Der Kutscher und der Kaufherr y- Weihnachtsgeschichte von Walter Persich.
Häbrecke, der Kutscher, hätte ja auch jeden Tag, wie viele seiner Berufsgenosten, eine Autotaxe bekommen können. Nach dem Ableben seiner Frau wollte er aber nicht mehr.
Als am Weihnachtsabend die Kirchenglocken in das Gewissen der Stadt hämmerten, erwischte Häbrecke hie und da eine Fuhre und holperte in irgend eine Vorstadt. Schön war es nicht, gerade heute zu fahren. Aber bester als das gewohnte Nichtstun, als das schläfrige Hocken an einem Fleck, bis nach der Polizeistunde dis Kraftdroschken alle unterwegs waren und der späteste Bummler seinen Schlag aufriß — bester war es schon. Lotte griff beinahe lustig aus, die Bewegung schien auch ihren müden Knochen gut zu tun. Aber nun hatte er wohl doch die letzte Fahrt des Abends gemacht. In den Fenstern sah man schon die Kerzen glimmen.
Häbrecke wollte zur inneren Stadt abbiegen, er mußte eine Kirche umkreisen — hier stand wie verloren ein Mann, groß, gebeugt und sehr alt. Im Schein der Straßenlaterne wirkten Kleider und Schuhe vornehm, die Nase sprang hart hervor, und hierzu stimmte nicht so recht, daß seine Augen jung waren. Der Herr nannte in kurzem Ton eine entfernte Villenstraße als Ziel und verschwand im Wageninnern.
„Hüh!" sagte Häbrecke, ließ die Zügel freundlich ermunternd mit einem dünnen Klatsch auf Lottes Decke fallen, und wieder bewegte sich die Droschke, als sei sie Ueber- test und Symbol einer verwehenden Unb vergehenden Zeit.
Wie Häbrecke so dahinfuhr durch die wie in Watte gepackte Stadt, da fühlte er wieder etwas vom winterlichen Zauber, wie früher oft auf späten Heimfahrten, wenn Frau und Sohn warteten.
In der Villenstraße glänzten hinter den Gardinen seidene Lampen. Aus einem Haus hörte man leisen, schönen Gesang. Häbrecke kam es vor, als trappe sogar Lotte behutsamer — und dann hielt er mit einem Ruck. Sowas war ihm in dreißig Jahren, die er fuhr, noch nicht begegnet: Er hatte vergeßen, die Nummerschilder zu beachten. Umständlich kletterte er vom Bock, wollte gerade auf eines der verzierten Gitter zugehen, als der Herr den Schlag aufriß.
„Warum halten Sie hier, Häbrecke?"
„Entschuldigung, Herr — ich hab' ver- dußelt, nicht auf die Nummern geguckt... ich seh, 's ist noch 'n bißchen weiter. Ich fahr schon, aber — der Herr kennen mich?"
„Ja, Häbrecke. Bin doch wohl hundertmal mit Ihnen gefahren. Nicht nur das — derânge, der Oskar, als der groß war und wir unsern Wagen noch nicht hatten, ist immer mit Ihnen morgens in die Firma gefahren, jeden Tag, Häbrecke. ' Bis zum Feldzug. Bei Ppern lag er, Häbrecke, daher war seine letzte Karte gekommen. „Wir siegen immerzu", stand darauf. Und „Morgen ist Weihnachten, ob da auch geschoßen wird?" Das war die letzte."
„Das war Ihrer?" sagte der Kutscher. „Also, wißen Sie, Herr, wenn ich mich an keinen erinner', den muß ich im Kopfe haben. War immer kreuzlustig, der junge Herr, und kreuzbrav glaub ich auch..."
„Na, das nicht gerade", lachte es im Halbdunkel, „aber ich konnte dem Bengel nicht böse sein, Häbrecke."
Die beiden Männer standen im Schnee, Lotte fröstelte ein bißchen. Da merkte Häbrecke erst, daß der Hut des Herrn schon einen runden weißen Rand trug, als wollte er zur Maskerade fahren.
„Kenn' ich, Herr. Meiner heißt Hermann. Ein breiter Bursche, der zwei Zentner mit einer Hand balancierte. Ihn haben die Amerikaner erwischt, er war der letzte Mann in einem Unterstand. Nun. er ist wenigstens heil weggekommen aus dem Krieg, und jetzt lebt er drüben und schickt mir alle Monat ein paar Dollar von seinem Verdienst. Hier ist sein Bild, Herr, und das da, das Kleine, das ist sein Junge... Er hat drüben ein braves Hamburger Mädel zur Frau bekommen."
