Roman von
Margaret Laube
INHALTSANGABE:
Auf Rittergut Tinsdcl an der Niederelbe, unweit von Hamburg, lebt das Ehepaar Detlefsen mit seinen beiden Töchtern, Cornehe und Christiane. Nell, die Aeltere, ist seit einem Jonr in Blankenese mit einem Ingenieur verheiratet, der sie nach kurzer Zeit wieder ^erlaßt, da er es nicht erträgt, daß sie vollkommen zu seinem Geschöpf wird. Christel hat in Kopenhagen, der Heimat der allzeit fröhlichen Mutter, ernste Musikstudien betrieben. Auf einem Künstlerfest lernt sie den berühmten Professor Rubitschöff kennen und lieben. Gegen den Willen der Eltern begleitet sie ihn auf seinen Künstlerfahrten durch die Welt und wird seine Partnerin. Sie hat großen Erfolg und den Ehrgeiz, dem geliebten Mann immer näher zu kommen. Rubitschöff trägt in seinen Adern das Blut der Steppe, er lehnt jede äußere Bindung ab und verlacht ihre Wünsche als bürgerliche Sentiments. Die Zeit verrinnt. Aus der passiven Nell ist inzwischen eine beachtliche Schriftstellerin geworden, die mit dem Roman ihres jungen Lebens eine starke Begabung verrät. Christiane erwartet ein Kind mit allen seelischen Nöten der ledigen Mutter. Rubit- schoft sieht seinem Sohn mit äußerem und innerem Unbehagen entgegen. In einer vornehmen Klinik er- bückt er das Licht der Welt. Christiane kämpft um ihr junges Leben, das durch eine Untreue des Geliebten schwer in Gefahr gerät.
(5. Fortsetzung.)
Eine Schwester öffnet lautlos die Tür und kommt sachte herein. Christiane wundert sich, wie diese runde, rotbäckige Münchnerin so behutsam zu gehen versteht.
„Sie brauchen sich nicht so in acht zu nehmen, Schwester. Ich schlafe nicht."
„Sie sollten aber schlafen, Frau Detlefsen."
Christiane lächelt. „Es geht mir ja gut, Schwester. Warum immer schlafen?"
Die Schwester sieht aus, als wenn sie es besser wühte Sie ordnet die Gegenstände auf dem Tischchen am Kopfende und stellt eine Tasse mit schwachem Tee dazwischen.
„Ich mag keinen Tee, Schwester. Warum bringen Sie mir keinen Kaffee? — Und wo bleibt der Kleine?"
„Kaffe ist nicht zuträglich."
Christiane wirft den Kopf etwas heftig ins Kiffen zurück. Ihre Haare breiten sich auf dem Weiß aus wie eine zartgefiederte Blüte. Die in die Stirn gewachsene kleine Zunge erhöht den Eindruck von Eigenwillen und Unzufriedenheit in ihrem Gesicht. Sie läßt den Tee unbeachtet stehen.
Unten auf der Straße hält ein Wagen. Christianes Stirn bezieht sich mit Röte. Sie lauscht, ohne sich zu rühren. Aber das Geräusch der Tür ertönt nicht. Der Motor singt wieder an und verliert sich summend. Die Röte in Christianes Stirn bleibt stehen, als habe sie wohl die Kraft gehabt, dorthin zu steigen, nicht aber wieder zurückzufluten.
„Hat die Besuchszeit schon angesanqen, Schwester?"
„Die Besuchszeit ist vorüber, Frau Detlefsen."
„Schon?"
„Ja. Der Kleine hat auch schon getrunken. Er schläft."
„Er ist doch nicht krank, Schwester""
„Er ist vollkommen gesund, Frau Det- lessen. Es wäre bester, wenn Sie sich nicht erregten."
„Das Kind ist kräftig. Ihm geht nichts ab. Wenn wir ihn zum Trinken nicht herbrachten, so geschah es Ihretwegen, Frau Detlefsen. Sie regen sich auf, wenn Sie das Kind sehen. Es tut Ihnen nicht gut. Sie find nicht ganz fieberfrei, oas wissen Sie doch "
„Ja, ja." Christianes Augen werden etwas ruhiger unter den vernünftigen Worten der Münchnerin. „Bleiben Sie ein bißchen hier, Schwester Anna?"
Die Schwester überlegt einen Augenblick. „Ich werde mir eine Näherei holen." Sie nickt, schon bei der Tür, und geht.
Sie regt sich auf, wenn sie das Kind sieht! — Kein Wunder, daß sie das tat! Christiane sieht zur weißen Decke hinauf vnd versucht, sich das kleine Gesicht nor. zustellen: noch ist es kaum ein Menschenantlitz und doch bricht die Aehnlichkeit von Generationen schon aus ihm hervor. Nichts von Sascha. Alles von ihr und den Detlefsens. Hellgraue Augen. Flachsheller Flaum auf dem Köpichen. Das bleibt nicht so, sagt die Schwester. Das kann ganz anders werden...
