Zur zwanzigsten Wiederkehr seines Tadesiages am 28. Sept
bei ihnen lockte
gigantischen Chronik „Der Wehrwolf" dichtete...
Aus jungen Tagen.
gilt Dichter- und Soldatentod.
Vor zwanzig Jahren ist ihn Hermann Löns gestorben, der einmal seines Herzens glühendsten Wunschtraum in diese Worte bannte:
„Ich will leben und kämpfen, lieben und hassen; bis zu meinem letzten Atemzug will ich das. Alles, nur kein geruhsames Leben soll mir beschieden sein, und den Abschluß hätte ich gern unter Donner und Blitz."
Und solchermaßen war dieser Tod, den noch im Jahre 1914 ein schwerverwundeter Kamerad von Löns der Swantje Swan- tenius, der bitterlich Geliebten, die durch „Das zweite Gesicht" unsterblich geworden ist, mit diesen Worten erzählte:
„Wenn wir alle da draußen solchen Tod sterben könnten, brauchten sie in der Heimat nicht um uns zu weinen. Wollen ihm die Ruhe gönnen. Gesucht hat er den Tod wohl nicht, aber das Leben hatte auch keinen Wert mehr für ihn. Er hat ja so viel erzählt auf den Märschen; die langen Rächte durch. Schwer hat ihn das Leben gepackt, und vieles ist ihm verkehrt gegangen. Furcht kannte er nicht, sah kaum hin, wenn eine Granate krepierte, hörte nur so lange mit Reden auf, bis es wieder still war. Abends holten ihn ja meist die Offiziere weg, aber wenn er bei uns im Schützengraben lag, kriegte es keiner mehr mit der Aufregung oder mit Heimweh. Es war uns, als ob die Heimat bei uns war. Am Tage saß er meist und schrieb in sein Tagebuch, das ist ja nun Eigentum der Kompagnie geworden. Dienst brauchte er kaum zu machen, nur so viel, daß er nicht merken sollte, daß wir alle für ihn aufpaßten, damit ihm nichts passierte. Er war mehr wert.
Aus der deutschen Heide 5a und den Morgen sollte er nicht mit, ^.der Angriff losgehen sollte. Schon * war ihm das öfter abgeschlagen unter
Vorwande. Aber er wollte und wollte durchaus. Zuletzt hat es ihm der mnpagnieführer erlaubt; leicht ist es dem txnli-.^lâu — „auf Ihre Verantwor- habè' et öu ihm gesagt. So froh v t Hermann Löns nie gesehen als wii- l?m Morgen. Bei Uhre fünf gingen auf wlr beide vorne weg, bis wir Da M .Stoppelfeld kamen, ohne Deckung, wie roiLbas französische Feuer als ich und i^^ ^Er. „Hinlegen!" schrie Da-, tagen wir, er direkt hinter mir. Rand?^r wurde immer heilloser; am wussten Stoppel war ein Hohlweg, da sie uni Deckung nehmen, sonst hätten gemacht. Ich rufe: „Weiterhörte .er Witten in dem Höllenlärm mein K^-^" leisen Laut hinter mir, ^opf fahrt herum — die Kugel hatte
nur zu gut getroffen, unterhalb der linken Schulter und dann ins Herz. — „Ich hab eins gekriegt!" — das war das Letzte.
Und dann haben wir im Hohlweg gelegen, bis es abends dunkel wurde, und durften uns nicht rühren. Um halb acht bin ich herausgekrochen und über das Feld, ich mußte ihn sehen, es war ja auch ganz gleich, was mit mir wurde. Er lag noch so, wie ich ihn zuletzt im Morgennebel gesehen hatte. Das Gesicht lag in den aufgestützten Händen im tiefsten Frieden. So ruhig und schön sah es aus. Ich kniete bei ihm und legte ihn zurecht und seine Hände zusammen. Nun wußte er ja alles, um was er sich im Leben so gequält hatte, und das er nicht verstehen konnte."
Der Einsame wider eine Welt.
Wahrlich: gequält hat er sich, der Dichter, der am 26. September 1914 den Heldentod starb. Er war der glühendste Hasser deutschen Spießertums; seine inbrünstig suchende Seele mußte alle Grenzen engen Menschseins sprengen — ewig in Unruh, ewig im Chaos. Diese Unruh und Inbrunst zerstörte ihm die Ehe, aus ihr schmiedete er die Waffe, mit der er, handelnd und schreibend und dichtend, immer wieder seiner lauen satten Zeit und seiner „Koofmich- Welt", wie er sie öfter bezeichnet hat, ins Antlitz schlug, sie trieb ihn wandernd umher, ohne Freund, ohne Gut, zurückstoßend selbst die, so ihm Gutes wollten, sie zwang ihn zu jenen unberechenbaren Tollheiten heißen Blutes, die ihm das Naserümpfen feiger und normbegrenzter Bürgerlichkeit einbrachten — sie ließ ihn jenen Tod ersehnen, der ihn hinwegnehme in glorioser Heroik und angreiferischer Männlichkeit aus einer Welt, die nicht mehr auf uralt ererbtem Boden, sondern auf Asphalt
gegründet stand, und deren Untergang in feurigen Schrecken er nicht nur erahnte, sondern begrüßte... dieser Welt, der er, als Hagenrieder im „Zweiten Gesicht", ebenso haßvoll wie prophetisch die Worte ins Stammbuch schrieb:
„Ja, wir müßten wieder Krieg bekommen und gründlich Keile kriegen, das ist das einzige, was uns helfen kann, damit wieder Männer oder bessere Kerle an die Spitze kommen statt dieser Knechte, die sich Herren schimpfen!"
