Iulöaer Mzeiger
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Nr. 20 — 1934
Fulda, Mittwoch, 24. Januar
11. Jahrgang
Krisenherd Fernost.
Britische Militärkonserenz in der Güdsee.
Indirekte Warnung an Japan.
Aus dem englischen Kricgshasen S i n g a p o r e , an der SUdspitze der Malaiischen Halbinsel, kommt über London eine Meldung, die im Zusammenhang mit der ständig gespannten Lage im Fernen Osten geradezu sensationell zu nennen ist. Dort findet zur Zeit an Bord des Kreuzers „Kent" eine m i l i t â r i sch e Konferenz englischer, australischer und neuseeländischer Admirale statt, so daß also die kommandierenden Führer sämtlicher um Indien, Australien und Neuseeland stationierten britischen Seestreitkräfte an dieser Konferenz beteiligt sind.
Die Bedeutung dieser Besprechungen, die offiziell harmlos als Erörterungen über die „Fragen von gemeinsamem Interesse" dieser Seestreitkräfte ausgegeben werden, geht u. a. daraus hervor, daß man nicht weniger als eine ganze Woche dafür vorgesehen hat, ferner daraus, daß man diese Besprechung seit sieben Jabren nicht mehr geführt hat, sie nun also für um so dringlicher hält. Außer den höheren Marineführern nehmen
auch die Kommandeure der Landtruppen
in den genannten Gebieten daran teil. Außerdem wird behauptet, daß sogar der englische Feldmarschall Lord Allen b y eigens zu dieser militärischen Konferenz nach Lmgapore gekommen sei; doch werde das streng geheimgehalten, zumal ein (
Parker Ausbau der Befestigungen von Singapore einen Hauptpunkt der Besprechungen bilden soll, ein Plan, der sngesichts der japanischen Ausdehnunasbestrebunaen
Riesiger Mühlenbrand.
6000 Ieniner Korn vernichtet.
Getreidemühle vollständig eingeäschert.
Ein Nicsenfeuer hat in Großbeeren, vor den Toren Berlins, die Getreidemühle von Jänisch, die den Berlinern bekannte „Holländer Mühle", restlos vernichtet. Der angrenzende Getreidespeicher mit 6000 Zentner Korn wurde mit feinern wertvollen Inhalt ebenfalls ein Raub der Flammen. Obwohl nicht weniger als 13 Löschzüge zur Stelle waren, konnte nichts gerettet werden. Der gewaltige Altbesitz ist in einen einzigen rauchenden Trümmerhaufen verwandelt. Ein Mühlenknecht wurde vorläufig fcstgenvmmcn.
In den Mahlgängen brach plötzlich Feuer aus, das mit rasender Geschwindigkeit um sich griff und linnen wenigen Minuten
den ganzen Gcbäudckomplex erfaßte.
Alle Versuche, etwas von der brennenden Mühle und den angrenzenden Lagerräumen zu retten, mißlangen. Zu allem Unglück stellte sich später Wassermangel ein, so daß sich die Wehren darauf beschränken mußten, ein übergreifen des Feuers durch Funkenflug auf die umliegenden Bauernhäuser zu verhüten. Im Verlauf der Löscharbeiten stürzte die Mühle krachend zusammen. — Die Ursache des Großfcucrs ist bisher unbekannt. Es werden sich darüber wohl auch schwerlich einwandfreie Feststellungen treffen lassen, da das wütende Element alle Spuren restlos vernichtet
hat. Der Mühlcnknccht steht lediglich im Verdacht der fahrlässigen Brandstiftung. Der Sachschaden ist u.n geheuer und dürfte mit 100 000 Mark eher zu niedrig als zu hoch geschätzt fein. Die Mühle war zu einem guten Teil, aber
nicht vollständig versichert,
so daß auch der Besitzer empfindlich getroffen worden ist.
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Die Großbeerener Getreidemühle, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von dem ^ater des jetzigen Besitzers gebaut wurde, liegt in der Berliner Straße, unmittelbar am Eingang des Ortes. Die war ein sogenannter „Holländer", eine massive Steinmühle mit drehbarem Kopf, deren Werk durch die bekannten Windmühlenflügel in Gang gesetzt wurde. Vor ettva 25 Jahren wurde in der Mühle der Dampfbetrieb angeführt, und seit 1924 war sie elektrisch betrieben.
Seine fünf Kinder mit dem Hammer niedergeschlagen.
Der Täter begeht Selbstmord.
Ein schreckliches Familiendrama hat sich in der Ort schaft Bcrzcc bei Namur (Belgien) abgespielt. Ein ehe maügcr kleiner Unternehmer, der seit einiger Zeit be schafttgungslos war. erschlug mit ei n c m H a m - seine drei Töchter und verletzte ferne übrigen beiden Kinder, darunter einen Säugling im Alter von Zwei Monaten, so schwer, daß an ihrem Auskommen gc- zweifelt wird. Dann erhängte er sich an einem Balken des Dachbodens. Der Täter war ein ruhiger, Achter Mann, der mit seiner Familie in bester Em gelebt hatte.
in der Südsee ja schon seit längerer Zeit von England erwogen wird. Auch die Frage der Verteidigung A u st r a l i e n s soll in diesem Zusammenhänge erörtert werden. Bisher unbestätigte Gerüchte wollen sogar von einem Zusammengehen Englands mit Hollands im Fall eines weiteren Vordringens der Japaner wissen, wobei England, um Holland für seine Abwehrpläne zu gewinnen, den Niederlanden eine Garantie für ihre ostindischen Besitzungen angeboten haben soll.
