Zul-aer Mzeiger
UW ftÄ»Ä Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Äa:Ä^M|z
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TÄau' Lauter'bachH, Hauptschriftleiter: Chri- XUldG' UNv NÄUNEML ^ IUtvÄ^t RtGlSDWlU Beitreibung oder Konkurs erlischt jeder Anspruch 5aupkschriftleit«rs: Fr. Ehrenklau, Lauterbach H. ReSaktion unü Gepchâ'stsftelle: Königstraße 42 « Zernfprech-Rnsihluß Nr. 2M9 Anzeigenteil Christian Seipel, Fulda. Königstr. 42.
Nr. 31 — 1934
Fulda, Dienstag, 6. Februar
11. Jahrgang
SOS. -Rus an den Völkerbund.
Muß beklag- sich beim Völkerbund
Die österreichische Regierung hat nach mehr als fünfstündigen Beratungen beschlossen, dem Bundes- lanzler Tollfutz die Ermächtigung für die einleitenden Schritte der Anrufung des Völkerbundes im deutsch- östcrreichischcn Konflikt zu erteilen.
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Die deutsche Regierung hat bereits mit Recht daraus hingewiesen, daß der Konflikt in Österreich eine rein innenpolitische Angelegenheit ist, die Bundes- lanzler Dollfuß selbst zu bereinigen hat. Wenn das österreichische Volk sich in gerechter Entrüstung erhebt, um M* Joch einer artfremden Regierung abzuschütteln, so ist daran weder Deutschland schuld noch wird der Völkerbund etwas dabei helfen können. Die Suppe, die sich Dollfuß eingebrockt hat, wird er allein auslöffeln müssen, und es wird ihm nichts helfen, daß er versucht, die Schuld aus andere abzuwälzen oder Hilfe in seiner Not bei seinem Freund und Gönner Frankreich über den Völkerbund zu suchen. Der Völkerbund scheint der Strohhalm zu sein, an den sich die ertrinkende öfter» reichische Regierung klammert. Einen großen Halt wird sie daran im eigenen Lande nicht haben, denn alles, was dort deutsch fühlt, wird den Schritt nach Gens als das ansehen, was er wirklich ist: die Verlegenheitsgeste eines Mannes, der nicht mehr aus und ein weiß, der sich von seinen Volksgenossen verlassen sieht und an fremden Türen betteln mutz um eine milde Gabe zur kurzen Stiftung seines politischen Daseins.
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Au Schrei nach autoritärer Regierung.
Schwierige Lage der Wiener Regierung.
Die radikalen Forderungen der Tiroler Heim- wehren auf Durchführung eines autoritären Regimes und Auflösung der Christlich-Sozialen sowie der sozialdemokratischen Partei haben für die österreichische Negierung eine neue schwierige Lage geschaffen.
Von den Tiroler Heimwehren soll jetzt weiter verlangt worden sein, daß sämtliche Landesregierungen durch die hauptsächlich aus Heimwehrvertretern zusammen- zusetzenden Landesausschüsse ersetzt werden. Demgegenüber hat der Landeshauptmann von Riederösterrerch,
Belagerungszustand über Paris?
Erregung auf dem Siedepunkt.
Vor neuen Kundgebungen in Paris.
Die Spannung in Paris ist fast bis zum Siedepunkt gestiegen. Nicht nur die rechts st ehenden Verbände -ordern ihre Anhänger auf, am Dienstag gegen die Regierung zu manifestieren, die „eine Herausforderung an alle ehrlichen Elemente" sei, sondern auch die Kommunisten scheinen sich zu rüsten. Die Sozialisten chrcrseits haben eine Art Alarmbereitschaft eingerichtet. Die „Action f r a n $ a t f e" hat die Parole ausgegeben, sich für einen neuen Schlag gegen das Regime «reih, ubalten.
Angesichts dieser von den verschiedenen politischen Richtungen angekündigten Kundgebungen hat die Regierung es für notwendig gehalten, Vorkehrungen zu treffen, ^scht nur die Pariser Polizei und Garnison steht zum Einschreiten bereit, sondern auch verschiedene Garnisonen in der Nähe von Paris haben Befehl erhalten, sich marschbereit zu halten.
Eine Zeitung meldet, daß Tanks aus Compiègne nach Paris unterwegs feien und daß man insgesamt zwei Divisionen bei den um Paris liegenden Garnisonen an- gefordert habe.