„Ja," erklärte der Herr, „hier stehen wir im Schnee, Häbrecke! Wollen Sie nicht den Abend zu mir kommen? Es ist alles so leer da, deshalb bin ich vorhin in der Kirche gewesen. Die Dienstboten feiern irgendwo in der Stadt, nur ich bin allein. Und sie wohl auch. Sie müßen doch nicht gerade heute fahren?"
Da gingen sie nun nebeneinander her, der wohlhabende
Herr und der letzte Droschkenkutscher der
Stadt, zwei einfame Väter am Weihnachtsabend, und neben ihnen durch den Schnee stapfte Lotte mit dumpfen Husen die paar Häuserlängen weiter bis zum Hause des Fremden. Die Remise bot warme Unterkunft für das Tier, die Droschke konnte im Garten sie-
hen. Licht blitzte aus in warmen weiten und geputzten Räumen, aber Stille lag darin. Nur das Feuer in den Kaminen war -.eben. Im Arbeitszimmer des Herrn u^u^ete ein gedeckter Tisch, und hinter ihm reckte sich eine Tanne.
Viel fragte Häbrecke nicht. Er nahm sein Feuerzeug aus dem feuchten Rock, ließ es aufschnappen und steckte ein Licht nach dem andern an, drehte am Schalter und tauchte das Zimmer in den Goldglanz des Kerzenlichts, während der Herr sich zu schaffen machte, bis sie bei einem einladen- den Essen mit dampfendem Punsch saßen.
Eine stunde oder so hatten sie geschwiegen, die Lichter waren halb heruntergebrannt, da erhob sich der Besitzer all die- ser Herrlichkeiten, ging an seinen Schreibtisch und brachte ein Bild:
„Das, Häbrecke, ist der Oskar. Erkennen Sie, ihn? Er könnte hier bei uns sitzen, wäre all dies nicht gewesen. Wir beide hätten uns nicht kennengelernt, hätten uns nicht beide unter den Anzug geguckt, Häbrecke, wäre er nicht gewesen. An einem Tag wie heute ist er gefallen. Sehen Sie sich um: Was soll dies alles, was soll dieses Haus, was soll die Firma? Wenn ich von dannen gegangen bin, dann steht alles leer. Häbrecke, wollen Sie bei mir bleiben? Vielleicht schreiben wir dann Ihrem Herrmann, seiner Frau und
Weihnachtsabend im Gebirge
seinem Kind, daß sie sich dies hier mal ansehen und es einst aus unser beider Hände entgegennehmen, wenn wir davongehen? Sagen Sie ja, Häbrecke, Ihre Leite soll es gut haben — denn ich bin — dann nicht mehr ohne Sinn auf der Welt!"
Häbrecke war an den Baum getreten, besten erste Kerzen langsam verflackerten, und jetzt sagte er vor sich hin, ohne zu wissen, wie es eigentlich aus ihm hervorkam: „Friede auf Erden... und den Menschen ein Wohlgefallen — ja, Herr, aber wir wollen uns jeden Tag etwas Bewegung machen und auch der Lotte. Ich darf Sie doch ausfahren? Sonst hat alles keinen richtigen Zweck..."
Die Wkihnach1»rkllk
Skizze von E. Jepsen-Föge.
Wohin der Blick auch schweift, überall ist ausgeprägte Weihnachtsstimmung. Der Weg zur Bahn, an tausend festlich erhellten Fenstern vorüber, durch die Straßen, denen die strahlend beleuchteten Schaufenster weihnachtliches Gepräge geben: der christbaumgeschmückte Bahnsteig selbst, auf dem sich bewegte Menschen abschiednehmend die Hände drücken, um von der Stadt wegzurollen, der Heimat zu, um dort im Kreise ihrer Lieben Weihnachten zu erleben. — Hans Joachim Landau wendet sich wütend ab. Konnte man denn dem Zauber überhaupt nicht entrinnen?
Er wandert durch die Gänge von Wagen zu Wagen. Ueberall sieht er erwartungsvolle und bewegte Gesichter. Herr- gott, gibt es denn keinen vernünftigen Menschen unter den vielen? Sind sie denn alle kindisch geworden? Seine Augen find dunkel vor Zorn.
Er schlägt hart eine Türe zu. Die junge Dame am Fenster, die ganz in die nächtliche Natur draußen vertieft ist, zuckt herum und wirft ihm einen vorwurfsvol- ^teAfi einbildet —I“ den» er. Ihr gegenüber ist ein Platz frei, den nimmt er ein. Ruhig dreht sie ihr Gesicht wieder dem
Er?sitzt" nachdenklich da. „Merkwürdig, wie gleichmäßig sie ist. Weder froh noch
traurig. Wie ruhig und überlegen war doch vorhin ihr Blick ..“
Seine Nähe macht nicht den geringsten Eindruck aus sie.
