Kleider machen Leute
S (Schluß.)
och ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Braut, und nachdem sie in ihren Ee- “ ’ mächern verschwunden war, begab er sich in den Wilden Mann, ein anderes gutes Gasthaus, und schritt stolz durch die dort ebenfalls noch hausenden Seldwyler hindurch in ein Zimmer, das er begehrte, und überließ sie ihren erstaunten Beratungen, über welchen sie sich das grimmigste Kopfweh anzutrinken gewohnt waren.
Auch in der Stadt Eoldach lief um die gleiche Zeit schon das Wort „Entführung!" herum.
In aller Frühe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von dem aufgeregten Böhni und Nettchens betroffenem Vater bestiegen. Fast wären sie in ihrer Eile ohne Aufenthalt durch Seldwyla gefahren, als sie noch rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem East- Hause stehen sahen und zu ihrem Troste vermuteten, daß die schönen Pferde auch nicht weit sein würden. Sie ließen daher ausspannen, als sich die Vermutung bestätigte und sie die Ankunft und den Aufenthalt Nettchens vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein.
Es dauerte jedoch eine kleine Weile, bis Nettchen den Vater bitten ließ, sie auf ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen. Auch sagte man, sie habe bereits den ersten Rechtsanwalt der Stadt rufen laßen, welcher im Laufe des Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat ging etwas schweren Herzens zu seiner Tochter hinauf, überlegend, auf welche Weise er das desperate Kind am besten aus der Verirrung zurückführe, und war auf ein verzweifeltes Gebaren gefaßt.
Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie dankte ihrem Vater mit Rührung für alle ihr bewiesene Liebe und Güte und erklärte sodann in bestimmten Sätzen: erstens wolle sie nach dem Vorgefallenen nicht mehr in Eoldach leben, wenigstens nicht die nächsten Jahre; zweitens wünsche sie ihr bedeutendes mütterliches Erbe an sich zu nehmen, welches der Vater ja schon lange für den Fall ihrer Verheiratung bereit gehalten; drittens wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten, woran vor allem nichts zu ändern sei; viertens wolle sie mit ihm in Seldwyla wohnen und ihm da ein tüchtiges Geschäft gründen helfen, und fünftens und letztens werde alles gut werden; denn sie habe sich überzeugt, daß er ein guter Mensch sei und sie glücklich machen werde.
Der Amtsrat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, daß Nettchen ja wisse, wie sehr er schon gewünscht habe, ihr Vermögen zur Begründung ihres wahren Glückes je eher je lieber in ihre Hände legen zu können. Dann aber schilderte er mit aller Bekümmernis, die ihn seit der ersten Kunde von der schrecklichen Katastrophe erfüllte, das Unmögliche des Verhältnisses, das sie festhalten wolle, und schließlich zeigte er das große Mittel, durch welches sich der schwere Konflikt allein würdig lösen laste. Herr Melchior Böhni sei es, der bereit sei, durch augenblickliches Einstehen mit seiner Person den ganzen Handel niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren Namen ihre Ehre vor der Welt zu schützen und aufrechtzuerhalten.
Doch Wenzel ging mit seiner Braut ohne Umsehen durch das Gasthaus »Zum Regenbogen.«
Aber das Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in größere Aufregung. Sie rief, gerade die Ehre sei es, welche ihr gebiete, den Herrn Böhni nicht zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen Fremden getreu zu bleiben, welchem sie ihr Wort gegeben habe, und den sie auch leiden könne!
Es gab nun ein fruchtloses Hin- und Widerreden, welches die standhafte Schöne endlich doch zum Tränenvergießen brachte.
Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Böhni herein, welche auf der Treppe zusammengetroffen, und es drohte eine große Verwirrung zu entstehen, als auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate wohlbekannter Mann, und vor der Hand zur friedlichen Besonnenheit mahnte. Als er in wenigen vorläufigen Worten vernahm, worum es sich handle, ordnete er an, daß vor allem Wenzel sich in den Wilden Mann zurückziehe und sich dort still halte, daß auch Herr Böhni sich nicht einmische und fortgehe, daß Nettchen ihrerseits alle Formen des bürgerlichen guten Tones wahre bis zum Austrag der Sache und der Vater auf jede Ausübung von Zwang verzichte, da die Freiheit der Tochter gesetzlich unbezweifelt sei.
So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung für einige Stunden.
In der Stadt, wo der Anwalt ein paar Worte verlauten ließ von einem großen Vermögen, welches vielleicht nach Seldwyla käme durch diese Geschichte, entstand nun ein großer Lärm. Die Stimmung der Seldwyler schlug plötzlich um zugunsten des Schneiders und seiner Verlobten, und sie beschloßen, die Liebenden zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher das Gerücht ging, die Schöne von Goldach sollte mit Gewalt zurückgeführt werden, rotteten sie sich zusammen, stellten bewaffnete Schutz- und Ehrenwachen vor den Regenbogen und vor den Wilden Mann und begingen überhaupt mit gewaltiger Lustbarkeit eines ihrer großen Abenteuer, als merkwürdige Fortsetzung des gestrigen.
Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach Goldach um Hilfe. Der fuhr im Galopp hin, und am nächsten Tage fuhren eine Anzahl Männer mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber, um dem Amtsrat beizustehen, und es hatte den Anschein, als ob Seldwyla ein neues Troja werden sollte. Dis Parteien standen sich drohend gegenüber; der Stadttambour drehte bereits an seiner Spannschraube und tat einzelne Schläge mit dem rechten Schlägel. Da kamen höhere Amtspersonen, geistliche und weltliche Herren, auf den Platz, und die Unterhandlungen, welche allseitig gepflogen wurden, ergaben endlich, da Nettchen fest blieb und Wenzel sich nicht einschüchtern ließ, auf« gemuntert durch die Seldwyler, daß das Aufgebot ihrer Ehe nach Sammlung aller nötigen Schriften förmlich stattfinden und daß gewärtigt werden solle, ob und welche gesetzliche Einsprachen während dieses Verfahrens dagegen erhoben würden und mit welchem Erfolge.
Solche Einsprachen konnten bei der Volljährigkeit Nettchens einzig noch erhoben werden wegen der zweifelhaften Person des falschen Grafen Strapinski.
Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte, ermittelte, daß den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf seinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bösen Leumunds getroffen habe und von überall her nur gute und wohlwollende Zeugniste für ihn einliefen.
Was die Ereigniste in Eoldach betraf, so wies der Advokat nach, daß Wenzel sich eigentlich gar nie selbst für einen Grafen ausgegeben, sondern daß ihm dieser Rang von andern gewaltsam verliehen worden; daß er schriftlich auf allen vorhandenen Belegstücken mit seinem wirklichen Namen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte und somit kein anderes Vergehen vorlag, als daß er eine törichte Gastfreundschaft genosten hatte, die ihm nicht gewährt worden wäre, wenn er nicht in jenem Wagen angekommen wäre und jener Kutscher nicht einen schlechten Spaß gemacht hätte.
So endigte denn der Krieg mit einer Hochzeit, an welcher die Seldwyler mit ihren sogenannten Katzenköpfen gewaltig schosten zum Verdruste der Goldacher, welche den Geschützdonner gut hören konnten, da der Wesrwind wehte. Der Amtsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, und sie sagte, Wenzel müsse nun ein großer Marchand-Tailleur und Tuchherr werden in Seldwyla; denn da hieß der Tuchhänd
Eine Erzählung von Gottfried Keller
ler noch Tuchherr, der Eisenhändler Eisen- Herr usw.
