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Zul-aer Mzeiger

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Friedrich Ehrenklau, Lauterbach/H. Haupt- v auf Nachlaß.DA." 1W0. Verantwort!, für den

Hriftletter: Friedr. Ehrenklau, Fulda, Königftr. 42. Re-aktion UN- Geschäftsstelle: Könl-straKe 42 4 Zernfprech-Hnfthlvß Nr. 2»r- Anzeigenteil Ferdinand Ehrenklau, Lauterbach-H.

Nr. 176 1934

Fulda, Dienstag, 31. Juli

11. Jahrgang

was österreichische Flüchtlinge erzählen

Schreckensregiment

Ser Heim« und Ortswehren.

Augenzcugenberichte von Flüchtlingen.

Flüchtlinge, die die österreichische Grenze nach Ungarn überschritten, wisseri davon zu melden, daß die letzten

in Lsterrcich ein wahres Schreckensregiment der Heim- und Ortswehren gezeigt haben.

Die 144 ehemaligen Vundesangehörigen und Polizei- beamten, die am 25. Juli das Bundeskanzleramt b c s e t h a t t e n und denen man in Kenntnis des Todes von ^r Dollfuß freies Geleit zusicherte, wurden zunächst in die Marokkaner-Kasernen der Polizei-Alarmabteilun- aen gebracht. Von dort schaffte man sie in die Notarreste der ehemaligen Fabrik Armbruster, wo sie den

schwersten Mißhandlungen

ausgesetzt waren. Zum Teil handelte es sich hierbei um reine Racheakte, zum Teil versuchte man, auf diese Art Geständnisse zu erpressen.

Um den Leiden seiner Gefährten ein Ende zu machen, legte der ehemalige Stabsfeldwebel des Bundeshecres, Plänetta, ein 35fShriger Frontsoldat mit besten Füh­rungszeugnissen, das Geständnis ab, er habe auf Dollfuß geschossen. . .

Die 14 Leute, die das Gebäude der österrerchr- schen Rundsunkgesellschaft erstürmt hatten, wurden nach Berichten ausländischer Augenzeugen so mißhandelt, daß sie blutüberströmt und bis zur Unkennt­lichkeit entstellt weggetragen wurden. Nur vier wurden in die Gefängnisse eingeliefert, über den Verbleib der übrigen konnte nichts in Erfahrung gebracht werden. Man befürchtet,

daß sic ermordet wurden.

Die Kämpfe, die in den letzten Tagen im ganzen öster­reichischen Bundesgebiet aufflammten, waren, wie die Flüchtliugsberichte ergeben, viel umfangreicher und Wpcrer als man ursprünglich annahm. Die Angaben amtlicher österreichischer Stellen, die die Zahl der Toten auf beiden Seiten mit etwa 300 beziffern, dürften durch die Ereignisse leider schon überholt sein.

Die Hcimwehren Haussen nach den Flüchtliugsberichten im ganzen Lande barbarisch. In Niederösterreich, wo vor zwei Tagen keine Kämpfe stattfandcn, wurden mehrere tausend Personen verhaftet. Man brachte sie in Turnhallen und Sälen unter, wo sie

nicht einmal Platz zum Liegen hatten.

Sic erhalten nichts zn essen, ihre Notdurft müssen sie in den Ecken der Räume verrichten.

Die Zahl der allein in Niederösterreich bei den Geiscl- aushcbungcn Ermordeten wird von feiten der Flücht­linge auf 100 geschätzt.

In Wien verschleppten Rollkommandos der Heimwehr bekannte Nationalsozialisten und mißhandelten sie schwer. Auch dabei sind eine Reihe von Toten zu 1 beklagen.

Große Erregung in der Bevölkerung ries auch die Nachricht hervor, daß Heimwehren und Sturmscharen in 1 Steiermark

ein Massaker veranstalteten,

^ei dem über 70 Personen ermordet sein sollen. Unter den am Pbrhnpaß Getöteten befinden sich eine Wirtin und : deren zwei Kinder.

