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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Är. 74

Dienstag den 28 Lllâez '

/SS*

Ferdinand Pfeffer s Vrautlahrt.

Eine Geschichte in sechs Capiteln von Dr. Luvrrig Kalisch.

(Fortsetzung)

Mit jedem Tage fand Pf.ffer den Aufenthalt in Klein- Goldbach angenehmer, reizender. Dietrich war ihm von Her­zen gut, und Marie zeigte sich ihm von Stunde zu Stunde inniger, zutraulicher. Sie drückte ihm herzlich die Hand, wenn er ging, und oft hängte sie sich, wenn sie im Garten spazieren gingen, an seinen Arm.

Pfeffer hatte sich entschlossen, mit seinem HeiratbSantrage heraus zu rücken. Er wußte aber nicht, ob er sich erst dem Vater mittbeilen, oder ob er sich unmittelbar an die Tochter wenden sollte. War er mit Dietrich allein, so dachte er: Es ist doch besser, wenn ich erst Marien mein Gestäudniß mache; bei dem Vater bin ick ja doch meiner Sache gewiß. Und war er mit Marien allein, so dachte er: Es hält mich ein eigenthümliches Gefühl ab, mich so ohne Weiteres dem Mädchen zu offenbaren; am besten ist's, wenn ich mich dem Vater mittheile.

Endlich aber faßte er den festen Entschluß, endlich einen festen Entschluß zu fassen, d. h. dem Freunde Dietrich sein Herz zu erschloßen. Er eilte also auS dem Walde, wo er einige Laumgruppen ausgenommen, nach seiner Wohnung, legte die Mappe hin und ging nach dem Sckulgebände. Da er Niemanden im Hause fand, so ging er in den Garten. Maric, die am Ende des Gartens beschäftigt war, bemerkte ihn sogleich, rief ihm einen freundlichen guten Abend zu und erwiederte ihm auf die Frage, wo ihr Vater sei, daß dieser in ein benachbartes Dors gegangen, wo einer seiner Freunde schwer darnieder liege. Sie bat Pfeffer, der wieder umkehreu wollte, sich in die Laube zu setzen, sie würde gleich zu ihm kommen. Pfeffer ließ sich daS nicht zweimal sagen. Er setzte ßch in die Laube und dachte: ES ist am Ende doch daS Veste. wenn ich mich ihr mittheile.

Während er aber über die Stylisirung seines Anttagc- «achdachte, kam Marie in die Laube. Sie reichte dem ver­

legenen Pfeffer die rechte Hand, während ibm ihre Linke ein Sträußchen von Vergißmeinnicht darbot. Pfeffer wollte beide behalten, die Hand und das Sträußchen. Er ließ jedoch die Hand fast zitternd wieder los und steckte M Strâußcheu inS Knopfloch mit der Versicherung, daß er diese zierliche» Blumen als ein theures, als ein unschätzbares Angedenken bewahren wolle.

Marie setzte sich neben ihm nieder.

Sie sind ein liebes, gutes Mädchen, begann Pfeffer.

Und Sie sind ein lieber, braver Mann, erwiderte Marie, indem sie ihm herzlich die Hand drückte.

So haben Sie mich also gern? fuhr Pfeffer heraus.

Sehr gern, recht sehr gern, antwortete Marie und setzte dann hinzu: Aber nicht wahr, Sie haben mich auch lieb?

O, wie können Sie doch frage»! entgegnete der ent­zückte Freier.

So sprechen Sie mit meinem Vater, bat Marie.

O, wie werde ich eilen! rief Pfeffer außer sich vor Freude und war eben im Begriffe, seinem inneren Entzücken durch eine feurige Umarmung Ausdruck zu geben, als Marie sagte: Sehen Sie, wir kennen unS schon lange . . .

Za wohl! sagte Pf.ffer.

Wir haben uns immer geliebt, setzte sie hinzu. Za wohl, sagte Pfeffer.

Aber Fritz hat nicht den Muth, sich an den Vater zu wenden, seufzte Marie.

W.lchcr Fritz? fragte Pfeffer, indem er erschrocken au» den Wolken, oder vielmehr aus dem Himmel fiel.

Wie einfältig bin ich doch! rief Marie. Zch habe Ihne» ja noch gar nichts mitgetheilt! Fiitz ist deS Schulzen Sohn. Ach, er ist so gut, so treu, so redlich', daß Ibn Jeder lieben muß! Wenn Sie ihn sähen, Herr Pfeffer, Sie würden ihn gewiß ebenfalls lieb gewinnen. Er ist aber schon seit sech» Wochen aus Reis.» und wüd wohl vor Ende künftigen Mo­nats nicht zurückkehren. Aber nicht wahr, Herr Pfeffer, Sie reden mit meinem Vat.r?

Marie sah bei diesen Worten dem Freier so bittend in» Antlitz, daß ihm sein armes Herz fast zerschmolz.