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Zul-aer /lnzeiger

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Mistleiter: Friedr. Ehrenklau, Fulda, Königstr. 4*2. Reöaktion und Geschäftsstelle: Könègftraße 42 Zernsprech-Bnschluß Nr. 2989

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Nr. 131 1934

Fulda, Freitag, 8. Juni

11. Jahrgang

Wird Deutschland nach Genf eingeladen?

Ein Entschliehungsentwurf in Genf. Man hält Deutschlands Teilnahme an der Abrüstungskonferenz für unentbehrlich. Anerkennung der Gleichberechti­gung Deutschlands ist und bleibt die Borbedingung für eine Rückkehr nach Gens!

Eine englisch-sranzösisch-amerikanische Entschließung.

London, 8. Juni. (Funkmeldung.) Reuter meldet aus Genf: Es verlautet, daß die Besprechung zwi­schen Eden, Barthou und Norman Davis am Donnerstag kurz vor Mittrnacht zu einer Einigung über den Wort­laut einer Entschließung geführt hat, die den ver­schiedenen Regierungen zur Genehmigung unterbreitet werden soll. Es wurde erklärt, die Lage seiviel besser«. Die Sitzung des Büros, die heute um 10.30 Uhr beginnen sollte, ist auf 14.45 verschoben worden. Um 16 Uhr wird der Hauptausschutz der Konferenz zufammentreten.

Times" über die neue Genfer Vereinbarung.

London, 8. Juni. (Funkmeldung.) Zu der nach Meldungen aus Genf am Donnerstag in später Abend­stunde erzielten Vereinbarung meldet der Genfer Sonder­korrespondent derTimes«: Die Kompkomißentschließung, die heute dem Büro unterbreitet werden soll, ist das Er­gebnis bedeutungsvoller Zugeständnisse der Franzosen. Ueber den Inhalt verlautet: Die Not­wendigkeit der Rückkehr Deutschlands zur Konferenz zur Fortsetzung der Konferenz­ar beiten wird anerkannt. Deutschland wird in diesem Zusammenhang zum 1. Mal namentlich erwähnt. Die Notwendigkeit der Prüfung der Organisierung der Sicherheit wird ebenfalls anerkannt. Ferner nimmt man an, daß das Kompromiß grundsätzlich Vorbeuge für Maß­nahmen allgemeiner Abrüstung, also nicht nur Abrüstung in der Luft, trifft. Der Grundsatz wird anerkannt, daß Verhandlungen für die Rückkehr Deutschlands zur Konfe­renz von den beteiligten Regierungen auf diplomatischem Wege und nicht durch den Apparat der Konferenz geführt werden sollen.

Der Korrespondent berichtet ferner, daß an den gestri­gen Erörterungen, die zu der vorläufigen Vereinbarung führten, hauptsächlich Eden, Norman Davis und der fran­zösischen Marineminister Pietri teilgenommen haben, während Barthou zwar anwesend, aber weniger aktiv ge­wesen sei. Später hatten sich noch einige Vertreter des britischen und des französischen Außenministeriums betei­ligt. Der Korrespondent schließt: Falls die gemeldeten Einzelheiten richtig sind, dann stellt die Kompromißent­schließung einen ausgesprochenen Erfolg des britischen Standpunktes gegenüber dem bisher von Barthou vertre­tenen Standpunkt dar. Viel hängt jetzt von der Haltung der Russen und der kleinen Entente ab. Wenn sich kein unerwartetes Hindernis ergibt, wird die Entschließung heute nachmittag dem Büro unterbreitet werden.

Der mutmaßliche Inhalt des neuen Entschlietzungs- entwurfes.

Widerstand Rußlands?

Paris, 8. Juni. (Funkmeldung.) Der Genfer Berichterstatter" derChicago Tribune" will erfahren haben, daß der Entschließungsentwurf. auf den man sich in Genf angeblich geeinigt habe, der Vermittlung von Nor­man Davis zu verdanken sei und folgende 5 Punkte ent­halte:

1. Anerkennung der notwendigen Teilnahme Deutsch­lands zu den weiteren Konferenzarbeiten, 2. Verhandlun­gen zwecks Rückkehr Deutschlands auf diplomatischem Wege und nicht mehr durch irgendein Konferenzorgan, wie die Engländer ursprünglich gewünscht hatten. 3. Anerkennung der Notwendigkeit, einen Ausschuß zum Studium der Kon­trolle und Sicherheit in der Form von Durchführungs­garantien für ein künftiges Abkommen einzusetzen. Man glaubt, daß die von Rußland befürworteten regionalen Sicherheitspakte o^-iell in der Form parallel neben der Konferenz geführter Verhandlungen anerkannt werden würden: 4. Einsetzung eines Ausschusses zum Studium kon­kreter Abrüstungsvorschläae, daß heißt zur Harmonisierung der verschiedenen der Konferenz unterbreiteten Denkschrif- wn und Entschließungen im Hinblick auf die Ausarbeitung Mes Abkommens, 5. Vertagung, bis der Präsident und das Büro glauben, daß in obigen Punkten hinreichende Fortschritte erzielt seien, um die Wiedereinberufung der Konferenz zu gestatten.

