Der
Sonntag
Wochenbeilage des Fuldaer Anzeiger
Fulda, den 10. Juni 1934
Das Marguerikenfest
„Nicht im Traume hab' ich das gesehn — hell am Tage sah ich's schön vor mir, eine Wiese voller Margueriten" fingt Otto Iulius Bierbaum in einem schönen Sommerlied. Diese „Freundliche Vision" wurde zur Wirklichkeit, als wir vor einigen Tagen von irgendwoher nach irgendwohin wanderten.
Ein lichtgrau verhangener Himmel ließ die Sonne nur als blassen Nebelflecken erkennen. Ueber die Kornfelder lief mit eiligen Füßen der Wind, und wo er über ein Eerstenfeld huschte, leuchtete es auf wie grüngelbe Seide. In einigen Gärten funkelte es schon rot und dunkelrot auf den Kirschbäumen. Die Kastanien-, Aep- fel-, Birn- und Pflaumenbäume trugen schon kleine Früchtchen und bekundeten dadurch würdevoll, daß die Zeit der fröhlichen Blütenherrlichkeit vorüber sei. Sie haben ihre Hochzeit längst hinter sich. Das leichtsinnige Gedudel, Gepfeife und George! in ihren Zweigen hat aufgehört, seit die honigtrunkene Hochzeitsgesellschaft von dannen gezogen ist und sie in ihrem grünen Dämmern nur noch Vogelnestchen mit halbflügger Brut beherbergen. Die Vögel machen jetzt auch wohl Lärm, aber nicht so frühlingsseligen, Lbermutstollen. Die junge Brut denkt vorerst noch nicht an Lièbè, sondern nur ans Füttern, und die alten.,. Lieber Himmel, wenn die Leute Kinder haben, werden sie ernsthaft.
Ein wenig betrübt schauten wir uns an. Fast schien es, als sei die allerschönste Blütenzeit schon vorüber, und jemand summte leise die Weise von Hermann Löns:
Der Birnbaum blüht nicht nur zur Freude. Er blüht nicht nur zur Augenweide — Kommt seine Zeit, kommt seine Zeit, Dann steht er voller Süßigkeit
Plötzlich leuchtete es seitwärts auf, leise bewegt, weißschimmernd, überwucherte einen Bahndamm und nickte neben blanken Schienensträngen lustig im Wind: große Büsche weißer Baldursblumen, einst dem strahlenden Sonnengott der alten Deutschen geweiht, von uns Heutigen geschmackvoll „Margueriten" genannt.
Wir klemmten uns unter einer niederen, anscheinend nie geöffneten Bahnschranke durch, gingen noch ein paar Schritte und standen in einer anderen Welt. Soweit man sehen konnte, nichts als strahlendes weißes Blühen, tausende und abertausende wundervoll großer, reiner, fleckenloser Margueriten. Sie bedeckten den Abhang des Dammes, kletterten zu seiner Krone empor, von dort lustig herniederwinkend. Vor uns führte ein schmaler, verwachsener, entzückend schöner Wildnisweg in ein Birken- und Akaziengehölz. Stark duftende Blütengehänge schaukelten hernieder, silberne Birkenstämme schimmerten, seitwärts flüsterndes Schilf über dunklem Moorboden. Dunkelviolette Dolden leuchteten hyazinthenartig zwischen den kleinen weißen Seidenflöckchen des Wollgrases. Und dies alles keine fünf Minuten von der Landstraße mit ihrem hastenden Leben entfernt, nur verborgen durch den hohen Eisenbahndamm. —
Wir lagen am Abhang mitten im Blü- kenmeer, das über uns leise wogte und rauschte. Hoch oben in weiter Unendlichkeit zerriß das Grau und aus zerklüfteten Wolkenballen schoß ein goldenes Strahlenbünde!, süße, quellende Wärme auf uns hernieoerschüttend, irgendwo dufteten wilde Rosen. Sommer, fühlten wir in jäh aufbrandender Seligkeit, Sommer, und vor uns noch eine ' Reihe sonnengesegneter Tage. Leise klangen die Vesperglocken, ein zarter Wind Harste in Schilf und Birkenkronen, und eine warme Mädchenstimme sang verträumt:
»Ein leises Lied, ein stilles Lied, Ein Lied so weich und lind — iWie ein Wölklein, das über die Bläue zieht Mio ein KoUgrasflöckchen im Kindx
Juni — der Rosenmonat
Ein deutscher Veteran: Der tausendjährige Rosenstock in Hildesheim iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiffliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiim
Das Telegramm
Von Rudolf Prange.
Kurz entschloßen hatte er an Inge telegrafiert. Sie mußte sich endlich entscheiden. Ja oder nein! In zwei Stunden konnte die Antwortdepesche da sein. Aufgeregt und von gewißen Ahnungen gequält, konnte er die Luft seines Hotelzimmers nicht mehr ertragen und ging in die Halle hinunter. Er fand an einem Tisch Platz, an dem nur ein einzelner Herr saß. Sie kamen bald ins Gespräch. Eine ihnen gegenübersitzende Dame versuchte einen Flirt. Die Kapelle spielte einen Tanz.
Als plötzlich der Page vor ihm stand und ihm das erwartete Telegramm überreichte, brach zufällig im selben Augenblick die Musik ab. So setzte für einen Augenblick auch sein Herz aus. Er zerdrückte nervös die Zigarette im Aschbecher und wollte das Telegramm aufreißen. Dann befiel ihn eine beklemmende Angst, und er beschloß, es erst oben in seinem Zimmer zu öffnen. Hastig steckte er das Telegramm fort.
