M-aer Mzeiger
*«äääm"S Tageblatt für Rhön UN- Vogelsberg Wöä 'ää «
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Nr. 40 — 1934
Fulda, Freitag, 16. Februar
11. Jahrgang
Mit Artillerie und Henker.
Schwarze Zahnen über Massengräbern.
Der Totentanz der Frauen und Kinder.
Es wird noch lange dauern bis eine genaue Verlust- lisie der blutigen Kämpfe in Österreich festgestellt werden kaun. Der Kleinkrieg an verschiedenen örtlich auseinanderliegenden Plätzen, und das Bestreben der Aufrührer, ihre Toten und Verwundeten nicht in die Hände der Truppen fallen zu lassen, verhindert natürlich jede genauere Erfassung. Dazu kommt vor allem, daß wahrscheinlich
Hunderte von Leichen
von Kämpfern, aber auch vonFrauenundKindern unter den Trümmern der zusammengeschossenen Wohnblocks liegen. Schwarze Fahnen wehen über diesen Massengräbern, die erst nach ihrer Öffnung ihr
schauriges Geheimnis preisgeben werden. Jedenfalls muß die Verlustliste eine schreckliche Höhe erreicht haben, und der Wiener Berichterstatter der „Times" schreibt mit Recht erschüttert von soviel Elend nach London:
Eine derartige Zusammendrângung menschlichen Leidens auf engem Raum kann cs in ganz Europa seit Dem Kriege kaum gegeben haben.
Unzweifelhaft sind viele von den Toten und Verwundeten nicht am Kampf beteiligt gewesen. Ein höherer Offizier der regulären Armee hat in Floridsdorf im Besprach mit einem Vertreter des Neulerbüros zugegeben, daß die meisten Verluste wahrscheinlich unter u n ° schuldigen Personen zu verzeichnen seien, die nicht aus ihren von der Artillerie des BundesheereS beschossenen Wohnhäusern entkommen konnten. Die Neutcrineldung gibt der Ansicht Ausdruck, daß ein Ergebnis der Abschlachtung von Nichtkâmpfcrn eine Zunahme der Erbitterung' der Arbeiterklasse gegen die Regierung Dollfuß sein werde.
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DMuß bietet Generalpardvn an.
Bundeskanzler Dollfuß verlas im Rundfunk im Namen der Regierung folgende Erklärung:
„Wer sich ab jetzt, Mittwoch abend l l Uhr, jeder ungesetzlichen uüd feindseligen Haltung enthält und sich der Exekutive bis Donnerstag 12 Uhr stellt, dem kann — ausgenommen die verantwortlichen Führer — Pardon gebeten werde». Nach 12 Uhr gibt es leinen Pardon mehr."
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Kampspause.
Am Donnerstag mittag wurde folgende amtlich« Reibung ausgegeben: „In sämtlichen Bezirken Wiens ist die Ruhe vollkommen hergcstellt."
Die Arbeiter haben mit Rücksicht auf die Rundfunk- rcbe Dollfuß', in der ihnen bis mittag 12 Uhr Pardon )MiM wurde, den letzten Widerstand aufgegeben, -er ©leg von Dollfuß ist daraus zurückzuführen, daß ihm w J r t i 11 e r i e zur Verfügung stand und das Bundes- «cer. Hauptsächlich die Artillerregeschütze haben vernichtende Wirkung ausgeübt.
Cs kaun aber keineswegs behauptet werden, daß schon uverall jeder Widerstand gebrochen wäre. Man muß im Agenteil mit einer Fortdauer der Zustände zunächst Md) rechnen.
, Soldaten des BundcShcercs
"usgepslai,zi^,n Balonelt sichern eine eroberte Straße.
^ Die erste Hinrichtung in Wien. $lii n^tl0M1. Standgericht gegen den Schutzbündler Karl $trri'1n ? ' tcr verhängte Lvdcâurtei! ist durch den ^® "vLzogen worden.
Der Henker arbeitet.
Die Todesurteile der Standgerichte.
Der Standgerichtssenat in Wien hat den Kommandanten der Hauptfeuerwache Floridsdorf, Ingenieur Weißel, zum Tode durch den Strang verurteilt. Weitzel war Kommandant der Feuerwache, von der aus die Polizei beschossen wurde, wobei 18 Wachbeamte den Tod fanden. Der Verurteilte ist drei Stunden nach dem Urteil in der Nacht hingerichtel worden.
