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Ne-aktion und Geschäftsstelle: Königstraße 42 Iernsprech-Nnfthluß Nr. 24S4 Anzeigenteil Christian Geipel, Fulda, Konigstr. 42.

Nr. 32 1934

Fulda, Mittwoch, 7. Februar

11. Jahrgang

Paris in Ausruhr.

Bisher 29 Tote? Hunderte von Verletzten.

Schwere Unruhen in der französischen Hauptstadt. Feuergefechte in den Straßen wäh­rend der Kammersitzung. Polizei und Militär kämpfen in der Nacht gegen den Aufruhr.

Maschinengewehrzüge in den Straßen.

Im Hinblick auf die Regierungserklärung des französischen Ministerpräsidenten Daladier hatten die Nechtsgruppen, ebenso wie die Linksparteien und die Kommunisten zu Massendemonstrationen in den Straßen von Paris ausgefordert. Da man Blutvergießen und Stürme auf die Gebäude der Behörden fürchtete, hatte die Polizei weitgehende Vorsichtsmaßregeln getroffen. Es standen ihr 14 000 Polizisten zur Verfügung. Außerdem war die gesamte M o b i l g a r d c mobilisiert worden. Ferner hatte der neue Polizeipräfekt von Paris gebeten, die Pariser Garnison sowie die Garnisonen der Vorstädte im Zustand der Mobilisierung zu halten. Die Jnfanterietruppen von Paris wurden seit zwei Tagen bereit gehalten, um im Falle schwerer Unruhen eingreifen zu können. In den Straßen von Paris wurden Maschi­nengewehrzüge beobachtet. Ferner waren die an der Peripherie von Paris gelegenen Garnisonen alarmiert. Auch die Garnison von Versailles war mobilisiert worden.

An dieser Tatsache änderte auch nichts der

Aufruf Daladiers an die Bevölkerung, in dem er zur Ruhe aufforderte. Berufsmäßige Agitatoren, so hieß es darin, hätten die unwahr­scheinlichsten Gerüchte verbreitet: Keinerlei Truppenbewe­gung und Materialverschiebung haben stattgefunden! Ge­wisse politische Gruppen und Frontkämpfervereinigungen hätten Kundgebungen vorgesehen. Der Ministerpräsident, der selbst ehemaliger Frontkämpfer sei, fordere l^ine Frontkameraden auf, ihre Forderungen nicht mit poli­tischen Unruhen in Verbindung zu bringen und nicht unter Bedingungen zu demonstrieren, die lediglich Ruhe und Würde verlangen.

Die Negierung werde auf alle Fälle die Ordnung aufrechtzucrhalten wissen.

*

Die Mitglieder der französischen Regierung waren am Dienstag vormittag zu einem Ministerrat zusammen­getreten, in deren Verlauf der Ministerpräsident die Regie­rungserklärung verlas, die in der Kammer und im Senat abgegeben wurde. Der Ministerrat hatte einstimmig den Wortlaut der Erklärung gebilligt.

*

Oie Regierungserklärung Daladiers.

Ministerpräsident Daladier hat in der Kammer eine Regierungserklärung verlesen, in der u. a. gesagt wird:Seit einem Monat hat der Skandal, der aus einigen individuellen Schwächen entstanden ist, die Arbeit der Kammer gelähmt, die Parteien gcgenein- andergcstcllt, das Land demoralisiert und den Gegnern der Regierung Gelegenheit gegeben, Angriffe wieder auf- zunehmen, die die Wachsamkeit der Republikaner in der Vergangenheit zunichte machte.

Die Regierung, die vor Ihnen steht, hat ihre Auf­gabe bereits begonnen. Abgesehen von den Fehlern, die Ihr Untersuchungsausschuß aufdecken wird und die restlos bestraft werden müssen, bat sie in ge­wissen öffentlichen Verwaltungen eine Lockerung der Wachsamkeit und ein nachlassendes Verantwortungs­gefühl festgestcllt, die eine

Erneuerung der Beamtenschaft und der Methoden erforderlich machen.

Während Ihr Untersuchungsausschuß für die Her­stellung der ganzen Wahrheit Sorge tragen wird, muß in den Parlamenten die g e s e tz g e b e n d e A r b e i t wieder ausgenommen werden, die durch die Partei­leidenschaften gehindert wurde, die aber für das Leben des Landes unentbehrlich ist."

Daladier wies dann aus die verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Ausgaben hin, die die Parlamente schnellstens zu erledigen hätten, und fnhr dann fort: Gegenüber dem unruhigen und zwiespältigen Europa bestätigen wir aufs neue den Friedens- und Sicherheits- willen Frankreichs, dessen gesamte Politik sich in folgere ^bei Begriffe zusammenfassen läßt:

internationale Zusammenarbeit und nationale

Verteidigung, Treue gegenüber dem Völkerbund

und unseren erprobten Freundschaften.

Der Friede ist ein Ideal. Es genügt nicht, dieses Ideal nur zu wünschen, sondern man muß cs in ehrlicher Arbeit verwirklichen. Zu diesem Werk ist eine Mehrheit forderlich.

