Aus wahren Erlebnissen zusammengestellte Tatsachenberichte vom deutsch-holläw
bischen Schmuggelwesen.
Von Peter Wilhelm Stoll
Ort der Handlung: die deutsch-holländische Grenze. Zeit der Handlung: 1928 bis 1931.
Verdutzt sah der Zöllner auf und be-
ihm
exi-
! ich zuge-
Im Namen des Volkes!
Lange bange Wintermonate hatte bereits im Untersuchungsgefängnis ;
merkte mich. Zwei Minuten später ging ich mit hocherhobenen Händen, die Zähne vor Schmerz zusammengebissen, vor
(12. Fortsetzung.)
Ich lag an derselben Stelle, an der ich vor Jahren meine Feuertaufe überstanden hatte, deren Eindrücke für mich bleibende waren. Nie, bis ans Ende meines Lebens, werde ich jene Nacht vergessen.
Im letzten Zwielicht der Dämmerung glänzte die asphaltierte Straße wie ein silbernes Band. Nichts rührte sich. Die Strecke war menschenleer. Jenseits ragte der Wald trotzig und gespenstisch in die Höhe. Wenn wir den erreicht hatten, war alles in Ordnung.
Zehn Minuten lang war nichts zu sehen. Dann blitzten von weit her die Lichter eines Kraftwagens auf, verschwanden wieder, um wenige Minuten später in der letzten Kurve vor uns abermals aufzu- tauchen. Gleich darauf fuhr in rasendem Tempo ein Auto an uns vorüber, ein langer, schwarzer, nur mit Tuchverdeck geschlossener Wagen. Von Insassen war nichts zu bemerken, da die Celloloisscheiben des Allwetterverdecks keinen Blick in das Innere des Wagens gestatten. Und doch kam mir der Wagen so merkwürdig bekannt vor. Meine Gedanken wanderten. âraeudma-.una-irgenowann WM mir dieses Auto unangenehm begegnet.
In einer nahen Ortschaft läutete man eben das „Ave Maria".
Nach geraumer Zeit fuhr derselbe Wagen in langsamerem Tempo die Strecke zurück und verschwand in einer, oberhalb der Straße liegenden unübersichtlichen Kurve.
Die Dunkelheit war in erstaunlich kurzer Zeit hereingebrochen. Das nasse Erdreich klebte in Klumpen am Leibe.
Jetzt tauchte wieder ein Wagen in der Kurve auf, ein holländisches Eemüseauto, das fauchend und ächzend an uns vorüberhumpelte. Bald war es in der Finsternis untergetaucht.
Unheimliche drückende Stille herrschte. Noch einige Minuten höchstens, dann weckte mich ein scharfes Flüstern. Von vorne kam leise das weitergegebene Kommando, vorwärts.
Wir sprangen auf und liefen der Straße M, dem Verderben entgegen. Nackt und kahl lag sie vor uns. Da bog in einem höllischen Tempo der lange schmale Wagen durch die Kurve. Eine Sirene heulte auf. Ein zwei Scheinwerfer erhellten mit einem Schlag das umliegende Terrain tageshell. Ätzt wußten wir, was die Glocke geschlagen hatte.
Zollfahndung A..., rette sich wer kann.
»Durchbrechen, auseinander stieben, nicht zusammen bleiben! brüllte der lange Peter "om linken Flügel herüber.
sollte sein letztes Kommando sein.
Vor und hinter uns lag einige hundert -Nater weit, fast freies übersichtliches Ee-
■ Knapp zwanzig Meter vor uns wlug der Wagen der Zollfahndung knirr- Mnd seine Bremsen an. Heraus stürzten acht oder zehn Beamte in Zivil.
»Auge um Auge, Zahn um Zahn" hallte ^ uoch einmal in mir.
Dann schallte eg kurz und hart über die Straße: „Halt! Zollfahndung! .Stehen bleiben oder wir schießen!"
einmal zeigte Kolonne A... zum letzten Mal, was sie in vier gefahrvollen Jahren an Erfahrungen gesammelt hatte, âe Spreu spritzten wir auseinander, um kein Ziel zu bieten und die Verfolgung zu erschweren.
Dann schossen sie los, als- ob die Welt unterginge. Ohrenbetäubender Lärm zerriß die nächtliche Stille. Die Kugeln zersetzten den Ackerboden, daß der Dreck nur so um die Ohren spritzte. Ich rannte, rannte! —
Jetzt auch Gewehrschüsse. Deutlich waren sie von dem helleren Ton der Pistolen zu unterscheiden.
Als ich mich nach links wandte, sah ich noch gerade, wie der lange Peter mit noch zwei anderen überwältigt wurde. Hinter mir lief Manès und fluchte in einem fort. Nun krachten auch drüben am Waldrand die Schüsse los.
Umzingelt? — Nein, noch war die Heide offen. Aber dahinter harrte der Sumpf und das würden die Zollbeamten wohl in ihren Plan eingerechnet haben.