Blauhemden bei den Pariser Kundgebungen.
Bei den Kundgebungen auf dem Pariser Boulevard ft neben den Anhängern der Action Fran?aise einige 'Weitungen von Blauhemden auf, die der jungen Regung der Franyisten augchören, die f a s ch i st i - ichen Grundsätzen huldigen.
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f Noch kann niemand erkennen, was in dem politischen ct Paris zusammengebraut wird, aber soviel steht i daß Frankreich vor einem neuen Abschnitt Tv*11 er parlamentarischen Geschichte steht. . bisherige Form des parlamentarischen Kuhhandels , ' Ranlespicls hat versagt, und die um Macht und Ein- am^^ttcrnden Parteihäuptlingc peitschen die Menge Die parlamentarische Opposition macht wie immer um jeden Preis. Daneben aber macht sich eine geltend, die Daladier aus dem ciugeschlagencn wärtâ ^r Ausschaltung der Parteien vor- ftnn $ üH stoßen sucht. Der üble Geruch aus dem Augias- n1 önlentartf^^e^ Korruption ist ihr in die Nase gc= bie Re W es müde, als Stimmvieh zu dienen für eini>â ^'i'i"chtigen Zwecke und unlauteren Machenschaften Deiiu^"^ Tode verurteilten Svstems. Nach Italien, reich s ""d Österreich scheinen nun auch in Frank- die die Augen aufzugehen für die Mißstände, niufc 1 ^ i^rlameutshcrrschaft notwendig mit sich bringen ob K 6el)t hier in Paris um mehr als nur darum, vU01*61 Polizeipräsident von Paris werden soll, rv diese Kämpfe sind mir politische Kulissen. Hinter
Reither, in einer Rede vor dem Katholischen Volksverband erklärt, die Christlich-Soziale Partei werde sich ihren Platz an der Sonne nicht nehmen lassen.
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Wirrwarr in Tirol.
Innsbruck. Die Sage in Tirol wird immer verworrener. Während einerseits die Heimwehr rund 1000 Mann nach Innsbuck gezogen hat, steht man im Landcshause aus dem Standpunkt, daß der neuernannte Landesausschuß in keiner Weise die bisherige Landesregierung ersetzen könne, daß diese vielmehr in voller Tätigkeit bleibe.
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Simon und der deutsch-österreichische KonstM.
Im Unterhaus erklärte Sir John Simon auf dir Frage, ob die Politik der britischen Regierung für die Unabhängigkeit Österreichs eintreten werde, die Regierung verfolge die Entwicklung der Dinge in Österreich mit gespanntester Aufmerksamkeit. Die Haltung der britischen Regierung sei dem Hause von ihm bereits am 21. Dezember mitgeteilt worden und jener Darlegung entspreche noch immer die Politik Englands. Auf die Frage, wie denn England die Unabhängigkeit Österreichs aufrechterhalten wolle, wenn es Heer, Marine und Luftstreitkräfte abschaffe, gab Simon keine Antwort. — Die Frage Sir Austen Chamberlains, ob man das Haus nicht über den neuestenStandderöster- reichischen-deutscheu Beziehungen informieren könne, beantwortete Simon dahingehend, daß er im gegenwärtigen Augenblich nichtsdarüberfagen könne.
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In Völkerbundskreisen bestreitet man nicht, daß der Beschluß des österreichischen Ministerrates, den Völkerbund in dem Konflikt mit Deutschland anzurufen, einem neuen Ausweichen vor einer sofortigen Entscheidung gleichkommt. Aus telephonische Anfrage wurde dem Völkerbundsrat vom Bundeskanzleramt in Wien mitgeteilt, daß ein Schritt des Bundeskanzlers, zu dem dieser durch die Minister ermächtigt worden ist, nicht vor dem 8. Februar, also erst nach der Rückkehr des Bundeskanzlers von Budapest, erfolgen würde.
der sich eine weltanschauliche Bewegung vulkanischen Charakters vorbereitet.
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Heute Regierungserklärung in Paris.
Polizei und Militär alarmiert. Truppen- verstärkungen in Paris -eingetroffen.
