Zul-aer /lnzeiger
Éei Lwserung/behinderung durch ^Höhere ^Ee- Tageblatt für Rhön und Vogelsberg» SteBäS Zulöa- unö Haunetal. Zulöaer Kreisblatt schriftleiter: Friedr. Ehrenklau, Fulda, Königstr. 42. Redaktion unö Geschäftsstelle: Königftrafte 42 ❖ Zernsprech-flnfthluß Nr. 2989
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Nr. 129 — 1934
Fulda, Mittwoch, 6. Juni
11. Jahrgang
Politik der Unehrlichkeit.
Genfer Vertagung bis—Oktober!?
Als die sogenannte Abrüstungskonferenz im Frühfahr nach einer der üblichen langen Pause völliger Untätigkeit wieder zusammentrat, wußte man, daß es sich nur noch um die Formalitäten für ein „Begräbnis erster Klasse" handeln konnte. Nach den Genfer Verhandlungen der letzten Tage wird es nicht einmal dazu reichen. Das sinn- und zwecklose Gerede, an dem teilzunehmen die Franzosen Deutschland nach wie vor zu- muten, hat auch den letzten Reiz des Grotesken verloren, ist nur noch Schlußakt einer höchst unwürdigen widerwärtigen Komödie.
Inzwischen ist man in Paris auf unangenehme Weise aus dem dummdreisten Traum erwacht, daß man Europa und die Welt mit dem neuen französisch-russischen Sicherheitsbluff wieder auf längere Zeit zum Narren halten könnte. Die französische Presse richtet erbitterte Angriffe gegen den englischen Präsidenten der „Abrüstungskonferenz", den alten 5-end er so n, der nicht mehr die französischen Geschäfte zu seinen eigenen macht, sondern statt dessen wiederholt auf die Notwendigkeit der erneuten Verbindung mit Deutschland hingewiesen hat. Es gibt Angriffe auch gegen den englischen Lordsiegelbewahrer Eden, der
den Franzosen einen diplomatischen Nasenstüber nach dem andern erteilt,
Angriffe schließlich gegen die Engländer und Italiener überhaupt, die sich von der französischen Politik der grundsätzlichen Sabotage in mehr als deutlicher Form eine Absage gegeben haben.
Natürlich fällt es den Franzosen nicht ein, den einzig naheliegenden Schluß zu ziehen. Das Pariser Linksblatt „Oeuvre" trifft vermutlich das Richtige, wenn es meint, man werde nun wohl angesichts der Aussichtslosigkeit weiterer Verhandlungen die „Abrüstungskonferenz" swieder einmal)
vertagen, und zwar gleich bis — Oktober!!
Tas Blatt klammert sich an die Hoffnung, die Abrüstungsfrage würde zwischen Deutschland und Frankreich am besten auf die gleiche Weise wie die Saarfrage, also aus dem Umweg über ein Dreierkomitee, gelöst werden.
Zugleich betont das halbamtliche englische Reuter- büro in einer Meldung aus Genf den sozusagen u n e i n - g« schränkten Pessimismus der maßgeblichen englischen Politiker gegenüber dem Genfer Gerede. Das kommt, wie ausdrücklich unterstrichen wird, auch darin zum Ausdruck, daß zum erstenmal seit Beginn der Abrüstungskonferenz, also seit mehr als zwei Jahren, Henderson mit den Ansichten der englischen Delegation voll übereinstimmt. Daß der alte Herr, der seinen unglücklichen, aber einträglichen Posten nun wohl bald ausgeben muß, nach Berlin kommen will, wird wieder bestritten.
In den Genfer Wandelgängen erzählte man sich gestern als neueste Sensation, die Italiener hätten das Geschwätz nun auch satt. Sie wollten, heißt es, nicht mehr mitarbeiten, ohne deshalb die Konferenz zu verlassen.
Senbersvn droht mit feinem Rücktritt.
Schwerer Zusammenstoß mit B a r t h o u. — Äußerste Hilflosigkeit in Genf.
Die geheime Sitzung des Präsidiums der Abrüstungskonferenz in Genf nahm am Dienstag seinen Fortgang.
Gärung in
Blutiger Tumult in Aorhsrankreich.
über hundert Verletzte.