. , In schwierigen Zeiten haben unsere graften Vor- Wen bic Energie besessen, die demokratischen Methoden ausrcchtzuerhalten. Heute müssen die vereinigten Repnbli- wner ihrem Beispiel folgen, wenn sie das Gedeihen «nes der wenigen freiheitlich regierten Länder, die noch I der Welt übriggeblicbcn sind, sichern wollen. An ihre ^'nigkeit appellieren wir im Interesse des Vaterlandes."

Vertrauen für Daladier.

Die Kammer nahm die von Ministerpräsident Dala­dier gestellte Vertrauensfrage wegen der Ver­tagung aller Anfragen außer denen von Dommange, Abarnegaray, Franklin-Bouillon und der Kommunistèn- gruppc mit 283 gegen 196 Stimmen an.

Die Vorstellung der französischen Regierung vor der Kammer vollzog sich unter stark nervöser Spannung. Als die Regierung den Sitzungssaal betrat, wurde sie auf der Linken mit Beifall, auf der Rechten mit lärmenden Zurufen empfangen.

Ministerpräsident Daladier verlas die Regierungs­erklärung. Er wurde häufig durch Zwischenrufe von rechts unterbrochen, auf die die Linke mit anhaltendem Beifall antwortete. Als schließlich

Sozialisten und Kommunisten in einen erregten Wortwechsel gerieten, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte, sah sich der Kammerpräsident gezwungen, die Sitzung^ auf- z u h e b e n. Rach kurzer Pause wurde die Sitzung wiederaufgenommen und Ministerpräsident Daladier konnte die Regierungserklärung zu Ende verlesen. Die Sozialisten hatten in ihrer Fraktionssitzung be­schlossen, für die R e g i e r u n g zu stimmen und sämt­liche sozialistischen Jntcrpellationsanträge zurückzuziehen.

Roch nie ist eine Regierungserklärung unter so unruhigen Umständen verlesen worden. In dem uner­hörten Lärm konnte niemand sei eigenes Wort ver­stehen. Einige Abgeordnete schrien:Es leben Chiappe!*, während die Sozialisten und Kommunisten die Verhaf­tung des bisherigen Polizeipräfekten forderten. Rufe wieEs lebe die Sowjetregierung" wurden laut, mit Pultdeckeln wurde geklappert.

Der Spektakel beginnt!

Während am Abend in der Pariser Kammer die erregte Sitzung im Gange war, kam vor der Kammer zu einer regelrechten Schlacht. Auf dem Concordien-Platz steckten die Demonstranten einen Autobus in Brand. Die Fenster­scheiben wurden eingeschlagen und die Splitter als Wurf­geschosse gegen die Polizei verwendet. Auf beiden Seiten gab es zahlreiche Verletzte. Mehrere Mitglieder der Repu­blikanischen Garde wurden mit schweren Kopfwunden, her­vorgerufen durch Hieb- oder Stichwaffen, zu den Verbands­stellen gebracht. Auch mehrere Pferde wurden verletzt. Die berittene Garde ging mehrmals mit blanker Waffe gegen die Menge vor. Auf den Champs ElysHes errichtete« Demonstranten, die der Vereinigung der ehemalige« Frontkämpfer angehören, Barrikaden aus Bänken und Gitter«. Sie benutzten mitgebrachte Werkzeuge, um den Asphalt aufzuschlagen. Die Untergrundbahnstationen Rat­hausplatz und Kammer find abgesperrt, und die Züge fah­ren durch.

Die Polizei wurde auf der ganzen Linie zurückgedrängt. Etwa in der Mitte der Brücke machte sie eine letzte ver­

Die vorläufige Bilanz.

29 Tote und 700 Verletzte in Paris? Schwankende Angaben.

Paris, 7. Febr. Die Angaben über die Zahl der bei den Unruhen Getöteten und der Verletzten schwanken. Daß die amtliche Ziffer von 3 Toten nicht den Tatsachen ent­sprechen kann, geht schon aus dem Bericht verschiedener Zeitungen hervor, die Berichte aus den Krankenhäusern bringen, in die die Verletzten eingeliefert worden sind und von denen viele ihren Verletzungen erlegen sind.

Der soziali,tischePopulaire" will 29 Tote, darunter mehrere Mitglieder der Mobilgarde, aufführen können DerPetit Parisien" spricht von 9 Toten und zwar Zivilisten, dasPetit Journal" von 12 Taten, die um t Uhr früh gezählt worden seien. DasEcho de Paris" will um 1.30 Uhr früh vom Büro der Sicherheitspolizei ge­hört haben, daß bis zu diesem Zeitpunkt 10 Tote gemeldet morden seien, darunter befänden sich 5 Demonstranten, 4 Mitglieder der Mobilgarde und ein Offizier der republi­kanischen Garde.

