Aus wahren Erlebnissen zusammengestellte Tatsachenberichte vom deutsch-hollan-
Von Peter Wilhelm Stoll
bischen Schmuggelwesen.
Ort der Handlung: die deutsch-holländische Grenze. Zeit der Handlung: 1928 bis 1931.
Stroh und war
trotz
der ungewohnten Umgebung bald eingeschlafen.
Raum, den ich vorhin geschildert habe, auf das r '
(1. Fortsetzung.)
Der „Grüne" bürste uns um keinen Preis aufstöbern, denn dann wäre es mit der Herrlichkeit in dieser Nacht zu Ende, mußten wir doch in wenigen Stunden ungefähr in derselben Richtung schwer bepackt den Rückweg antreten. Ich wagte kaum zu atmen. Wenn der Hund die Witterung aufnahm, waren wir reif.
Mr atmeten erleichtert auf, als der Zollbeamte knapp vor uns eine ' nach rechts machte und einige später in der Nacht verschwand, ich noch angestrengt auf das sich verlierende Geräusch hinhorchte, ließ mich ein neues Krachen und
Wendung
Minuten
Während
Schleichen auffahren. Doch war es nur eine andere Gruppe der Kolonne, die sich parallel zu unserer Richtung wieder in Marsch gesetzt hatte. Mein Begleitet stand grinsend vor mir.
„Böggels Fuß", sagte er, anscheinend ein alter ■ Ve- lannter von seinen Streif- giiflctL- Zum Fragen war L jedoch keine Zeit. Schon [ ging es weiter. Nach einer I Etunbe war der Wald zu ■ M. Vor uns erstreckte iiö die Heide. Wir waren
taits auf holländischem Miet angekommen. Trotz meiner Ortskenntnisse hatte ich nicht bemerkt, daß wir die Grenze passiert hatten, rchon nach kurzer Zeit tauchten die schemenhaften llmrisse eines Vcmernge- uifles auf, das Ziel unserer Wanderung. Kein Laut, sucht ein einziger Licht- Urahl verrietdieVedeutung
Hauses. Und doch war « wuu
? .Wie manches Mal sollte ich diesen . e9ln Freud und Leid gehen. Und dieses aniame Bauernhaus in der holländischen
ist mir zu einer zweiten Heimat ge- »orben.
es voller Le-
"r „Stief" schlich vorsichtig um das und klopfte dann leise viermal auf Stallfensterchen. Wie mit Gei« l erljanben öffnete sich sofort geräuschlos die ich bis dahin nicht bemerkt
Schnell faßte ich meinen Vordermann J® -nockichoß und stampfte vorsichtig, mit gezogenem Kopf hinter ihm drein. Man reine Hand vor den Augen. Dann wa- w ®’r auch schon im Hause. Eine alte süv ® wuute nicht mit mehr winkligen u 9en> Gewölben und Türen versehen -.Unversehens öffnete sich wiederum iifi „ . Wir betraten ein Zimmer, wie n;Èf5 mir selbst in der kühnsten Phantasie .ausgedacht hatte. Die verrufenste umpieste Kellerkneipe einer Großstadt Qi,Vme herrschaftliche Wohnung im Ver- M.;„^u dieser Behausung gewesen sein. an bn* , ^Sen mußten sich eine ganze Zeit erbriirfl ^abakqualm und an die stinkige,
£^* gewöhnen, bevor es mir scheiden N <Wlne Umrisse zu unter« je. Wie benommen stand ich in bte« fitem t„n^.en Umgebung und versuchte den SkMn^^uhalten. An Einrichtungsge- Unbmar außer einem alten Tisch Handen wackligen Stühlen nichts vor- ^mhmn3? "'â)te einer trüben Petro- ber bemerkte ich, daß Kolonne A.., cl^hr als aktives Mitglied an« chnein, d " vollzählig beisammen war. <tt. Zwanzig Mann ohne den Füh-
Es war eine ziemlich bunt durcheinander gewürfelte Gesellschaft, aus den verschiedensten Berufen hervorgegangen Menschen, denen das Leben nur die Schattenseiten gegönnt hatte. Der Aelteste mochte etwa sechzig Jahre alt fein. Er und noch einige andere dieser Leute hatten wohl einmal bessere Tage gesehen, bevor sie die Not zu Schmugglern gemacht hatte. Alle übrigen waren bedeutend jünger. Als Neuling muhten sie mir wahrscheinlich in allen entscheidenden Dingen überlegen sein, aber ich gehörte zu ihnen. Dieser Gedanke, den ich mir immer wieder einprägte, beruhigte mich. Tapfer kämpfte ich meine innere Erregung nieder; ach was, zu Vorwürfen oder zur Umkehr war es ja doch zu spät. Es muhte alles so kommen, wie es das Schicksal vorschrieb. Die Verhältnisse waren eben stärker als ich. Jetzt muhte ich zeigen, dah ich auch in dieser Sphäre meinen Mann stellen konnte.
