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Ire Schrüsalsschlacht bei Tannenberg

Genie gegen Masse. - Durch Nacht zum Sieg. - Riitsel und Wunder. -

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Dämmers-Pressedienste GmbH, Berlin W 35, Regentenstr. 20

Spieler und Gegenspieler.

Von

ALFRED H. TROSS

Das eiserne Spiel hebt an.

In leuchtender Pracht steigt der August des Jahres 1914 herauf. Gleichzeitig senkt et ein schweres Schicksal über unser Vater­land: Krieg! Zunächst gilt es, nach zwei Fronten hin die Heimat zu schützen. Und Deutschland ist darauf seit langem vorbe­reitet; der geniale Generalfeldmar- schall v. Schliessen hat schon vor Jahren die Parole ausgegeben: Angriff im Westen Abwehr im Osten! Und auf die­sen Schlieffenschen Plan greift der E e n e - ralstabschef v. Moltke sofort zurück. Alle verfügbaren Kräfte werden im Westen gegen Frankreich eingesetzt, um diesen Feind mit stürmischem Elan zu überrennen. Im Osten, in Ostpreußen, im Gebiet östlich der Weichsel werden nur die als zum Schutz der dem russischen Zugriff besonders aus­gesetzten Landesteile unumgänglich not­wendig erachteten Truppen belassen.

Die Schicksalsschlacht von Tannenberg in ihren Ausmaßen, ihrer genialen Anlage und als Erlösung von schwerster Gefahr recht zu verstehen, müssen zunächst einmal nüchterne Tatsachen gegeben werden. Es sind diese:

Vorgehende Kavallerie überholt den »Heereswurm« Ufa

Hinter einem Schleier schwacher Erenz- sicherungen versammelte sich zum Schutz seiner heimatlichen Fluren das 1. Armee- Korps bei Gumbinnen und Insterburg; das 1. Reserve-Korps stand bei Angerburg- Nordenburg, das 20. Armee-Korps bei Al­lenstein, das 17. bei Soldau; die 1. Kaval­lerie-Division setzte bei Kriegsausbruch so­fort über die Grenze.

. Diese wie eine Kordonstellung aus fride- ttzianischer Zeit anmutende weitläufige Verteilung der Truppenkörper 8. Armee genannt erlaubte dem Oberkommandie- ttnden im Osten, dem General von Prittwitz, die ihm unterstellten Divi- tzonen nach eigenem Ermeßen dort zu ver- ??Mn, wo der drohende Einfall der ge- wrchtèten russischen Schwadronen und Ba- lmlone zuerst Abwehr und Angriff heischte. . Rußland entsandte gegen Ostpreußen so- zwei gewaltige Heeressäulen. Die eine,

Richtung Kowno aufbrechend, unter­band dem General Rennenkampf und brach bei Stallupönen über die Grenze. >'hr wurde die deutsche Hauptmacht ent- b°5engesandt. Alsbald entwickelte sich Ee- W auf Gefecht, die Deutschen hielten stand schlugen meist die Rußen, aber der Femd füllte seine Verbände auf und drückte

ungeheuren Maßen gegen Königsberg

Als finsterste Bedrohung wuchtete aus s2!.chtung Warschau gegen die ostpreußischs «udostgrenze eine zweite Armee unter dem weneral Samsonow heran mit dem Zrel, ebenfalls die Deutschen gegen Nor-

Ostsee zu drücken, sie westlich z überflügeln, in einen Keßel zu treiben, ""Nichten dann war es um Ost- Preußen geschehen und der Weg nach Berlin frei.

Die nächstdrohende Gefahr war die Ar­mee Rennenkampf, die bereits auf deut­schem Gebiet sengte und mordete. Ihr einen Damm entgegenzusetzen war erstes Bedingnis. Und daraus entwickelte sich Vorspiel und Voraussetzung zu Tannenberg:

Die Schlacht bei Gumbinnen.

