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Der Wanderer.

Belletristif^Hetz Beiblatt zur Maffauèfcken Allgemeinen Zeitung.

Nr. 76 Nonncrstaff dc« 00. März /sa*

Ferdinand Pfeffer-r Vraulfahrt

Eine Geschichte in sechs Capiteln von Dr. Ludwig Kalisch.

(Fortsetzung.)

AlS er am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon so hoch am Himmel, daß sie ihm sein ganzes Zimmer vergoldete. Er stand auf nnd sah, daß sein Nebenbuhler be» reits ausgegangen. Er kleidete sich nun so sorgfältig wie möglich an und ging in den Gastsaal. Hier war Niemand; vor der Thür aber fand er Rohrbach und die zwei Damen am Frühstücke sitzend. Rohrbach saß den beiden Damen ge­genüber , welche in ihrem weißen Morgen - Anzuge allerliebst aussahen.

Sie haben die Sonne lange auf sich warten lassen, sagte Rohrbach, indem er ihm die Hand reichte.

Sie sehen, daß die Sonne viel zu gut ist, um mich meine Unartigkeit büßen zu lassen, erwiderte Pfeffer, indem er sich so tief wie möglich vor den Damen verneigte, die seinen Gruß sehr freundlich erwiderten.

Wir haben so eben einen Spaziergang nach dem nahen Birkenwäldchen verabredet, um dort den Vormittag zuzubrin- gen, sagte Rohrbach. Wollen Sie sich nicht uns »»schließen, Herr Pfeffer?

Mit Vergnügen! rief dieser wenn die Damen nichts dagegen haben.

O, durchaus nicht! riefen beide Damen zugleich.

Während Pfeffer das Frühstück verzehrte, prüfte er die Physiognomie dèr Damen, denen er gegenüber saß, sehr genau, um etwas Wittwenartiges daran zu entdecken, was ihm jedoch nicht gelang. Er beschloß nun, während er den Zwieback in den Kaffee tunkte, zuvörderst der Brunette eine Aufmerksam­keit zuzuwenden. Erstens, dachte er, bin ich ja bei einer Blondine erst gescheitert, und zweitens werden Brünetten hâu- stger Wittwen , da sie ihres lebhaften Temperamentes wegen die Männer eher unter die Erde bringen, als sanfte Blon­dinen, die eher Wittwer machen.

Ob nun dieser zweite Grund eben so richtig war als der

erste, lasse ich dahin gestellt sein; der Zufall wollte es indes­sen, daß Rohrbach gerade den Arm der Brunette ergriff, als man zum Spaziergang aufbrach. Pfeffer konnte also nicht umhin, der Blondine den Arm zu reichen und Rohrbach zu folgen. Pfeffer suchte nach einem Faden der Unterhaltung und knüpfte ihn an die Gegend an, indem er bemerkte, daß er die Birkenwälder besonders liebe.

Warum gerade die Birkenwälder? fragte »sie Blondine.

Sie haben etwa» Melancholisches, antwortete Pfeffer. Die Birke ist ein sentimentaler Baum, und ich liebe das Senti­mentale, setzte er mit einer gewissen Betonung hinzu. Es sollte eine Anspielung auf die Blondine sein.

Werden Sie noch lange hier weilen ? fragte ihn seine Begleiterin.

Je nachdem, erwiderte Pfeffer. Ein Ungewitter hat mich hergebracht; aber ich habe alle Ursache, dem Ungewitter zu danken, da es mir Gelegenheit zu solchen liebenswürdigen Bekanntschaften gegeben. Es kann mich nur ein Ungewitter anderer Art von hier vertreiben.

Bei diesen Worten drückte er den Arm seiner Begleiterin etwas fester an sich und glaubte einen sanften Gegendruck zu verspüren, was seinem Muthe so viel frische Nahrung gab, daß er hinzufügte: So lange ick hier gern gesehen bin, werde ich hier bleiben.

Und warum sollten Sie nicht? fragte ihn seine Beglei­terin, indem sie ihr blaues Auge auf ihn richtete. Wir haben hier nicht so viel Ueberfluß an geistreichen Menschen als daß uns jeder, der Geist besitzt, nicht höchst willkommen sein sollte.

Pfeffer, fragte, nachdem er auf dieses Kompliment so geist­reich als möglich geantwortet, ob sie noch lange hier zu bleiben gedenke.

Ich werde Friedhausen nicht früher verlassen, als bis mein Zweck erreicht ist, antwortete die Blondine.

Werbe ich Ihnen nicht vorwitzig erscheinen, wenn ick Sie bitte, mir diesen Zweck zu nennen? fragte Pfeffer.

Ich bedarf der Erholung, die ich hier suche, die ich hier zu finden hoffe, erwiderte die Blondine. Ich . . . doch ge-

1 nug von mir! sagte sie plötzlich abbrechend und fragte