Auf jeden Fall zeigen auch diese Meldungen, daß man von Jahr zu Jahr schneller einer endgültigen Entscheidung über die Vorherrschaft im Fernen Osten entgegengehende Entwicklung dort im Auge behalten muß.
120 neue Kriegsschiffe für Amerika.
Pläne im Hinblichaufd e n F e rnenOste n.
Nach einer englischen Meldung aus Washington empfahl im Flottenausschuß des amerikanischen Repräsentantenhauses der stellvertretende Marineministcr H. L. Roosevelt die baldige Inkraftsetzung einer Vorlage, die den Bau von 120 neuen Kriegsschiffen mit einem Kostenaufwand von rund 616 Millionen Dollar vorsieht.
Von den Anhängern des Präsidenten Roosevelt wird betont, der Hauptgrund, weshalb das Weiße Haus die Flotte auf den vertraglich zulässigen Höchststand ausbauen will, wurzele in der Überzeugung, daß Japan für das Jahr 1936, wenn der Flottenvertrag erlischt, eine ebensogroßeFlotte erstrebt, wie sie die Vereinigten Staaten oder Großbritannien besitzen. Die Vorlage findet, so wird weiter betont, die „uneingeschränkte" Billigung des Präsidenten Roosevelt.
Ausweisung eines Deutschen aus Rordschleswig.
Wegen „Beteiligung an der nationalsozialistischen Bewegung".
In Apenrade (Nordschleswig) wurde der Kaufmann Ehemark wegen Übertretung des Fremdenpolizei- gcsetzes zu hundert Kronen Geldstrafe verurteilt. Er wird aus demselben Grunde aus Dänemark ausgewiesen werden.
Ehemark, als Sohn eines verstorbenen Lehrers an einer deutschen Schule in Apenrade geboren, war im Weltkriege deutscher Offizier und nach der Abtretung Nordschleswigs als Reserveleutnant in die dänische Armee übernommen worden. In der dänischen Presse wurde ihm „Beteiligung an der nationalsozialistischen Bewegung" in Nordschleswig vorgeworfen.
Nie GA.-Güe-erungen aufgelöst.
Der Landesführer der deutschen SA. in Nordschleswig macht bekannt, daß die SA., der Marincsturm und der Motorsturm aufgelöst seien.
Die bisherigen Mitglieder werden aufgefordert, sich zur Aufnahme in die zu gründende SK. (Schleswigsche Kameradschaft) zu melden. Als Grund der Auflösung wird in einer parteiamtlichen Erklärung angegeben, daß man kein Hindernis auf dem außenpolitischen Wege bilden wolle, den der Führer Adolf Hitler zum Heile Deutschlands gehe.
Vor den Deutschen Heercs-Skimcistcrschaftcn, die zusammen mit den Deutschen Slimei st erschuften vom 7. bis 12. Februar in Berchtesgaden, der Heimat des Führers, ausgetragen werden: eine Ski- abteilung der Reichswehr in einer Trniningspause im schönen Berchtesgadener Land.
Die Höllenmaschine von Agram.
Das Attentat auf den D-Zug Wien—Agram lenkt erneut die Augen der Welt auf die Zustände, die sich in Jugoslawien entwickelt haben. Kein Mensch könnte angeben, die wievielte Bombe diesmal im Kroatien der Nachkriegszeit geplatzt ist und Menschenleben vernichtet hat, und zwar ist diese Feststellung aus dem einfachen Grunde unmöglich, weil eine große Zahl der Anschläge dieser Art von der Belgrader Regierungspresse verschwiegen werden. Wenn sie bekannt werden, so haben sie sich entweder bei Gelegenheiten zugetragen, wo Ausländer Zeugen des Geschehnisses geworden sind, oder aber die Kroaten selbst haben dafür gesorgt, daß die Aufmerksamkeit der Welt wieder und immer wieder auf den vulkanischen politischen Boden hingelenkt wird, den ihr Land darstellt.
Vor dem Kriege hätte man eine derartige Entwicklung nicht für möglich gehalten. Kroatien galt als ein stilles, friedliches Bauernland, dessen kräftige Söhne freilich gleichzeitig sehr tüchtige Soldaten waren, wie es ihre Väter immer gewesen waren. Agram war bekannt als eine architektonisch schöne, saubere Stadt in dem vielgestaltigen Kultuibereich der k. und k.-Doppelmonarchie, in der allerdings ein bißchen vorlaut Nationalitätenpolitik betrieben wurde. Die zum Teil hochgebildete bürgerliche Oberschicht verstand es aber gleichzeitig, in Wien und anderwärts ausgezeichnet aufzutreten. Man konnte sich schwer vorstellen, daß dieselben Menschen, die der Reichsdeutsche immer nur von ihrer liebenswürdigen Seite kennen lernte, so fanatische Panslawen sein sollten, und im Weltkriege haben die kroatischen Truppenteile bis zuletzt treu ihre Pflicht getan.
