Zul-aer Mzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 50 — 1934
Fulda, Mittwoch, 28. Februar
11. Jahrgang
Griff nach der Saar.
Paris rüstet verstärkt
zum Gaarkampf.
Propaganda mit ungeheuren Geldmitteln.
Wie die „Nationalzeitung- aus dem Saargcbiet be- M'iet ist in den letzten Monaten die Arbeitsgemeinschaft für Frankreich arbeitenden Parteien und Verbände ‘„ter Führung von Rossenbeck auf Veranlassung d - r f r a n z ö s i s ch e n B e r g w e r k s d i r e k t i o n er= nun ins Leben gerufen worden mit dem Ziele, im letzten vor der Abstimmung erneut eine verstärkte Aktivität der Propaganda zu entfalten und unter dem Schutz der «atvrrordnungen der Regierungskommission die franzö- slsche Propaganda hemmungslos gegen die Bevölkerung austoben zu lassen. Die meisten der Organisationen bestehen
ausschließlich aus Briefbogen und Gummistempeln und einem Konto, worauf die Gelder für den Propagandafonds einzuzahlen sind. Unterstützt wird die Arbeitsgemeinschaft durch die frankophile Presse und durch die marxistischen Lügenableger und das kommunistische Hetzblättchen.
Aus allem geht klar hervor, daß maßgebende Stellen der französischen Politik hinter dieser Propaganda stehen. Hinzu kommt, daß die Arbeitsgemeinschaft sich überall ihrer besonders guten Beziehungen zur Regicrnngs- kommission brüstet und ganz unverblümt von einer Unterstützung durch diese spricht.
Die Arbeitsgemeinschaft, deren monatlicher Geldbedarf in die Hunderttausende geht, beschäftigt sich neben
Europäische Politik.
Frankreichs Angst vor Frieden.
Die Reise des englischen Unterstaatssekretärs Eden, der nach seinen letzten Verhandlungen über eine Abrüstungs- Vereinbarung mit Mussolini noch einmal nach Paris fährt, soll einen nach Ansicht englischer und französischer Blätter hoffnungsvollen Verlauf genommen haben. Wobei man beachten mutz, datz jedes Land sich dann hoffnungsvoll äußert, wenn es die Durchsetzung seines eigenen Planes glaubt melden zu können. Wahrscheinlich werden diese Unterhaltungen über das Abrüstungs- Problem noch längere Zeit, wie bisher fortgesetzt werden müssen. Wäre, besonders auf französischer Seite, gute Wille zu einem Abschluß vorhanden, so würden mich die noch bestehenden Schwierigkeiten nicht unschwer zu überwinden sein, während jetzt Frankreich nach wie der immer neue Bedingungen heranssucht, an die es seine Zustimmung knüpft, um es ja nicht zu einer Befriedung Europas kommen zu lassen.
Daß da, wo ein Wille ist, sich auch ein Weg findet, beweist die deutsch-polnische Vereinbarung über eine Zusammenarbeit in der öffentlichen Meinungsbildung. Hier handelt cs sich, wie sogar vom Ausland zugegeben wird, um die offizielle Bekräftigung eines wenigstens in Deutschland bereits bestehenden Zu- I-andès So schreibt die „Times", in Deutschland habe bre Polenfcindüchc Propaganda bereits nach Hitlers Ä^Eritt merklich nachgelassen und seit der Novëmber- i 10 gut wie aufgehört. Auch auf polnischer Seite m das Abkommen nicht ohne Einfluß geblieben, wenn noch vieles zu tun übrig bleibt. Weit miß- , Blicken betrachtet Frankreich diese sich nv ahnende Angleichung deutscher und polnischer Belange, Zieht ja seine Vorteile nur aus den Zwistigkeiten r, "wr Staaten. Diese immer wieder gegeneinander zu um dann an dem Feuer ihrer Zwietracht fein Diplomat!kochen, ist ber Kernpunkt aller französischen M ,.®0 werden jetzt auch von Frankreich die B ü n d n i s- um Österreich mit grötzter Besorgnis be- i o d"s berühmte und berüchtigte „c u r o p ä i - *c > chgcwi ch t" muß herhalten, um durch einen hin^^ Block als gefährdet
Zu werden. Hier wird die K l c i n e E n t c n t c Wand benutzt und die Gefahr eines Krieges an die in den Frankreich anscheinend gar zu gern icö^ V ö,0£Meit Trabanten verwickelt sehen möchte. Seit an Frankreich mit eigenen Truppen Kriege nur Wh Grenzen geführt und sich bei kriegerischen Per " .”” weiteren Umkreis stets fremder Völker dem t^e mutzten für Frankreich die Kartoffeln ans bic * holen. Die Gewinne solcher Kämpfe hat bann teil M Ration" selber eingeheimst, die Verluste dnrf- - "Bundesgenossen" tragen.
