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Müaer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg

jeden Werktag. Bezugspreis: monatlich <Bei Liefernngsbehindcrung durchHöhere K-wlllt" bestehen keine Anwrüche. Verlag Friedr. . A

MSS £!&ä«%.^«5e Iulöa- und tzaunètai -Möser Kre»sblatt Hallpä^tleiärs: Fr. Ehrenklau, Lauterbach H. J-------/ '

Nr. 41 1934

Fulda, Samstag, 17. Februar

11. Jahrgang

Nach vier Tagen Bürgerkrieg.

Ser Doppeladler wieder über Wien.

Nur langsam findet Wien nach vier Tagen blutigen Äüraerkrieges von unerhörtenl Ausmaß wieder das Meickiaewicht des Alltags zurück. Die Absperrungsmatz nabmen sind im Innern der Stadt im wesentlichenbe- iettiat worden, d. h. Drahtverhaue und Polizeistreifen ind aus dem Straßenbild verschwunden. Die Stratzen- lâen verkehren wieder in vollem Umfange. Theater und Kinos öffnen am Sonnabend wieder. Die öffentlichen Maude werben nach wie vor von Truppen und Polizei bewaÄt Durch die Straßen ziehen größere Truppen- und

DaS alte Wiener Vorkriegswappen mit dem Doppeladler.

Heimwehrabteilungen. Die Polizei und das Sicherheits­korps, die in den letzten Tagen ununterbrochen in die Kämpfe eingesetzt waren, sind in die Kasernen zurück­gezogen worden.

In den Außenbezirken und in den großen Kampf­abschnitten wird die militärische Überwachung voll auf- rechterhalten. Der allgemeine Bereitschastszu- stand bleibt bestehen. Die Entwassnungsaktion und Waffen suche in dem ganz Wien umgebenden Gürtel der Gemeindebauten, die in den Kämpfen die strategischen Stützpunkte des Aufstandes bildeten, werden systematisch förtgesetzt. Neue umfangreiche Waffenlager sind in den Nachtstunden entdeckt worden. Es erfolgen weiter zahlreiche Verhaftungen. Die Suche nach Aufdeckung des Organisationsnetzes des Aufstandes wird fortgeführt. Die Ergebnisse werden aber noch nicht bckanntgcgcben. Die Schutzbündler wollen nach Der tschechoslowakischen Grenze hin flüchten, werden jedoch von der Gendarmerie verfolgt und ergeben sich in großer Zahl.

Die Regierung schreitet in der Säuberung der Wiener Verwaltung von sozialdemokratischen Elementen weiter fort. Das alte Wappen der Stadt Wien, der Doppeladler, ist wieder eingeführt wor­den. Aus den Amtsräumen des Rathauses verschwindet der sozialdemokratische Bilderschmuck. In den Schulen und in der Schulverwaltung sind sämtliche sozialdemokra­tischen Persönlichkeiten von ihren Posten enthoben wor­den. Die zahlreichen Standrechtsverhandlun- 9 e n in Wien, St. Pölten und Steyr gehen weiter.

Mit der Rückkehr ruhigerer Zustände entsteht für die Negierung die ernste Frage, was nun geschehen soll.

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1500 Todesopfer bei den Sozialisten.

Eine Teilbilanz des Bürgerkrieges.

Nachdem heute ein gewisser Abschluß der Kämpfe zur Unterdrückung des Schutzbundaufstandes eingetretcn ist, wird allgemein nach dem Umfang der Verluste aus beiden ^^ten gesragt. Die Feststellung der Zahl der Toten des Schutzbundes stößt aus die große Schwierigkeit, daß der Schutzbund meist seine Toten während des Kampfes fort- geschafft hat. In dem Allgemeinen Krankenhaus sind nach öffentlichen Angaben rnnd 130 Personen ihren Ver- U'tzungen erlegen. Aus 152 einzelnen Kampfhandlungen, 111 denen durchschnittlich jeweilig v"n vier Toten berichtet wurde, ergibt sich eine Gesamtzahl von etwa 600 Toten, tie Verluste des Schutzbundes im Schlingerhos und in dUoridsdorf werden mit 150, im Karl-Marr-Hof mit 60, Wt Heiligenstädter Bahnhof mit 30 Toten angenommen.

hohen Zahlen werden aus die Kampfhandlungen in geschlossenen Gebäuden und die Einsetzung von Artilleric Iurückgesührt.