. In Kärnten wurde nach den Berichten der Flüchtlinge cm Befehl der Heimwehrführung bekannt. Er lautete:Die Nationalsozialisten sind zu dezimieren. Es gibt nur Kops- »der Bauchschüsse."

Tatsächlich wurden von Augenzeugen außerordentlich M Bauchschüsse festgestellt, und es liegen zahlreiche -Weisungen über Mordtaten vor.

'Oii einer Kaserne in Linz, wo übrigens 600 Geiseln ausgchoben wurden, wurden drei Nationalsozialisten ans Haslach ermordet. In Salzburg sollen Leute auf den ë'Wien angehalten worden sein, um, wenn man in ihnen Nationalsozialisten zu erkenucn glaubte, an die -iband gestellt und erschossen zu werden.

... Aus Wien kommt die Meldung, daß die meisten «affen der Aufständischen aus bem Bundeskanzleramt

wie der österreichische Rundfunk behauptete, rcichs- acutscher Herkunft sind, sondern ebenso tute die Monturen aus österreichischen staatlichen Lagern stammen und öster- rclchischer Herkunft sind.

Geflüchtete Reisende, die Österreich in hellen Scharen verließen, berichteten von der Sprengung und Zerstörung von Starkstromleitungeu, Bahn- und Lichtanlagen im ganzen Bundesgebiet. In Klosterneuburg bei Wien yliebe der Universitätsprofessor und frühere christlich- lopale BniidcsratSabgcordncte Dr. Hugelmann, dessen g i 0 ß dentsch c Gesinnung bekannt ist, von Heimwehrcu verhaftet und schwer mißhandelt.

Man schlug ihn, sämtliche Zähne ein.

* liegt im Spital schwer danieder. Die Erekntivc, mveu es sich nicht um die Formationen der H c i in * f 0 r c n unb der Stnr m s ch a r c n handelt, ist über- J verdrossen. Sie sieht den Grausamkeiten und beteten mit Abscheu, aber untätig zu. Die mili- Aktionen und die geschlossenen Kampfhandlungen scheinen abgeschlossen und beendet zu sein.

P 'X'WiKu flackert unter dem Eindruck der furchtbaren ^w^ten der Ortswehren und der Heimwehren da

10 vvrr immer wieder ein aus der Verzweiflung des

gemarterten Volkes kommender Widerstand auf, so daß das ganze Land ständig in Unruhe und Bewegung ist.

Nach Meldungen aus Salzburg erschien in Radstadt nach den Kämpfen am 26. Juli der berüchtigte Heimwehr­führer Farinelli, verhaftete 34 wegen ihrer nationalen großdeutscheu Gesinnung bekannte Männer, stellte sie am Radstädter Hauptplatz zusammen und erschoß sie mit dem Maschinengewehr, welches er eigenhändig bediente. Eben­so wurden in Nnthering (Salzburg) sieben Knechte eines Großbauern unmittelbar nach den Kämpfen von ihren landwirtschaftlichen Arbeiten weggeholt und vor dem Hause des Bauern niedergeknallt. Wie ein Reisender als Augenzeuge berichtete, lagen aus der Straße von Obern­dorf nach Lambrechtshausen noch am 29. Juli achtzehn Leichen der am Aufstand beteiligten Kämpfer, deren Abtransport von der Heimwehr verhindert wurde. Den Angehörigen der Ermordeten wurde jede Annäheruna von der Heimwehr verboten.

*

Vtrzwtiflongslâmvfe an Ser söSstawhchtn Grenze.

Die südslawischen Blätter berichten ans W a r a s d i n in Kroatien, daß dort ein großesLager für die österreichischen Aufständischen, die die südslawische Grenze überschritten haben, errichtet ivirb. Man rechnet damit, daß 800 bis 1000 Mann untergebracht werden sollen. Bisher sind, wie bereits gemeldet, etwa 500 eingetroffen. Sie wohnen vorläufig in einer Schule. Sämtliche Blätter haben Berichterstatter nach Warasdin entsandt rmd ber« öffentlichen jetzt

Unterredungen mit einzelnen Aufständischen.