Das geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler geträumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleißig in seinem Geschäfte, welchem er einen großen Umfang zu geben verstand. Er machte ihnen ihre veilchenfarbigen oder weiß und blau gewürfelten Sammetwesten, ihre Ballfräcke mit goldenen Knöpfen, ihre rot ausgeschlagenen Mäntel, und alles waren sie ihm schuldig, aber nie zu lange Zeit. Denn um neue, noch schönere Sachen zu erhalten, welche er kommen oder anfertigen ließ, mußten sie ihm das Frühere bezahlen, so daß sie untereinander klagten, er presse ihnen das Blut unter den Nägeln hervor.
Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinah gar nicht mehr träumerisch aus; er wurde von Jahr zu Jahr geschäftserfahrener und gewandter und wußte in Verbindung mit seinem bald versöhnten Schwiegervater, dem Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, daß sich sein
Der Weg nach Hause
Dieser Brief rührte alles wieder auf!
Er klang kurz, sachlich, durchaus beherrscht.
Aber dieselben kindlichen Schriftzüge, darüber der braune Lockenkopf, eine Reihe weißer Zähne nagte an der Unterlippe, die weichen Flügel der Stupsnase zitterten, die großen Rehaugen grübelten...
Er sah sie am Tische sitzen — wie früher Tag für Tag, wenn sie seine Arbeiten korrigierte — er sah sie diesen Brief schreiben, diese Sätze schreiben:
„... Schließlich wird ja diese Begegnung und Aussprache — so unlieb sie wahrscheinlich jedem von uns sein mag — auch vorübergehen. Ich hoffe, daß wir bald zu einer Einigung kommen werden..."
Aber zwischen den Zeilen sah er ihre Unruhe aufflackern... wenn man vier Jahre miteinander glücklich verheiratet war, bis ein grausames Mißverständnis und eine grelle Leidenschaft flammengleich aufschlagend und wieder verlöschend den Hingang dieser ruhigen, stillen Jahre jäh zerriß, dann...
Die Termine folgten einander... der Endtermin war nicht mehr fern... in acht Wochen spätestens war er geschieden...
Mühsam war der Weg durch das letzte Jahr bis zum Heute, ein schweres Zusich- zurückfinden.
Endlich aber war das Ziel erreicht... er konnte mit Bekannten schon ruhig über die Scheidung reden... nur noch ein leises Zucken war dabei... die Lust an der Arbeit erwachte wieder...
Und nun plötzlich dieser Brief!
Er stand auf und begann im Zimner umherzugehen.
In zwei Tagen. Rührend eigentlich, wie sie da schrieb:
„... Da Du gewiß noch immer lieber ein Elas Bier als eine Taste Kaffee trinkst .
So nannte sie ein Bierrestaurant in der Innenstadt als Treffpunkt. — Wie oft waren sie zusammen abends fortgegangen.
Zigarrenluft wollte über den Tischen, und ein matter Biergeruch füllte den weiten Raum aus, als er fieberhaft erregt eintrat.
„Ruhig, fachlich, mein Junge, kein überflüssiges Wort", er sprach sich gut zu.
Wenige Tische nur waren besetzt.
Es war wieder sehr geschickt von thr. eine Nachmittagsstunde auszuwählen. Man war da wirklich in so einem Lokal fast allein mit sich selbst.
Zwischen alltäglichem Mittag- und Abendgeschäft so eine kleine Begegnung.
Warum nicht, was war schon weiter dabei? — Und er hob tiefatmend die Augen. Natürlich, er mußte sie sofort sehen.
Still saß sie in der Ecke, ein mattes, entferntes Lächeln grüßte ihn über die weißgedeckten Tische hin, grüßte ihn höflich, entfernt bekannt.
Unsicher ging er auf sie zu, reichte ihr die Hand und lächelte:
„Gut siehst du aus."
„Findest du?" sie konnte wirklich immer noch so reizend lächeln, „ich habe mich wirklich recht erholt, alle behaupteten es."