Aber es kann doch nie so werden wie Sascha. Dies ist eine sonderbare, aber unverrückbare Gewißheit für sie. Nie wie Saicha. ..
Es ist nur ihr Kind. Christiane Detlefen. Und daß es in München zur Welt gekommen ist, dünkt ihr für einen Detlefen ein Zufall zu sein ohne Belang. Ist es auch ein Zufall, daß Sascha sein Vater ist?
Sie fährt im Bett hoch und drückt beide Hände gegen ihre Brust. Liebt sie Sascha nicht? Lebt sie nicht Saschas Leben, seine Kunst, seine und ihre wundervolle Kunst?
Löscht das unreife, gänzlich unwesenhafte Gesicht eines Säuglings ihr wundervolles Leben, ihre Erfolge aus?
Will es Sascha auslöschen?
Das ist Wahnsinn, — Ausgeburt dieser entsetzlichen Langeweile, dieser Einsamkeit, dieses Krankenzimmers in der grauenhaft stillen Straße: warum liegt sie in einem Bett in einer krankenhaus-stillen Seitenstraße? Sie möchte in einem Hotelbett liegen, wo sie den Lift schnurren hört, die Telephone läuten, eilige Schritte auf den Korridoren, — Ausläufer des Lebens, das sie führt, das sie führen will!
Statt dessen schneidet man das Leben vor ihr ab>
Warum ist Sascha nicht hier und erzählt ihr von diesem Leben? Gestern sprach er doch davon, daß sie mit dem Klavierquintett warten wollten, bis sie wieder gesund sei, — daß Westermann jeden Tag nach ihr fragt, — Westermann verehrt sie, als Künstlerin und als Frau, es hat etwas Rührendes, wenn der kleine, scheue Cellist seine Gefühle so sorgfältig verbirgt, daß man sie gerade an seiner Schüchternheit errät --
Sie wird das Quintett von Brahms mit ihnen spielen! Im Januar vielleicht, wenn sie so lange warten. Wenn Sascha so lange wartet, nur von ihm hängt ja jede Entscheidung ab, jetzt ist der fünfzehnte Dezember.
Du mußt warten, Sascha! Du kannst nicht anders als warten!
Die Tür hat sich wieder geöffnet, Schwester Anna kommt zurück. Hinter ihr schleicht, nicht weniger behutsam, ein verspäteter Besucher.
„Westermann! Das ist nett, daß Sie kommen. Warum bleiben Sie denn dort an der Tür? Kommen Sie her, hier!" Sie weist auf den Platz dicht neben ihrem Bett. Der kleine Herr kommt näher, als ob er ein Heiligtum beträte. Schwester Anna geht leise wieder hinaus.
Er steht in Christianes gerötetes Gesicht. Blüht sie wieder auf? Er kennt nichts von Fieber in Frauengesichtern. Er blickt beglückt auf das rosige Schimmern ihrer Wangen.
„Ich dachte eben an Sie, Westermann, — Sascha hat viel zu tun.
Sie sagt Sascha. Westermann empfindet es als eine ganz große Vergünstigung, daß sie das tut. Eine Vertraulichkeit, die ihn ihr näherrückt. Bei Weißmann und Brahm würde sie Professor Rubitschöff sagen.
„Unser Meister hat eine Periode von Nervosität. Ist nicht mit sich zufrieden. Heute mittag ist er nach Nürnberg gefahren, nachdem er fünf Stunden geübt hat. Ich soll Grüße von ihm bestellen. Morgen wird er wieder hier sein."
Westermann schweigt etwas ratlos. Mehr hat er ihr nicht zu sagen, obgleich er deutlich sieht, daß sie mehr erwartet. Verlegen klopft er ein Stäubchen von seinem Knie.
„Es schneit wieder —" meint er endlich mit seiner halblauten singenden Stimme.
Christiane nickt ungeduldig. Also in Nürnberg ist er. Ob er das nicht telephonisch erledigen konnte?
Sie ringt nach Ruhe. In Nürnberg war diese Sängerin nicht von seiner Seite zu bringen, damals im Oktober. Und sie selber zeigte sich so ungern, sie konnte nicht teilnehmen an den Festen, die auf die Kammermusikabende folgten. Sie verkroch sich, am liebsten sogar vor Sascha.
Jeden Tag hat Sascha sie gesehen. Und andere sahen schöner aus als sie. Diese Sängerin zum Beispiel. Es war quälend, die überschlanke Frau mit dem goldroten Kopf in ihrer geschmeidigen Anmut zu sehen, während sie sich selbst schwer und häßlich wußte!