„Entschuldigen Sie," fragte plötzlich der Herr, mit dem er bereits eine Stunde verplaudert hatte, „warum öffnen Sie nicht?"
Der junge Mann versuchte zu lächeln: „Vielleicht ist es beßer, sich noch eine Viertelstunde eine Illusion zu laßen."
„Eine Illusion," antwortete der Herr in Gedanken. Der Ausdruck seines Gesichtes hatte sich plötzlich auffallend gewandelt. Es war, als wäre er an etwas Trauriges erinnert worden. „Ich kann Ihr Zaudern begreifen," sagte er leise, „so sehr wir klare Entscheidungen herbeizuführen lieben, befällt uns nicht im letzten Augenblick dann doch eine dumpfe Angst davor? Die Ungewißheit ist auf einmal beruhigender als die Aussicht auf Gewißheit. Ich verstehe, daß Sie jetzt noch, das Telegramm in der Tasche, die Illusion genießen wollen, die Ihnen im nächsten Moment zerstört werden kann. Machen Sie es aber nicht wie ein Freund von mir, der ein solches Telegramm eine ganze Nacht unge- öffnet in seiner Tasche trug und am nächsten Morgen Er hielt inne.
„Sie machen mich neugierig. Ich vergesse mein Telegramm."
„Wollen Sie nicht doch lieber erst da» Telegramm öffnen?" fragte der Herr.
„Nach Ihrer Geschichte, wenn ich bitte« darf."
Der fremde Herr blickte noch einmal die Halle hinab, fein Blick ging flüchtig über die am Nebentisch sitzende Dame, dann begann er: „Einer meiner Freunde war damals mit einem reizenden Mädchen verlobt, das in einer anderen Stadt bei den Eltern wohnte. Das junge Mädchen — nennen wir es Luise — erkrankte plötzlich schwer. In dieser Zeit erhält Fred eines Abends ein Telegramm. Einen Tag zuvor war ein Bries eingetroffen, der von einer leichten Verschlimmerung der Krankheit meldete. Fred sieht das Telegramm und wird blaß. Sofort durchzuckt ihn di« Ahnung, daß es sich um etwas Schlimmes handelt. Luise liegt im Sterben. Er muß sofort fahren. Seine Hand zittert, aber er kann das Telegramm nicht öffnen. Er hat Angst vor der Gewißheit. Er steckt es ungeöffnet in die Rocktasche und läuft aus dem Haus. Wie aus der Flucht vor der Wahrheit. Drei Stunden liegen noch vor ihm, dann geht der Zug, mit dem er fahren müßte. Drei Stunden Ungewißheit Angst, Zweifel, Hoffnung. Er läuft durch die Straßen. Die Angst sitzt ihm im Nak. ken. Treibt ihn. Er möchte schon im Zuge sitzen und das monotone Singen der Räder hören. Aber er hat noch drei Stunden Zeit. Er läust und läuft. Das Telegramm in seiner Tasche knistert. Manchmal sieht ihn von irgendwo aus einem Fenster das Totenantlitz seiner Braut an. Er stellt sich vor, wie sie still und weiß auf einer Bahre liegt. Aber wenn er diese Vorstellungen mit allen Qualen erduldet, regt sich eine leise Hoffnung in ihm: „Es ist ja noch nicht Wahrheit." Die Wahrheit steht im Telegramm. In einer Stunde muß er es öffnen, wenn er im schlimmsten Falle den letzten Abendzug nicht versäumen will.
Die Straßen glänzen in einem feinen, dünnen Regen. Fred will über die Straße, um eine Elektrische zu erreichen, die ihn nach Hause bringen soll. Er muß seinen Koffer packen. Es ist die höchste Zeit. Er rennt über die naße Straße, ein Auto hupt gellend in seiner Nähe, seine Hand greift noch nach der Stelle, wo das Telegramm liegt, er stürzt. Ein Autobus hat ihn überfahren.
Er erwacht erst in einer Klinik. Sein linkes Bein liegt in einem Verband. Er erträgt diese Entdeckung mit stoischer Ruhe. Erst als er sich das Telegramm, das noch immer in der Rocktasche steckt, von der Schwester geben läßt, schreit er auf. Das Telegramm stammt von einem alten Freund, der auf der Durchreise war und ihn an jenem Abend sprechen wollte.. *
„Ein irrsinniger Zufall!" bemerkte betroffen der junge Mann.
„Irrsinnig!" wiederholt der andere. „Von seiner Braut kam ein paar Tage später eine Karte. Sie war auf dem Wege der Beßerung. Sie wurde wieder völlig gesund und blühte auf, aber geheiratet haben sie nicht. Ein Krüppel? Es gibt so viele gesunde Männer..."
Er lachte bitter.
„Mollen Sie nicht das Telegramm öffnen?" lenkte er dann ab.
Der junge Mann holte mit zitternden Fingern dâs Papier hervor. Er lächelte starr, als er das Telegramm aufritz. Sekunden später strahlte sein Gesicht.
„Gratuliere!" sagte der fremde Herr, reichte ihm die Hand, stand auf und schritt in gezwungener Haltung dem Ausgange zu. Obwohl der junge Mann noch sehr mit dem Inhalt des Telegramms beschäf. tigt war, konnte er doch bemerken, daß der Herr hinkte. „Sonderbar", dachte er. Er hatte aber noch Zeit zu der Vermutung, daß der Herr soeben seine eigene Geschicht« erzählt hatt«!,