So hat er Gelegenheit, sie eingehend zu betrachten. Sie hat ein recht hübsches Profil, das auf regelmäßige Züge schließen läßt. Ihre Augen sind dunkel und ein
drucksvoll das hat er vorhin gesehen, der Mund aber scheint ein wenig trotzig zu sein. Ihre Kleidung ist einfach, aber das ihn
beachtet Hans Joachim nicht weiter, interesiiert nur eines — er kann es begreifen, daß sie ihn so völlig als behandelt.
Er zieht sein Zigaretten-Etui.
„Gestatten Sie, daß ich rauche?"
nicht Luft
Ihr Gesicht kehrt sich ihm langsam zu und zeigt ein leicht ironisches Lächeln:
„Oh bitte — warum denn nicht —?“
Ihre Augen fesseln ihn und regen zum Nachdenken an. Trotz ihrer Ironie liegt eigentümliche Abwesenheit darin.
„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen anbieten darf...“ damit hält er ihr sein Etui hin.
„Nein, danke," sagt sie ablehnend, aber nicht unfreundlich.
„Habe ich Sie vorhin erschreckt?"
„Ja!" antwortet sie aufrichtig. „Ich war nämlich ganz in das Draußen vertieft." „Ach so. Weihnachtsstimmung," sagt er.
„Ja-aa. Auf gewisse Art. Die wechselnde Landschaft, die erhellten Häuser, dazwischen die einsamen Kirchhöfe — das gibt etwas zum Nachdenken."
„Sind Sie Schriftstellerin?"
„Nein. Ich bin Kontoristin. Aber in jedem Menschen wohnt schließlich ein Stückchen vom Dichter. Sehen Sie einmal dort!" Ihr Finger zeigt durchs Fenster. „Sahen Sie es? Es war ein kleines Blockhaus. Denken Sie einmal daran: hier hat ein Mensch, haben vielleicht auch zwei — Mann und Frau — den größten Teil ihres Lebens zuzebracht in einem eintönigen beinahe mechanischem Dasein. Eie haben viele Weihnachtsabende miteinander verlebt, aber keiner war wie der andere: immer wieder fühlen sie dasselbe: „Jetzt ist Weihnachten — Frieden!"
Er antwortet skeptisch: „Ja, das glauben Sie, weil Sie selbst so fühlen. Sie fahren nach Hause, zu Ihren Eltern: Sie werden herzlich empfangen, man hat Sie vielleicht schon heute Abend erwartet, um das Fest mit Ihnen zu verbringen."
Die junge Dame schüttelt den Kopf.
„Nein, da irren Sie sich. Ich reise wohl zu Verwandten und feiere Weihnachten bei ihnen, aber meine Eltern sind tot, und Geschwister habe ich nicht."
„Sie gehen also einsame Wege Ja, aber sagen Sie mir: Wie kommt es, daß Sie, mit diesem logischen Sinn, den Sie haben, überhaupt so etwas wie „Weihnachtsstimmung" empfinden können?"
„Ist es notwendig, im Feuer zu fitzen, um die Wärme zu fühlen?" fragte sie zitierend. „Warum nicht das Ganze an sich vorüberziehen laßen, auch ohne direkt daran teilzuhaben, es in sich aufnehmen und seine eigenen Anschauungen und Er- lebniße daraus zu schöpfen? Damit gibt man sich doch selbst die seelische Nahrung, die man braucht: darin liegt mein Weihnachten — mein Friede!"
„Sie haben Recht!" Er reicht ihr die Hand und sie drückt sie. „Mein Name ist Hans Joachim Landau."
„Gleichfalls. Ich heiße Ilse Menz."
Der Zug ist in eine Station eingelaufen und hat Aufenthalt. Er ist in den Speise- wagen gegangen und kommt erst wieder, als der Zug weiter fährt. Er hat eine Flasche Madeira unter dem Arm und ein Körbchen Gebäck und Obst in der Hand. Hinter ihm steht der Kellner der Speise
wagens mit einem weißen Tuch in der Hand und Christbaumzweigen. Er geht am Abteil vorbei in sein eigenes 2. Klasse, für ihre 3. Klaße-Fahrkarte löst er Zuschlag.
Auf dem kleinen, weißgedeckten Fenstertischchen steht das Körbchen mit Gebäck und Obst und die Flasche Wein und an dem Fenster stecken überall Christzweige, als er sie in das jetzt leere Abteil führt.
Sie sitzen still einander gegenüber und haben das Gefühl, daß sie sich schon seit Jahren kennen.