Die Anierredung Mussolini-Eden. Mussoli,,^?kerredung, die Groftsiegelbewahrer Eden mit bauert,- ^u'genwart von Staatssekretär Suvich hatte, ’> Stunden. In der a m t l i ch c n M i t° ruber heißt es, daß Eden den Duce über seine Die in, ”0*n Ul Paris und Berlin unterrichtet habe, berkht dl^ -Ug habe beide (Staatsmänner in die Lage 'Uemorönd, "ulicnische und das englische Abrüstungs- über bie ^"P neuem zu prüfen. Beide seien sich hefond^stU erreichenden Ziele einig geworden und ins- Möglichkeit, eine: Grundlasse für ein ^ Wommen zu finben.
der Propaganda auch als Zentrale zur Weiterleitung übelster Denunziationen gegen die Saarbevölkerung.
Ihre Mitglieder sind angewiesen, im ganzen Lande Zellen zu errichten, die als Stützpunkte für die Propaganda und die Spitzelorganisationen vorgesehen sind. Für jede Zelle, deren Zahl auf ungefähr 300 geschätzt wird, sollen je 3 0 0 0 0 Franc zur Verfügung gestellt werden.
Tic Tätigkeit dieser frankophilen Propaganda bringt weiter nichts als Unfriede und Unruhe und dient einigen Leuten zur Befriedigung ihrer dunklen Gelüste. Es ist höchste Zeit, daß mit diesem Spuk endgültig und radikal aufgeräumt wird.
„Geist der Rache und des Rauhes."
Vernichtendes Urteil Borahs über Versailles.
Der amerikanische Senator Borah, früherer Vorsitzender des Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten, hat kürzlich im amerikanischen Senat ein vernichtendes Urteil über den Versailler Vertrag gefällt. Eine Ratifizierung des Versailler Vertrages durch Amerika, so sagte er, hätte die verheerenden und demoralisierenden Wirkungen der Vertragsbestimmungen für Politik und Wirtschaft nicht verhindern können. Der Vertrag sei die Verkörperung des Gei st es der Rache und des Raubes. Er habe den Frieden und die Wiedergesundung Europas den imperialistischen Bessre» bungen einiger weniger Siegernationen geopfert.
Sethlen zum italienisch-österreichisch' ungarischen Mock.
Graf B e t h l e n äußerte sich über den italienisch- österreichisch - ungarischen Wirtschaftsplan. Das wirtschaftliche Zusammengehen der drei Staaten, das Mussolini angeregt habe, sei sehr glücklich. Es würde die wirtschaftliche Spannung für diese drei Staaten lösen und die schädlichen Auswirkungen der wirtschaftlichen Krise in bedeutendem Maße mildern. Die enge Verbindung der drei Staaten könnte
nach außen als wirtschaftliche Einheit erscheinen. Im gegenseitigen Verkehr der drei Staaten könnten unter Beiseiteschiebung des Meistbegünstigungsgrundsatzes Vorzugszölle den wirksamen Schutz der gegenseitigen Interessen sichern. Dabei würde das engere wirtschaftliche Zusammengehen der drei Staaten ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht schmäler n. Graf Bethlen bezeichnet dann die Friedensver- träge als Quelle der weltwirtschaftlichen Krise und demgemäß die Überprüfung dieser Verträge als unerläßliche Vorbedingung der wirtschaftspolitischen Gesundung.