Und dann begann sie, mit ruhiger Stimme und kühlen Augen von dem Zweck dieser Zusammenkunft zu reden. Mit wenigen Worten legte sie ihm ihre nunmehrige wirtschaftliche Lage dar und stellte mit der gleichen Ruhe ihre Forderung auf, wies mit einer höflichen Gebärde auf seine letzten kleinen Erfolge hin und fragte ihn knapp, was er zu ihren Ausführungen zu sagen habe..«
Vermögen verdoppelte und er nach ienn oder zwölf Jahren mit ebenso vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Csta, pinska, geboren hatte, und mit letzterer nach Goldach übersiedelte und daselbst ein angesehener Mann ward.
Aber in Seldwyla ließ er nicht einen Stüber zurück, sei es aus Undank oder aus Rache. Ende,
„denn wir wollen einander doch nicht Übervorteilen, das vornehmlich ist ja der Grund dieser Besprechung."
Der Kellner stellte ein Elas vor ihn hin. Er verbeugte sich leicht vor ihr und traut
Das tat gut. Wenn nur dieses faßt Zittern nicht gewesen wäre, so (in Frösteln. Es wäre entsetzlich, wenn Dr Worte unsicher klingen würden.
Er tastete seine Antwort innerlich ad. Vielleicht würde sie sich freuen, er tonnte ihr sogar etwas mehr geben.
Da er ihren Augen nicht begegnen wollte... er fürchtete sich vor ihnen... ihre Augen würden... na ja... nur Hal- tung bewahren! Darum blickte er über die Tische hin... seine Augen fingen sich in den Salzbrezelbeuteln, die auf weißen Tellern lagen. Salzbrezeln in knisterndes Papier eingehüllt.
Salzbrezeln!
Wo immer sie in ihren gemeinsamen vier Jahren hingekommen waren, zuerst so einen Beutel Salzbrezeln... ja, sie vermied solche Lokale, in denen diese Brezeln, diese kleinen knusprigen Dinger, nicht geführt wurden... einmal, sie waren zum Ball eines Theaters eingeladen worden... ja, er hörte sie ganz deutlich, so, als wäre es eben nun. „Aber hoffentlich gibt es Salzbrezeln." Wie oft hatte er, wenn er von der Stadt kam, ihr in der Manteltasche ein Päckchen dieser Brezeln mitgebracht, so oft, bis sie, kaum hatte er den Mantel an den Haken gehangen, schon die Taschen durchsuchte... Wehe, wenn mcht ein Beutel Salzbrezeln darin versteckt
war...
Ein fernes Lächeln stieg in seine Augen, rasch stand er auf, sagte schnell: „Einen Augenblick..." trat an die Tische, nahm zwei, drei, vier Beutel dieser Salzbrezeln und kehrte mit ihnen zu seinem Platz zurück. ,
Er legte die Beutel vor sie hin. Er erschrak: „Mein Gott, sechs Beutel, ich bin ja verrückt..." und unbewußt verbeugte er sich dabei. , .
Warum sagt sie nichts? Er sah auf, er tastete scheu zu ihr hinüber.
Die Ruhe ihres Gesichtes zerriß... W Augen füllten sich mit Tränen, die W langsam lösten, niedertropften... ein Zittern durchraste ihren Körper, so da» die Schultern und die Hände zuckten. W los saß sie, starr, in einem aufwühlende- Schmerze.
„Erna! Du!" Er faßte ihre Han°e.
„Aber, Mädel, Erna..." .
Wenige Minuten später schon gingen^ die Straße hinunter. Sie trug die Beutel mit den Salzbrezeln. Als er n ihr abnehmen wollte, schüttelte sie ° Kopf. Dann tastete sich sein Arm unter
ihr abnehmen
den ihren.
„Wo gehen wir denn nun befragte hilflos. .„fr
eie sah zu ihm auf. 2hre verweinten Augen waren groß offen: „Ich ö0' nach Hause."
Er blickte sich um. Pasianten . ihnen entgegen. Da zog er ihren nur noch fester an sich, beugte sich sagte leise: „Und wir bleiben dann-- immer..."
Sie nickte, reden konnte sie nicht.
Bei jedem Schritte, den sie taten, m ten die Beutel mit den Salzbrezem.^