„Sehen Sie doch!" flüstert Re und zeigt nach den Christzweigen.
Er sieht hin und es ist ihm, als funkelten tausend kleine Lichtchen an den Zweigen. Langsam hat der Nachtfrost das Fenster mit Reif bedeckt.
Nach einer Weile erst hebt Hans Ioa. chim bewegt sein Glas, und es ist Fest- stimmung in seinen Worten:
„Fröhliche Weihnachten, Fräulein Ilse, und heißen Dank dafür, daß Sie mich lehrten, sie wieder zu erleben. Laßen Sie das nicht das einzige fein, das Sie mich lehren. Möge doch dieser Abend nur einer von vielen sein, die wir zusammen verleben, und möge dieser göttliche Friede uns verbinden. — Fröhliche Weihnachten!"
Weihnachtspaule
Von Irmela Linberg.
Sechs Straßen münden auf den großen Platz im Zentrum der Stadt. Von sechs Richtungen her schieben in ununterbrochener Reihe sich Trambahnen, Autoomni- buße, Kraftwagen, Lastfuhren, Zwei- und Dreiräder heran, von zwölf Bürgersteigen kommen Menschenfluten, um den Platz zu überqueren.
Es ist am Nachmittage des 24. Dezembers. Schon hat der Himmel sich nächtlich verhüllt. Vereinzelte Flocken fallen aus feinem wolkigen Grau. Ueber den Platz flammen bereits die weißen Bogenlampen, und die Lichtreklamen zucken allaugenblick in sprühenden Farben auf. Die Kontore haben soeben geschloßen. Nun mehrt sich die Hast und Eile. In Haufen schlucken die erleuchteten Portale der Kaufhäuser die Verspäteten oder jene, welche erst vor einer Stunde ihre Geldspende empfingen.
Zwischen dem Rattern der Wagen, dem Hupen der Autos, dem Knarren und Quietschen der Bahnen Hingen die verschiedenartigsten Töne auf: Zeitungsfrauen, Straßenverkäufer mit tanzenden Puppen, Glockenspielen, Trompeten, Nüßen und Apfelsinen preisen ihre Waren an.
Dicht am Fahrdamm dreht einer seinen Leierkasten, aber man vernimmt die Melodie nicht. Sie geht unter im Lärm der Straße. Nur einige tiefe Baßtöne brummen zuweilen unzufrieden auf.
Das Leben auf dem Platz wogt und braust. Wer könnte es aufhalten, übertönen? ...
Da aber geschieht das Unfaßliche, drese- Wunderbare doch! Einige schrille Pfiffe, eine stramme Geste der Polizei. Und alles stockt, steht, verharrt. Schräg über den Platz bildet sich eine Gaße, eine schmale, gerade. Und vor ihr halten sämtliche Fahrzeuge und Menschen, die es so unaufhaltsam eilig hatten, erstarren zur Mauer.
Durch die Gaße aber schreiten drei. Sie schreiten langsam, ernst und ohne Hast, als wäre es durchaus in der Ordnung, daß Tausende vor ihnen Halt gemacht. Voran mit oorgestrecktem schmalem Kops und witternden Nüstern der schlanke braune Schäferhund, am breiten Halsband die kreisrunden weißen Schilder des roten Kreuzes: hinter ihm ein Schutzmann, welcher die Hand ein wenig nur wie abwehrend seitlings gegen die Maßen streckt: neben diesem der Blinde mit den dicken, blauen Gläsern über den eingesunkenen Augen. Seine Rechte krampft sich in die Doppelleine, die ihn mit seinem Leithunde verbindet, die Linke umspannt zärtlich ein kleines Tannenbäumchen, an deßen Spitze ein Stern flimmert.
Ganz sicher, ganz gelaßen gehen Re ihren Weg über den großen Platz, auf dem von sechs Seiten her der Verkehr sich staut. Und werden nicht einmal der Neugierde gewahr, welche aus den Fenstern der Equipagen lugt, nicht des Mitleids und ver. haltenen Grauens, das ihnen nachschaut, und nicht der gebeugten Mütter, denen verstohlene Tränen über die Wangen rinnen.
Und als sie den Platz fast überquert haben und dicht vor dem Mann mit der Drehorgel den Bürgersteig betreten wollen, setzt der wieder sein Instrument in Gang, und in den letzten Augenblick des Still- stands hinein ertönt in etwas verstimm, ten, heiseren Lauten endlich die Melodie, die das Branden des Verkehrs zuvor verschlang, die traute, alte Christnachtweise:
Es ist ein Ros' entsprungen
Aus einer Wurzel zart...
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