Der Führer der Bande, der „lange Peter" genannt, machte auf mich den Eindruck eines Räuberhauptmanns, treffend ähnlich wie ich mir einen solchen in meiner Kinderzeit vorgestellt hatte, ein richtiger Hüne mit scharfem, verwittertem Gesicht und ausgesprochenem Adlerblick, der, wie ich später erlebte, selbst in den schwierigsten Situationen nie den Kopf und nie den Humor verlor. Doch bei aller
Der »Stief« schlich vorsichtig in das Haus und klopfte dann leise...
Verschlagenheit und Kühnheit besaß er das Herz und Gemüt eines Kindes.
Nachdem ich nun durch Handschlag vollends bekräftigt in die Kolonne A... ausgenommen war, wurde ich in das Warenmagazin geführt, wo mich auch unser eigentlicher Arbeit- und Auftraggeber erwartete. Ein Großunternehmer aus einer rheinischen Stadt, dessen Namen ich bis zum heutigen Tage nicht erfahren habe. Obgleich ich ein „Neuer" war, nahm er kaum Notiz von mir. Seine Redeweise und seine Manieren liehen auf einen geborenen Schieber und Neureichen schließen. Wenn er sprach, fuchtelte er mit beiden Armen durch die Luft, so dah die Reihe von Brillanten an seinen Fingern ein wahres Feuerwerk erzeugten. Wie ich später erfuhr, war er bei den Mitgliedern der Bande nicht besonders beliebt. Auch ich selbst habe nie eine Antipathie gegen diesen Mann unterdrücken können. Hätte ich damals einen größeren Einblick in die Verhältnisse gehabt, würde ich wahrscheinlich nicht zum Schmuggler geworden sein. Monatelang hat dieser Mensch uns bis auf das Blut ausgebeutet Für ein Trinkgeld setzten wir Gesundheit und Leben Nacht für Nacht aufs Spiel.
Das Magazin war mit Waren aller Art angefüllt. Es mögen hier wohl für zwanzigtausend Gulden Bestände gelagert haben. Nach einer Aufstellung, welche dieser Herr X. durchstudierte, mußte ich an jenem Abend vierhundert Pakete feingeschnittenen Rauchtabak schwärzen, b. h„ über die Grenze schmuggeln, und erhielt dafür 15 Reichsmark als Traglohn. Den Gegenwert der Ware mußte allerdings jeder Schmuggler selbst tragen. Damals waren 15 Reichsmark für mich sehr viel
Geld. Die ungeheuren Gewinne, welche unser Auftraggeber einsteckte, und zwar lediglich auf Risiko und Gefahr des tätigen Schmugglers, sollten mir leider erst später zum Bewuhtsein kommen. Es sollte noch manche Stunde an mich herantreten, wo ich diese schamlosen Ausbeuter hassen und verfluchen würde.
An die Versicherungskasse der Organisation wurde bei jeder Schmugglerfahrt
und von jedem Mitglieds eine Reichsmark hinterlegt. Schäden, wie Verlust einer Traglast, Feuchtwerden eines Warenballens, wurden aus dieser Kasse gedeckt. Wurde ein Mitglied der Bande durch das Gericht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, so konnten seine Angehörigen bei Bedürfnis während der fraglichen Zeit unterstützt werden. Der Beweis für diese Abmachungen war die strenge Durchführung und Aufrechterhaltung dieser Einrichtung während der folgenden Jahre. Wenn ich auch selbst nicht in die Lage kam, Unterstützung zu beziehen, so hat sie doch in der Folgezeit manchen Schmuggler, der für seine Mütter oder Geschwister zu sorgen hatte, vor der bittersten Sorge geschützt.
In einem schmalen hohen Sack, welcher eigens für diese Zwecke angefertigt war, wurden die vierzig Pfund Tabak sorgsam verpackt und an allen Seiten mit dicker Pappmache zum Schutz gegen Regen und Bodenfeuchtigkeit umgeben. Ein sorgfältig gepackter Warenballen oder „Affe", wie er schlechtweg genannt wurde, war ein kleines Kunstwerk, das ich erst nach vielen Bemühungen einigermaßen selbständig zustande brachte.