Sie wirft einen wunden Blick auf den still wartenden Westermann.
„Soll in Nürnberg in diesem Winter noch einmal gespielt werden?"
Westermann weiß es nicht. „Er weiht mich doch nicht ein, Frau Christiane." Er lächelt dabei, halb bewundernd für Sascha, halb beruhigend für sie. Merkt sie, daß ihm das Lächeln schwer wird?
„Professor Rubitschöff dirigiert neuerdings so gern einmal," murmelt er schließ
lich, „im Oktober hatte er ja schon Gelegenheit, bei der Aufführung des „Rosenkavalier" einzuspringen. Er hatte eine große Freude daran. Ich könnte mir denken, daß es ihn reizt, eine Kapelle unter seinen Händen zu haben, — vielleicht trägt er sich auch mit solchen Plänen, seine Nervosität in letzter Zeit —"
Er schweigt vor Christianes Blick. Zum erstenmal, seit sie hier liegt und seit Christian Detlefsen auf der Welt ist, färben sich diese matten grauen Augen wieder mit dem schillernden Grün. Zorn? Stolz? Abwehr? Paul Westermann begreift nicht, sitzt hilflos auf seinem Stuhl und schweigt.
Christiane kämpft unerhört, um sich nicht zu verraten. Als er den „Rosenkavalier" dirigierte, da sang diese Goldrote den Oktavian. Quinquin: ein junger Herr aus großem Haus, so steht es auf dem Programm. Quinquin, der Siebzehnjährige, in blaßblau seidenen Hosen, im weißen Atlaskostüm, im grauen Ueberrock des Kavaliers. Eine pikante Rolle. Wie hieß sie doch? Sie hatte einen Opernnamen, einen verrückten, romantischen, altmodischen Namen, der bestimmt nicht ihr eigener war... wer macht jetzt noch eine Anleihe bei Italien, wenn er einen Bühnen- namen braucht? Denn sie ist in Berlin
»Ich dachte eben an Sie, Westermann*.
geboren, — Clelia heißt sie, Clelia Sconi.
Rothaarig und gertendünn ...
Rein, sie ist bezaubernd schlank und ebenmäßig, mit einem Haarpelz aus rotem Gold über einem beständig wechselnden, ausdrucksreichen Gesicht. Du willst ihr ihre Schönheit nur absprechen, Christiane
Detlefsen, weil du eifersüchtig bist, liegst hier im Bett, darfst dich nicht rühren und bist eifersüchtig auf die Gesunde, die vor ihm singt, mit ihm lacht... nicht einmal eine Tasse Kaffe darfst du trinken, wie kannst du hinter Sascha herlaufen...
„Eifersucht ist eine ganz alberne Eigenschaft," sagt sie plötzlich in geheimnisvollem Ton zu dem erschrockenen Westermann, dabei biegt sie sich mit blanken Augen zu ihm vor, „ich habe eine Schwester, die war eifersüchtig. Und sehr einfältig, gar nicht ein bißchen raffiniert. Ihr Mann ging dann auch fort. Nicht wahr, Eifersucht ist dumm, Westermann?"
Westermann nickt heftig. Sie sieht so sonderbar aus auf einmal, wenn er doch der Schwester ein Zeichen geben könnte!
„Frauen, die ihre Angst zeigen, haben verspielt, Westermann," fährt sie eifrig fort und nun sind ihre Augen nicht mehr blank und hell, sondern tief dunkelgrau, fast schwarz. „Es ist bei euch Männern auch oft nur eine Laune, ein Einfall, Langeweile, nicht wahr, Westermann? Dann lauft ihr hinter dem neuen Bild her. Darum habt ihr das alte doch nicht vergessen.. *
Sie liegt eine Weile still, als horche sie auf etwas, das sie anruft aus der Ferne. Dann sieht sie ihn unsicher an. „Habe ich eben etwas gesagt, Westermann? Ich meine, etwas von Clelia Sconi? Sie ist sehr hübsch. Ich spreche es ihr doch nicht ab? Neid ist so häßlich. . ."
Sie greift nach dem Tischchen.
„Wollen Sie Ihren Tee haben, Frau Christiane?"
„Nein, Wasser bitte, Wasser!"
Westermann springt erleichtert auf „Ich hole Ihnen Wasser, sofort, liebe Fran Christiane."
Er läuft zur Tür. Endlich einmal hört Christiane regelrechte, laute Fußtritte in diesem wattierten Haus. Einen Moment lächelt sie, dann geht der Fieberschauer wieder rot und heiß über ihre Augen.