In einer Versammlung in Roubaix, Frankreich, in der der rechtsstehende Abgeordnete H e n r i o t sprechen sollte, kam es zu schweren Zusammenstößen,, die sich schließlich zu einer regelrechten Straßen schlacht entwickelten.
An verschiedenen Stellen der Stadt wurden Barrikaden errichtet die von der Mobilgarde gestürmt wurden. Die Lärm- und Tumults,zenen wiederholten sich nach Schluß der Versammlung. Bei den Zusammenstößen sind über 100 Personen verletzt worden.
Bauern verprügeln einen Abgeordneten
Die französische Landwirtschastskrise mit all ihren Begleiterscheinungen hat unter der bäuerlichen Bevölkerung eine lebhafte Beunruhigung und Gär it n g hervorgerufen. Das Landvolk will es nicht mehr ruhig wit ansehen, wie die Parlamentarier wochenlang über Getreidepreispolitik debattieren, ohne zweckdienliche Maßnahmen zu beschließen. Die Auswirkungen dieser Unzufriedenheit mußte der sozialistische Abgeordnete Benassy, der einen bäuerlichen Bezirk vertritt, am eigenen Leibe verspüren. Seine Wähler holten ihn, als er in einer Versammlung sprechen wollte, von der ^ribünc herunter, verabreichten ihm
eine gehörige Tracht Prügel
und schrien im Chor „Ins Wasser mit den Parlamen- kariern!". Dem Volksvertreter blieb nichts anderes ubng, als unter den Drohungen der Menge das Weite ru suchen
Es offenbarte sich dabei wieder ein jämmerliches Spiel um die Scheinrettung der sogenannten „Abrüstungs- Konferenz. Dann kam es zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen Henderson und Barthou, der ungewöhnliche Formen annahm. Henderson drohte am Schluß der Auseinandersetzung sogar mit seinem Rücktritt.
Zu Beginn dèr Sitzung hatte Henderson dem Präsidium und durch dieses dem Hauptausschuß der Konferenz eine Entschließung zur Beschlußfassung borgelegt, die ein ausgesprochenes Verlegenheitserzeugnis war.
Besonders bezeichnend ist es, daß Henderson in ihr die vollkommene Unfähigkeit der Konferenz eingesteht, als solche weiterzuarbeiten, und daß die direkten Verhandlungen wieder in den Vordergrund geschoben werden.
In der Entschließung, die in keiner Weise auch nur den geringsten praktischen Fortschritt erkennen läßt, wird gefordert, daß der Vorschlag Rußlands, die Konferenz in eine dauernde „Friedenskonferenz" umzuwandeln, zunächst den Regierungen unterbreitet werden soll. Die von der russisch-französischen Gruppe ausgehenden Vorschläge, gegenseitige Hilfeleistungspakte abzuschließen, werden den daran unmittelbar interessierten Regierungen zur gesonderten Behandlung empfohlen. Auch die viel umstrittene Frage der A u s f ü h r u n g s g a r a n t i e n für ein zukünftiges Abrüstungsabkommen, das bekanntlich die Sanktionen umschließt und deshalb besonders von England und Italien abgelehnt wurde, soll ebenfalls in einem Ausschuß begraben werden.
Dann wird in der Entschließung angeregt, d i e grundlegenden Noten Frankreichs, Italiens, Englands und Deutschlands mit Ausnahme der französischen Note vom 17. April zu einem gemeinsamen Pr o g r a m m zu bereinigen, da diese Noten eine „gewisse Möglichkeit zu einer Verständigung" böten. In diesem Zusammenhang wird auch die Einladung Deutschlands zur Teilnahme an diesen Arbeiten indirekt erwähnt
Bei der Beratung dieser Entschließung wurde zunächst auf polnischen Antrag hin die letzte Forderung, die Standpunkte der vier Großmächte auf einen Nenner zu bringen, wieder gestrichen.
Dann sprach Außenminister Barthou.
Er stellte die S i ch e r h e i t s f r a g e wieder in den Mittelpunkt und lehnte den wesentlichsten Teil des Antrages Hendersons, den Vorschlag, dem Präsidium besondere Vollmachten zur Lösung der Abrüstungskrise zu erteilen, ab. Auch er sei dafür, daß Deutschland wieder in die Konferenz zurückkehrc, aber er sei dagegen, daß man es ausdrücklich zurückhole. Es müsse mit dem gleichen freien Willen zurückkommen, mit dem es die Konferenz verlassen habe.