Nach den bisher vorliegenden Angaben wird daher uuf Grund rein privater, offiziell nicht bestätigter innigen für den Schutzbund mit einer Gesamtzahl von ungefähr 1000 Toten in Wien und 500 Toten in den Vandern acred'ntet.

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Die Krankenhäuser überfüllt

Der Tod hält weiter reiche Ernte.

n ^n den Wiener Krankenhäusern haben die Ärzte, vor 0lc Chirurgen, eine äußerst anstrengende Tätigkeit. Säle sind bis aus den letzten Platz gefüllt. Wegen der n "'Vler Verletzungen, besonders bei Drust- '» ° Bauchschüssen, soll der Prozentsatz der Todes- G r f 111 öc". Kliniken groß sein, wodurch sich noch die vermehrttä'^cr der Toten von Stunde zu Stunde

Volksgesundheit und Bolkswohlfahrt durch die N.S.B.!

Geschäft ist Geschäft!

Die ungeheuren Waffenlieferungen für die Austromarxisten.

Bei der Schlußbilanz, die man jetzt aus dem traurigen Kapitel des österreichischen Bruderkampfes ziehen wird, geht mit aller Klarheit bereits jetzt schon hervor, daß einerseits der internationale Marxismus, anderer­seits das internationale Finanzkapital der Wassen­in d u st r i e sich nicht gescheut haben, immer wieder Öl in das Feuer des Aufstandes zu gießen.

Jetzt wird bekannt, daß ein Plan bestanden hat, nach Dem ans der Preßburger Gegend bei einem Kampf um das Wiener Rathaus

30 000 tschechische Sozialdemokraten über Hamburg in Österreich einzusallen hätten. In letzter Minute sei jedoch die Prager sozialdemokratische Partei­leitung offenbar zu der Überzeugung gekommen, daß da­durch

ein gewaltiges Chaos in Europa entstehen würde, und sie habe die Aktion abgeblasen. Dadurch sei der Einmarsch unterblieben. Diese Gefahr, ein gewaltiges Chaos in Europa herbeizusEihren, hat aber auch

die Waffenindustrie vor allem der Tschechoslowakei und Frankreichs nicht gehindert, die Schutzbündler reichlich mit Waffen zu versehen. Hierbei dürfte wohl kaum der^Wunsch ausschlag­gebend gewesen sein, aus politischer Sympathie heraus, die Marxisten zu unterstützen, sondern geradezu ver­brecherisches Gewinnstreben, das nicht danach fragt, ob an Freund oder Feind geliefert wird, wenn nur ein G eschäft" dabei Hcrausspringt. Beweise dafür sind

die ungeheuren Waffenfunde, die die österreichischen Regierungstruppen in der Provinz und in Wien gemacht haben. In Klagenfurt fand man in den Magazinen Ser Schutzbündler noch ungeöffnete Patronenkisten und Maschinengewehrmunition, außerdem Gewehre mit dem StempelS koda-Werke, Mo dell 1 932". Die gleichen Funde wurden in Wien im Lassalle- Hos, in einem im Arbeiterviertel gelegenen Gebäude gemacht. Hier entdeckte man Kisten mit der Aufschrift: B u d w e i s -Linz-Wien.

Die Staatspolizei erklärte zu diesen Funden, daß sie ohne Rücksicht aus irgendwelche außenpolitische Beziehungen und Verwicklungen eine strenge Unter­suchung durchführen werde. Man kann also mit einem internationalen politischen Skandal rech­nen, der weit über die Grenzen Österreichs und der Tscheche« hinausaehen wird.

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Die Tschechoslowakei und der öster­reichische Bürgerkrieg.