...und die Knechte sind heut hinweg-
gefegt, Männer stehen wieder an der Spitze... diese erfüllte Prophetie neben dem überragenden und unvergänglichen Manneswerk des Dichters, überkrönt oon .
deutschestem Tod, erweisen Löns mehr denn und übergab ihn von neuem der jeden anderen als einen der obersten Erde auf dem neuangelegten Sam- ' L . melfriedhof Luxemburg aufCourov
Kronzeugen unseres neuen Vaterlands... ihn, der, nach seinem eigenen Bekenntnis, schon 1910 sein Kriegslied von 1914 in der
Nie hat sich Löns in seinem Erdendasein gewandelt. Wie tief der Mann und Dichter schon im Kind verhaftet war, erzählt er einmal in seiner kurzen Selbstbiographie aus dem Jahre 1909, einem heut schon seltenen Büchlein:
Schon damals war ich der Heide verschworen. Ich konnte vor Freude über die Pracht des maigrünen Buchenwaldes nasse Augen bekommen, aber die Heiden, Kiefernwälder, Moore und Brüche lockten mich doch mehr. Aehnlich ging es mir mit den Menschen; auch
mich das Ursprüngliche. Ich war der Freund der Hütejungen, ^ischerknech- te, Waldarbeiter; meine sehr zivilisierten Mitschüler, die mit sechzehn Jahren Zigaretten rauchten und Fensterpromenaden machten, langweilten mich. Einer meiner Lehrer sagte mir einmal:
„Gewöhnen Sie sich die Tendenz nach unten ab!"
Es ist mir nicht gelungen. Mein Interesse, mein Herz ist bei dem breiten Unterbau meines Volkes geblieben, auf dem das Leben der Nation schließlich beruht, bei den Bauern, Handwerkern und Arbeitern. Mir schmeckt es stets besser, wenn ich am gescheuerten Tisch über den Daumen frühstücke, als wenn ich mich in Frack und Lack zwischen weißen Schultern durch zehn Gänge durchesse und Konversation machen muß.
Oft genug hat die sogenannte Gesellschaft darüber die Nase gerümpft, daß ich mich in anderer, als der vorschriftsmäßigen
Weise, dem sogenannten
Volk näherte, oder man sagte mir, wie um mich zu entschuldigen:
„Sie machen dann wohl Studien?"
Ach nein, so ist das nicht! Ein Schriftsteller, der bewußt sein Volk studiert, wird es nicht weiter bringen, als ein Emile Zola, nämlich zu los« verbundenen Einzelheiten. Leben muß man darin, ganz darin aufgehen, sich als eins mit feinem Volke fühlen, um etwas so Großes zu schaffen, wie es Jeremias Gotthelf glückte.
— Das ist das Bekenntnis eines einzelnen Einsamen, der vor dem Krieg wider eine Welt stand — heut ist es längst unser aller Glaubensbekenntnis, ist Gegenwart und Zukunft geworden im neuen Deutschland; und weil, uns allen voran, Hermann Löns also fühlte; darum lieben wir ihn mit allem jugendlichen Feuer, das in uns lodert und weiterlodern wird, ganz gleich, ob wir nun einen blonden oder altersweißen Schopf durch die neue Welt tragen. Das Volk hat es seit je geahnt, wie sehr Löns sein eigenstes Teil war! Deshalb klingen seine Lieder über die Heiden und durch die Straßen der Städte, deshalb hält ihm eine ganze Jugend in ihren Herzen die Ehren- und Totenwacht, solang ein Deutschland leben wird auf dieser Welt — ewiglich...
Das Erab im Westen.
Bei Loivre, zwanzig Kilometer von Reims, wurde Hermann Löns von seinen Kameraden im Jahre 1914 beigesetzt, in einem Einzelgrab. Deutsche Kriegsgefangene fanden die Stätte im Dezember 1919 wieder, sehr verwahrlost, nur die Worte waren auf dem umgesunkenen Kreuz noch zu lesen:
„Hier ruht in Gott Kriegsfreiw. Herm. Löns. — Gefallen auf Patrouille September 1914."
Man grub den toten Dichter aus,
les Hermovillers. Später wurden die Ueb er teste der Gefallenen von
diesem Friedhof nach Loivre verlegt — auch Löns wurde in ein Massengrab gebettet — und von diesem Tag an wußte man nicht mehr, wo er nun ruhe — bis im Mai des gegenwärtigen Jahres endlich die Nachricht kam:
„Der Zentralnachweis für Kriegsverluste und Kriegergräber in Spandau hatte seit langem die Nachforschungen nach dem am 26. September 1914 bei Loivre, etwa 20 Kilometer nordwestlich von Reims, als Kriegsfreiwilliger in den Reihen des Füsilierregiments 73 gefallenen Volksund Heidedichters Hermann Löns auf Grund der früheren Vermutungen und Nachrichten fortgeführt. Jetzt endlich ist es dem Amt gelungen, das gesuchte Grab
Das Heim des Heidebauern
zu ermitteln. Bek den französischen Um« bettungsarbeiten in der Gegend von Loivre wurde auf dem Gefechtsfeld des 26. September 1914 ein deutscher Toter mit der Erkennungsmarke Nr. 309 des 4. Füsilierregiments 73 geborgen. Als einziger Träger dieser Erkennungsmarke wurde mit Hilfe der Kriegsstammrolle der Dichter Hermann Löns festgestellt. Seine sterblichen Ueberreste sind vom französischen Eräberdienst auf dem deutschen Militärfriedhof Loivre im Grab Nr. 2128 zur letzten Ruhe gebettet worden." —
Unser Bild zeigt die soeben erstmalig aufgenommene Photographie eines unserer Mitarbeiter, der die deutschen Heldenfriedhöfe in Frankreich besuchte.
W.F.S.
Das Lönsgrab bei Loivre in Frankreich