Henderson erwiderte dem französischen Außenminister sofort in ungewöhnlich scharfer Weise, wobei er sich mit lebhaften Gesten immer wieder gegen Barthou wandte und schließlich mit seinem Rücktritt drohte. Wenn die Franzosen seinen Plan zunichte machten, ohne einen besseren vorzufchlagen, so müsse er die Folgerungen daraus ziehen. Henderson deutete weiter an, daß er in diesem Falle Frankreich die Schuld am Scheitern der Konferenz zuschicben würde.
Als die Sitzung dann beendet wurde, war natürlich wiederum keinerlei Ergebnis erzielt worden. Die für Mittwoch angesetzte Sitzung des Hauptaus- s ch u s s e s ist deshalb vertagt worden. Statt dessen wird das Präsidium seine Beratungen fortsetzen.
Frankreich.
MilionenhLsiechLZNgen
für Frankreichs presse.
Nachklänge aus dem Stavisky-Slandat.
Das Pariser sozialistische Blatt „Populaire" behauptet, daß S t a v i s k v im Jahre 1929 der großen und kleinen Presse sowie vielen Finauzblättcrn fast zwei Millionen Franc gezahlt habe.
Unter den Nutznießern führt das Blatt das „Journal", den „Matin", das „Petit Journal", das „Echo de Paris", den „Petit Parisien", den „Ercelsior" mit insgesamt 400 000 Franc, den „Temps" mit 1 5 000 F«r ane, das „Journal des Debats" mit 5000 Franc, den „Paris Midi" mit 1 5 0 0 0 Franc, den „Figaro" mit 10 000 Franc, die „Liberte" mit 5000 Franc, den „Petit Bleu" mit 2 5 000 Franc an.
Die F i n a n z b l ä 1 t c r und wöchentlich erscheinenden Organe hätten 1 100 000 Franc erhalten. 200 000 Franc seien in die Kassen der großen Provinzzeitungen geflossen.
20 Tote bei einem Erdrutsch.
In der Gemeinde Orateni in Rumänien wurden 20 Bauern am Fuß eines Berges beim Graben nach Lehm durch einen Erdrutsch verschüttet. Die zur Hilfeleistung herbeigeeilten Dorfbewohner konnten bisher nur einen Toten bergen. Bon einer Rettung der übrigen kann keine Rede mehr sei».
Unerlaubte Geschäfte
mit dem Buch des Führers.
Französische Unverschämtheiten in dem Pariser Prozeß.
Vor der Ersten Kammer des Pariser Handelsgerichts fanden die Plaidoyers in dem Prozeß statt, den der Eher- Verlag gegen den Pariser Verlag Nouvelles Editions Latines angestrengt hat, der ohne Erlaubnis des Verfassers eine französische Ausgabe des Buches „M e i n Kampf" herausgebracht hat. Diese Ausgabe war aus Antrag des Eher-Verlegers wegen Verletzung des Urheberrechts von den französischen Polizeibehörden auf Grund einer einstweiligen Verfügung beschlagnahmt worden.
Im Namen des Eher-Verlages plädierten zwei französische Anwälte. Rechtsanwalt Ribardière berief sich in seinen Ausführungen vor allem aus das Berner Abkommen von 1886 über den Schutz des literarischen Eigentums. Außerdem habe die Herstellung des Buches den französischen Verleger nur 7,5 0 Franc das Exemplar gekostet, während er es an die Buchhändler zu 40 und
an die Leser für 60 Franc absetztr.
Daraus lasse sich der egoistisch-kommerzielle Charakter der unerlaubten französischen Ausgabe des Buches erkennen.
Nach ihm plädierte, gleichfalls für den Eher-Verlag, Rcchts- anwali Maillard, der im voraus die Anwendung des Artikels 306 des Versailler Vertrages zurückwies, den die Gegenpartei später heranzog.