Eine Erklärung im Prager Abgeordnetenhaus.

Zu den Ereignissen in Österreich nahm imtschcchi - scheu Abgeordnetenhaus der bevollmächttgie Minister Dr. K r o s t a in einer Erklärung Stellung , wo­bei er seststellte, die Tschechoslowakei könne nicht tn die Ereignisse eingreisen. Dr. Krofta be­zeichnete die Nachrichten und Gerüchte, als ob die Tschechoslowakei in Österreich cinmarschicren würde, um dort Ordnung zu machen, als Phantasie und Unmöglich­keit. Dr. Krofta fügte hinzu: :

Wenn irgendein Staat die Grenze überschreiten oder in die österreichischen Verhältnisse eingrcife» würde, würden wir nicht schweigen.

Das bedeutet allerdiugs nicht, daß wir selbst in Österreich cinfaücn würden. Wir müßten nur protestieren und die entsprechende Stelle anrusen.

Soviel kann man vielleicht schon lagen, daß sich die Verhältnisse in Österreich, ohne daß berufene ausländische Faktoren cingreifcn, kaum beruhigen werden, da die ständige Gefahr besteht, daß eS zu etwas kommt, was

die Unabhängigkeit Österreichs bedrohen könnte. Österreich ist nach dem Genfer Protokoll vom Jahre 1922, das auch die Tschechoslowakei unterzeichnet hat, gehalten, seine Unabhängigkeit zu wahren.

Wenn von irgendeiner Seite der Versuch unternom­men würde, diese Unabhängigkeit zu verletzen, dann hätten alle, die dieses Protokoll unterzeichnet haben, die Möglichkeit, cinzuschreitcu. Ich zweifele nicht, daß dies durch Vermittlung des Völkerbundes oder wenigstens durch ein Einvernehmen aller Signatare des Genfer Pro­tokolls erfolgen würde.

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Irreführung der Wienrr^Sevölkernng.

Doltfiist läßt Österreich im unklaren.

Die o;ad)fidjtcn über Österreich nehmen weiterhin den ersten Platz in der Weltpresse ein. Die englische Telegraphenätzentur Slcnter sagt, daß die Zabl der Todes­opfer ungeheuer g r o ß sei. Es sei schwierig, ver- läßliche Schätzungen über die Toten und Verwundeten zu erhalten. In amtlichen österreichischen Streifen werde st r e n g e s Schweigen über diesen Punkt bewahrt. Das Ergebnis davon sei, daß die Massen ans der Straße in Wien keine Ahnung von dem Ausmaß der eragobte haben.

»Lieber Hitler als Dollfuß.^

Eine andere englische Korrespondenz meldet der News Chronicle' aus Wien: Die Erwartung, daß die österreichische Arbeiterschaft in ihrer Verzweiflung zu den Nationalsozialisten übergehen werde, hat sich bereits bestätigt.Lieber Hitler als Dollfuß" und ähnliche Worte konnte ich bei einem Besuch in einem Arbeiterviertel hören, das schwer unter der Beschießung gelitten hat. Die Zeitungen fahren aus Weisung von oben her fort, irreführende Darstellungen über die Ursachen und den Verlauf der Unruhen zu ver­öffentlichen. Um dem Publikum die volle Kenntnis der Tatsachen vorzuenthalten, hat die Heimwehr die Geschäfts­stellen der größten Zeitungsvertriebsgesellschaft über­nommen, um die ausländischen Blätter einer Zensur in unterwerfen, bevor sie an Zeitungshändler gehen.

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DaS vierte Todesurteil in Wien.

Wien. Das Standgericht in Wien fällte das vierte Todes, urteil. Der Gruppenführer des Republikanische Schutzbundes der Arbeiter Karl Swobota, der verheiratet ist und drei Kin­der hat, wurde vom Strafsenat zum Tode durch den Strang verurteilt.

Die Lage Oesterreichs nach den neuesten Meldungen.

Beschlüsse des österreichischen Ministerrates.