Der Berichterstatter weist daraufhin, daß die sowjet - 1 u H i j d) e Delegation dem Entschließungsentwurf ab- k^hnend gegenüberstehe, und man in gewißen Kreisen damit rechnet, daß Sowjct-Rußlaird Genf verlaßen würde, salls der Entwurf angenommen werden sollte.

Keine Rückkehr Deutschlands nach Genf

vor Verwirklichung der Gleichberechtigung

Nachrichten zufolge, die in der ausländischen Preße in der letzten Zeit verbreitet werden, soll in Genf d c u t scherseits mit den Vertretern fremder Mächte über der Abschluß von Sicherheitspalten sowie über di« Rückkehr Deutschlands zur Abrüstungskonfe­renz in Genf verhandelt worden sein. Hierzu erfahren wir von unterrichteter Seite, daß diese Nachrichten nicht zutreffend sind.

Deutschland habe keine Veranlassung, feine bisherige Haltung zu ändern, da der Grund für das Ausscheiden Deutschlands aus der Abrüstungskonferenz nach wie vor fortbestehc. Für die Annahme aber, daß der Grund, der die Reichsregierung zu ihrem Vor­gehen veranlaßt habe infolge der Genfer Vorgänge in Fortfall gekommen sei, sei kein Anlaß gegeben, zumal der französische Außenminister noch in seiner letzten 9lebe erklärt habe, die Haltung Frankreichs bleibe unver­ändert. Diese läuft bekanntlich auf eine Verlängerung der Diskriminierung Desttschlands hinaus.

Es sei kein Zweifel darüber vorhanden, daß die Reichsregierung fest entschlossen sei. nach Genf nicht zu­rückzukehren, bevor nicht die Verwirklichung der deutschen Gleichberechtigung so, tute sie sich auf Grund der deuèsch-cnglisch-italicnischen Verhandlungen darstelle, s i ch e r g c st c l l t sei.

*

Wie aus vorstehenden Funkmeldungen hervorgeht, halten andere Mächte Deutschlands Rückkehr nach Genf für er­

Wieder Diktatur in Litauen?

Umsturzversuch in Litauen.

Militärputsch mit Woldemaras.

In der litauischen Stadt Kowno kam cs in der Nacht zum Donnerstag zu einem Militärputsch, der von den An­hängern des ehemaligen Ministerpräsidenten Wolde­mar a s in Szene gesetzt wurde. Woldemaras wurde noch in der Nacht im Flugzeug von seinem Verbannungs- vrt nach Kowno gebracht und von seinen Anhängern zum Ministerpräsidenten ausgerufen. Er leitete das Unter­nehmen vom Gencralstabsgebäudc aus. Das Militär hat die Macht in den Händen, die Behörden sollen jedoch aus feiten der Regierung stehen. Staatspräsident Smetona weigert sich, mit den Aufständischen zu verhandeln.

Von 2 bis 7 Uhr früh mären alle Behörden durch Militär besetzt. Ein dem Staatspräsidenten Smetona ge­stelltes Ultimatum war um Mittag abgelaufen und offen­bar verlängert worden. Welche Wendung die Entwicklung nimmt, läßt sich im Augenblick nicht sagen. Unter den Verhafteten soll sich auch der Gouverneur des Mcmcl- febictes, Naivakas, befinden. Tas Gerücht, wonach eine Anzahl von Ministern der Regierung Tubelis in Haft seien, konnte noch nicht bestätigt werden.

Im Verlauf des Donnerstag wurde das Militär wn allen Besetzungspunkten wieder zurückgezogen. Zn der Stadt Kowno selbst ist bisher alles rubia.

Nur Regierungsumbildung?

Die letzten Meldungen aus Kowno machen die L a g e v ö l l i g u n k l a r. Es ist noch in keiner Weise zu übersehen, ob sich die Regierung gegen Woldemaras durch­setzen kann. Soviel steht fest, daß die Fliegerformattonen und die Tanktruppen sich für den früheren Diktator ein­setzen: sie sind auch als die eigentlichen Träger des Putsches anzusehen. Die anderen Waffengattungen ver­halten sich noch abwartend, sind aber offenbar nicht gegen Woldemaras eingestellt.

Man nimmt an, daß zum mindesten eine Umbildung der Regierung erfolgen wird, um den Forderungen des Militärs cntgegenzutommen. Das Gebäude des Staats­präsidenten ist mit einer Wache von 300 Mann besetzt.

Probealarm "

Ein Dertuschungsversuch.

Daß die litauische Regierung beim ersten Aufffacrern des Putsches geglaubt hat, der Bewegung obne weiteres Herr zu werden, geht daraus hervor, daß zuerst in Kowno offiziell die Meldung auSgegeben wurde, es sei in der Rackit einProbealarm" der Garnison durch­geführt worden. Es sei bann in der Dunkelheit zwischen den marschierenden Truppenteilen zu ,.Mißverständnissen" gekommen. Daraus seieneinige Zwischenfalle ent­standen, wobei

auch Schüße gefallen seien. Verletzt sei niemand. Diese erste Meldung ver­

forderlich: damit bestätigt es sich, daß man es deutscher­seits nicht nötig hatte, in diesem Sinne zu verhandeln.