Saß nicht eben Sascha hier? Eine Tür klappte. Ging er?
„Sascha!"
Man hört den Ruf nebenan, wird auf eine lautlose Klingel gedrückt gendwo fällt lautlos eine kleine Alaune Irgendwo erhebt sich lautlos eine gerin.
Inzwischen verwandeln sich für stiane die weißen Flocken vor dem genfer in buntes Konfetti. So schwang es burA die Luft bei der „Gläsernen Maske" mir. belte, sackte federleicht herunter. Einmal füllte es ihr den Mund. Das war aber ehe sie Sascha sah... '
Was trug er eigentlich für ein Kostüm» Sie hat einmal einen Golem gesehen bas ist lange her, irgendein Filmbild, 'eine Filmgestalt — breit und plump — EM» ist schlank, hoch und stark. Bleich ist ei hat ein unbewegliches Gesicht, nein, das ist ja der Golem den sie jetzt meint, — nun kommt er auf sie zu, seine Füße schieben sich so wunderlich —
„Moa! Moa!"
Der Rus gellt durch das wattierte Haus Im nächsten Augenblick hat Schwester Anna die Tür erreicht, gleitet ans Bett
„Ich bin schon da, Frau Detlefsen, — ich bin ja schon da!"
Christiane läßt sich zurücklegen. Sie hält Schwester Annas Hand fest. „Du gehst nicht wieder weg, Moa?"
„Nein," sagte Schwester Anna. Sie weiß nicht, wer Moa ist, aber sie hat schon viele Unsichtbare, die angerufen wurden, vertreten. So vertritt sie jetzt diese Moa.
Sie kann während der ganzen Nacht nicht von Christianes Bett weggehen, diese falsche Moa.
Professor Manzius kommt um acht Uhr abends. Die Fieberstunde soll dann vorüber sein, aber das Fieber richtet sich nicht danach. Es steigt und steigt. Die Blume der Haare, von der Farbe halbreifer Kastanien, wird hin und her über das Kissen geschleudert. Die festen Klavierhände grei. fen haltlos wie Kinderhände aus der Steppdecke herum. Worte fliegen durch das stille Zimmer, die schlagen nur gegen Schwester Annas Ohr. Dort wecken sie ein seltsames Echo.
Was weiß diese verwöhnte Frau dort unter den Daunen von einem elenden Proletarierbett, daß sie immer wieder darauf zurückkommt? Liegt sie nicht sanft genug in dieser teuren, renommierten Klinik? Läßt der Professor Rubitschöff es an irgend etwas fehlen?
Schwester Anna weiß nicht, ob sie seine Frau ist. Es ist auch gleichgültig. Sie hätte viel Kopfschmerzen, wenn sie die Privatverhältnisse jeder Patientin zu ergründen versuchen wollte. Sie ist auch zu gesund und egoistisch dazu, um sich mit beut Schicksal derjenigen zu belasten, die in diesen Betten liegen. . .
Aber wie kommt diese Künstlerin int Fieber zu den Elendsbildern?
„Wenn ich kein Geld hätte, Moa, - dann käme er vielleicht gar nicht wieder. — Ich habe Geld, Moa. Ich verdiene Geld. Oh, ich habe viel gelernt. Wenn man mutz, kann man viel, Moa —
Aber wenn ich nicht mehr spielen kann.
Das gerötete Gesicht überzieht sich nn Angst. Der Mund krümmt sich nach unten. Die Schwester streicht beschworen über die unruhigen Hände. Es hilft 1 Augenblicke.
Dann fängt es wieder an. ,, Schwester Anna erlebt aus dem Gest«« mel Christianes einen mit allen zen gepflasterten Weg, einen Abstieg, e^ grausigen Pfad nach unten. Sw wie die Hände der Kranken M »^ Pi als wollten sie etwas Entschwindendes mt Gewalt halten. _ , „
Um was kämpft diese Seele. -
Man kann nicht helfen. Man m 8 mit ihren Dämonen kämpfen lapen.
Die Finger lockern sich. Wnd es lichter in dem kochenden Hirn? Dw Pf g lauscht. Sie atmet gleichmäßige. ^ jetzt gehen die trockenen Lippen auseinander. „ fwnet
„Du muht gehen, lille Christian ^ Christian, du muht gehen, wenn spielen will. Ich will mit Sascha IP hörst du?" . , ihre Eine Falte gräbt sich je sind Brauen. Sie öffnet die Augen. hell und kalt. jch sehe „Sie sind Schwester Anna. 2°. es. - Ich will im Januar « ten. Sie müssen mich g/und m Schwester. Ich will gesund w ^â muh. — Künstler haben kein P ^ jch Das wissen Sie nicht. — schlafen, Schwester."
(Fortsetzung f^