Ein Stoß ließ mich zur linken Schulter greifen. Ich zuckte zusammen. Eine Kugel hatte mir den rechten Traggurt durchschlagen, der nunmehr nur noch an der linken Schulter baumelte, so daß mir die Traglast bei jedem Sprung gegen den Rücken schlug.
Ich warf meinen Packen ab. Es war mein letztes Geld, aber es ging um mehr, um das nackte Leben.
Da schrie jemand hinter mir auf. Als ich mich umwandte, sah ich, daß der Stief hinfiel. Er mußte eine Kugel in den Rücken bekommen haben. Er schrie jämmerlich.
Zu drei oder vier Mann, wir mußten wohl die Ueberreste der Kolonne A... bilden, flohen wir zurück in die Heide. Der hohe Ginster bot wenigstens etwas Schutz. Auch Manes hielt tapfer durch. Es war kaum zu glauben bei seinem Alter und seiner Verwundung.
Plötzlich verlor ich den Halt und strauchelte. Kopfüber fiel ich in ein Sandloch. Ein messerscharfer Schmerz durchzuckte mein Bein. Ich wollte aufspringen und meine Flucht fortsetzen, sank aber, von einem unerträglichen Schmerzgefühl gepeinigt, wieder zurück. Ich hatte mir den Fuß verstaucht.
Nun war es aus. Instinktiv preßte ich meinen Kopf ins Gras, preßte den Körper dicht an den Boden.
Ein hohes, von starren Mauern umgebenes Gefängnis, huschte blitzartig, an mir vorüber.
Nur das nicht, nur nicht gefangen werden.
Schwere Schritte stampften durch den Ginster, kamen näher. Ein Zollbeamter kam geradewegs auf die Stelle zu, an der ich kauerte. Er schoß fortwährend. Noch einmal versuchte ich, mich zu erheben. Es ging nicht. Jetzt war er am Rand der Grube angekommen.
Ich betete: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns... jetzt und..." —
Der Beamte war vor der Grube stehengeblieben, die Maschinengewehrpistole auf seinen linken Arm gelegt und feuerte schnell hintereinander eine Anzahl Schüsse hinter den fliehenden Schmugglern her. Noch hatte er mich nicht bemerkt. Ich könnte ihn an den Beinen in die Grube ziehen.
Nun hatte er den Patronenstreifen leergeschossen, zog ihn heraus und warf ihn mit einem Fluch weg.
Bei dieser Handbewegung schloß ich die Augen.
Ein dumpfer Schmerz durchfuhr mich.
Der leere Patronenrahmen hatte mich mit aller Wucht an den Kopf getroffen. Ein Aufstöhnen fuhr mir über die Lippen.
Stunden später wurde ich zur Ver-
Einlge
handlang in den Gerichtssaal gelillirt.
her, dem Auto zu.
Kolonne A... hatte aufgehört zu stieren.
bracht. Eine Zeit voller Qual und Bitterkeit und manchmal auch einem Gefühl, das die Menschen Reue nennen. Stumpf und eintönig schlichen die Stunden, Tage und Monate dahin.
Untersuchungshaft!
In vier Tagen sollte die Hauptverhandlung sein und mit ihr die Bilanz der Kolonne A.
Durch einen „Kassiber", der mir morgens bei der Brotausgabe zugesteckt wurde, erfuhr ich von Manes, der scheinbar mit den übrigen inhaftierten Schmugglern in Verbindung stand, daß alle dicht halten wollten und keinerlei Verteidigungsmaßnahmen ergreifen würden. Es würde auch besser so sein. Wozu den Brei nochmals aufrühren. Warum alles Vergangene nochmals heraufbeschwören.
Als ich an jenem Abend auf meiner Holzpritsche lag, ritzte ich mit vieler Mühe ein einziges Wort in das Holz der Bettstatt: „Kismet!"
Seit Dezember saßen aus- nahmslos alle efy —" Mitglieder der Kolonne A... in Haft. Zuweilen sah ich den langen Peter morgens auf dem Ge- fängnishof beim
Spaziergang.
Sein Arm hing in einer Schlinge. Manchmal spielte
sah der Zöllner auf - und bemerkte mich.
Verdutzt
ein müdesLächeln ausZseinen Zügen, wenn er mich erblickte, als wollte er sagen: ein bitteres Ende, nicht wahr? — Auch er hatte nicht mehr das trotzige, verwitterte und braungebrannte Gesicht von früher. Was Sturm und Gefahr nicht vermocht hatten, das brachten wenige Gefängnismonate zustande. Ein Baum ohne Wurzeln. Mit hochgezogenen Schultern und verschränkten Armen, tappte er stumpf und teilnahmslos über die Fliesen des Gefängnishofes. Ich konnte es oft kaum begreifen, daß dieses armselige Menschenwerk einmal unser alter, immer lebensfroher und lustiger Führer gewesen war, der uns in so mancher Etur- mesnacht durch Sumpf, Wälder und Heide, durch stete Todesgefahr ans Ziel gebracht
hatte.