Paris, 6. Febr. (Funkmeldung.) Das Kabinett tritt am heutigen Dienstag vor das Parlament unter Umständen und in einer Stimmung, die außergewöhnliche Maßnahmen erheischt. Der offiziöse „Petit Parisien" bestätigt die angeblich vom Innenministerium dementierte Nachricht, daß nicht nur die gesamte Pariser Polizei und die Pariser Garnison alarmbereit stehen, sondern daß auch aus anderen Garnisonen T r u p - penverstärkungen im Laufe des Montags in Paris eingetroffen find.
An den für heute abend geplanten Kundgebungen gegen die Regierung werden sich auch verschiedene Studentenvereinigungen beteiligen, die in der erst vor kurzem gegründeten „Universitätsfront" zusammengefaßt sind.
Gegen dieEntlassunadesPolizeipräsiden- t e n C h i a p p e hat am Montag der Pariser Gemeinde- rat einmütig Stellung genommen und in Erwägung gezogen, Straßen nach Chiappe und seinem ebenfalls zurückgetretenen Amtsgenoffen, Renard, zu benennen. Der Fall Chiappe wird bei der Kammerdebatte, für die bisher 18 Interpellationen angemeldet sind, von der Opposition reichlich ausgebeutet werden. Aber selbst die Rechtspresse gibt zu, daß die Regierung eine nicht unerhebliche Mehrheit erhalten dürfte, die auf über 320 Stimmen geschätzt wird. Die Sozialisten haben noch nicht endgültig Stellung genommen, aber sie wollen durch ihren Führer Leon Blum erklären, daß die von der Regierung getroffenen Maßnahmen die Sozialisten veranlaffen würden, ihre bisherige feindliche Haltung aufzug-eben. Unter diesen Umständen wird Ministerpräsident Daladier, der die Aussprache bis zur endgültigen Entscheidung aufschieben will, auf die Einstellung der Sozialisten zu vielen Fragen bei der Ab- fassung der Regierungserklärung Rücksicht nehmen müffen. Diese Erklärung wird sehr kurz gehalten sein. Sie wird unter anderem die Wiederherstellung der Autorität und des Vertrauens als unerläßliche Vorbedingung für den Erfolg der französischen Außenpolitik bezeichnen, von deren bisherigen Richtlinien die Regierung nicht abzuweichen gedenkt.
Die Presse, obwohl einheitlich in der Beurteilung der Siegesmöglichkeiten, die das Kabinett in der Kammer- debatte HO, sÄprviK her 2k» ^qgp. oh die RsaigrAng Lest sind 4cSeä tuit& St® MW^ Kosn Mor
autoritären Linksregierung das Wort. In dieser erblicken aber die Blätter der Opposition nichts anderes als eine Linksdiktatur, der man so schnell wie möglich den Garaus machen müsse. „Le Jour" schreibt, wir wissen wohl, daß Innenminister Frot ganz offen davon spricht, Paris, wenn es sich wiederspenstig gebärden sollte, den Belage- rungszustand aufzuzwingen und die Presse unter Zensur zu stellen.
Dem Verdienste!
Es ist ein nicht einmal schlecht erfundener Witz, wenn man sich 1918 spottend erzählte, eine ganze Reihe von Mitgliedern der A- und S.-Räte habe sich gern als „Herr Rat" titulieren lassen! Wie denn überhaupt die „Titelsucht" damals und später in einem geradezu grotesken Mißverhältnis zu der „Abschaffung der Verleihung von Orden und Titeln" stand, die durch Artikel 109 ver Verfassung der Weimarer Republik ausgesprochen worden war. Wem das „richtige" Parteibuch emporgetragen hatte, z. B. auf den Sitz eines Landrats oder gar eines Ministers, so prangte nicht bloß auf feiner Visitenkarte sondern auch aus öffentlichen Ankündigungen aller Art stolz unter dem Namen das „Minister a. D.", auch wenn er das Amt nur kurze Zeit bekleidet und das Amt schon jahrelang verlorengegangen war. So verfehlte es d i e Revolutionsgröße von 1918, der für die deutsche Gegenwart schon seit langem total vergessene Philipp Scheidemann niemals, bei jedem Artikel, den er noch verzapfte, sofort fein „Deutscher Ministerpräsident a. D " unter den Namen zu setzen und ein besonders waschechter Demokrat ließ gleichfalls niemals unerwähnt, daß er mal 14 Tage lang Reichsminister gewesen war Und wer z. B. das dicke Protokoll des Erzberger-Helfferich-Prozesses aufschlägt, der wird mit Erstaunen feststellen, wie es dort von Minister-„Erzellenzen" nur so wimmelt! Obwohl doch schon ein halbes Jahr zuvor diese Titel durch dieselben Herren mittels der Verfassung abgeschafft worden waren! Allerdings „exzcllierien" die betreffenden Herren in jenem Prozeß wirklicv nicht allzu sehr! Dieser Beispiele gibt es unzählige, — bis herab zum „Reitergeneral" Thälmann von Moskaus Gnaden oder Amanullahs Verleihungen von „H e r z o g s m ä n t e l n" au die „führenden" deutschen Staatsmänner.
