 5W«, bas tat er nicht. Abrr im Grund« seiner Seele war er davon überzeugt, daß «»«im Vergeltung gibt

Mehr als 20 Jahr« vergingen, ehe da» Schlcflal ihn mit seinem Ketnbe zusammen- brachte. Dies«, war längst fein greift Herr, unser Kaufmann erfannte Ihn trep bem. Er wollte sich in ber ersten Avlwnsi lung eines so lange unterdrückten haste» auf ihn Iturien. aber er beherrschte M noch rechtzeitig. Wa» sollte er mit bleitet vom Schicksal geduckten Menschen: >nan rechnet nicht mit einem Feinde ab, der «el ber (Erbe liegt. Man richtet ihn erst sei, H«rr Luschanow

Barbakoff griff in ble Tasche, in ber tt seinen Revolver verbarg. Er zog aber 6b! ble Uhr. Sie geigte genau drei. Barda« raff «rhod sich, auch Luschanow war aufflt' stand»n. Er war olaß.

»Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Wladi­mir Iwanowitschi" murmelte er

Wach zweiundzwanzig Jahren!" höhnt« Barbakoff. Er hob bie Hand und Wug seinem Gegner fräftig in» Gesicht.

Heute an den KachbatHfchen sprangea auf; die Musik verstummte. Wodimal hob Barbakoff die Hand und gab Alexand«r Luschanow eine zweite Ohrfeige. Dann wandte er sich um und verließ wortloe da» Lokal.

Luschanow stand reglos und starrte litt" nach. Vier Wochen später spielte tr tote* ber Balalaika imSchwarzen Engel".

wollte, hielt ihn ber Freund zurück, int*^ r sagte: Aber der Eo«ur>Bub« kann TW ja garniGt» tuns Furchtsam fragte W Kranke: Warum?

Chis er im Skat verdeckt liegti sagte Besucher. Die Krankheit war gthe^,

Zwang«vorstellungen: man sieht, Mi wir alle von einer unheilvollen Ent«>"' luna unserer Schrullen und Launen droht find, wenn wir uns nicht zusammen- nehmen und rechtzeitig erkennen, was rich­tig und was eingebildet ist.