Ein alter Fahrradreifen diente als Traggerät. Er wurde in der Mitte entzweigeschnitten, oben an die Verschnürung des Sackes befestigt und mit beiden Enden an, die. unteren Zipfel geknüpft., Das
Ganze wurde dann derartig verschnürt und .. probeweise ausbalanciert, so daß die ' Traglast bei einer evtl. Flucht nicht besonders hinderlich war und auch in der Not schnell abgeworfen werden konnte. Damit das Schwergewicht der Last beim Laufschritt nicht in den Rücken des Trägers stieß, wurde eine Schnur an dem oberen Teil des Ballens befestigt, mittels deren die Last nach vorne über den Kopf gezogen wurde. Anschließend daran wurde die Rückseite mit einem grünen Tuch überzogen. welches als Schutzmittel gegen Sicht gedacht war. Nachdem diese Prozedur erledigt war, mußte ich meine Lederschuhe ausziehen und bekam ein Paar Gummischuhe ohne Absätze, die nie oder doch nur selten Spuren hinterlassen und vor allem ein völlig geräuschloses Gehen ermöglichen. Die Strümpfe wurden über die Hose gezogen. Der weiße Kragen mußte in der Tasche versckiwinden, weil er allzusehr vom Grün des Waldes abftach.
Und dann war ich marschbereit. —
Mit einem breiten Grinsen betrachtete mich Willem, der mir während der gan
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Jeder
zog eine Karte, die nach den Regeln des Skatspiels gewertet wurde.
zen Zeit behilflich gewesen war und es da. bei nicht an praktischen Winken und Ratschlägen hatte fehlen lassen.
„So, Junge, jetzt die Schnauze gebraucht, wenn es nötig ist und das Herz auf dem rechten Fleck, dann kann der Tanz beginnen."
Da es noch einige Stunden bis zum Aufbruch waren, legte ich mich in den
Z/
Die 40 Pfund Tabak wurden in einen schmalen
Sack verpackt —
Nach meiner Schätzung mochte es 4 Uhr morgens sein, als mich das
langes
gegen Kom-
mando „Aufstehen" jäh aus dem Schlaf emporfahren ließ. Ziemlich verkatert rieb ich mir die Augen und schaute verdöst dem emsigen Treiben zu. Alles war in erstaunlich kurzer Zeit in Bewegung. Auf dem Tisch stand eine große Kanne, der ein würziger Geruch langentbehrten Bohnenkaffees entströmte. Die Tochter des Magazininhabers brachte in einem Korb einen allmächtigen Haufen Schinkenbröte herein, über die alles mit größtem Hallo und erstaunlichem Eifer herfiel.
„Ja, Menfchenskind, hat dir geträumt, du kriegst- hier bei uns gebratene Spanferkel zum Frühstück?" schrie der lange Peter zu mir herüber.
„Oder Schlagsahne mit Heringsköpfen" höhnte der Stief in vertraulichem Ton, indem er sich einen Brocken Brot in den Mund steckte, vor dem selbst ein Freßkünstler den Hut gezogen hätte. Allgemeines Gelächter beantwortete die Worte des Stief. Nun war mit einem Mal der Bann gebrochen, die letzte Kluft überbrückt, denn es waren ja meine Gefährten in Freud und Leid, in Not und Tod, diese rauhen, abgehärteten Jungen. Mit einem Sprung war ich am Brotkorb und schlürfte mit Behagen den würzigen Kaffee. Dann schob sich der lange Peter nochmals in meine Nähe, stieß mich an, setzte mir einen Becher Schnaps vor die Nase und sagte:
„Da, trink mal, daß du wach wirst; bei uns heißt es Fressen und Saufen, aber dann auch Aushalten und Maulhalten." — Gutmütig fügte er noch hinzu: „Wirft dich schon -noch an alles gewöhnen. Fressen mußt du bei den Holländern. Kostet dir ja keinen Cent. Ich glaube verdammt, deinem Aussehen nach kannst du es brauchen."
Auf dem Tisch wurde nun ein Kartenspiel, die Bildseite nach unten, ausgebreitet, von dem ein Jeder eine Karte zog, die nach den Regeln des Skatspiels gewertet wurde. Kreuzbube war somit die Un- glückskarte, auf die die Nummer eins entfiel. Ich selbst bekam in jener Nacht die Nummer vierzehn, welche als sehr gut galt. Sofort machten stch ein paar Schmuggler an mich heran und versuchten unter Ausreden und Versprechungen, meine Nummer gegen eine andere einzutauschen. Als der lange Peter dieses bemerkte, fuhr er die Jungen derartig an, daß sie schnellstens den Rückzug antraten.
(Fortsetzung folgt.)