Einzelbild herunterladen
 

Ein dankbares

Schlechtes Wetter, Mynherr", brummte Kapitän Maasbree, seine Mütze fester in die Stirn drückend. Im Takelwerk pfiff es, und die Brigg stampfte plötzlich so tief, daß ihr Besitzer, der ehrenwerte Sklavenhänd­ler Jan de Leien, inmitten seines Schau- kelstuhls von einer großen Spritzweste über- dampft wurde.

Na, die paar Knoten, die uns noch von der Küste trennen!" Der Mynheer warf seine schwarze Zigarre, die nicht mehr bren­nen wollte, über die Reeling.Man kann sie schon mit den Armen greifen. Halte nur fest auf die Mündung zu!"

Tu ich ja. Wir sind schon mitten im Loch zwischen Corisco und der Ukokomün- dung; aber da hineinzukommen, ist ein ge- fährliches Stück bei dem Wetter."

So genau will ich das gar nicht wissen." Mynheer de Leien hatte eine Neue Brasil zwischen den Lippen.Das mache mit dir aus. Verdirb mir nicht mit unnützen Un­kenrufen meine gute Laune. Heute ist die ganze Sache besonders prima arrangiert. Heute wird die schwarze Ware nicht gewalt­sam an Bord getrieben. Man ist Gemüts­mensch."

Wohl deine neue Erfindung?" Das gelbe Gesicht Masbrees, das genau so nie­derträchtig aussah wie das seines Kompar­sen, verzog sich zu einem höhnischen Grin­sen. Im allgemeinen hatten sich die beiden finsteren Ehrenmänner nichts vorzu­werfen. Kapitän Maasbree und auch die Mannschaft der Brigg, die Batavia hieß, waren an der schwarzen Ladung durch Tantiemen beteiligt. Sie fuhren auch nicht das erstemal miteinander an einen ver­schwiegenen Punkt der Biafrabucht, wo Mynheer de Leien heimlich bei Monden­schein die von seinen Agenten zusammenge- rriebenen Neger an Bord zu nehmen pflegte.

Es geht auch einmal ohne Peitsche. Da­für ist Zeit, wenn die Klappe hinter den schwarzen Jongens und Moißjes zugefallen ist. Es macht auch weniger Aufsehen. Die Nigger schreien zu viel. Deshalb habe ich die Agenten Pedro und Pinto und Ter- muelen diesmal angewiesen, die schwarze Bande durch eine List an Bord zu locken. Die Schlauberger haben den Kaffern ein« geredet, sie sollen Schmugglerware von Bord an Land schleppen helfen."

Und wenn alle an Deck sind, soll ich los­fahren, he?"

Du merkst aber auch alles, alter Jong!

So und nichts anders Jollen wir diesmal die kostbare Fracht einwaggonieren. Daß dann hinter der ganzen Gesellschaft rasch genug die Klappe zugemacht wird, das soll meine Sorge sein."

Ja, das verstehst du. Der Teufel könnte noch von dir lernen."

DieBatavia" ächzte und stöhnte... wie es in ihrem Leibe schon so oft--von Menschenlippen gestöynt und geächzt hatte, wenn sie von der Viafrabucht mit ihrer in dumpfen Luken eingesperrten, gepeinigten und mißhandelten Menschenfracht den Kurs nach Westen genommen hatte.

Der Wind sprang noch einen Strich hö­her nach Nordwest und die See brüllte wie eine toll gewordene Bestie um das spanische Felsenriff.

Infam!" schrie Mynheer de Leien. Auch noch Gewitter! Das stört das ru­higste und friedlichste Geschäft."

Der Steuermann stand mittschiffs und lotete.Sös Faden!" schrie er, mit Mühe das Donnern der Wellen überbrüllend.

Luv an!" kam Kapitän Maasbrees Antwort. Im Nu wurde das Steuerrad herumgedreht, und die Brigg machte eine scharfe Wendung gegen den Wind.

Stüerbordanker los! Backbordanker los!" brüllte Maasbree.

Bist du verrückt?" schrie der Mynheer, der sich mit beiden Händen krampfhaft fest­halten mußte.

Der Kapitän antwortete nicht. Er sah aschgrau aus. Er hatte zum letzten Mittel gegriffen, wollte den Sturm vor Anker ab­reiten. Die Ketten, lang ausgegeben, strafften sich. Jetzt kam es auf sie allein an.

Die massigen Grundwellen rollten heran, brachen dampfend über den Bug und um­spülten den Kopf. Nie in seinem Lehen hatte Mynheer de Leien den Kopf schneller eingezogen. So schnell fuhr sonst nur das Gesicht eines Niggers zurück, wenn Myn­heers Nilpferdpeitsche über den Voreiligen niedersauste.