Aus den Berichten geht übereinstimmend hervor, daß die Revolte in Österreich nicht vorbereitet war, sondern bei den Aufständischen selbst die größte Überraschung aus­löste. Die Flüchtlinge stammen aus dem Lavantale in Kärnten und haben an den Kämpfen um Wolfberg teil« genommen. Sie erzählen, daß si"

durch ein Manöver des BundesheercS zum Rückzug gezwungen

worden seien. Nachdem das erste große Gefecht mit den Bundestruppen unentschieden verlaufen sei, habe ihnen der Kommandant einen Waffenstillstand anaebsten, um Verhandlunaen ehuuleiten. Die Aufständischen hätten das Angebot angenommen, weil sie hofften, weiteres Blutvergießen vermeiden zu sönnen. Als die Zeit ab­gelaufen war, habe sich aber herausgestellt, daß aus Wien unterdessen

ein neues Bataillon des Bundeshecres auf Motor­räder«

herangezogen worden war, das die Aufständischen im Rücken augriff. Diese hätten sich nunmehr zurückziehen müssen, aber mit der Absicht, sich hart an der südslawischen Grenze zu verschanzen. Dabei sei eine Gruppe von 500 Manu aus Versehen auf südslawisches Gebiet geraten und habe die Waffen ablegen müssen. Eine andere Gruppe habe knapp an der Grenze Stellungen beziehen können unb setze den Kamps fort.

Neue Putschgefahr in Wien?

Am späten Sonntagabend wurde durch Polizei- funk für ganz Wien die höchste Alarm- b e r e i t s ch a f s st » f c ungeordnet. Sofort setzten sich überall stärkere Polizciabteilungen in Bewegung und besetzten wiederum alle öffentlichen G e - bäu de. DaS B u n d c s k a u z I c r a m t wurde durch Spanische Reiter und M a f ch i n e n g c we hre ganz besonders gesichert. Sogar das Fourualistcnzimmer im ' Haupttelegraphenamt, das weder während der Februar-Unruhen noch während des letzten Putsches jemals befett wurde, hatte eine Abteilung schwerbewaff­neter Polizisten als Besatzung bekommen.

Die Gründe zu diesen Maßnahmen sind zunächst mcht ganz klar. Es hieß, daß einerseits die Hcimwehren einen Handstreich planen, um die neue Regierungs­bildung, insbesondere die Wahl des Bundes­kanzlers, unter W a ff e n d r u ck zu halten und in Lsterrcich eine h c i m w c h r - f a s ch i st, s ch e Diktatur ausznrufcn; andererseits hieß es, daß auch die Nationalsozialisten alarmiert wurden.

300 Rebellen in einer Felsschlucht.

Kämpfe in Kärnten noch nicht beendigt.

Ein interessanter Bericht traf aus Kärnten ein. Während im allgemeinen die Ruhe im ganzen Bundes­gebiet wiedcrhergestellt ist, haben sich 3 00 Aufstän - vlsche unter FUbrung des Gräflich Tyurnschen Försters Josef Wölz auf dem Rabenstein an einer steilen Fels­kuppe an der südslawischen Grenze festgesetzt. Sie weigern sich, sich zu ergeben und haben die fast nncin- nehmbare Felsstellung schwer verschanzt. Von südslawi­scher Seite aber, wo der Zugang leichter ist, werden sie

von den Bewohnern mit Nahrung versorgt.

Die Heeresgruppen haben Parlamentäre zu Wölz geschickt mit der Aufforderung, er möge sich ergeben. Wölz wies

Berichte aus den Grenzgebieten bestätigten, daß in Körnten tatsächlich noch gekämpft werde. Man halt« aber die Lage nicht für sehr aussichtsreich, da ihnen an Lebensmitteln mangele und die südslawische Regie­rung die Grenze hermetisch abgesperrt habe.

*

Eine Erklärung der südslawischen Gesandtschaft.