SA.-Männcr und ihre treuen Freunde sammeln.
Nach ber Sammlung der SA.-Fübrer in Berlin haben sich jetzt die SA.-Männer in den Dienst der Winterhilfe zugniisten ihrer bedürftigen SA.-Kamcraden gestellt. Wie man sieht, hilft ihnen bei ihrer Tätigkeit hier das Pferd eines SA. Rcitcrsturms mit dem Schild: „Ich kann bitten!"
Hohe Belohnnngeu für Aufklärung des Mord sattes prince.
Jm Interesse einer restlosen Aufklärung des rätselhaften Todes des Gerichtsrares Prince hat die Vereinigung höherer Gerichtsbeamter eine Reihe von Belohnungen ausgesetzt. 1 0 0 0 0 Franc erhält die Person, die über den Kraftwagen, der angeblich zur Beförderung der Leiche Princes an den Bahndamm gedient hat, solche Angaben machen kann, daß eine Aufklärung möglich ist. 1 0 0 0 0 Franc erhält ferner derjenige, der die Person namhaft machen kann, die Prince am Bahnhof in Dijon angesprochen bat. 5000 Franc der Geschäftsinhaber, der den Käufer des am Fundort der Leiche entdeckten Messers fcststellt. 5000 Franc werden ferner ausgesetzt für denjenigen, der angeben kann, ob Prince die Reise nach Dijon allein oder in Begleitung angetreten bat. 1 0 000 Franc sind schließlich für jede andere Auskunft ausg^sEt, die $yr KlÄung des Sramsè beiträgt
Umschichtung in Europa.
. „,^vn das Jahr 1933 brachte eine Umwälzung im politischen Denken in Europa, gewollt da, wo sich wie in Deutschland ein zu seinem Nationalbewußtsein wieder erwecktes Volk auf feine Pflichten gegen sich selbst und gegen seine Nachkommen besann, ungewollt da, wo starres »^esthaltenwollen an den überholten Gedankengängen der Diktatzeit (Versailles, Trianon, Neuilly) sich einem natürlichen Streben der übrigen Welt nach Wiederherstellung normaler Völkerbeziehungen und nach Ausgleich ungeheurer politischer und wirtschaftlicher Verluste aus den Nachkriegsjahren entgegenzustellen versuchte. Auch heute noch wacht freilich Frankreich eifersüchtig über den Buchstaben von Versailles und die neue Regierung Dou- mergue-Barthou-Tardieu betonte das mit einer Schärfe, die weniger auf ihre Überzeugung als auf ihre innere Unsicherheit gegenüber einer gewandelten europäischen Denkart schließen ließ.
Noch vor drei Jahren war nicht einmal das Wort Tribut r e v i s i o n in der europäischen Unterhaltung 31t finden, geschweige denn der Ausdruck Tribut b e s e i t i - g u n g. Seit dem von Papen abgeschlossenen Lausanner Abkommen vom Sommer 1932 weiß die Welt und weiß ini besonderen Frankreich, daß die hemmungslose Ausplünderung Deutschlands zum bevorzugten Zweck der immer weiteren Aufrüstung eben dieses selben Frankreich für immer vorbei ist. Das Wort Revision ist allerdings auch heute noch in westeuropäischen Kabinetten offiziell verpönt. Tatsächlich steht es, ohne direkt ausgesprochen zu werden, langst im praktischen Sinn der Verhandlungen, bie beispielsweise um Deutschlands Gleichberechtigung laufen. Daß über eine Umwandlung unserer kleinen Reichswehr in ein Halbwegs brauchbares Verteidigungs- Heer überhaupt verhandelt wird, war noch 1932 für die „Siegcrstaatrn" völlig undenkbar. Und es ist für den Deutschen heute eine fast erheiternde Erinnerung, daß die Tatsache dieser Verhandlungen ein Verdienst 's e r - selben nationalsozialistischen Reichsregiernna ist, die von gewissen Auslandskreisen noch im Januar 1933 der Welt als der leibhaftige Gottseibeiuns hingesteüt wurde. Wir erinnern uns: es war genau derselbe Vorgang wie bei der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten — „Die Wahl des Marschalls bedeutet den Krieg" konnte man damals in allen Tonarten nicht nur in französischen Zeitungen lesen. Das Geschwätz verstummte damals so schnell wie das hysterische Geschrei, das man in denselben Kreisen vor der Übernahme der Macht durch Hitler angestimmt hatte. Zeichen der Wandlung? Mehr als das: Zeichen einer allmählichen inneren Umschichtung in Europa, der eine äußere zu gegebener Zeit folgen wird.