Man hatte 1919 mit wildem politischen Biereifer das „Vorbild" der französischen Revolution von 1789 nach- geahmt, — und das war mehr als nur svmbolisch gewesen, entsprach vielmehr der ausdrücklichen Absicht, möglichst alle Ideen und Einrichtungen dieser westlerischen Demo kralie nach Deutschland zu verpflanzen. Das tat man vielfach mit einer geradezu närrischen Konsequenz, die vor allem Jahrhunderte alte, tief eingebürgerte Sitten und Gewohnheiten beseitigen wollte. Des Preußenkönigs karg besoldete Beamte hatten ja dafür durch Titelverlei- h u n g einen Ausgleich weil U nter dem höheren Titel die Anerkennung der besseren Leistung und damit auch der höheren Wertschätzung stand. Eine Ebre war es und nur sie wurde damit zum Ausdruck gebracht: eine Ebre wird auch künftig die Titelverleihung weiden, weil sie sich nur und allein wieder an die wirkliche Leistung für Volk und Reich knüpfen wird. Und gibt es einen schöneren Titel als jenen, den das deutsche Volk selbst seinem Führer verlieben bat, freiwillig, in tiefer Erkenntnis, nämlich den des Volkskanzlers!
Mehr als nur seine Pflicht tun, — dazu soll also nun die Wiederverleihung von Titeln anspornen, die der Reichspräsident durch seinen Erlaß verfügte. Und nur der Reichspräsident bat das Recht dieser Titelvcr- leidung, wodurch schon die Garantie gegeben ist. daß dann ein sparsamer Gebrauch gemacht wird. Dem Menschlich- Allrumen'chlichen, der Titelfuchl nämlich, die ohne besondere Leistung nur nach dem Titel strebt, wird da kein Betätigungsfeld mebr gelassen sein wie einst in gottlob vergangenen Tagen der „titellosen" Weimarer Republik. Und ein besonders schöner Brauch wird wieder ersteben: dem schöpferisch tätigen Mann in Wissenschaft, Forschung und Kunst soll wieder der Titel Professor verlieben werden. Das beißt zu allerletzt, irgendeiner menschlichen Eitelkeit Konzessionen machen zu wollen, sondern das ist die Wiederherstellung eines alten deutschen Brauchs, den die Ehrwürdigkeit von Jahrhunderten umschimmert.
Am gleichen Tage, als der Erlaß des Reichspräsidenten über die Titelverleibung veröffentlicht wurde, jährte sich zum hundertsten Male ein Gedenktag eigener Art: Gerade vor hundert Jahren wurde vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. die Rettungsmedaille geschaffen, dieses Ehrenzeichen für unmittelbarste Leistung, das bekanntlich Bismarck mit größerem Stolz trug als die meisten feiner anderen Orden. Ein Symbol mag es sein, daß jener Erlaß gerade an diesem Tage veröffentlicht wurde! Daß nämlich der Titel immer nur Ausdruck des unmittelbaren Verdienstes fein und bleiben soll!
Und darum war es auch eine sicherlich äußerst bewußt durchgeführte Bestimmung, daß den ausgesprochenen Parteiluchbeamten von einst die Weiterführung ihrer früheren Amtsbezeichnung untersagt werden kann. Diese überaus notwendige Reinigungsaktion war auch eine der Voraussetzungen dafür, daß nun der Titel der Ausdruck zu dem werden kann, was keines Wesens Kern ist: der Ausdruck einer Ehrung und Wertschätzung für Leistungen, die über das Mittelmaß oder die bloße, selbstverständliche Pllichterfülliing an Volk und Staat binauegeben. Also nur „dem Verdienst seinen Titel!" — wie man vielleicht unter einiger Abänderung des bekannten Wortes sagen darf. "
DV" Opfert firr dsS tsglrchs Brst im W«tsrhi!f§w8rk!