Wütend warf sich die rollende See auf das in den Ketten tanzende Sklavenschiff. No^ standev die Ketten straff, sie drehten sich knirschend vor Straffheit. Sie reckten sich in ihren Gliedern in starren Stößen, daß die Brigg bis an die Rippen knackte und dröhnte und bebte. Ein unheimliches Kreischen kroch durch die Glieder.

Aber die Ketten hielten!

Weiße Blitze zuckten über der tobenden See. Wie in elektrisches Bogenlicht ge­taucht flammte die fast sechshundert Meter

Am / Von

7 Victor Helling

hohe Küste sekundenlang aus dem Dunkel. Schneeweiß lief davor der Strand.

Wimmelnde Menschen standen darauf, glänzende schwarze Leiber... winkende, schreiende Gestalten. Die von den Agenten herbeigelockten Ahnungslosen, für die das in den Ketten jaulende Schiff als Kerker, als Martyrium, als Galeere bestimmt ist!

Mynheer de Leien war erdfahl vor Wut. So dicht am Ziel, und das schönste Geschäft drohte zu scheitern. Ein Wutschrei erstarb auf seinen blauen Lippen, als eine Riesen­welle herankam, eine wandelnde Wand, schneeweiß und gierig. Donnernd rückte sie heran, schäumend vor Wut hob sie das Vorderschiff... ein gellender heller Klang... ein jäher Ruck, ein einziger und das eine Ende der Ketten flog zischend in die See, das andere schnellte im Zickzack, wie der Schmiß einer Peitsche, knallend gegen das Schanzkleid des Bugs. Wie ein Ball tanzte die Brigg empor ... ein furcht­barer Stoß warf sie zu Boden . . . . krachend, knackend und knallend faß sie, während der Fockmast prasselnd mit dem ganzen Geschirr über Bord ging, im näch­sten Augenblick auf der Sandbank. Die großen Roller der schweren Erundseen machten reinen Tisch. Sie donnerten auf dem Vorderdeck zusammen, sie zerschmetter­ten die Boote, sie zertrümmmerten brül­lend das ganze Vorderteil. Aus einem Chaos von Balken, Planken und Boots­trümmern sah man rudernde Arme. Alle zwölf Mann derBatavia" samt Mynheer und Kapitän kämpften zwischen den Resten des Wracks und schluckten Salzwasser.

Aber auf einmal hatte sich die Zahl der im Wasser Treibenden verdoppelt und verdreifacht. Sehnige, aalglatte, schwarze Negerarme hieben sich durch die Wogen . . . packten und griffen da einen, zerrten und zogen dort einen zweiten zu sich heran . . . schleppten auf ihren breiten, glänzen­

Versuchung und Vorsehung Won Redon Prante

Daß Karl hinstürzte und sich das Bein brach, ist eine nachdenkliche Geschichte.Die verflixte Treppe!" sagten die Leute, als sie Karl mit dem gebrochenen Bein fort­schafften. Aber es war nicht die Treppe, es war etwas ganz anderes. Nur Karl wußte, was es war.

Karl war ein junger, tüchtiger Arbeiter auf dem Gut. Der Inspektor wußte, daß er sich auf chn verlassen konnte. Aber dann wäre es bald anders gekommen mit dem Karl . . .

Weiß der Teufel, woher Lindner, der Gastwirt, Nelly aufgegabelt hatte. Sie sah nicht aus, als hätte sie ihre zwanzig Jahre hier in der Gegend verbracht. Man konnte sich eher denken, daß sie mit dem Zigeunerwagen durchs Land gezogen war. Sie war fremd und hübsch, und man mußte ihr nachsehen, wie sie mit den Wassereimern über den Hof lief, und abends in der Gaststube sagte man gern Noch ein Bier!", nur damit sie aus ihrer Ecke aufstand und ankam und einen an­sah mit den dunklen Augen.

Karl war nicht der einzige, der verliebt war in die schwarze Nelly. Es saßen auch andere da und tranken und starrten Nelly nach und hatten ihre geheimen Gedanken und Wünsche. Auch Janke, der zweite Verwalter vom Gut. Er saß im Neben­zimmer, wo das elektrische Klavier stand, und trank Wein. Die draußen aber hör­ten Nellys Lachen, und wenn sie zurück­kam, hatte sie rote Wangen, und ihre Augen blitzten. Und immer wieder warf der Verwalter einen Groschen in den Kasten, und das elektrische Klavier rasselte einen alten Schlager herunter.