Im Namen der Gegenpartei vertrat Rechtsanwalt Gallie den Standpunkt, daß es sich im vorliegenden Falle nicht um einen banalen literarischen Rechtsstreit handele, sondern daß man Frankreich nicht ein politisches Programm vorenthalten (!) dürfe, das in Deutschland in allen Schulen verteilt werde, und die Richtlinien des künftigen Deutschland festlege. Der Anwalt bemerkte, daß es ihm fernliege, Hitler als Mann oder sein Werk herabzuwürdigen, er
-rkenne ihm nur nicht das Recht des literarischen Urhebers zu. (!!)
Als zweiter Anwalt der Gegenseite sprach Rechtsanwatt rramour, der dem Eher-Verlag das Recht abstritt, überhaupt eine gerichtliche Aktion einzuleiten, denn nach Ansicht des Anwaltes habe Adolf Hitler die Rechte an den Eher-Verlag nicht abgetreten Eine beglaubigte von Reichskanzler Adolf Hitler unterzeichnete Bestätigung der Abtretung, die das DaMm des 17. April 1934 trägt, wollte der Anwalt nicht gelten lassen.
Hitler möge selbst vor dem Pariser Gericht erscheinen.
Nach den Plädoyers, die 4V< Stunden gebauert hatten, gab der Vorsitzende bekannt, daß die Urteilsverkündung später erfolgen werde. Das dürfte in etwa drei Wochen der Fall sein.
llnverantwortliche pariser Meldungen über angebliche Saar-„3ivischensälle".
Durchsichtige Fälschungsmanöver.
Die in Gens abgeschlossene Saareinigung — die doch der allgemeinen Entspannung dienen sollte — hat einen gewissen Teil der Pari serPresse nicht zur Ruhe komnien lassen. In unverantwortlicher Weise werden harmlose Vorfälle im Saargebiet ohne vorherige Nachprüfung zu gefährlichen Tatarennachrichten umgesälscht, um neue Quertreibereien gegen Deutschland in Genf veranstalten zu können. Die französischen Zeitungen benutzen Vorgänge, die sich in Saarlouis am 2. Juni abgespielt haben, zu ihren plumpen Manövern. Am bezeichnendsten ist wohl folgender Fall:
Am vergangenen Sonnabend, als in Saarlouis wie überall im Saargebiet freudiges Treiben auf den Straßen infolge der Festsetzung des Abstimmungstermins herrschte, kamen 40 bis 50 Studenten aus Tübingen in Autobussen in der Stadt an. Die Studenten kamen von einer Besichtigungsfahrt durch das Saargebiet. Bei ihrer Abfahrt aus Saarlouis, die nach etwa einer Stunde erfolgte, sangen sie das S a a r l i e d und dann das Lied „Märkische Heide". Die französische Behauptung, es sei das Horst-Wcssel-Lied und „Siegreich rooff n wir Frankreich schlagen" gesungen worden, ist, wie die Polizeiverwaltung Saarlouis mitteilt, falsch. Zu irgendwelchen Kundgebungen der Studenten oder der Bewohner anläßlich der Anwesenheit der Studenten ist es nicht gekommen. Festgestcllt wurde lediglich, daß ein Mann in einer Wirtschaft sich erfolglos bemühte, die Studenten durch Zurufe zu r e i z e n. Er wurde nachträglich als der Kassierer des „Saarlouiser Journal", Schleehuber aus Wadgassen, ermittelt, der sonst niemals in dieser Wirtschaft verkehrt.
„Element 93".
Italienischer Gelehrter entdeckt ein neues Element.
Der Professor der Chemie Fermi in R o m hat in Anwesenheit des Königspaares ein neuartiges Experiment der Atomzerirümincrung vorgeführt, durch das er ein neues radioaktives Element durch Atom- umwandlung gewonnen hat. Die Erfindung Professor Fermis ist insofern etwas Neuartiges, als er durch Zertrümmerung des Urans ein
neues Element erhalten hat, von dem ein Gramm eine Energie von 60 000 Kilowattstunden enthalten soll.
Das käme einer Wärmemenge von rund 52 Millionen Kalorien gleich. Da die Umwandlung eines Gramms Wasserstoff in Helium etwa 200 000 Kilowatt ergeben würde, wären schon 50 Kilogramm Wasserstofs ausreichend, um die zehn Milliarden Kilowattstunden elektrische Energie zu schaffen, die in Italien in einem Jabr verbraucht würden. Fermi hat den neuentdeckten SwU „Element 93" genannt.