Armer Kerl. Ich wußte und fühlte es mit ihm, der Wald und die freie Gottes- natur fehlten uns, aber das Gesetz und Schicksal waren unerbittlich. Mir wurde so schwer ums Herz. Tränen stiegen mir in die Augen. Laßt uns hinaus in unsere Walder, hätte ich aufschreien mögen. Aber die hohen starren Mauern stießen mich schnell wieder in die nüchterne unglückselige Wirklichkeit zurück. Zwei Worte nur, aber inhaltschwer: zu spät!
Die letzte Nacht vor der Verhandlung war angebrochen. Draußen klatschte der Regen gegen die Mauern. Irgendwo im Gefängnis kreischte scharf eine Tür. Schlürfende Schritte kamen näher, tappten an meiner Zellentür vorbei, kamen zurück und machten Halt. Jemand schob die Blende des Spions ^ ein wenig zur Seite. Nur einige Sekunden lang. Dann klappte die Blende mit leisem Ticken zurück und zitterte noch einigemale hin und her. hin und her. Wieder schlürfende Schritte. Dann tiefe Stille. Seit Stunden wälzte ich mich auf meiner Pritsche umher, ohne Schlaf zu finden. Langsam, aber stetig rann die Zeit...
Ich fühlte mich so einsam und verlassen. Was würde der morgige Tag bringen?
Aergerlich wälzte ich mich zur Seite um die Gedanken loszuwerden. Vergebens, immer wieder stürmte die Vergangenheit auf mich ein. Wirre, sich einander jagende
Bilder zogen an mir vorüber. Tage einer sonnigen Jugend. Dann war der Krieg gekommen mit Hunger und Elend. Bittere Stunden wurden wach, Stunden, in denen mir eine Schnitte trockenes Brot mehr wert war als Gold. Wenn der Vater in Urlaub kam und ein großes richtiges Kommißbrot mitgebracht hatte, wie da unsere Kinderaugen aufgeleuchtet hatten. Und dann kam ein grauer, kalter Wintertag, an dem ich die Mutter weinen sah. In der Hand einen Feldpostbrief und — Vaters Uhr. — Auf dem Felde der Ehre gefallen.
Und morgen war die Abrechnung.
Dumpf schlug die Anstaltsuhr drei Uhr morgens.
Müde und zerschlagen erhob ich mich von meinem harten Lager, stellte Tisch und Schemel aufeinander und kletterte ans Fenster. Mit einem eigens für diesen Zweck angefertigten Löffelstiel öffnete ich das Fensterschloß. Herein strömte die kalte, frische Nachtluft, die ich mit vollen Zügen
einsog. Der Regen plätscherte unaufhörlich weiter. Die Nacht war unheimlich.
Einige Stunden später wurde ich zur Verhandlung in den Eerichtssaal geführt. Der Zuhörerraum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Zu neun Angeklagten saßen wir auf der Sünderbank. Mir zur Seite hatte Manes, der alte Sojährige Schmuggler Manes, Platz genommen. Der alte Strolch lachte und grinste wie immer. Als ich mich neben ihn setzte, stieß er mich an und murmelte:
„Du, heut mittag gibts Erbsensuppe. Ich hab's schon gerochen."
Ich wußte wirklich nicht, ob ich über diesen Galgenhumor lachen oder weinen sollte. Aber das sah ihm so ähnlich. Er hatte nun bald drei Jahrzehnte steten Kampfes in den Erenzwäldern auf dem Rücken und würde somit nicht das erste Mal auf der Anklagebank fitzen. Er war der geborene Schmuggler und würde es nie mehr laßen können.
Rechts von uns hatten etwa 6 oder 7 Zollbeamte Platz genommen, jedenfalls als Zeugen gegen uns. Gespannt betrachtete ich sie in ihrer ungewohnten Zivilkleidung. Es waren lauter alte Bekannte. Aber wo blieb da der Nimbus unserer langjährigen Gegner? Es waren doch Menschen wie wir. Eine blitzschnelle Erkenntnis dämmerte in mir auf. Es waren doch nur Menschen, die das Leben an einen anderen Platz gestellt hatte, Menschen, die nur ihrer harten Pflicht genüge leisteten.
Ein paar Strahlen der ersten Vorfrüh- lingssonne stahlen sich tastend und suchend in den Eerichtssaal.
Die Verhandlung begann. Automatisch wurden unsere Personalien heruntergeleiert, desgleichen die Namen der Zeugen festgestellt, die dann hinausgeschickt wurden. Daran anschließend wurde die Klageschrift verlesen.
Verstohlen ließ ich meine Blicke durch den Eerichtssaal wandern. Man schien auf Sensationen gespannt zu sein. Etwa 4—5 Zeitungsreporter waren anwesend. Sie werden bestimmt enttäuscht gewesen sein. Erst als die Zeugenvernehmungen begannen, wurde dir Sachlage gespannter. Ein Hauch vergangener Romantik wehte durch den Saal, als ein Zöllner die oft tage- und nächtelange Verfolgung schilderte.
(Schluß folgt.)
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