In der inneren Umschichtung stehen wir mitten drin. Sehen wir uns ein wenig um im alten Europa, vermerken wir die Zeichen der Zeit.
Frankreich verlor zwei seiner bedeutendsten Einflußsphären: die willfährigen Erfüllungsregierungen in Deutschland, schon durch die Regierung Papen abgelöst, wurden endgültig durch die nationalsozialistische Hitler- Regierung ersetzt — endgültig! Mit Deutschland ist in Zukunft weder durch Diktat noch durch Drohungen zu verhandeln: es gibt keine regierende Sozialdemokratie mehr, die die beste Hilfstruppe der Diktatmächte gewesen war. Es gibt sic auch in Österreich nicht mehr, wo sich Frankreich auf sie in gleicher Weise verlassen konnte wie im Nachkriegsdeutschland von einst. (Durch das gegenwärtige Zwischenspiel in Österreich mit den operettenhaften Putschversuchen Herrn Starhembergs einerseits und den radikalen Diktaturgelüstcn Herrn Feys andererseits soll man sich nicht irremachen lassen: wir können aus zuverlässiger Quelle mitteilen, daß die irregeleiteten und von ihren Führern im Stich gelassenen Äustromarristen in bellen Hausen ins nationalsozialistische Lager hinüberschwcnken.) Daß in beiden Ländern die Entwicklung durch die Zerschlagung der Sozialdemokratie gekennzeichnet ist, liegt in Der allgemein-antimarxistischen Tendenz der inneren Bewegung in den europäischen und auch in zahlreichen außereuropäischen Staaten.
Im Fall Österreich kreuzen sich zudem heftige Strömungen, die k r e u z und quer durch Europa gehen. Wir verzeichnen seit dem Ende vergangenen Jahres den Abschluß der Nichtangriffspakte Rußlands mit den Randstaaten, Pakte, deren Reichweite sich bis auf den Balkan sowohl wie bis nach Frankreich hinüber auswirkt, verzeichnen ferner den unlängst abgeschlossenen Balkanpakt und schließlich den zur Zeit noch nicht einwandfrei geklärten Pakt zwischen Italien, Ungarn utld O st er reich. Zwischendurch laufen die Bemühungen Fraitkrcichs, Österreich auch nach beut Sturz der Austro- marristen als Bindeglied zwischen den mitteleuropäischen und den südostcuropäischen französischen Gcfolgsstaatcn wiederzugewinnen. Auf dem Papier der österreichischen und französischen Zeitungen liest sich das als Kampf um Österreichs „Unabhängigkeit", während es sich in Wirklichkeit um einen Kampf für die Abhängigkeit Österreichs von einer der genannten Mächtegruppen handelt.
Gleichzeitig damit läuft eine wachsende Venclb- ständigung der polnischen und der e n g l i s ch e n Politik gegenüber Frankreich; man denke nur an da-.- deutsch-polnische Llbkommen, an die wiederholten rlb- lchnungen französischer Forderungen durch England s tu der österreichischen und der deutschen ^ragc. Man soll diese ersten Anzeichen eines Bruches der polni,chcn und der englischen Traditionspolitik beileibe nicht überschätzen. aber die auffallende Nervosität der franzoil,chen Regierung etwa, die den englischen Abrüstungsuntcrhandlcr Eden gar nicht schnell genug wieder in Paris haben kann, um ihn über seine Gespräche in Berlin und Rom aus zu- ho-che" spricht Bände über Frankreichs rrvchssnds Bs- ioranic' um ferne Vormachtstellung. Polen überdies