Die südslawische Gesandtschaft in Berlin teilt mit:

Gegenüber den Ereignissen in Österreich ist der Stand­punkt der südslawischen Behörden v 0 l l st ä n d i g korrekt. Es wird eine strenge Kontrolle an der Grenze borgenommen, und von irgendwelchen Zwischenfällen oder Provokationen kann keine Rede sein. Bisher sind 700 österreichische Flüchtlinge auf der Linie MariborDravo- grad (Marburg Drauburß) mit 200 Gewehren, einem Maschinengewehr und einigen Revolvern festgenommen, sofort entwaffnet und interniert worden.

Obwohl der Standpunkt eingenommen wird, daß die Vor­

gänge in Österreich streng

nnenpolitischen Cha

rakters sind und während alles getan wird, um die guten nachbarlichen Beziehungen zu Österreich nicht zu verletzen, ist die südslawische Regierung der Ansicht, daß im Falle besonderer Verwicklungen einzig und allein der Völkerbund z u st ä n d i g ist, um über die öster­reichische Frage als internationales Problem zu ent­scheiden.

Jede andere einseitige Maßnahme bzw. eine Inter­vention wäre eine Verletzung der Friedensverträge und könnte weitere Folgen hervorrufen. Etwaige Unter - stellungen bzw. Entstellungen hinsichtlich des Verhaltens südslawischer Behörden Lsterrcich gegenüber werden aus das entschiedenste zurückgewicsen.

B

Reichspräsident von Hindenburg ernstlich erkrankt.

Neudeck, 9.50 Uhr vorm. (Funkmeldung.) Der Herr

Reichspräsident, der seit einigen Monaten an einer leidsten Blasenerkrankung leidet, hatte in Neudeck wesentliche Erholung gefunden. Zn völliger geisti­ger Frische und erfreulicher körperlicher Rüstigkeit erledigte er seine Dienstobliegenheiten und war noch gestern in der Lage, Vorträge entgegen zu nehmen. Eine leichte körper- li ch e Schwäche, die sich seit einigen Tagen bemerkbar machte, hat in der letzten Nacht zugenommen. Bei dem hohen Alter des Herrn Eeneralfeldmarschalls ist daher ernste Sorge begründet. Die behandelnden Aerzte sind in Ncndeck anwesend; fortlaufende Berichterstattung wird erfolgen.

öteic» Ansuchen ab und erklärte, daß er bestimmt wisse, die Sache der Aufständischen stände knapp vor dem Siege. Es lausen Verhandlungen zwischen der österreichischen und der südslawischen Regierung, um die Einsetzung von Artillerie aus österreichischer Seite zu ermöglichen. Die Möglichkeiteiner G e * fange K nah m e besteht überhaupt nicht, da eine Umzingelung der Aufständischen nicht durchgeführt werden kann. Man will die Aufständischen nun auf südslawisches Gebiet drängen.

Weiter wird an§ Kärnten gemeldet, daß bic Ver­luste der Aufständischen bedeutend sein sollen. Die Zahl der Gefangenen soll nicht sehr groß sein, da sich cm großer Teil der Aufständischen in die Berge flüchtete, um von dort auf geheimen Wegen und unerkannt wieder in ihre Heimatgemcindcn zurückzukehren.

Was plante Rintelerr?

Das Befinden des ehemaligen österreichischen Ge- zandteu in Rom, Dr. Rintclen, hat sich gebenert ^er Verdacht für seine Mitwisserschaft, wenn nicht Mitschuld an der Verschwörung gegen die Regierung ist schwer, ^or seiner Abreise aus Rom soll Rintclen M u s s 0 l i n t einen Reformplan über die Neubildung der Regierung in £ ster- reich vorgelegt haben, die er selbst habe führen wollen. In dieser Regierung Rintelen sei die Mitwirkui-g der Nationalsozialisten vorgesehen gewesen.

Nr. Kinfeien polizeilich vernommen.

^er Gesandte Dr. Rintclen ist 311m ersten Male tm Krankenhaus polizeilich vernommen worden. Der Zu stand Dr. Rintelens soll ft* so weit gebessert haben, daß seine Vernehmung möglich war. Man hofft, durch die Aussagen Dr. Rintelens, die stenographisch ausgezeichnet werden, weitgehend die Z u s a m meybänge des Aus­standes :u klären.