Plötzlich, beim Zusammenbruch der Habsburgermonarchie, erfuhr man, daß südwärts vom Loibl-Paß alles in heller Abfallsbewegung war und daß der Zu- fammenschluß der Slowenen und Kroaten mit den Serben vollendete Tatsache war, ehe noch die übrigen Mächte dazu überhaupt Stellung nehmen konnten. Tie Welt hatte anderes zu tun, als sich um diese Dinge zu bekümmern. Auch gute Kenner des ehemaligen Österreich waren der Überzeugung, daß von den Nach- kriegsgebilden der SHS.-Staat, wie er damals noch hieß, die größte Aussicht auf dauernden Bestand hatte.
Die Ermordung kroatischer Politiker und Bombenwürfe ließen dann Europa erstaunt und entsetzt aufmerken, und bald stellte sich folgendes heraus: Die Kroaten waren mit der Art, wie sie unter die serbische Herrschaft gestellt worden waren, keineswegs einverstanden. Schon beim Einzuge der Serben hatten die Mißhellig- keiten begonnen, und seither batte man sich immer weiter auseinanderentwickelt. Die beiden Völker haben nämlich gar nichts mit einander zu tun, als daß ihre Sprachen miteinander verwandt sind. Während aber die Kroaten immer der westlichen Kultur zugewendei gewesen waren, im Mittelalter hinter der Führung Venedigs, später unter derjenigen Wiens, waren die Serben von jeher ein balkanisches Volk, das die lange Zeit der türkischen Bedrückung zwar ebenfalls soldatisch gestählt hatte, bei dem aber die Fremdherrschaft die kulturelle Entfaltung sehr gehemmt hatte. Der Gegensatz wurde dadurch verschärft, daß die Kroaten durchweg fromme römische Katholiken, die Serben dagegen von alters her griechisch-orthodor waren. Daß die Serben sich als Kriegsgewinner fühlten und als Eroberer und Herren- volk aufführten, trug ebenfalls zur unüberbrückbaren Entfremdung bei. Es besteht kein Zweifel bei allen, die Kroatien aus eigener Anschauung kennen, daß bei einer Volksbefragung die Bevölkerung sich mit einer überwältigenden Mehrheit zu einer Autonomie bekennen würde, und zwar umso begeisterter, je mehr eine solche den Zusammenhang mit Serbien gänzlich aufheben würde.
Die Serben ihrerseits haben eine sehr unglückliche Hand bewiesen, als es darauf angenommen wäre, die Herzen der „neugewonnenen Brüder" zu gewinnen. Sie glaubten vor allem, saß es nur darauf ankoinme, eine Anzahl der Volksführer zu beseitigen, um Ruhe zu stiften, und diese Art der blutigen „Befriedung" wurde so nachdrücklich betrieben, daß ein ganzes Viertel des Agram er Hauptfriedhofes mit den Gräbern der ermordeten Kroatenführcr, an ihrer Spitze Stephan Raditschs, besetzt und zu einem nationalen Wallfahrtsorte geworden ist. In den Kerkern, die mit widerstrebenden Kroaten gefüllt wurden, haben sich, wie eine Reihe von Prozessen gezeigt bat, Dinge abgespielt, die man im zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr für möglich halten würde und die jedem Hörer das Blut in den Adern erstarren lassen. Die A n t w o r t der in ohnmächtiger Wut rasenden Bevölkerung entsprach diesen Vorgängen: überall platzten Bomben, und das Königspaar ist bei seinen Besuchen in Agram wiederholt nur durch Zufälle mit dem Leben davongekommen.
Das Bestreben der Serben ging nun dahin, die Welt die unhaltbaren Zustände, welche die Friedensdiktate im europäischen Südosten geschaffen haben, nicht merken zu lassen. Aus dieser Erwägung batten sie jetzt die Konferenz der Kleinen Entente ausgerechnet auf den mit Sprengpulver unterminierten Boden von Agram eingeladen. Die kroatischen Heißsporne haben diesen Entschluß mi^grim- niiger Erbitterung ausgenommen. Kamen die Staatsmänner, die sie für mitschuldig an dem Elend ihres Volkes halten, in ihr Land, so sollten sie d i e W a b r h c i t ü b e r d i e h e r r s ch e n d e S t i m m u n g erfahren. Und da in Jugoslawien Gendarmeriercvolvcr und Polizeiknüppel das letzte Mittel der Staatsräson der Bedrücker sind, so sind dort Bomben und Höllenmaschinen das gewohnte Gerät der Gegendemonstration geworden.
Alle diese Dinge sind grausig. Sie sind auch unsinnig.