Daß sie mit dem zweiten Verwalter so schön tat, wurmte Karl, der doch fühlte, daß er Nelly nicht unsympathisch war. Mochte der kleine Janke nebenan seinen sauren Wein trinken und der Nelly gleich drei Tafeln Schokolade auf einmal schen­ken, Nellys Kuß im dunklen Hausflur brannte noch auf Karls Lippen und machte ihn froh. Sie hatte ihm zuge. flüstert, daß sie nächsten Sonntag frei hätte und in die Kreisstadt wollte.

Nelly war dann wirklich mit Karl ge­fahren an zwei Sonntagen. Er war glücklich. Aber als sie zum drittenmal fahren wollten, hatte die Sache einen großen Haken: Karl hatte nämlich gerade kein Geld. Und abends saß Janke im Gasthaus, trank Wein, ließ das elektrische Klavier spielen und redete auf Nelly ein. Er war häßlich, ja, aber er hatte Geld. Wenn Karl nicht mit der Nelly am Sonn­tag in die Kreisstadt fuhr zum Tanzen insGoldene Lamm", dann würde wohl

den Rücken die Schiffbrüchigen vorwärts ... der Küste entgegen . . . brachten die vor Entsetzen Starren ans sichere Ufer. Nur Minuten und das schnelle Ret­tungswert war beendigt ... an Land ge­fischt Mann und Maus.

Grinsende, lachende Niggergesichter Zähne weiß wie die Tasten eines Kla­viers Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen schlugen sich die nackten Schenkel und wetteiferten, die den schwe­ren Wellen (Entrissenen auf der Höhe des Strandes zu betten, während das Unwetter mit schwachen Blitzen über Corisco im Westen verebbte.

Nicht ein einziger von den Schiffbrüchi­gen fehlte. Nur Termuelen, der eine der beiden Agenten, der nicht mit ins Wasser gegangen war, war von einer leckenden Wogenzunge weggespült worden und ward nie mehr gesehen.

Der andere, Pinto, ein schwächlicher Portugiese, schien vor Schreck die Sprache verloren zu haben.

Mynbeer de Leien bekam Rum, und dann sank er in tiefen Schlaf. Gegen Morgen träumte ihm, er habe Sklaven­ketten an Händen und Füßen. Aber dem war nicht so. Als die Sonne aufging, gab es sogar Kaffee, den die Schwarzen für die Geretteten gebrüht hatten.

Gott sei Dank!" sagte der Mynheer. Das wäre noch glücklich abgelaufen. Die Brigg ist glänzend versichert. Don Pedro Pinto, diese Nigger sind die strammsten Kerle, die ich je gesehen habe. Ich werde sofort ein neues Schiff klar machen und dann hole ich mir die ganze Sippschaft!"

Aufgeräumt blinzelte er in die Sonne, die als feuriger Ball über den Bumbuan- joke-Bergen stand.

Nun, Sie sagen ja nichts, Don Pedro?"

Nein, der portugiesische Agent, der klein und schäbig aussah, sagte nichts. Dafür spuckte er aus. Und zwar dem ehren­werten Mynheer de Leien mitten ins Ge­sicht.

Janke seine Stelle einnehmen. Am letz­ten Abend hatte Karl schon bei einem einzigen Vier sitzen müssen, er hatte ein- fach kein Geld mehr. Aber als er ging und noch draußen im Dunkel ein wenig wartete, ob Nelly herausgehuscht käme wie sonst, ging die Tür auf, und sie war. da, und da sagte er heiß:Also am Sonntag, Nelly!"

So kam es dann am Sonnabend. Der Inspektor hatte Karl früh den Auftrag gegeben, Korn in die Mühle zu fahren. Achtzehn Sack standen schon auf dem Korn­boden abgewogen. Karl mußte sie auf den Wagen schaffen. Vis zum zehnten Sack stand der Inspektor dabei, dann wurde er weggerufen. Es war irgend­etwas im Kuhstall los.

Als Karl den vierzehnten Sack auf den Wagen warf, kam plötzlich die Versuchung. Auf einmal war der Gedanke da, brannte in seinem Hirn. Wie ein Schwindel war es, der sich auf seine Stirn legte. Lang­samer stampfte er mit seinen Stiefeln dre Treppe hoch. Mit jedem Schritt brannte die Versuchung heftiger in ihm. Er sah sich auf dem Kornboden um, ganz allein war er hier oben. Schmeiß einen Sack mehr auf den Wagen, dachte er, anderthalb Zentner Korn, der Erlös reicht für den Sonntag!