Ein Feldpostbrief aus jenen schweren Tagen des bedrohten Ostpreußens erzählt:

Kaum war die Kriegserklärung heraus, da fielen ganze Erenzdörfer den Russen zum Opfer; die Muschiks und Kosaken führten sich als Mordbrenner auf. Wagen, überlastet mit Vertriebenen und Flüchtlin­gen, suchten in Gumbinnen Schutz. Schon am 2. August durcheilte die schauerliche Kunde die Stadt:Die Russen sind bis zur Nominier Heide vor­gedrungen!" Am 3. waren sie in Eydt- kuhnen. In wahren Heeressäulen wälzten sich die Flüchtlinge zurück und drohten die Anmarschwege der deutschen Truppen zu verstopfen. Die Stadt war zum Heerlager geworden, Verband auf Verband durch­stürmte die Straßen und wandte sich ost­wärts.

Und nun kamen die beiden Tage, Mitt­woch und Donnerstag, der 19. und 20. Au­gust, die Tage der Schlacht bei Gumbinnen, die sich im nördlichen und östlichen Teil des Kreises abspielte. Bereits am Dienstag sah man ganze Kolonnen hinausrücken. Der Feind war sengend und brennend durch die Kreise Pillkallen, Ragnit und Stallupönen in Ostpreußen eingefallen, hatte sich stark verschanzt und harrte des Angriffs.

Der Kampf beginnt.

Mittwoch früh. Ferner Kanonendonner kündigt den Bewohnern an, daß beide Par­teien im Vorgehen gegeneinander begriffen sind. Gegen Mittag, wird das Getöse im­mer lauter und vernehmbarer, und ich be­gebe mich auf einen erhöhten Punkt außer­halb der Stadt, um diesem grausigen Schau­spiel als Beobachter beizuwohnen. Dort finde ich bereits eine große Schar von Zu­schauern, teils mit Gläsern bewaffnet, teils mit Karten. Schwarze dicke Wolken stei­gen hinter einem Walde vor mir auf, dort muß ein großes Gut durch Granaten in Brand gesteckt sein. Die Brandstellen meh­ren sich, und das Knattern der Gewehre

und Maschinengewehre wird immer hef­tiger vernehmbar.

Allmählich senkt sich die dunkle Nacht auf die von wildem Kriegsgeschrei erfüllten Fluren. Blutrot färbt sich der Himmel, der ganze Horizont gleicht einem gewalti­gen, schier endlosen Feuermeer. Dazwischen sieht man weiße kleine Wölkchen aufsteigen, die von den zerplatzenden Granaten und Schrapnells herrühren.

Ich verlaße meinen Posten. Doch selbst in der Nacht ruht der tobende Kamps nicht. Am Donnerstag in aller Frühe vernimmt die Einwohnerschaft von Gumbinnen von neuem das Brüllen der großen Haubitzen, die nun in den Kampf eingegriffen haben. Lange Reihen von Munitionswagen, die unentwegt die todbringenden Geschoße im scharfen Trab heranschaffen, beleben die drei Kunststraßen nach Tilsit, Pillkallen und Stallupönen, und lange Züge von russischen Gefangenen werden bereits nach der Stadt zum Abtransport mit der Bahn zum Bahnhof oder den leerstehenden Ka­sernen geführt.

Ich bin schon wieder auf meinem Veob- achtungsposten. Vor mir breitet sich das weite Schlachtfeld in ganzer Größe aus. In weiter Ferne bei den Dörfern Sprin­gen, VrakupLnen, dem Remontedepot Kat- tenau und den Nachbardörfern, deren Ein­wohner schon lange ihre Heimstätten ver­lassen haben, wogt der Kampf, der um 12 Uhr vormittags seinen Höhepunkt erreicht. Wie die Figuren auf einem Schachbrett bewegen sich die einzelnen Truppenmaßen hin und her.

Jetzt saust in Sturmeseile auf ihren schnellen Roßen eine deutsche Kavallerie­brigade quer über das Schlachtfeld, um eine Attacke auszuführen, und verschwin­det, umhüllt von einer undurchsichtigen Staubwolke, in weiter Ferne. Erst nach drei Tagen soll sie mit einer großen Zahl gefangener Russen wieder zurückgekehrt sein.

Ich hatte mich wohl zu weit vorgèwagt, geriet in die Feuerlinie der rechts von der Chaussee nach Stallupönen auffahrenden Artillerie. Da kommt mit einem Male Leben und Bewegung in die langen Züge von Munitions-, Bagage- und Gepäck­wagen. Zurück nach der Stadt! Die Schrap­nells fliegen über die Chaußee und unsere Köpfe hinweg.