Wien, 17. Febr. (Funkmeldung.) In der amtlichen Verlautbarung über die Ministerratssitzung, die sich bis Samstag früh 1 Uhr hinzog und in der sich der Ministerrat für die sofortige Aufhebung des Standrechtes in Tirol und im Burgenlande und die baldige Aufhebung in den übri­gen Ländern aussprach, wird ferner mitgeteilt, daß der Bundespräsident den Staatssekretär für Arbeitsbeschaffung, Neustädter-Stürmer, der bisher den Heimweh- ren angehörte, zum Minister für soziale Ver­waltung und den bisherigen Sozialmintster Schmitz, der Bundeskommisiar für die Gemeinde Wien geworden ist, zum MinifterohnePortefeuille ernannt hat. Beide find bereits vereidigt worden. Die Aufgaben des bisherigen Staatssekretärs Neustädter-Stürmer gehen auf das Handelsministerium über. Vundesminister Schmitz wird weiterhin mit der ständischen Neugestaltung betraut. Schließlich wird ausdrücklich als Beschluß des Minister­rates festgestellt, daß die Verordnung über das Betäti­gungsverbot für die Sozialdemokratische Partei dahin aus­gedehnt wird, daß sämtliche Mandate, die auf Grund eines sozialdemokratischen Wahlvorschlages erworben wurden, als erloschen zu gelten haben.

Das amtliche London betrachtet die Wiener Ereignisse mit schärfster Verurteilung".

London, 17. Febr. (Funkmeldung.) Englische amtliche Kreise haben bestätigt, so meldetDaily Telegraph", daß die englische Regierung dem österreichischen Bundeskanzler Dollfuß angeraten hat, Milde gegen seine geschlagenen Widersacher auszuüben.Daily Herald" meldet: Bei Be­obachtung vollständiger diplomatischer Korrektheit seien so­wohl in London wie in Wien Mittel gesunden worden, der österreichischen Regierung vor Augen zu führen, daß die Ereignisse der vergangenen Woche in London mit schärfster Verurteilung betrachtet werden.

Auch andere Blätter melden, daß der englische Gesandte in Wien in persönlicher Eigenschaft dahingehende Andeu­tungen gegenüber der österreichischen Regierung gemacht hat.

Neue Todesurteile und Hinrichtungen.

3m Staudgerichtsprozeß beim Straflandesgericht Wien I verkündete der Vorsitzende das Urteil gegen die Schutz­bündler, die im Reumann-Hof verhaftet worden waren. Die Angeklagten Seiler, Hastinger und Mosko wurden des Verbrechens des Aufruhrs schuldig erkannt. Seiler und Hastinger wurden zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Angeklagte Mosko, der erst achtzehn Jahre alt ist, er­hielt sieben Jahre schweren Kerker. Die von dem St. Pöltener Standgericht zum Tode durch den Strang verur­teilten Malergehilfe Rauchenberger und Arbeiter Johan» Hois wurden gestern abend hingerichtet.

Zwei Todesurteile gegen Floridsdorser Straßenbahner.

Wien, 17. Febr. (Funkmeldung.) Das Standgericht hat in dem Prozeß gegen 5 Straßenbahner des Straßen­bahnhofs von Floridsdorf zwei Angeklagte zum Tode d u r ch d e n S t r a n g v e r u r t e i l t. Die übrigen drei Angeklagten wurden an das ordentliche Gericht verwiesen. Es wird jedoch angenommen, daß der Bundespräsident bte Todesstrafen in Freiheitsstrafen umwandeln wird.

England und das zukünftige deutsch-österreichische Verhältnis.

Eine englische Zeitnng schreibt hierzu u a.: Die eng­lische Regierung habe bereits bekanntgegeben, daß sie kei­nen Einwand erheben werde, wenn L eutichland nni. O ester­reich eine Zollunion abschlösien. Auch wurde sich England nicht zur Einmischung veranlaßt fühlen, wenn Oester - reich durch eine Volksabstimmung natio­nalsozialistisch wurde und entschlofien wäre, sein Geschick mit hem des nationalsozialistischen Deutschland zu verbinden.