Auch die Angaben über die Verletzten schwanken. Man kommt wohl der Wirklichkeit nahe, wenn man die Zahl der verletzten Polizisten auf etwa 300 schätzt und die Zahl der verletzten Demonstranten auf 300400. In den Kran­kenhäusern ist ein großer Teil der Verletzten mit Revolver- und Maschinengewehrschüssen eingeliefert worden. Unter den Verletzten befinden sich mehrere hohe Polizeibeamte. Die Zahl der Schwerverletzten, deren Zustand zu Besorg­nissen Anlatz gibt, betrügt noch demPetit Parisien" gegen 100.

zweifelte Anstrengung, den Demonstranten den Weg zur Kammer zu versperren. Sie sah sich dabei gezwungen, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Kurz vor 20 Uhr arteten die Tumulte in ein wahres Feuergefecht aus, wobei mehrere hunderte Schütze abgegeben wurden.

Abgeordnete und Fußgänger flüchteten hinter die große« eisernen Gitter des Kammergebäudes, die sofort geschlossen wurden. Viele Neugierige flüchteten in das Außenmini­sterium. Die ganze Gegend um das Kammergebäud« gleicht einem Schlachtfeld. Die Demonstranten gehen mit Rasiermessern, Steinen und Knüppeln auf die Polizei los.

*

Vertagung der Kammer.

Paris, 6. Febr. Die Kammersitzung wurde um 20.30 Uhr französischer Zeit mit der Abstimmung über die Zu­rückstellung aller Interpellationen, für die die Regierung die Vertrauensfrage gestellt hatte, abgeschlossen. Ein da­hingehender Antrag wurde mit 360 gegen 220 Stimmen angenommen.

Die Kammer vertagte sich auf Donnerstagvormittag.

*

Den Demonstranten gelang es gegen 21 Uhr, auf der ganzen Linie die polizeiliche Absperrung zurückzudränge« und dicht an das Kammergebäude heranzukommen. Ob­wohl die Kammerfitzung bereits abgeschlossen ist, konnten weder die Abgeordneten noch andere in der Kammer be­findliche Personen das Gebäude verlassen.

Um Mitternacht flaute die Revolte der Pariser Bevölke­rung allmählich ab. Nur an den Brennpunkten rottete« sich immer wieder Tausende von Menschen zusammen, die dann die umliegenden Stadtteile durchzogen, bis sie aus­einandergetrieben wurden. Auffallend ist die Feststellung, daß die Bevölkerung überall für die Ruhestörer und gegen die Polizei Partei ergriff.

*

Neue Kämpfe nach Mitternacht.

Gegen Mitternacht wurde aus den verschiedensten Stadt­teilen ein neues Aufflammen der Ausschreitungen gemel­det. Za der Nähe der Madelaine hatten die Demonstranten den Boulevard auf seiner ganzen Breite durch Barrikaden und Eisengitter gesperrt und ein halbes Dutzend Zeitungs- verkaufsstäade in Brand gesteckt. Von hier aus versuchten die Kundgeber vor den Präsidentenpalast zu ziehen, woran sie jedoch bisher von der Polizei gehindert werden konnten.

Auch auf dem Konkordienplatz kam es erneut zu Zusam­menstöße« der Menge mit berittener Polizei.

Verschiedentlich versuchten die Demonstranten die Poli­zei zur Verbrüderung zu bewegen. Aus diesem Grund und da die Polizei auch den Massen nicht mehr gewachsen ist, wurden die in den Pariser Kasernen garnisonierenden Z«- fanterieregimenter zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgeboten.

Die Polizei beziffert die Zahl der Demonstranten auf der Place de la Concorde mit 5 0 00 0. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß auch an vielen anderen Stellen oer Stadt Ansammlungen stattgefunden haben, bekommt man einen ungefähren Eindruck von den Massen, die gestern auf die Straße gezogen sind. Das polizeiliche Aufgebot war groß, hätte aber ohne die Heranziehung militärischer Ver­bände niemals ausgereicht, um der Manifestanten Herr zu werden. Viele Taufende von Revolver- und Maschinengewehrschüssen sind namentlich auf dem Platz abgegeben worden. Mit blanker Waffe ging die'berittene Polizei, von Militär unterstützt, noch einmal kurz nach Mitternach vor, um den Platz endgültig zu säubern. Die vielen, zuni Teil grausigen Szenen, die sich allenthalben abspielten, wiederzugeben, würde Sei­ten um Seiten beanspruchen.

Einige Parlamentarier, die von der Menge er­kannt wurden, sind übel zugerichtet worden. Der bekannte Schokoladenfabrikant Senator Menier ist in schwerverletztem Zustande ins Krankenhaus eingeliefert worden. Auch Herriot hätte fast beim Verlassen der Kam­mer das gleiche Schicksal ereilt.

Das Innenministerium wurde von zwei Kompagnien besetzt. Ob die Regierung den Belagerungszustand ver­hängen wird, steht noch nicht fest. Um Mitternacht wurde im Innenministerium erklärt, daß die Lage eine derartige Maßnahme noch nicht rechtfertigen würde.