Er biß die Zähne zusammen, als er sich den achtzehnten Kornsack auflud, und das Herz klopfte ihm. Wie er die Treppe hin­unterging, gaukelte Nellys Bild vor seinen Augen. Der Schweiß rann ihm von der Stirn. Er ging schwankend. Die kleine Treppe wackelte unter seinem Tritt. Als er die Last von den Schultern geworfen hatte, stand er einen Augenblick schwer­atmend da. Dann zog er sein Taschentuch und wischte sich die Stirn. Ein Gutsar­beiter kam vorüber und machte einen Witz. Karl lächelte geistesabwesend. In der Kuhstalltür tauchte jetzt der Inspektor auf und blickte herüber. Vor dem Wagen scharrte das Pferd.Fertig, Karl?" rief der Inspektor.

Gleich!", antwortete Karl und betrat die Treppe wieder, die zum Boden führte. Oben sah er sich noch einmal um, der In­spektor sprach immer noch mit einem Ar­beiter in der Tür des Kuhstalles. Karl nahm rasch einen der Säcke, die dort lagen. Er schippte ihn voll. Er band ihn zu. Schon hatte er den Sack auf den Schultern. Aber kaum war er ein paar Schritte ge. gangen, da war ihm, als hätte er nicht Korn, sondern Eisen auf dem Rücken.

Umkehren!" schrie eine Stimme in ihm.

Ganz krumm ging er, aber er ging doch. Stufe für Stufe, hinunter auf den Hof. Die Pferde drehten den Kopf nach ihm, der Inspektor kam langsam heran.

Also dann los, Karl!" sagte er und pfiff.

In diesem Augenblick glitt Karl auf der Treppe aus. Er stürzte, riß im Fal- len das dünne Holzgeländer ab und blieb stöhnend auf den untersten Stufen liegen. Mit einem Schreckensruf eilte der Inspek­tor auf ihn zu und wollte ihm aufhelfen. Aber da stellte es sich heraus, daß Karl das Bein gebrochen hatte.

So kam Karl schon am Sonnabend in die Kreisstadt, aber nicht in dasGol­dene Lamm", sondern ins Kreiskranken­haus. Ein Auto brachte ihn fort.Die verflixte Treppe!" sagten die Leute im Dorf.

Karl war ein geduldiger Patient. Zwar sah er sehnsüchtig durch das Fenster in den Anstaltsgarten und dachte an Felder, Wiesen und Scheunen, aber Schmerzen er­trug er lächelnd und selbst die Gefahr, daß er vielleicht hinken würde, konnte seine Ruhe nicht erschüttern.

Hatte er nicht bei allem noch Glück ge- habt? Er sah das Walten einer höheren Macht in seinem Unfall.

Wär's denn bei dem einenmal geblie­ben?, dachte er.

Nach Nelly fragte er nie. Aber einmal kam sie, und er schlief unruhig diese Nacht. Ja, dachte er, jetzt tanzt sie imGoldenen Lamm", vielleicht mit dem Janke, viel­leicht mit einem anderen!

Als Karl wieder ins Dorf zurückkam, hörte er, daß Nelly nicht mehr im Gasthof war. Der Wirt hatte sie eines Tages da­vongejagt. Karl hörte es mit unbewegtem Gesicht.

Und den Karl . . ." hörte er in seiner Phantasie eine Stimme weiter berichten, den Karl haben sie verhaftet? Er hat Getreide verschoben wegen der Nelly! Sie hat ihm den Kopf verdreht, und er brauchte Geld!"

Plötzlich ging ein Lächeln über Karls Gesicht. Glück und Dank strahlte aus die­sem Lächeln. Wie aus einem schweren Traum erwachend, sah er sich im Dorfe um. Und je mehr er die vertrauten Dinge erkannte, desto größer wurde das Elücksgefühl, das ihn erfüllte. Wie wun« derb»r schön war alles auch ohne Nelly.

Das mußt du können

Das mußt du können, sieh: und wärs auch nur für eine kurze Stunde dann und wann:

alle deine Türen schließen!...

und nicht bloß für die Fremden, die tagaus und -ein dein Leben nehmen, wie man sich auf der Wiese Blumen pflückt, auch für die liebsten Freunde, ja sogar für Weib und Kind, für alle Fragen und für alle Sorgen, laut und verborgen, und ohne daß wer sähe, wo du bleibst und was du treibst..,

für dich zu sein, allein, und alle Waffen einmal abzugürten, und wärs auch nur für eine kurze Stunde:

hineinzuhorchen in dich selbst und Schleier um Schleier zurückzufalten und Umschau zu halten über deine innere Welt...

und Kind zu sein in ihren Blumengärten, von goldenem Frühlingsglanz erfüllt, und ihre grünen Wälder zu durchwandern und Kraft zu trinken an den stillen Quellen in der Tiefe, aus denen deines Lebens Leben quillt

C. F.