Die vorstehend wiedergegebene deutsche Stellungnahme ist klar: Sollten heute oder in den nächsten Tagen die in Genf vertretenen Mächte tatsächlich eine Vereinbarung treffen, derzufolge man an Deutschland zwecks Wiederteil­nahme an der Abrüstungskonferenz heranzutreten beabsich­tigt, so werden sie sich über die selbstverständliche und ge­nügend bekannte Voraussetzung im Klaren sein müßen, die Deutschland mit einer Rückkehr nach Genf verknüpft.

Vsr Parte nichts Neues.

Weder aus Der französischen Hauptstadt selbst noch aus ihrer Filiale Genf ist im Augenblick über den Abrüstungs- rummcl etwas Bedeutendes zu berichten. Daß der französische Kriegsminister Marschall P è iäin. einer der bekannte­sten französischen Heerführer aus dem Weltkriege, seine sol­datische Autorität in Frankreich soeben dazu mißbraucht hat, um sich in den Hetzfeldzug der Pariser Presse gegen Deutsch­land einzuschalten und im Heeresausschuß der Kammer die wildesten Behauptungen über die deutscheAufrüstung" vorzu­tragen, kann uns Deutsche an französischen Kriegsministern nicht mehr wundern. Auch daß der Herr Marschall keck erklärte, Deutschland habe bereits eineMilitärlustfahrt" und seine Kriegsmaterlalsabrikation seiin voller Tätigkeit" ist eine Melodie, die wir schon länger als ein Dutzend Jahre kennen.

In Genf bat man hinter den verschlossenen Türen der Delegationen verhandelt. Herausgekommen ist dabch nichts.

sicherte dann noch, dieZwischenfalle" wurdenaufge­klärt" werden.

Allem Anschein nach ist es in Wirklichkeit so ge­kommen, daß die Regierung auf die erste Nachricht von einem Putschversuch der Woldemaras-Anhänger die Garnison alarmieren lasten wollte und dabei erfuhr, daß sich diese bereits zum überwiegenden Teil auf die Seite des trüberen Ministerpräsidenten acftcKt batte.

Der zweite Putsch der Diktators.

Seit dem Rücktritt des Diktators Woldemaras im Jahre 1929 haben eingeweihte Kreise Litauens stets mit einer Wiederkehr dieser stärksten Persönlichkeit des litau­ischen Staatslebens gerechnet.

Der heute 51jährige Augustinas Wolde­maras, seines Zeichens Professor der klassischen Philo­logie, der seinen philosophischen Doktorhut in der preußi­schen Universität Königsberg erwarb, hat in der jungen Geschichte Litauens eine ebenso bedeutsame wie leb­hafte Rolle gespielt. Er forderte auf dem litaui­schen Landtag, der schon im Jahre 1917 in Petersburg stattfand, die Unabhängigkeit Litauens und vertrat bei den Friedensverbandlungen in Brest-Litowsk die litauischen Interessen. Bei Kriegsende bildete er auch das erste litauische Kabinett unb war der Unterhändler Litauens auf demFriedenskongreß" 1919 in Paris.

Als Führer der Tauttninkai-Partei tctwa Völkische) wurde er 1922 von der damaligen christlich-demokratischen Regierung verhaftet, ausgewiesen und schließlich verbannt.

Im Dezember 1 9 2 6 leitete er den e r ft c n M i l i» tärputsch ein und übernahm in der neugebildeten Re­gierung das Außenministerium. Er hat dann bis zu seinem Rücktritt im Herbst 1929 als unumschränkter Dik­tator geherrscht. Ebenso bekannt wurde er auch durch feine lebhafte Tätigkeit für die Interessen Litauens in Genf. Gleichwohl "gelang es ihm nicht, eine Volksbe­wegung nach faschistischem Vorbild einzuleiten. _ Die wachsende Erbitterung gegen seine Willkürherrschaft führte schließlich am 6. Mai 1929 zu einem Attentat, wobei sein Adjutant erschossen wurde. Im September des gleichen Jahres trat er zurück, stellte sich offen an die Spitze der faschistischen OrganisationEiserner Wolf" und wurde im Juli 1930 erneut verhaftet und zu Zwangs­aufenthalt auf einem staatlichen Gut verurteilt. In einem Hochverratsprozeß freigesprochen, begab er sich im Ok­tober 1931 nach Frankreich: seine Frau ist Französin.

Nach der Rückkehr wurde er von der Polizei scharf kontrolliert. Wiederholt wurde seitdem sein Name in Verbindung mit llmsturzplänen gebracht, ohne daß ihm etwas nachgewiesen werden konnte

Woldemaras war zur Zeit des Reichsautzenministers Dr. Stresemann auch zu Verhandlungen über deutsch- litauische Probleme in Berlin. Die Hoffnungen, die man damals auf eine Lösung der Memelsrage setzte, blieben unerfüllt