Weitzel soll vor dem Gericht in seinem Schlußwort erklärt haben. er bedauere es. daß durch seine Schuld viele
Verhaftete Schutzbündler unter scharfer Bewachung im Gerichtshof.
Männer unschuldig ihr Leben hätten lassen müssen. Sein Vorgehen sei eigentlich ein Versuch mit untauglichen Mitteln gewesen, sowohl in bezug aus Material als auch auf Menschen.
Ein weiteres Todesurteil fällte das Standgericht gegen den Schutzbündler K a! a b. Die Vollstreckung fand nach Ablauf der gesetzlichen dreistündigen Frist durch Erhängen statt.
Weitere 5 0 Fälle standen vor dem Standgericht Zur Verhandlung.
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Ungeheure Empörung wegen bestialischer Hinrichtung.
Es werden jetzt Einzelheiten über die Hinrichtung des Schutzbundführers Munnichreiter bekannt. Die Hinrichtung dieses Schwerverletzten durch die Wiener Erekutivbehörde bar die Erbitterung der Bevölke. rung ins Unermeßliche gesteigert. Munnichreiter, der durch mehrere Schüss" schwer verletzt war, wurde danach auf eine Tragbahre zum Standgericht, ebenfalls
auf einer Tragbahre zum Galgen geschafft, von der Bahre aus unter den Galgen gesetzt und — obwohl fast bewußtlos — erbänat. Auck
Gipfel der Verlogenheit.
,9er einzige der euch hilft, ist Dollfuß."
Ein unglaublicher Aufruf des Herrn Dollfuß an die
Arbeiterschaft.
Die Vaterländische F r o n t des Herrn Dollfuß hat in Wien und in den österreichischen Bundesländern ein F l u g b l a t l verteilen lassen, das an die A r b e i t e r Österreichs gerichtet ist. Der Aufruf hat folgenden Wortlaut: , . ...
„Auf die Barrikaden schickten sie euch, eure sichrer, die im Auto flüchteten. Tote und Verwundete sind das Ergebnis dieser schweren Stunden. Ihr wurdet schmählich im Stich gelassen. Arbeiter Österreichs, denkt an eure
gemordeten und gemeuchelten Brüder im Dritten Reich.
Denkt an die Zertrümmerung aller sozialen Rechte und Errungenschaften durch den Nationalsozialismus, Was eure verbrecherischen Führer versuchten, ist schmählicher Verrat an euch, euren Lieben, an eurer Heimat Österreich. Jetzt gilt es, sich klar zu entscheiden. Der einzige, der euch hilft, ist D o l l su ß. (Hl Arbeiter Oster- reichs, vereinigt euch mit allen guten Österreichern in der Stunde der Gefahr. Österreich braucht euch, ihr braucht Oster reich!"
Dieser Aufruf des Herrn Dollfuß ist der H ö h e - punkt der Verlogenheit und Gcmcin bcit. Erst läßt Herr Dollfuß mit Kanonen die Arbe i t er- w o h n b ä u s e r z u s a m m c n s ch i c ß e n, dann läßt er ein Blutbad anrichten, das 5 0 0 Tote fordert, darunter zahlreiche unschuldige Frauen und Kinder. Im gleichen Augenblick appelliert derselbe Herr Dollfuß an die Arbeiter, sich zu ihm zu bekennen. Ein
Stück aus dem Tollhaus
aber geradezu ist es, wenn Herr Dollfuß, der 500 Arbeiter abschlachten ließ, gleichzeitig nach der Methode „Haltet den Stell" auf Deutschland hinweist und von den in Deutsch- land anaeblich gemordeten und gemeuchelten Arbeiter
zahlreiche Ausländer haben ihrer ungeheuren Empörung über die bestialische Hinrichtung eines Schwerverletzten durch die Regierung Dollfuß Ausdruck gegeben und erklärt, daß damit auch die letzte Sympathie sür das Ee- waltsystem Dollfuß bei ihnen geschwunden sei.
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„Da werden Weiber zu Hyänen!"
Frauen in den Reihen der Roten.
Der dritte Tag des Kampfes um Wien dürste die militärische Entscheidung für Wien gebracht haben, denn es gelang den Regierungsiruppen, Florids- dors zu erobern. Einige Gebäude mußten im Sturm genommen werden. Die Marxisten zogen sich aus die Linie Stablau Kagran zurück Einer ihrer wichtigsten Stützpunkte in dieser Gegend ist der G o e t b e d o s, ein riesiges Wohngebäude unmittelbar an der Donau Es war zum Teil aus Eisenbeton erbaut, und diese Mauern leisteten den Geschossen heftigen Widerstand. Daher fuhren fünf schwere Haubitzen atj und bombardierten das Haus, das in Brand geschossen wurde und lichterloh in die Nacht binausleuchtete.