Aber als das Ergebnis der mörderischen Schlacht und Donnerstag, den 20. August, nachmittags, bekannt wurde, als allein durch Gumbinnen fünftausend russische Ge­fangene trotteten, ohne den Blick von der Erde zu erheben, wurde manches Auge

feucht. Unsre Feldgrauen hatten Wunder von Tapferkeit verrichtet.

Und dennoch: Rückzug?!

Die Schlacht stand günstig, fest waren die Deutschen in die Rußen verbißen, von denen ungefähr sechzig Mann auf einen Deutschen kamen. Da meldeten deutsche Flieger:

Russische Heeressäulen aus Richtung Warschau gegen Linie OrtelsburgSoldau im Anmarsch!"

Die furchtbare Bedrohung aus dem Süden naht; die Armee Samso­now drückt nach Norden, versucht die Um­gehung von Westen her. Die 8. Armee kann von ihren rückwärtigen Verbindun­gen abgeschnitten werden. Wenn sie die Armee Rennenkampf nicht sofort endgültig vernichtet, um sich dann auf Samsonow zu werfen, droht der einzigen Armee des Ostens ein vernichtendes Sedan.

General v. Prittwitz verliert die Nerven.

Er glaubt nicht mehr an die Möglichkeit einer Vernichtung der Armee Rennen-

Generalstabschef von Moltke

kampf, obgleich die Schlacht bei Gumbinnen günstig steht. Immer wieder Drahtgespräche mit dem Großen Hauptquartier in Koblenz. Gesuche um frische Truppen Gesuche, denen leider Moltke stattgibt! Truppen­verbände werden aus der Westfront gelöst; sie kommen nicht einmal mehr zum Ein­greifen in die Schlacht von Tannenberg; diese Eigantenschlacht vollendet sich auch ohne sie; aber sie fehlen alsbald an der Maine man geht kaum fehl mit der Behauptung, daß ihre Abwanderung nicht nur die Marneschlacht, sondern damit in­direkt sogar den Ausgang des Weltkrieges entschieden hat!

Moltke warnt und warnt vor übereilten Entschlüssen. Aber Prittwitz läßt nicht mehr mit sich reden; er ahnt Katastrophen; er will seine Armee erhalten: er gibt den Rückzugsbefehl !: Abbrechen der im günstigen Stadium befindlichen Schlacht bei Gumbinnen und Rückzug der ganzen Armee über die Weichsel:

Ostpreußen ist preisgegeben!

Die Unterführer sind verzweifelt, glau­ben an den nahen endgültigen Sieg; aber sie müßen gehorchen. Also: zurück. Und in die Schrecken des Rückzugs mischt sich das Elend der von Haus und Hof ver­triebenen Flüchtlinge. Wagen auf Wagen verstopft die Chausseen, letzter Hausrat wird mitgeschleppt: Betten, Truhen, ein bißchen Vieh. Weinen und Jammern. Und: Platz für die Truppe! Herunter von der Straße!" Die Truppe ist wichtiger. Und das Chaos ist da, alles scheint verloren.

Der Gegner wundert sich, als am 21. der weitere Angriff der Deutschen ausbleibt. Was ist denn mit den Deutschen? Er fin­det sich nicht zurecht und er rührt sich nicht, er posaunt nur einen riesigen Sieg nach rückwärts, in die Heimat, nach Peters­burg.

Der entscheidende Entschluß des Hauptquartiers.

In Koblenz herrscht Unwillen und Ver­störung über die im Gang befindliche Preis­gabe Ostpreußens. Moltke meldet dem Kaiser:

Prittwitz hat den Kopf verloren, über­sieht die Lage anscheinend nicht mehr. Ich schlage vor"

A b b e r u f e n!"

schlage vor als neue Männer: Ober­kommandierender im Osten General a. D. v. Beneckendorf und Hin­denburg, Hannover. Chef des Stabes: General Ludendorff. Majestät er­innern: Lüttich"

Veranlaßen Sie das Weitere!"

So wird Prittwitz mit feinem Stabschef Waldersee abberufen werden die neuen Männer zur Rettung des deutschen Ostens entsandt. Und damit geschieht die große Wende; die größte Genietat der Kriegsgeschichte aller Zeiten, die Um« gehungs- und Befreiungsschlacht von Tan­nenberg dämmert herauf.

(Fortsetzung folgt.)

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