Eine weitere marxistische Festung ist der Bebel« hof in Meidling.
Hier beteiligten sich sogar Frauen am Kampf, bi« nicht nur immer wieder neue Munition heranschafflen, sondern auch selbst schossen.
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„Ernst und Anna erkrankt."
Ein verdächtiges Telegramm.
über den Beginn des sozialistischen Aufstandes in Österreich gibt jetzt der Staatssekretär Neustädter-Stürmer eine Darstellung, in der auf das schärfste bestritten wird, daß die blutigen Unruhen in L i n z der Anlaß zum Aufstand der Sozialdemokratie gewesen seien. Der Sicherheitsdirektor von Österreich habe damals keineswegs eine Aktion gegen die Sozialdemokratie geplant. In der^Racht ;um Montag sei vielmehr ein Telegramm an den Schutz- dundsübrer Bernaschek aufgefangen worden, das lautete: „Ernst und Anna erkrankt, Unternebmung verschieben." Da dieses Telegramm den Behörden verdächtig erschien, sei das sozialdemokratische Parieihaus in Linz beobachtet worden. Man habe eine fieberhafte Tätigkeit bemerkt und habe Wachbeamte in das Haus geschickt, aus die das Feuer eröffnet worden sei. Der Staatssekretär schildert den bekannten weiteren Gang der Er- rignisse und teilt mit, daß der Schutzbundführer Bcr- naschek damals zwar verhaftet wurde, jedoch noch Zeit hatte, den Beseh! zum Angriff zu erteilen.
Es stehe somit fest, daß es sich bei den Sozialdemokraten um eine für ganz Österreich geplante Offensive gehandelt hatte, die durch das verräterische Telegramm um einige Tage zu früh zum Ausbruch kam.
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Standrecht in fünf Bundesländern.
Das Standrecht ist auch über das Burgenland verhängt worden und hat damit in fünf von den neun österreichischen Bundesländern Geltung, nämlich in Wien, Oberösterreich. Tirol, Kärnten und Burgenland.
brüdern spricht. Herrn Dollfuß kann nur gesagt werde«, daß die
deutsche Revolution bei einer Bevölkerung, die 11 mal so groß wie die Österreichs ist, nicht einen Bruchteil der Todesopfer gefordert hat, die Dollfuß' verbrecherischer Vcrzwciflungskampf gegen die österreichische Arbeiterschaft zur Folge hatte.
Ausgerechnet die Regierung Dollfuß, die als schärfster
Exponent des reaktionären Arbeitgcbertums gilt, preist sich dem österreichischen Arbeiter als Verfechterin seiner sozialen Rechte an. Und diese Regierung Sollfug wagt cs, von einer Zertrümmerung aller sozialen Rechte und Errungenschaften durch den Nationalsozialismus zu sprechen, obwohl die nationalsozialistische Regierung sich als eine der sozialistischsten Regierungen der Welt erwiesen hat, indem sie dem schaffenden deutschen Menschen die modernste Sozialverfassung der Welt gab.
Reichsiresfen der Aliveieranen.
WiedersehenSfeier in Heringsdorf.
Zum erstenmal in neuerer Zeit werden sich in diesem Jahre die deutschen Altvctcrancn, das sind die Teilnehmer der Feldzüge von 1 86 6 und 1 870 / 71, aus dem ganzen Reich zu einer tn ihrer Jrt einzigartigen großen Wicdcrsebensfcier zusammcnllndcn, die in der Woche vom 2 5. A u g u st b i s 2. s c p t e m - b c r in dem Seebad Heringsdorf siattnudei _ tc Kurverwaltung wird den alten Kriegern im Ra Innen ihres Rcichstrcffcns Gelegenheit geben, sich an d-er »see ein paar Tage der Erholung zu gönnen, deren Kosten teils von Heringsdorfer Hotelbesitzern, teils von den örtlichen Kricgervereinen getragen werden. Bei der Zahl von rund 2 5 00 0 Alt Veteranen, die in Deutschland noch am Leben sind, ist mit einer ansehnlichen Seiet» ligung an dem Reichstreffen zu rechnen.